Flugreisen Meldung

Verspätungen, Annullierungen, keine Ersatzflüge: Jeden Tag sitzen Passagiere auf Flughäfen fest. Sie haben Anspruch auf Verpflegung, Hotel und bis zu 600 Euro Entschädigung.

Noch immer ist Karla Werkentin fassungslos. Ihr Flug wurde gestrichen, sie selbst einfach sitzengelassen. Mitten in der Nacht, mit zwei kleinen Kindern, auf einem Provinzflughafen im englischen Bristol. „Easyjet hat sich kein bisschen um uns gekümmert“, schüttelt die Berlinerin den Kopf. „Es gab kein Hotel, nichts zu essen, keine Hilfe, gar nichts.“ Erst zwei Tage später kamen sie, ihre Tochter und die beiden Enkel wieder zu Hause an.

Für manche Fluggäste ist es schlicht eine Katastrophe, wie die Airlines mit ihnen um­gehen. „Da steht auf der Anzeige bloß ’Verspätung‘ oder ’Cancelled‘, dann wird der Schalter geschlossen“, erklärt der Frankfurter Luftrechtsexperte Professor Dr. Ronald Schmid. „Die Leute haben schon Glück, wenn überhaupt ein Mitarbeiter am Schalter steht.“ Warum der Flieger ausfällt, wann der nächste startet, ob dort Plätze frei sind, wann man wieder nach Hause kommt – oft informiert niemand darüber.

Und wenn doch, dann mitunter falsch. So verwies der Easyjet-Pilot in Bristol auf einen Streik in Frankreich. Dagegen schrieb der Kundenservice, es seien „techni­sche Probleme“ gewesen. Passagieren teilte Easyjet mit, das Flughafenpersonal habe gestreikt. Und uns gegenüber erklärte die Airline, in Belgien habe die Flugsi­cherung gestreikt. Doch als wir das prüften, antwortete das Luftfahrtbundesamt (LBA), es habe gar „kein Streik in Belgien stattge­fun­den“.

Tage später dann neue Nachricht von Easyjet: nun doch ein Streik in Frankreich. Den gab es wirklich, erklärte uns die französische Flugsicherung. Doch habe man das den Airlines schon Tage vorher angekündigt. Daher sei es auch nur vormittags zu wenigen geringen Verspätungen gekommen. „Außerdem ist es in solchen Fällen auch möglich und üblich, problematische Lufträume zu umfliegen“, so Ute Otterbein, Sprecherin der Deutschen Flugsicherung.

„Wir stellen oft fest, dass die Auskünfte der Airlines unzutreffend sind“, berichtet Cornelia Cramer vom LBA: „Zum Beispiel, dass das angeblich schlechte Wetter gar nicht so schlimm war.“ Weil die Beschwerden seit Jahren zunehmen, hat das Amt neue Mitarbeiter einstellen müssen. Auch die deutsche Schlichtungsstelle Mobilität muss sich hauptsächlich mit Problemen beim Flugverkehr befassen.

Besonders unangenehm trifft es Passagiere, die auf kleinen Flughäfen irgendwo auf dem Land stranden. Wer Weeze am Niederrhein oder Hahn im Hunsrück kennt, gern auch als „Düsseldorf“ und „Frankfurt/Main“ bezeichnet, kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, dort nachts ein Hotel zu finden – zumal wenn über Hundert Passagiere dort gleichzeitig suchen.

Da hatte Karla Werkentin noch Glück. Sie konnte sich von ihrer in England lebenden Tochter abholen lassen. Die Kosten wollte Easyjet – wie bei anderen Betroffenen – bestenfalls zum Teil erstatten. Nicht selten bleibt Fluggästen nur, sich die Nacht auf dem Flughafen um die Ohren zu schlagen.

„Manchmal werden die Leute bewusst hingehalten“, hat Professor Schmid in seiner Anwaltspraxis beobachtet: „Erst wird eine Verspätung angekündigt, nach zwei Stunden noch eine, dann werden wieder ein paar Stunden angehängt.“ Irgendwann ist es vier Uhr morgens – so spät, dass sich ein Hotel erübrigt.

