Fortbildung im nichtärztlichen Gesundheitsbereich Test

In den nicht-ärztlichen Gesundheitsbereich kommt Bewegung: Mit ihrer geplanten Gesundheitsreform will die Bundesregierung unter anderem Physiotherapeuten dazu verpflichten, sich stärker fortzubilden. Leicht gesagt, doch in der Praxis schwer umzusetzen. Zwar gehört Fort- und Weiterbildung, so Birgit Kienle, zuständige Referatsleiterin beim Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK), „zum Alltag der Physiotherapeuten. Lebenslanges Lernen ist hier längst selbstverständlich.“ Und ohne spezialisierende Weiterbildung sinken laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) die Entwicklungs-Chancen auf dem Arbeitsmarkt rapide.

Kursbezeichnungen willkürlich

Doch wer sich tatsächlich auf den Weg macht, steht vor einem unübersichtlichen Fort- und Weiterbildungsmarkt. Knapp 5800 Lehrgänge im Bereich „Krankengymnastik, Bewegungstherapie, physikalische Therapie, Massage und verwandte Gebiete“ listet die Weiterbildungsdatenbank KURS der Bundesanstalt für Arbeit auf. Unter dem „Bildungsziel“ „Manuelle Therapie“ kann man unter mehr als 600 Kursen auswählen. Längst nicht bei allen Behandlungsarten ist die medizinische Wirksamkeit erwiesen. Etliche Träger bieten Kurse mit ähnlich klingenden Namen an. So hat der Suchende zum Beispiel die Qual der Wahl zwischen „Zusatzqualifizierung“ und „Seminaren“, „Informationsveranstaltungen (von mehrtägiger Dauer!)“, „Grundqualifizierungen“ und „Grundlagenkursen“. Als „weithin beliebig, ja geradezu willkürlich“ kritisiert das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) diese Namensgebung, die zu „Orientierungslosigkeit“ beim Interessierten führt. Ein Grund mehr für die Stiftung Warentest, diesen Markt genauer unter die Lupe zu nehmen. Dazu haben wir im Frühsommer dieses Jahres Kurse besucht und die Informationen der Anbieter genauer geprüft.

Grundsätzlich muss man für diese Berufsgruppe zunächst zwischen Fort- und Weiterbildung unterscheiden. Dabei ist inhaltlich die „Weiterbildung für Physiotherapeuten klar geregelt“, erklärt die Referentin des ZVK, dem 33 000 von rund 100 000 Physiotherapeuten in Deutschland angehören. Weiterbildung sei „längerfristig“ mit „klaren Richtlinien zu Eingangsvoraussetzungen der Teilnehmer, zu Dauer, Inhalt, Lehrgangsumfang, Abschlussprüfung, Zertifikat sowie Mindestanforderungen an Weiterbildungsträger, -einrichtungen und Fachlehrer.“ Nur wer sich so weitergebildet habe, könne die bestimmte Behandlung mit den Krankenkassen abrechnen.

Weniger klar strukturiert ist derzeit die Lage im Bereich der Fortbildung. Hier handelt es sich um „Kurse, zu denen sich der Physiotherapeut in erster Linie anmeldet, um sich fachlich und persönlich weiter zu qualifizieren. Dadurch erwirbt er in der Regel keine Berechtigung, neu erlernte Behandlungen auch über die Krankenkasse abzurechnen“, erklärt Kienle. Dieser Fortbildungsmarkt mit seinen vielen Anbietern sei nicht klar geregelt und zu groß, um transparent zu sein. Birgit Kienle: „Noch fehlen Qualitätsstandards, die die Auswahl erleichtern würden.“

Acht Kurzseminare unter der Lupe

Der Übungsraum auf dem evangelischen Kirchengelände ist groß und hell. Elegante Massagebänke stehen bereit, sanfte Flötenklänge begrüßen die zehn Teilnehmer dieser Fortbildung in „Dynamischer Wirbelsäulen- und Gelenktherapie“. Ein passendes Umfeld für die Interessierten – darunter Physiotherapeuten, eine Ärztin, eine Masseurin und Laien -, um die wesentlichen Handgriffe und den theoretischen Hintergrund dieser Behandlung zu erlernen. Knapp 200 Euro kostet diese zweitägige Fortbildung, die ein Dozent mittleren Alters durchführt, der einst in einem technischen Beruf sein Geld verdient hat , aber seit Jahren als Heilpraktiker zugelassen ist und in diesem Beruf arbeitet.

