Banken legen holp­rigen Start hin

Über­höhte Steuer­abzüge, sonderbare Abrechnungen – Banken kommen mit der neuen Fondsbesteuerung nicht klar und erschre­cken Anleger. Vor allem die oft angewendete Pauschal­besteuerung sorgt für Verdruss. Finanztest erklärt, warum die Umstellung für viele Geld­institute so schwierig war – und wie die Banken auf die Probleme reagieren.

Mehrere Hundert Euro Steuern trotz Verlust?

Fonds­besteuerung Special

Helga Ernst-Grabow ist eine erfahrene Anlegerin und hat über ihre Direkt­bank schon oft Investmentfonds gehandelt. Normaler­weise hatte sie kein Problem, deren Abrechnungen zu verstehen. Nach dem ersten Verkauf im Jahr 2018 war das anders, den hohen Steuer­abzug konnte sie in keiner Weise nach­voll­ziehen.

Finanztest-Leserin Helga Ernst-Grabow glaubte an einen Fehler, als sie die Abrechnung für den ETF studierte, den sie kürzlich online verkauft hatte. Ihre Bank, die Comdirect, belastete den Erlös mit Steuern in Höhe von mehreren Hundert Euro, obwohl die 84-jährige Berlinerin bei der Trans­aktion sogar einen minimalen Verlust erlitten hatte. Abgeltung­steuer auf einen nicht vorhandenen Ertrag – ist so etwas möglich? Leider ja. Ursache ist das Anfang des Jahres in Kraft getretene Investment­steuergesetz. Da sich die Besteuerung verändert hat, gelten mit dem 1. Januar 2018 alle Fonds, die Anleger im Depot haben, als verkauft und gleich wieder neu gekauft. Das Gesetz soll eigentlich alles einfacher machen, bringt aber für Anleger im Moment eher Probleme.

Unser Rat

Fonds­verkauf. Verkaufen Sie Investmentfonds zurzeit nur, wenn es nicht anders geht. Auch eigentlich fällige Umschichtungen in einem Pantoffel-Portfolio können Sie etwas aufschieben. Es ist sinn­voll, damit zu warten, bis sich Fondsanbieter und Banken auf die Neuregelungen einge­stellt haben.

Ruhe bewahren. Lassen Sie sich durch Unstimmig­keiten in der Depotdar­stellung nicht aus der Ruhe bringen. In einer Über­gangs­phase können die dort ange­zeigten alten Fonds­erträge von den realen Werten abweichen. Das hat keine unmittel­baren Konsequenzen.

Daten sichern. Bewahren Sie Kauf­abrechnungen Ihrer Fonds sorgfältig auf. Online­kunden sollten ältere Dokumente zusätzlich auf Fest­platte speichern oder ausdrucken.

Unangenehme Pauschal­besteuerung

Um den Fonds­verkauf korrekt abzu­rechnen, braucht die Depot­bank Daten von den Fonds­gesell­schaften, die für den von Ernst-Grabow verkauften ETF SPDR MSCI EMU noch nicht vorlagen. Der Gesetz­geber sieht für diesen Fall vor, dass eine sogenannte Ersatz­bemessungs­grund­lage heran­gezogen wird. Gemäß Paragraf 56 Absatz 3 des Investment­steuerge­setzes sind „30 Prozent des Rück­nahme­preises oder, wenn kein Rück­nahme­preis fest­gesetzt ist, des Börsen- oder Markt­preises als Bemessungs­grund­lage für den Steuer­abzug anzu­setzen.“ Das gilt unabhängig davon, ob der Verkauf einen Gewinn oder Verlust gebracht hat.

Eigentlich sollte die Reform Abläufe einfacher machen

Ernst-Grabow wird die zu viel gezahlten Steuern zurück­bekommen, aber wann und in welcher Form, kann ihr jetzt noch keiner sagen. Normaler­weise wird die Bank eine neue Abrechnung vornehmen, sobald ihr alle notwendigen Daten vorliegen. Aber aus heutiger Sicht ist auch nicht auszuschließen, dass Ernst-Grabow die Sache über ihre Steuererklärung regeln muss. Das wäre nicht nur lästig, sondern stünde auch im Wider­spruch zum erklärten Ziel der Steuerreform: die Abläufe für den Anleger einfacher zu machen.

Investment­steuerreform: Das ist neu ab 2018

Gleich­stellung. Alle Investmentfonds werden ab 2018 steuerlich gleichbe­handelt. Die bisherigen Unterschiede in der Besteuerung von in- und ausländischen, ausschüttenden und thesaurierenden Fonds entfallen. So müssen deutsche Fonds nun zum Beispiel wie ausländische Fonds von deutschen Dividenden­erträgen 15 Prozent Körper­schaft­steuer abführen.

Teilfrei­stellung. Als Ausgleich für die zusätzliche Belastung auf Fonds­ebene erhalten Anleger einen Steuerrabatt. Bei einem Fonds, der zu mindestens 51 Prozent in Aktien anlegt, sind 30 Prozent der Erträge steuerfrei.

Vorabpauschale. Alle thesaurierenden Fonds werden nun zunächst anhand der sogenannten Vorabpauschale besteuert. Diese vorläufige Besteuerung besteht aus einem fiktiven Fonds­ertrag und einer Verzinsung und wird jähr­lich von der Depot­bank ans Finanz­amt abge­führt. Bei nied­rigem Zins­niveau können Anleger zurzeit mit einer eher nied­rigen Vorabpauschale rechnen. Hat ein Fonds keinen Wert­zuwachs, müssen sie für das Jahr weder Vorabpauschale noch Steuern abführen. Die endgültige Steuerbe­rechnung erfolgt beim Verkauf des Fonds.