Den Fluggästen werden Standardausreden durchgesagt: technische Probleme, Schlechtwetter, Streik. Und viele wehren sich nicht, weil sie glauben, sie könnten bei einem Billigticket keine Ansprüche stellen. Doch das ist falsch. Die EU hat die täglichen Dramen auf Europas Flughäfen längst im Visier und Kunden weitgehende Rechte eingeräumt. Sie reichen von kostenloser Verpflegung und Hotel bis zu 600 Euro Ausgleichszahlung. Für die Strecke Hamburg-Teneriffa kommen da für eine vierköpfige Familie 2 400 Euro zusammen.

Betroffene sollten diese Rechte offensiv einfordern. Viele Fluglinien mauern nämlich nur. „Auf Beschwerden per E-Mail gibt es oft keine Antwort oder nur Ausreden“, berichtet Luftrechtsexperte Schmid: „Erst wenn Klage eingereicht wird, bewegt sich etwas.“ Häufig werde die Forderung erst am Tag vor dem Gerichtstermin anerkannt, um ein Urteil zu vermeiden.

Festgelegt sind die Verbraucherrechte in der EU-Verordnung 261/2004. Doch sie hat ein großes Problem: An vielen Stellen sind die Formulierungen alles andere als eindeutig. Deshalb müssen viele Detailfragen gerichtlich geklärt werden – oft vor Amtsgerichten. Höherinstanzliche Urteile sind dünn gesät. Daher geht die Rechtsprechung manchmal kunterbunt durcheinander.

Bei Verspätung Hotel gratis

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Am Flughafen gestrandet: Nach stundenlangem Warten wurde Familie Werkentin einfach sitzengelassen. Weder Verpflegung, noch Hotel oder Transfer wurden gestellt – Versorgungs­leistungen, die die Fluglinien auf jeden Fall erbringen müssen, auch wenn sie keine Schuld an der Verspätung oder dem Flugausfall trifft.

Das fängt schon bei Verspätungen an. Da muss die Fluglinie gratis Verpflegung, Telefonate und, falls nötig, auch das Hotel bezahlen – auch wenn sie gar keine Schuld an dem Problem trifft. Diese Leistungen hätte Easyjet auf jeden Fall stellen müssen, egal, was der Grund für das Problem war. Wird der Flug sogar annulliert und der Passagier auf eine andere, spätere Maschine umgebucht, hat er zusätzlich Anspruch auf Ausgleichszahlung (siehe Text Ausgleich bei Annulierung). Deshalb sprechen die Fluglinien lieber von „Verspätung“ als von „Ausfall“. Doch wie lang darf eine Verspätung dauern, ab wann ist es ein Flugausfall? Da streiten die Gerichte:

13,5 Stunden: Eine Verschiebung von 20 Uhr auf 9.30 Uhr am nächsten Tag ließen Berliner Richter als Verspätung durchgeh­en (AG Charlottenburg, Az. 222 C 266/05).

25 Stunden: Das Landgericht Darmstadt meinte sogar, 25 Stunden könnten rein begrifflich noch „Verspätung“ sein. Daher gab es keine Ausgleichsleistung (Az. 21 S 82/06).

22 Stunden: Dagegen hielt das Amtsge­richt Frankfurt/Main 22 Stunden für eine Annullierung des Fluges (Az. 30 C 1726/06).

24 Stunden: Das Landgericht Frankfurt am Main entschied bei 24 Stunden ebenfalls auf Annullierung (Az. 3–2 O 51/06).

48 Stunden: Und das Amtsgericht Rüsselsheim zog die Grenze bei spätestens 48 Stunden (Az. 3 C 717/06).

Es gibt aber auch Richter, die weniger auf die Dauer der Verspätung achten und mehr auf andere Kriterien wie neue Crew, andere Maschine, Streckenführung, Zwischenlandungen, Flugnummer (AG Frankfurt, Az. 30 C 1370/06–25). Oder ob die Passagiere bereits im Flugzeug saßen, wieder aussteigen und später neu einchecken mussten, oder ob das Gepäck zurückgegeben wurde. Allerdings entschied das Amtsgericht Frankfurt, eine andere Flugnummer allein sei noch nicht aussagekräftig. Denn dann könnten die Airlines immer dieselbe Nummer wählen, und es gäbe formell gar keine Annullierungen mehr(Az. 30 C 1726/06). Immerhin: Wenn es keine Informationen über einen Ersatzflug gab, bedeutet das nach Meinung des Amtsgerichts Berlin-Schöneberg konkludent eine Annullierung (Az. 5a C 92/05).

