Bis zu 600 Euro Entschädigung ­stehen Flug­gästen bei Flug­verspätung, Flug­ausfall oder Über­buchung zu. Hilfe bei der Durch­setzung ihrer Ansprüche bekommen sie bei Schlichtungs­stellen, Anwälten oder Entschädigungs­diensten wie EUclaim, Flight­right und Fairplane. Die Rechts­experten der Stiftung Warentest analysieren Vor- und Nachteile der diversen Möglich­keiten. Mit der Handyapp „Flug­ärger“ und unserem Musterschreiben können Passagiere ihre Rechte auch direkt bei der Air­line einfordern.

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TestFlug­gast­rechte16.06.2020
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Das Wichtigste in Kürze

Was Sie über Ihre Rechte als Flug­gast wissen sollten

Testbe­richt. Wir haben die sechs bekannten Flug­gast­portale Compensation2go, EUflight, EUclaim, Fairplane, Flight­right und Flugrecht getestet. 39 Verbraucher, die Flug­ärger wegen Flug­ausfall und großer Ankunfts­verspätung hatten, gaben ihre Flüge in die Portale ein. Was sie dort erlebt haben, lesen Sie im Artikel „Hilfe für Flug­gäste“, der in Finanztest 4/2020 erschienen ist und den Sie hier kosten­pflichtig frei­schalten können. Die Test­ergeb­nisse haben wir in einer inter­aktiven Tabelle aufbereitet, die Ihnen nach Frei­schaltung ebenfalls zur Verfügung steht. Auf alle anderen Infos in diesem test.de-Special haben Sie kostenfrei Zugriff.

Recht. Haben Sie Ihren Ziel­flughafen erst mit einer Verspätung von drei Stunden oder mehr erreicht, wurde Ihr Flug annulliert oder wurden Sie wegen Über­buchung nicht mitgenommen, können Ihnen je nach Strecke zwischen 250 und 600 Euro Entschädigung zustehen. Voraus­setzung: Der Start­flughafen oder der Haupt­sitz der Air­line müssen in der EU liegen.

Coronavirus. Der Coranavirus hat inzwischen zu vielen Flugannullierungen und sons­tigen Reise­beschränkungen geführt. Die Europäische Kommis­sion hat am 18. März 2020 in einer Auslegungsleitlinie ihre Rechts­auffassung zu den Passagierrechten in Zeiten der Corona-Krise erklärt. Nach Ansicht der Kommis­sion steht Flug­gästen etwa dann keine Entschädigung zu, wenn Behörden bestimmte Flüge verbieten oder den Personen­verkehr „in einer Weise untersagen, die de facto die Durch­führung des betreffenden Flugs ausschließt“. Aber auch wenn die Fluggesell­schaft die Annullierungs­entscheidung selbst treffe, nach­weislich „aus Gründen des Gesund­heitss­schutzes der Besat­zung“, stehe dem Flug­gast keine Entschädigung zu. Allerdings stellt die Kommis­sion auch klar: Die Air­lines haben weiterhin die Pflicht, Flug­gäste zu betreuen. Das heißt für Passagiere, die derzeit wegen einer Annullierung über Tage im Ausland fest­stecken: Die Fluggesell­schaft muss sie auf ihre Kosten angemessen in einem Hotel unterbringen bis sie nach Hause können. Die Auslegungs­leit­linien der EU-Kommis­sion sind kein Gesetz, also für Gerichte nicht verbindlich. Sie werden von Richtern in Prozessen aber durch­aus berück­sichtigt.

Urteils­liste. Manche Fluggesell­schaften führen Annullierungen oder Verspätungen einfach auf „außergewöhnliche Umstände“ zurück – und zahlen nicht. Was die Recht­sprechung als entschuldigenden außergewöhnlichen Umstand ansieht und was nicht, steht in unserer Urteilsübersicht.

Frist. Sie haben ab Ende des Jahres, in dem der Flug lag, drei Jahre Zeit, um Ihren Anspruch geltend zu machen. Bis Ende 2019 können Sie also noch die Entschädigung für Flüge aus dem Jahr 2016 verlangen.

Ansprüche bei Air­line stellen. Wenden Sie sich erst an die Air­line, dabei helfen unsere Musterbriefe. Oft können Sie die Entschädigung aber auch über ein Online-Formular auf der Internetseite der Fluggesell­schaft beantragen (Links zu den Online-Anträgen der Airlines). Alternativ können Sie auch die Smartphone-App „Flug­ärger“ der Verbraucherzentrale Nord­rhein-West­falen nutzen. Sie hilft, Ihre Ansprüche gegen die Air­line zu ermitteln und diese am Ende über eine von der App erzeugte E-Mail bei der Fluggesell­schaft geltend zu machen (Link zur App im App Store, bei Google Play).