Bestands­schutz. Für Fonds, die vor 2009 gekauft wurden, galt ein Bestands­schutz auf alle künftigen Kurs­gewinne. Er entfällt. Anleger müssen alle Erträge, die ab 2018 anfallen, versteuern. Allerdings gibt es einen hohen Frei­betrag von 100 000 Euro. Erst wenn er ausgeschöpft ist, müssen Anleger zahlen.

Tipp: Ausführ­liche Erklärungen und Tipps erhalten Sie in unserem Special Fondsbesteuerung ab 2018.

Heraus­forderung für alle Seiten

Nicht nur betroffene Anleger fragen sich, woher die Probleme kommen. Denn dass die Fonds zum Jahres­wechsel steuerlich anders behandelt werden, war lange bekannt. Die Direkt­bank ING-Diba erklärt auf unsere Anfrage: „Alle Fonds­gesell­schaften müssen ihre Fonds, die unter die Investment­steuerreform fallen, zum 31.12.2017 steuerlich abschließen, auch wenn der Fonds sein Geschäfts­jahres­ende regulär nicht zum Jahres­ende hatte. Außerdem müssen auch bis dato ausschüttende Fonds abschließend eine Thesaurierung ermitteln und liefern. ( ... ) Die genannten Vorgaben und die jetzt gegebene Dringlich­keit stellen die Fonds­gesell­schaften demnach vor Heraus­forderungen, denen sie sich bis dato nicht zu stellen hatten, wodurch es unter Umständen länger dauert, bis die Daten ermittelt und zur Verfügung gestellt werden können.“

Fonds­verkauf zieht sich über zwei Wochen hin

Eine Heraus­forderung sind die neuen Regeln der Steuerreform vor allem für Bank­kunden wie Finanztest-Leser Lutz Horn, der über die ING-Diba Anfang Januar einen Fonds verkaufen wollte. Das ging nicht wie gewohnt sofort über die Bühne, sondern dauerte knapp zwei Wochen, weil der Bank einige Fonds­daten noch nicht vorlagen. Aber auch die mit Verzögerung erfolgte Abrechnung gibt dem Anleger Rätsel auf. Das Ergebnis ist für Horn nicht nach­voll­zieh­bar, der Steuer­abzug deutlich höher als der Ertrag, den er tatsäch­lich erzielt hat.

Pauschal­besteuerung sorgt für Verdruss

Auch hier erklärt sich die Differenz durch eine Pauschal­besteuerung. Wenn die „akkumulierten thesaurierten Erträge“ von der Fonds­gesell­schaft noch nicht ermittelt wurden, ist die Depot­bank gehalten, für die Abgeltung­steuer 6 Prozent des geschätzten Rück­nahme­preises anzu­setzen. Die Abrechnung von Horn ist vorläufig und auch in seinem Fall ist nicht klar, wann eine Versteuerung der tatsäch­lichen Erlöse erfolgt. Deshalb wird er keine Fonds mehr verkaufen, bis sich die Lage geklärt hat.

Werden die Werte noch korrigiert?

Mit Ungereimtheiten in seiner Depot­aufstellung wird Horn – wie andere Anleger – erst einmal leben müssen. Wer in der Depot­ansicht der ING-Diba die Fonds­details aufruft, stolpert über das „Veräußerungs­ergebnis zum 31.12.2017“. Es soll eigentlich den Betrag anzeigen, der bei späterem Fonds­verkauf für die Steuer maßgeblich wird. Tatsäch­lich steht dort bei vielen Fonds ein zu hoher Betrag, der teil­weise auf Schät­zungen basiert. Anleger können das aber nicht erkennen. Ob und wie die Werte korrigiert werden, bleibt unklar.

Anleger müssen Wert­entwick­lung selbst ermitteln

Wer im Depot neben Fonds auch andere Wert­papiere aufbewahrt, hat in der Gesamt­über­sicht neuerdings einen Misch­masch ohne Aussagekraft. Es stehen Renditen neben­einander, die nicht vergleich­bar sind. Was der Anleger mit seinen Investments insgesamt erzielt hat, muss er sich nun selbst zusammenpuzzeln. Für die fiktiv Anfang 2018 gekauften Fonds erscheint nur noch die Wert­entwick­lung ab diesem Zeit­punkt, auch wenn sie schon seit Jahren im Depot liegen. Für Aktien, Anleihen und Zertifikate ist dagegen nach wie vor der tatsäch­liche Einstands­kurs angesetzt. Wenn die Depot­aufstellung für Investmentfonds grund­sätzlich andere Einstands­kurse zeigt als für sons­tige Wert­papiere, ist die Vergleich­barkeit dahin. Die dargestellte Entwick­lung des Depots ist verzerrt. Anleger, die ihr Gesamt­ergebnis wissen wollen, müssen die Einstands­kurse ihrer Fonds heraus­suchen und es selbst berechnen.

Consors­bank verspricht neue Performance­anzeige

Das ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Ob und welche Banken in den nächsten Monaten nachbessern werden, ist noch unklar. Die Consors­bank schrieb zum Beispiel Folgendes: „Im Depot wird es eine ,neue‘ Performance­anzeige geben, die die Entwick­lung ab Jahres­anfang abbildet. Ein Dokument, welches die Entwick­lung bis zum Jahres­ende 2017 fest­hält, wird in den nächsten Wochen für alle Kunden erstellt und den Kunden dann elektronisch zur Verfügung gestellt. Wir prüfen derzeit auch noch eine Lösung, um die Wert­entwick­lung bis Ende 2017 dauer­haft online in der Depot­über­sicht darzustellen.“

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