Die Teilnehmer dieses Kurses haben Glück. Das Faltblatt lieferte vorab bereits detaillierte Information über Inhalte, Ziele und Daten des Kurses. Bei zehn Teilnehmern konnte sich der Dozent um alle kümmern, für je zwei Personen stand ein Massagetisch bereit. Praktische Übungen standen im Mittelpunkt: Immer wieder übten die Teilnehmer, mit Zeige- und Mittelfinger die entblößte Wirbelsäule eines Kurspartners entlangzufahren, um zu lernen, feinste Wirbelverschiebungen zu ertasten. „Der Dozent war außerdem gut vorbereitet, vermittelte Sachkenntnis und hatte Interesse an unseren Fragen“, berichtete eine Physiotherapeutin nach Kursende.

Doch nicht alle Interessierten, die in ihrer Freizeit dazulernen wollen, haben so viel Glück wie die Teilnehmer dieses „Grundkurses“. Das zeigt eine Untersuchung der Stiftung Warentest, die im Frühsommer 2003 acht Fortbildungen für Physiotherapeuten und/oder Heilpraktiker unter die Lupe genommen hat. Im Blickpunkt standen Fortbildungen in „Wirbelsäulentherapie nach Dorn“, Fußreflexzonenmassage und Grundkurse in „Osteopathie“. Je ein Tester hat dafür zwei, bzw. drei Kurse besucht. Außerdem hat die Stiftung das Arbeits- und Informationsmaterial von insgesamt 24 Anbietern ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig: Die meisten der ein- bis viertägigen Kurse fanden im Low-Budget-Bereich statt. Informationsmaterial und Ausstattung ließen oft zu wünschen übrig. Die didaktische Qualifikation der Trainer überzeugte in vielen Fällen nicht.

Vorab-Informationen unvollständig

Gerade weil die meisten Teilnehmer dieser Kurse Selbstzahler sind, haben sie hohe Erwartungen und sind auf einen guten Lernerfolg angewiesen. Das heißt aber auch: Nur, wer den für seinen Bedarf richtigen Kurs auswählt, kann optimal davon profitieren. Umso erstaunlicher ist, dass das für die Auswahl entscheidende, vorab versandte Informationsmaterial und die teilweise zusätzlich vorhandene Internetpräsentation oft unvollständig waren. In den meisten Materialien fehlt auch der Hinweis auf die Höchstteilnehmerzahl. Eine Angabe wie „Seminare haben eine begrenzte Teilnehmerzahl“ gibt noch keinen Aufschluss über die Gruppengröße.

Fußreflexzonenmassage: Begleitmaterial ungenügend

Ganz unterschiedlich waren die Eindrücke, die unsere Testerin, eine Heilpraktikerin, in den Kursen gewann. Die drei besuchten Kurse in „Fußreflexzonentherapie“ und „Fußreflexzonenmassage“dauerten zwei oder drei Tage und kosteten zwischen 85 und 280 Euro. Mit acht bis 13 Teilnehmern waren sie gut besetzt. In erster Linie Physiotherapeuten, weniger Heilpraktiker und Masseure, nahmen hier teil. Während die Testerin die inhaltliche Konzeption überwiegend als gelungen ansah, stieß sie auf etliche didaktische Mängel. Die von Experten als wichtig eingestufte Vorstellungsrunde fehlte in allen Kursen – ein Hinweis darauf, dass die Dozenten sich kein Bild von den Teilnehmererwartungen und - vorkenntnissen machen konnten. Auch hatten die Teilnehmer keine Gelegenheit, ihr Urteil über den besuchten Kurs abzugeben. Die Präsentationstechniken beschränkten sich auf Overheadfolien und Arbeitsbögen. Die Begleitmaterialien erwiesen sich als zu dürftig: Einige wenige Arbeitsblätter mit anatomischen Details, Anwendungstipps oder einem Übungsbeispiel. Nach Meinung der Stiftung Warentest wäre es wichtig gewesen, die Informationen so systematisch aufzubereiten, dass die Teilnehmer das Gelernte auch nachlesen und -üben können.

Unser Fazit: Nach den Erfahrungen unserer Tester bietet sich Fußreflexzonenmassage als kurze Fortbildung durchaus an. Der geringe Preis machte sich jedoch bemerkbar. Die Dozenten vermittelten zwar einen fachlich kompetenten Eindruck, ließen es aber an didaktischer Qualifikation mangeln.

„Wirbelsäulentherapie nach Dorn“: Inhaltliche Mängel

Auch die ein- bzw. zweitägigen Kurse rund um die „Wirbelsäulentherapie nach Dorn“ bzw. „nach Dorn/Breuß“ waren mit sechs bis zehn Teilnehmern angemessen besetzt. Sie kosteten zwischen 120 und 240 Euro. Zielgruppe waren auch hier Heilpraktiker, Physiotherapeuten und Masseure. Aber auch Gymnastiklehrer, Ärzte und interessierte Laien aus ganz anderen Berufen hatten sich angemeldet. Praktische Übungen standen auch hier im Mittelpunkt. Ärgerlich war hier die Tatsache, dass wichtige inhaltliche Aspekte zu kurz kamen: So ging zum Beispiel nur ein Dozent auf mögliche Risiken der Dornmethode ein. In einem anderen Fall behandelte eine Dozentin den oberen Rumpfbereich, vor allem die Halswirbelsäule viel zu kurz. Außerdem setzte sie theoretische Kenntnisse des Knochenbaus voraus, ohne die Teilnehmer, die nicht alle aus dem Gesundheitsbereich stammten, nach ihren Vorkenntnissen zu fragen.