Schlichtung. Blockt die Air­line Ihre Forderungen ab, können Sie sich an einen Schlichter wenden. Ist die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (söp) nicht zuständig, leitet sie Ihre Beschwerde an die Schlichter beim Bundesjustizamt weiter. Verläuft die Schlichtung erfolg­los, kann Ihnen ein Anwalt oder ein Inkasso­dienst (Zwei Arten Fluggasthelfer) helfen.

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Verspätung, Annullierung, Über­buchung – das gilt grund­sätzlich

Anspruch auf Entschädigung. Verspätet sich ein Flug um drei Stunden und mehr am Endziel oder wird er sogar gestrichen (Annullierung), haben Passagiere Anspruch auf pauschale Entschädigung für die verlorene Zeit. Dies gilt auch, wenn die Fluggesell­schaft einzelne Passagiere nicht befördert, beispiels­weise weil die Maschine über­bucht ist. Im Juristen­deutsch heißt die Entschädigung „Ausgleichs­zahlung“.

EU-Regelung. Grund­lage ist immer die Fluggastrechteverordnung Nummer 261/2004 der Europäischen Union (EU). Diese Verordnung können Flug­gäste für eine finanzielle Entschädigung heran­ziehen. Wichtige Voraus­setzung: Der Flug ist von ­einem Flughafen in der EU gestartet oder wurde von einem Unternehmen mit Sitz in der EU durch­geführt und das Flugziel lag in einem Mitglieds­staat.

Höhe der Entschädigung. Wie viel Geld der Passagier bekommt, richtet sich nach der Flug­distanz. Bei Verbindungen mit Anschluss­flügen zählt die direkte Luft­linie zwischen Start und Ziel („Groß­kreis­methode“), unabhängig von der tatsäch­lich zurück­gelegten Flug­strecke. Je nach Stre­ckenlänge beträgt die Entschädigung 250 bis 600 Euro pro Person. Wer die Entfernung zwischen zwei Flughäfen errechnen will, um die Entschädigungs­höhe zu bestimmen, kann das bequem online tun, etwa über die Website Luftlinie.org. Die Entschädigungs­höhe ist unabhängig vom Ticket­preis. Die Pauschalen stehen also auch Nutzern von Billiga­irlines in voller Höhe zu, auch wenn sie nur 10 Euro für ihr Ticket bezahlt haben.

Klein­kinder. Auch Klein­kindern steht ein voller Entschädigungs­betrag zu, sofern die Eltern für sie einen Flugpreis bezahlt haben. Ob das Kind einen eigenen Sitz­platz hatte, ist unerheblich. Nur wenn das Kind tatsäch­lich kostenfrei mitgeflogen ist, muss die Air­line es nicht entschädigen (Bundes­gerichts­hof, Urteil vom 17. März 2015, Az. X ZR 35/14). Die Fluggesell­schaft Tuifly hat jüngst in einem Gerichts­verfahren vor dem Amts­gericht Hannover versucht, um die Entschädigung für ein Kleinkind herum­zukommen. Für das Kind – zum Zeit­punkt des Fluges weniger als ein Jahr alt – hatten die Eltern 15 Euro pro Flug­strecke gezahlt.

Tuifly argumentierte, die 15 Euro seien kein Ticket­preis, sondern nur eine Verwaltungs­gebühr. Damit scheiterte die Air­line aber vor Gericht. Tuifly hatte in den Flug­unterlagen für die Eltern geschrieben: „Klein­kinder im Alter von 0 bis einschließ­lich 1 Jahr zahlen 15 EUR pro Flug­strecke“. Daraus ergibt sich nach Ansicht des Gerichts, dass die 15 Euro ein reduzierter Flugpreis und nicht bloß eine Verwaltungs­gebühr sind (Amts­gericht Hannover, Urteil vom 4. Juni 2020, Az. 515 C 12585/19).

