Früher in Rente Special

Mehr als die Hälfte der gesetzlich Renten­versicherten geht vorzeitig in den Ruhe­stand. Für viele heißt das eine deutlich nied­rigere Rente. Wir haben Strategien durch­gerechnet, die dagegen helfen.

Rente mit 70? Die Idee schwirrt wieder durch die Medien seit Bundes­finanz­minister Wolfgang Schäuble vorgeschlagen hat, das Renten­eintritts­alter an die Lebens­erwartung zu koppeln. Einem Realitäts-Check hält die Idee aber kaum stand. Viele gesetzlich Renten­versicherte arbeiten nicht einmal bis zum regulären Renten­alter von derzeit 65 Jahren und fünf Monaten.

So gingen im Jahr 2014 von 823 000 Menschen, die das Renten­alter erreichten, nur 371 000 erst dann in Rente. Mehr als die Hälfte, so Angaben der Deutschen Renten­versicherung, bezog die Alters­rente früher – etwa wegen Schwerbehin­derung oder nach 35 Versicherungs­jahren. Unter diesen Voraus­setzungen können Versicherte bereits mit 63 Jahren in den Ruhe­stand wechseln.

2,5 Jahre früher: 9 Prozent weniger

Dabei kann ein vorzeitiger Ausstieg richtig ins Geld gehen. Wer heute etwa zwei­einhalb Jahre früher in Rente gehen möchte, muss Abschläge von 9 Prozent von seinen bisherigen Anwart­schaften auf dem Renten­konto einkalkulieren (Tabelle Was die vorzeitige Rente kostet).

Für alle, die der Arbeit gerne den Rücken kehren würden, aber mit den finanziellen Einbußen hadern, haben wir anhand eines Basis­musterfalls vier Wege durch­gerechnet, die helfen, die Verluste gering zu halten.

Unser Musterversicherter verdient über­durch­schnitt­lich und will zwei Jahre vor der Regel­alters­grenze Rente beziehen. Ohne Gegen­strategie würde er den vorzeitigen Ausstieg jedoch teuer bezahlen: Jeden Monat bekäme er 193 Euro weniger Rente über­wiesen. Auf vier Wegen kann er gegen­steuern. Er kann

  • die Verluste mit einer Sonderzahlung an die gesetzliche Renten­versicherung ausgleichen,
  • die Zeit bis zum regulären Renten­termin aus Privat­einkommen über­brücken,
  • Teil­zeit in Rente gehen und Teil­zeit weiter­arbeiten oder
  • neben der Rente etwas hinzuver­dienen.

Flexi-Rente stellt nicht alle besser

Beim Teil­zeitrentner, der mit reduzierter Stundenzahl bei seinem Arbeit­geber weiter beschäftigt ist, haben wir auch errechnet, welche finanziellen Auswirkungen die von der Koalition angekündigten Änderungen bei den Hinzuver­dienst­grenzen im Rahmen der sogenannten Flexi-Rente hätten. Die Über­raschung: Unser Modell­versicherter würde sich nach den neuen Regeln schlechter stellen (Strategie Teilzeitrente).

Einfacher wird mit der Flexi-Rente vor allem längeres Arbeiten, nicht ein vorzeitiger Komplett­ausstieg. Der wird weiterhin vom Alter, den versicherten Jahren und der Art der Alters­rente abhängen. Es gibt:

  • Die Regel­alters­rente, deren Beginn vom Geburts­jahr­gang abhängt. Das nötige Lebens­alter steigt mit dem Geburts­jahr­gang, der Beginn liegt zwischen 65 Jahren und 5 Monaten für Jahr­gang 1951 und 67 Jahren für alle, die ab 1964 geboren sind (Tabelle Was die vorzeitige Rente kostet). Voraus­setzung ist hier eine Mindest­versicherungs­zeit – von der Rentenkasse Warte­zeit genannt – von fünf Jahren.

Zwei Varianten für den Früh­start

Neben der Alters­rente für Schwerbehinderte gibt es im Wesentlichen zwei Renten­arten, die Versicherten einen früheren Renten­beginn ermöglichen:

  • Die Alters­rente für lang­jährig Versicherte ab einem Lebens­alter von 63 Jahren. Wer diese Variante in Anspruch nehmen will, muss eine Mindest­versicherungs­zeit von 35 Jahren erfüllen. Außerdem muss er neben den fehlenden Renten­punkten bis zur Regelrente auch noch Abschläge in Kauf nehmen (Tabelle Was die vorzeitige Rente kostet).
  • Die Alters­rente für besonders lang­jährig Versicherte mit ebenfalls steigendem Lebens­alter für den Renten­beginn: zwischen dem Alter von 63 Jahren und zwei Monaten für Jahr­gang 1953 und 65 Jahren für alle ab 1964 Geborenen. Die Mindest­versicherungs­zeit beträgt 45 Jahre. Abschläge fallen nicht an. Aber die fehlenden Renten­zeiten bis zur regulären Alters­grenze sorgen auch hier für weniger Rente.

Welche Zeiten für die Rente zählen

Versicherte sollten sich von den langen Warte­zeiten nicht abschre­cken lassen. Nicht nur Zeiten als pflicht­versicherter Arbeitnehmer oder Selbst­ständiger zählen. Unter anderem rechnet die Rentenkasse Kinder­erziehungs­zeiten und Pflege­zeiten an, Zeiten mit Krankengeldbe­zug, solche aus einem Versorgungs­ausgleich oder einem Minijob.

Auch freiwil­lige Beiträge und Zeiten von Arbeits­losengeld-I-Bezug helfen, auf 35 Jahre zu kommen. Bei der Rente nach 45 Jahren zählen Letztere nur mit Einschränkungen, andere Zeiten, etwa aus einem Versorgungs­ausgleich, gar nicht.

Es lohnt sich dennoch, den eigenen Versicherungs­verlauf zu durch­forsten. Allein in von Januar bis März 2016 haben rund 65 600 Menschen einen Antrag auf Rente nach 45 Versicherungs­jahren gestellt. Mit der Renten­erhöhung von 4,25 Prozent im Westen und 5,95 Prozent im Osten im Juli macht der Ruhe­stand noch mehr Spaß.

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