Auch hier mangelte es an didaktischer Qualifikation. Negativ fiel in einem Fall die teilweise scharfe Trennung von Praxis und Theorieabschnitten auf. Zu kurz kamen fast immer auch Vorstellungsrunde und Auswertung. Von der Fachausbildung her waren die Dozenten Heilpraktiker bzw. Masseur mit langjähriger Berufserfahrung. Als besonders negativ empfand unsere Testerin mangelnder Hygiene: In einem Kurs kam eine Dozentin erst mit den Schuhen der Versuchsperson in Berührung und führte anschließend am nackten Oberkörper vor, ohne sich zwischendurch die Hände zu waschen.

Unser Fazit: Kleine Teilnehmergruppen und viele praktische Übungen sind Voraussetzungen dafür, dass Interessierte in einer kurzen Fortbildung die Grundkenntnisse der „Wirbelsäulentherapie“ erlernen. In den besuchten Kursen hatten wir jedoch die didaktische Qualität und die dürftigen Seminarinformationen und -unterlagen zu bemängeln.

„Osteopathie“: Lernbedingungen nicht optimal

Um Grundlagen oder Teilbereiche der Osteopathie ging es im dritten Kursbereich. Laut dem „Verband der Osteopathen Deutschland“ dient osteopathische Medizin dazu, Funktionsstörungen des Körpers zu erkennen und zu behandeln. Dazu „löst“ der Osteopath mit „seinen Händen die Bewegungseinschränkungen“. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten in der Regel die osteopathische Behandlung nicht. Im Verständnis des „nordamerikanischen Gesundheitswesens ist Osteopathie ein Medizinstudium“, betont die Deutsche Akademie für Osteopathische Medizin (DAOM). Hierzulande können Ärzte, Physiotherapeuten und Heilpraktiker nach einer mehrjährigen Teilzeitausbildung an Lehrinstituten und Schulen zum Beispiel den Titel „Osteopath D.O.“ erwerben, der etwa zur Mitgliedschaft bei Fachverbänden berechtigt. Kurze Fortbildungen können also nur einen Einblick in diesen Bereich vermitteln. So auch die zwei von uns besuchten drei- und viertägigen Seminare. Praktische Übungen sollten nach Meinung von Experten auch hier im Mittelpunkt stehen. Ansprechen sollte der Dozent auch die Kontraindikation, also die Umstände, unter denen osteopathische Medizin nicht angewendet werden darf.

Das Informationsmaterial, das es meist sowohl als Broschüre sowie im Internet gab, war aufschlussreich: Man erfuhr nicht nur Kursdaten und -inhalte, sondern auch viel über allgemeine Ansätze der Osteopathie. Besucht hat für uns ein Physiotherapeut Kurse, bzw. Kursteile, die zwischen 280 und 325 Euro kosteten.

In diesen Fortbildungskursen fielen zunächst die Lernbedingungen negativ auf: In einem Fall gab es nicht genug Behandlungsliegen. In einem anderen waren die Liegen nicht verstellbar. Eine Veranstaltung hatte mehr als 30 Teilnehmer. Da die Dozenten zu zweit waren, konnten sie zwar auf die Teilnehmer eingehen; die Lernatmosphäre jedoch ließ zu wünschen übrig. Unser Tester berichtete: „Bei den Vorführübungen konnten aufgrund der großen Personenzahl nicht alle zusehen.“ In einem Fall erschien der Dozent, der kaum auf Fragen aus der Runde einging, unserem Tester wenig souverän.

Mit Whiteboard, Handout und Overhead-Projektor setzten die Dozenten jedoch hier die Medien vielfältiger ein. Positiv fiel auf, dass vor Kursbeginn die Teilnehmer ihre Vorkenntnisse schildern sollten und viele praktische Übungen gemacht wurden.

Unser Fazit: Ein Einführungskurs in Osteopathie bietet sich für jemanden an, der die mehrjährige Ausbildung anstrebt. Man sollte auf jeden Fall klären, bei welchem Anbieter man diesen Kurs auf die Ausbildung anrechnen lassen kann. Was die Inhalte betrifft, genügten die besuchten Kurse den von Experten beschriebenen Anforderungen. Der nichtfachliche Bereich aber, etwa die technische Ausstattung, könnte verbessert werden.

Hinweis: Diese Untersuchung wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Europäischen Sozialfonds gefördert.

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