In welchen Fällen die Air­line nicht zahlen muss

Außergewöhnliche Umstände. Die Gründe für Verspätungen und Ausfälle sind vielfältig: Unwetter, Vulkan­asche, Streik und tech­nische Probleme an der Maschine sind nur einige Beispiele. Knack­punkt beim Prüfen eines Entschä­digungs­anspruchs ist die Frage, ob außer­gewöhnliche Umstände vorlagen. Konnte ­die Fluggesell­schaft das Ereignis weder beein­flussen noch vermei­den? In diesem Fall gehen Passagiere leer aus. Eindeutig ist das nicht immer. Regel­mäßig treffen die höchsten Gerichte grund­sätzliche Entscheidungen zu der Frage, was außergewöhnliche Umstände sind und was nicht (Urteilsliste). Liegen keine vor, gibt es eine Entschädigung.

Air­line beweis­pflichtig. Wichtig: Geht ein Fall, in dem eine Fluggesell­schaft unter Hinweis auf außergewöhnliche Umstände eine Zahlung verweigert, vor Gericht, muss sie diese Umstände belegen. Die Air­line muss nicht nur den außergewöhnlichen Umstand – etwa: Flug­zeugschaden durch Vogel­schlag – nach­weisen, sondern auch, dass sie alles Zumut­bare getan hat, um den Passagier trotz der Widrigkeit recht­zeitig ans Ziel zu bringen. Gerade das gelingt den Air­lines aber manchmal nicht. So gewinnen Passagier dann sogar Fälle, die auf den ersten Blick für Passagiere nicht erfolg­versprechend aussehen. Darum sollten Flug­gäste die Flug­daten stets auch bei verschiedenen Online-Flug­gast­helfern eingeben. Vielleicht über­nimmt einer von ihnen den Fall.

In diesen Fällen darf die Entschädigung halbiert werden

In einigen Fällen muss die Air­line zwar zahlen, darf die pauschale Entschädigungs­summe (250 bis 600 Euro je nach Flug­entfernung) an den Passagier aber um 50 Prozent kürzen.

  • Bei Verspätungen: Bei Lang­stre­ckenflügen (mehr als 3500 Kilo­meter Flug­strecke), wenn die Verspätung am Ziel­flughafen zwar mehr als drei Stunden aber weniger als vier Stunden beträgt.
  • Bei Flug­ausfall (Annullierung) und Über­buchung: Wenn die Air­line einen Ersatz­flug organisiert, der bei Kurz­stre­ckenflügen (Distanz bis 1 500 Kilo­meter) das Ziel nicht später als zwei Stunden im Vergleich zur ursprüng­lichen Ankunft errreicht. Bei Flügen mit einer Distanz bis 3 500 Kilo­metern (und bei Flügen inner­halb der EU mit einer Distanz von mehr als 1 500 Kilo­metern) darf die Air­line den Anspruch um 50 Prozent kürzen, sofern der Ersatz­flug das Ziel nicht später als drei Stunden im Vergleich zur urspüng­lichen Ankunft erreicht. Bei einer Flug­distanz von mehr 3 500 Kilo­metern darf die Air­line den Anspruch des Kunden halbieren, wenn der Ersatz­flug nicht später als vier Stunden im Vergleich zur plan­mäßigen Ankunft das Ziel erreicht.

Flug­gast­rechte auch für Pauschal­urlauber

Was viele Pauschal­reisende nicht wissen: Auch sie haben diese Entschädigungs­ansprüche gegen­über der Fluggesell­schaft bei Annullierungen und Ankunfts­verspätungen von drei oder mehr Stunden. Vielen ist das nicht bewusst, weil sie den Reise­vertrag ja mit dem Reise­ver­anstalter abge­schlossen haben. Aber die europäische Flug­gast­rechte­ver­ordnung gilt auch für Urlauber, die von einem Veranstalter ein Urlaubspaket gebucht haben, das einen Flug enthält.

Zwei Ansprüche bei Flug­ärger im Rahmen einer Pauschal­reise

Es kommt gar nicht so selten vor, dass Pauschal­reisende zwei Ansprüche auf Geld haben. Einen Anspruch auf Reise­preis­minderung nach deutschem Pauschal­reiserecht gegen­über dem Veranstalter, wenn etwa ein Flug ausgefallen ist und der Ersatz­flug so spät geht, dass die Nacht­ruhe des ersten Urlaubs­tages erheblich beein­trächtigt ist. Und einen zweiten Anspruch nach der europäischen Flug­gast­rechte­ver­ordnung, weil der ursprüng­lich angesetzte Flug annulliert wurde oder der Flug erst mit einer Verspätung von mindestens drei Stunden am Urlaubs­ziel ange­kommen ist.

Verrechnung der Zahlungen

Allerdings gilt: Erhält ein Pauschal­urlauber für denselben Ärger (etwa eine Flugannullierung), sowohl vom Veranstalter als auch von der Air­line Geld, findet eine Anrechnung statt. Hat der Urlauber schon eine Reise­preis­erstattung vom Veranstalter erhalten, ist das bei der Forderung gegen­über der Air­line anzu­rechnen (und umge­kehrt).

