Früherkennung Meldung

Kaum ist eine Frau schwanger, wird getestet, was das Zeug hält: Blutabnahme, Urinprobe, Ultraschall. Dutzende weitere Tests stehen in den neun Monaten an. Nicht alle sind notwendig. Ein neuer Ratgeber der Stiftung Warentest gibt Hilfestellung.

Jede Menge Untersuchungen

Fast 700 000 Kinder kamen im vergangenen Jahr in Deutschland zur Welt. Werdende Mütter müssen sich mit vielen Fakten auseinandersetzen. Sie werden vom Arzt untersucht und beraten, bereiten sich in Schwangerschaftskursen auf die Geburt vor. Häufig müssen sie für sich und das Kind wichtige Entscheidungen treffen. Fast 70 verschiedene Schwangerschaftsuntersuchungen können Auskunft über den Stand der Entwicklung des Kindes geben.

Vorsorge beugt Mängeln vor

Viele Schwangere wissen nicht, was mit ihnen bei den Routineuntersuchungen geschieht, welche Konsequenzen sich daraus ergeben können. Welchem Zweck dient die Blutabnahme, was folgt einem Befund? Die Begriffe Vorsorge und Früherkennung werden oft gleichbedeutend gebraucht, obwohl sie etwas vollkommen Unterschiedliches meinen. Ein Beispiel: Die Bestimmung des Hämoglobinwertes der Frau ist für das ungeborene Kind eine Vorsorgeuntersuchung: Mit dem Wert wird eine schlechte Eisenversorgung bei der werdenden Mutter erkannt. Bei Anämie sind die Mutter und die Entwicklung des Ungeborenen betroffen. Eine Unterversorgung mit Eisen kann sich in Blässe und Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Atemlosigkeit niederschlagen und das Risiko einer Frühgeburt erhöhen.

Frühwarnsystem mit Folgen

Demgegenüber ist die Ultraschalluntersuchung, mit der ein Arzt die Lage der Plazenta beurteilen kann, eine Früherkennungsuntersuchung. So lässt sich feststellen, ob die Gebärmutter den natürlichen Geburtsweg des Kindes verlegt. In diesem Fall muss das Kind vorsorglich per Kaiserschnitt entbunden werden. Die drei Routine-Ultraschalluntersuchungen richten sich außerdem auf eventuelle Erkrankungen und Fehlbildungen des Kindes, vor allem die zweite Untersuchung. Wenn in der 19. Schwangerschaftswoche im Ultraschallbild der Sitz der Plazenta kontrolliert wird, können Zeichen von Fehlbildungen auffallen. Die werdende Mutter kann plötzlich gefragt werden, ob sie die Schwangerschaft fortsetzen will.

Manche Tests selbst bezahlen

Die Krankenkassen zahlen nicht alle wichtigen Untersuchungen. Bei Frauen, die ihr Risiko für einen Schwangerschaftsdiabetes nicht einschätzen können und sich sorgen, ob sie alles Notwendige getan haben, kann eine Blutzuckerbestimmung zur Beruhigung beitragen. Preis: etwa 6 bis 9 Euro plus Beratungskosten. Ein weiterer wichtiger Test kann zeigen, ob die Frau ausreichend vor Röteln geschützt ist. Steckt sich eine Schwangere in den ersten acht Wochen mit Röteln-Viren an, kann dies die Organe des Embryos so schwer schädigen, dass die Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt endet. Als Privatleistung kostet der Test auf Rötelnantikörper zwischen 8 und 9 Euro. Auch hier kommen eventuell Kosten für Beratungsleistungen hinzu. Stellt sich heraus, dass der Schutz nicht ausreicht, kann eine Impfung helfen. Sie kostet etwa 11 Euro, der Impfstoff noch einmal 28 Euro.

Situationsabhängige Bezahlung

Verwirrend ist, dass ein und dieselbe Untersuchung je nach Situation Kassen- oder Selbstzahlerleistung sein kann. So sehen die regulären Schwangerschaftsuntersuchungen keinen Test auf Toxoplasmose vor. Möchte die Schwangere wissen, ob diese Infektionskrankheit für sie ein Risiko darstellen kann, muss sie den Test selbst veranlassen und bezahlen (bis zu 45 Euro). Besteht aber ein plausibler Verdacht – sie könnte sich zum Beispiel über eine Katze infiziert haben –, bezahlt die Krankenkasse den Test.

Wann die Kasse zahlt

Kassen zahlen nur, wenn der Nutzen einer Maßnahme wissenschaftlich belegt ist. Bis neue Erkenntnisse durch wissenschaftliche Nachweise so weit abgesichert sind, dass sie von den Krankenkassen akzeptiert werden, braucht es jedoch meist einige Jahre. Gerade bei neuen Verfahren gibt es zu Beginn stets eine Phase, in der der Nutzen weder bewiesen noch widerlegt ist – die Bewertung bleibt unsicher. Welche Leistungen in den Kassenkatalog aufgenommen werden, entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss. Per Gesetz sind Leistungen ausgeschlossen, „wenn nach dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse der diagnostische oder therapeutische Nutzen, die medizinische Notwendigkeit oder die Wirtschaftlichkeit nicht nachgewiesen sind“.

Neuer Ratgeber

Früherkennung Meldung

Der neue Ratgeber der Stiftung Warentest bietet kompetenten Rat. Untersuchungen zum Schwangerschaftsverlauf und zur Entwicklung des Kindes sind darin genauso ein Thema wie Untersuchungen auf Krankheitserreger und anlagebedingte Störungen. Mit dem Buch Untersuchungen zur Früherkennung können Schwangere selbst Nutzen und Risiken von Tests abschätzen. Welche Tests wann sinnvoll sind und welche nicht. Außerdem enthält es Tipps für den Diagnosefall: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es, welche Entscheidungen stehen an?

Rechnungen für Wahlleistungen

Die Schwangeren und Ärzte wünschen manchmal auch Maßnahmen, die den Segen des Gemeinsamen Bundesausschuss nicht bekamen. Solche Wahlleistungen werden unter dem Begriff „individuelle Gesundheitsleistung“ (IGeL) angeboten und müssen von den Versicherten aus eigener Tasche bezahlt werden. Dafür stellen die Ärzte Rechnungen aus, wie sie sonst Privatversicherte erhalten: Jeder ärztlichen Tätigkeit ist eine Abrechnungsziffer zugeordnet. So errechnet sich der Preis für einen Test aus Kosten für die Blutabnahme, das eingesetzte Testverfahren und die Beratungsgespräche. Die in der Gebührenordnung verzeichneten Einzelpositionen können Ärzte mit einem erhöhten Betrag berechnen, wenn ihre Tätigkeit einen besonderen Aufwand erfordert oder ungewöhnlich schwierig ist. Viele Ärzte bieten solche Wahlleistungen auch als Paket an, wie das „Ersttrimester-Screening“. Dazu gehören eine umfassende Ultraschalluntersuchung mit Bestimmung der Nackentransparenz sowie eine Risikoberechnung für das Down-Syndrom. Alles gerundet für 100 oder 200 Euro. Achtung: Solche Pakete sind undurchschaubar und lassen sich schwer vergleichen.
Tipp: Leistungen, die die Krankenkassen bezahlen, dürfen Kassenärzte nicht privat in Rechnung stellen. Das Argument, dass sie solche Leistungen in „besserer Qualität“ oder mit „besonderen Geräten“ erbringen, ist keinerlei Grund, davon abzuweichen.

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