Fluglinien Meldung

Wer seine Rechte als Fluggast durchsetzen will, braucht einen langen Atem. Ein Berliner Paar, dass Ende 2010 verspätet mit Iberia geflogen war, musste 18 Monate auf 800 Euro Entschädigung warten. Sogar ein Gerichtsurteil hatte die Fluggesellschaft zunächst ignoriert.

Verspäteter Abflug mit Iberia

Silvester auf La Palma, das war Carl-Hans Strudthoffs Plan. Ende 2010 buchte der 58-jährige Berliner für sich und seine Partnerin Flüge mit der spanischen Fluggesellschaft Iberia von Berlin-Tegel auf die Kanareninsel. Doch die Reise begann holprig. Der Abflug von Tegel war um mehr als fünf Stunden verschoben worden. Der 58-Jährige kam schließlich mit fast sieben Stunden Verspätung auf La Palma an. Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs ist eine solche Abflugverspätung rechtlich wie eine Annullierung des Flugs zu behandeln. Fluggäste, die am Reiseziel verspätet ankommen, weil sich der Abflug um mehr als drei Stunden verzögert hat, haben danach Anspruch auf eine Entschädigungspauschale.

800 Euro Entschädigung – theoretisch

Die Entschädigungshöhe beträgt 250 Euro, 400 Euro oder 600 Euro – abhängig von der Entfernung zwischen Abflugort und Reiseziel. Carl-Hans Strudthoff und seiner Partnerin standen jeweils 400 Euro zu. Soweit die Theorie. In der Praxis mussten das Paar jedoch feststellen, dass Fluggesellschaften äußerst stur sein können und Ansprüche von Fluggästen gerne abwimmeln. Denn die Pauschalen müssen unabhängig vom Flugpreis oder dem Wert einer Urlaubsreise gezahlt werden. Das ist den Airlines ein Dorn im Auge.

Fluggast schaltet Fluggasthelfer ein

Carl-Hans Strudthoff bediente sich professioneller Hilfe, um seine Rechte durchzusetzen. Mit Hilfe des Fluggasthelfers EUclaim forderte er Iberia im März 2011 zum ersten Mal auf, die 800 Euro zu zahlen. Doch Iberia überwies weder das Geld, noch reagierte die Fluggesellschaft überhaupt auf die Zahlungsaufforderung. Die Firma EUclaim arbeitet mit Rechtsanwälten der Berliner Kanzlei Jachinski Biere Brexl zusammen. Im Mai 2011 reichte die Kanzlei Klage gegen Iberia beim Amtsgericht Berlin-Wedding ein.

Juristisches Hickhack vor dem Amtsgericht

Das Gericht entschied zugunsten von Carl-Hans Strudthoff und seiner Partnerin. Iberia konnte keine relevante Entschuldigung für die Flugverspätung nennen, etwa Wetterbedingungen, die einen Abflug für mehrere Stunden objektiv unmöglich machen. Zum zweiten Gerichtstermin erschien nicht einmal ein Vertreter von Iberia. So fällte das Gericht im Februar 2012 ein so genanntes Versäumnisurteil, mit dem es den Reisenden insgesamt 800 Euro zusprach (Az. 16 C 217/11). Besser kann die Ausgangsposition für einen Fluggast eigentlich nicht sein. Aber die Iberia zahlte trotzdem nicht. Selbst eine Drohung mit dem Gerichtsvollzieher blieb erfolglos. Erst nachdem die Kanzlei JBB beim Amtsgericht Frankfurt am Main beantragt hatte, dass ein Gerichtsvollzieher die Summe eintreibt, überwies Iberia Ende Juli 2012 das Geld.

Fast ein Drittel der Entschädigung bekommt EUclaim

Bei Reiseärger helfen Rechtsanwälte zur Themenseite Anwalt. Am besten ist es, wenn sich Reisende an einen Anwalt wenden, der auf Reiserecht spezialisiert ist. Mit der richtigen Rechtsschutzversicherung geht das auch ohne Kostenrisiken. Doch auch Fluggasthelfer-Firmen wie EUclaim, Flightright oder Fairplane setzen die Ansprüche von Fluggästen durch. Anders als die meisten Anwälte tun sie das aber auf Erfolgsbasis. Das heißt: Verliert der Fluggast seinen Fall, muss er den Anwalt, die Gerichtskosten und die Kosten der Gegenseite nicht bezahlen. Gewinnt er allerdings seinen Fall und erhält er eine Entschädigung, dann muss er davon bis zu 30 Prozent abgeben. Bei EUclaim beträgt die Erfolgsprovision 27 Prozent der eingeklagten Entschädigungssumme. Von 800 Euro Entschädigung gehen im Fall von Carl-Hans Strudthoff also 216 Euro an EUclaim. Zusätzlich hat jeder Fluggast pauschal 25 Euro zu bezahlen. Strudthoff und seiner Partnerin bleiben also von den 800 Euro am Ende noch 534 Euro übrig.

Fluggäste müssen Geduld mitbringen

Von dem verspäteten Abflug bis zur Zahlung der Entschädigung an Strudthoff sind über eineinhalb Jahre vergangen. So eine Verzögerung ist nicht zwangsläufig den Fluggasthelfern und den kooperierenden Anwälten anzulasten, sondern kann auch andere Ursachen haben. Dass zum Beispiel eine Fluggesellschaft noch Wochen die Zahlung verweigert, obwohl ein rechtskräftiges Urteil vorliegt, hat JBB-Anwalt Carsten Kiefer noch nicht erlebt. Verzögerungen können außerdem auch entstehen, wenn das zuständige Amtsgericht überlastet ist. „Bei einigen Gerichten bekommt man jetzt schon keine Gerichtstermine mehr für das Jahr 2012“, sagt Rechtsanwalt Kiefer. Wer seine Fluggastrechte vor Gericht durchsetzen möchte, muss also Geduld mitbringen.

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