Ärzte bieten zunehmend diagnostische Verfahren an, die Patienten selbst bezahlen müssen. Welchen Nutzen haben sie? Im zweiten Teil unserer Serie bewerten wir Untersuchungen zur Früherkennung von Krebserkrankungen.

„Darf es ein bisschen mehr sein?“ Diese Frage werden Patienten möglicherweise bald häufiger beim Arztbesuch zu hören bekommen. Ärztliche Zu­satzleistungen, die Kassenpatienten aus eigener Tasche bezahlen müssen, sind für die Arztpraxen der Zukunft eine wirtschaftliche Notwendigkeit und sichern gleichzeitig eine umfassende Versorgung der Patienten – davon war die Mehrzahl der rund 900 Ärzte überzeugt, die sich im vergangenen Jahr an einer Umfrage der Ärzte Zeitung beteiligten.

Informationsveranstaltungen zu diesem Thema erleben zurzeit einen Boom. Ärztezeitungen und -zeitschriften stimmen die Mediziner mit Erfahrungsberichten und praktischen Tipps auf die Zukunft ein. Handbücher für Haus- und Fachärzte vermitteln das nötige Basiswissen und EDV-Programme erleichtern die Abrechnung. Plakate, Broschüren und spezielle Fernsehprogramme fürs Wartezimmer sollen auch die Patienten überzeugen, dass sie für ihre Gesundheit mehr brauchen als die gesetzliche Krankenversicherung ihnen zugesteht.

Keine Praxis ohne Zusatzangebote

Wirtschaftliche Überlegungen stehen der­zeit im Vordergrund bei Ärzten und Beratern, die sich mit IGeL beschäftigen – das ist die Abkürzung für privat zu zahlende „Individuelle Gesundheitsleistungen“. Der Kassenumsatzanteil in Arztpraxen werde wohl zurückgehen, prophezeite ein Referent auf der Düsseldorfer Medizinmesse „Medica“, ebenso gebe es bei den Privatversicherten kaum Spielraum nach oben. Deshalb werde künftig keine Praxis ohne Zusatzangebote auskommen. Dass immer mehr Ärzte solche Leistungen schon jetzt anbieten, zeigen unter anderem Daten von Großlaboratorien und Laborverbünden: Beim Labordienstleister Bioscientia zum Beispiel verdoppelten sich innerhalb eines Jahres die Anforderungen verschiedener IGeL-Leistungen.

Eine genau definierte Liste der privat zu zahlenden ärztlichen Zusatzleistungen gibt es nicht. Sie reichen von Früherkennungsuntersuchungen, kosmetischen Be­handlungen, umweltmedizinischen Beratungen, Reiseimpfungen, labordiagnostischen Wunschleistungen bis hin zu neuartigen Behandlungsverfahren. Die kursierenden Listen wurden von verschiedenen Berufsverbänden und Beratungsun­ternehmen erstellt. Verbindliche Aussa­gen über den grundsätzlichen Sinn solcher Angebote gibt es nur selten, der persönliche Nutzen für den einzelnen Patienten ist oft unklar, eine Qualitätskontrolle findet nicht statt.

Nutzen bewertet

Die Stiftung Warentest bewertet deshalb jetzt die häufigsten Früherkennungsuntersuchungen, die als Ergänzung zu den Verfahren der gesetzlichen Krankenkassen angeboten werden. Die Tests und Untersuchungen richten sich an gesunde Men­schen ohne Krankheitssymptome und sollen dazu beitragen, Erkrankungen früher zu erkennen oder das Risiko einer zukünftigen Erkrankung zu bestimmen. Anhand internationaler Studien haben wir die Spreu vom Weizen getrennt und bewertet, ob wissenschaftlich belegt ist, dass die frühere Erkennung und frühzeitige Behandlung für Patienten Vorteile gegenüber einer Behandlung hat, die erst einsetzt, wenn Symptome vorliegen – also zum Beispiel weniger belastende Therapien, längeres Leben, höhere Lebensqualität.

Konsequenzen bedenken

Vor einer Entscheidung für oder gegen eine Untersuchung zur Früherkennung von Krebs, egal ob sie von der Krankenkasse oder privat gezahlt wird, sollte jeder die möglichen Konsequenzen bedenken:

  • Selbst ein sinnvoller und zuverlässiger Test bietet keinen absoluten Schutz – nicht jeder Krebs wird gefunden.
  • Bei allen Untersuchungen können auch Gesunde mit einem „positiven“ Testergebnis – also einem Krebsverdacht – kon­frontiert werden, der sich bei weiteren Untersuchungen jedoch nicht bestätigt. Beim PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs und bei der Mammographie zur Früherkennung von Brustkrebs trifft das zwei von drei Patienten.
  • Häufig sind belastende Zusatzuntersu­chungen bis hin zu einer operativen Gewebeentnahme nötig, um den Krankheitsverdacht zu bestätigen oder auszuräumen.
  • Oft wird durch die Früherkennung die Krankheitsdiagnose früher gestellt, aber die Patienten leben nicht länger und die Behandlung ist nicht weniger belastend als bei einer späteren Diagnose.
  • Andererseits: Bei einigen Krebserkrankungen ist es wichtig, sie so früh wie möglich zu entdecken. Dies gilt zum Beispiel für Brust-, Gebärmutterhals- und Darmkrebs. Dann lassen sie sich gut und erfolgreich behandeln. Überlebenschancen und -qualität nehmen zu.

Die Entwicklung von Krebszellen kann viele Ursachen haben. Deshalb ist es nicht möglich, sich völlig vor einer Krebserkrankung zu schützen. Sie können jedoch Ihre Gesundheit verbessern und Ihr Krebsrisiko verringern, wenn Sie gesundheitsbewusst leben. Ein Drittel aller Krebserkrankungen geht auf das Rauchen zurück, ein weiteres Drittel auf falsche Ernährung, Übergewicht, mangelnde Bewegung. Wichtige Präventionsmaßnahmen sind daher: Nicht rauchen, sich gesund ernähren, Sport treiben.

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