Tipp: Wenn Ihre Fluglinie mauert, sollten Sie möglichst viele weitere Anhaltspunkte für eine Annullierung finden.

Der Defekt als klassische Ausrede

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„Die klassische Ausrede ist der technische Defekt“, berichtet Anke Lobmeyer, Leiterin der Schlichtungsstelle Mobilität. „Uns trifft keine Schuld“, sagen dann die Fluglinien: „Unsere Maschinen werden laufend gewartet.“ Tatsächlich ist bei „außergewöhnlichen Umständen“ laut EU-Ver­ordnung keine Ausgleichszahlung fällig. Als Beispiele nennt sie Schlechtwetter, Streiks oder Mängel bei der Flugsicherheit. Und zum letzten Punkt zählen die Fluglinien technische Defekte. Doch sind die wirklich außergewöhnlich? Auch da streiten sich die Juristen. Gut dran waren Kläger beim Amtsgericht Bremen: Ursache für solche Probleme sei immer schlechte Wartung, abgesehen von Hagel oder Vogelschlag (Az. 4 C 393/06). Anders aber die Amtsgerichte in Köln und Frankfurt/Main: Trotz Wartung könne schon mal ein Einzelteil ausfallen.

Den Passagieren kann das aber letzten Endes egal sein. Denn der lapidare Hinweis „technischer Defekt“ reicht vor Gericht auf keinen Fall. Die Fluglinie muss beweisen, dass der Fehler außergewöhnlich war, dass niemand damit rechnen konnte und das Problem selbst dann unvermeidbar gewesen wäre, wenn man alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen hätte, so EU-Generalanwältin Eleanor Sharpston (Europäischer Gerichtshof, Az. C-396/06).

Solch ein detaillierter Nachweis bedeutet erheblichen Aufwand. Da müssen Spezialisten eingeflogen, technische Berichte geschrieben und geprüft werden. Der Hinweis auf regelmäßige Wartung ist zu wenig. Außerdem muss die Fluglinie darlegen, warum sie kein Ersatzflugzeug bereithielt.

Ein Nebel verzieht sich wieder

Hellhörig werden sollten Fluggäste auch, wenn die Airline schlechtes Wetter als „außergewöhnlichen Umstand“ anführt. Beispielsweise, dass ein Flughafen wegen Nebels geschlossen war. In so einem Fall muss sie detailliert darlegen, welche Auswirkungen das auf den annullierten Flug hatte und warum die Maschine nach Besserung des Wetters nicht doch noch starten konnte (AG Frankfurt, Az. 30 C 1370/06–25).

Ähnlich ist es bei Streiks. Zwar kann ein Ausstand, zum Beispiel bei den Fluglotsen, außergewöhnlich sein. Aber gilt das auch, wenn das eigene Personal streikt? Auch da streiten sich die Richter, teils sogar am selben Gericht. So entschied ein Frankfurter Amtsrichter für die Fluglinie (Az. 30 C 29/06–68), während ein anderer einen Streik nur als außergewöhnlich akzeptieren wollte, wenn der Airline „keine nicht vollkommen unzumutbare Möglichkeit“ blieb, zu reagieren (Az. 31 C 2819/05-74).

Es lohnt sich also, die Angaben zu prüfen. Oft muss man gar kein großer Experte sein, um Ausreden zu entlarven. Einem Berliner Richter etwa tischte eine Fluglinie ein Leck in der Hydraulik auf. Für ein so si­cherheitsrele­van­tes System müsse es im Cockpit eine Füllstandsanzeige geben, erklärte der Richter. Da hätten die Techni­ker nur mal hinschauen müssen. Dass Leitungen undicht sein können, sei nicht außergewöhnlich – davon könne schon jeder Autofahrer ein Lied singen (LG Berlin, Az. 57 S 44/07).

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