Beispiel: Ein Reisender hat für die Annullierung vom Veranstalter 80 Euro bekommen und macht anschließend seinen Anspruch auf eine Entschädigung in Höhe von 250 Euro bei der Air­line geltend. Diese muss ihm nur 170 Euro auszahlen.

Flug­gast­rechte­ver­ordnung lukrativer

Aus dem Beispiel wird erkenn­bar: Für Pauschal­reisende ist die Verspätungs­entschädigung von der Air­line nach der europäischen Flug­gast­rechte­ver­ordnung in der Regel lukrativer als die Reise­preis­minderung vom Veranstalter.

Air­line muss auch für Hotel und Verpflegung sorgen

Passagieren, die von einer Annullierung, Verspätung oder Nicht­beför­derung wegen Über­buchung betroffen sind, stehen aber nicht nur bis zu 600 Euro als pauschale Entschädigungs­zahlung zu. Solange die Kunden noch nichts ans Flugziel gebracht sind, muss die Air­line sich auch um die Verpflegung, eine notwendige Hotel­unterbringung und den Trans­port zwischen Hotel und Flughafen kümmern (Betreuungsleistungen nach Artikel 9 der Europäischen Fluggastrechteverordnung Nummer 261/2004). Anspruch auf Verpflegung und Hotel­unterbringungen haben Passagiere sogar dann, wenn die Air­line die Zahlung einer Entschädigung wegen eines außergewöhnliche Umstands verweigern kann.
Beispiel: Das Flugzeug muss repariert werden, weil der Reifen während der Landung des Vorflugs durch einen Fremdkörper beschädigt wurde. Der Flug muss ausfallen, die Passagiere werden auf den Flug am nächsten Morgen umge­bucht. Der Unfall zählt als außergewöhnlicher Umstand, eine finanzielle Entschädigung gibt es dafür nicht (Gerichtsurteile: Wann müssen Airlines bei Verspätungen zahlen?). Die Fluggesell­schaft bleibt dennoch verpflichtet, die Passagiere bis zum Weiterflug zu verpflegen und unter­zubringen.

Erstattung, wenn Flug­gast in Vorkasse gehen muss

Leider betreuen die Air­lines ihre Passagiere nicht immer so wie vom Gesetz­geber vorgesehen. Manchmal werden Kunden mit Anschluss­flug einfach am Flughafen der Zwischen­landung allein gelassen, wenn der Zubringer­flug zu spät ankam und dadurch der Anschluss verpasst wurde. Passagiere, die Hotel und Verpflegung dann selbst bezahlen, können aber anschließend Erstattung von der Fluggesell­schaft verlangen.

Wichtig: Die Erstattung der Hotel- und Verpflegungs­kosten gibt es zusätzlich zu der pauschalen Entschädigung für die Annullierung oder Verspätung (es sei denn ein außergewöhnlicher Umstand war der Grund für die Flug­probleme). Es findet in diesem Fall keine Verrechnung von Entschädigung und Erstattung statt. Etwas anderes gilt aber bei Hotel­kosten, die nach einem verpatzen Flug entstehen.

Beispiel: Kommt ein Flug­gast bei einem Kurz­stre­cken­flug so spät am Ziel­flughafen an, dass er im Flughafenhotel für 150 Euro über­nachten muss, handelt es sich um die Folge­kosten eines mangelhaft durch­geführten Fluges. Nach deutschem Recht muss die Air­line für solche Folge­kosten gerade­stehen. Der Flug­gast hat zwar zwei Ansprüche: nach Europarecht Anspruch auf pauschal 250 Euro von der ­Air­line (Ausgleichs­zahlung) und nach deutschem Recht auf 150 Euro Schadenersatz für die nach Landung notwendig gewordene Hotel­über­nachtung. Aber: Der Anspruch auf Erstattung der Hotel­kosten wird mit der Ausgleichs­zahlung verrechnet. Das folgt aus einem Urteil des Bundes­gerichts­hofs vom 6. August 2019 (Az. X ZR 128/18). Im Beispiels­fall erhält der Kunde also nicht insgesamt 400 Euro, sondern nur 250 Euro von der Air­line. Mehr müsste die Air­line nur zahlen, wenn die Hotel­kosten über der Ausgleichs­zahlung in Höhe von 250 Euro lägen und der Flug­gast diese Hotel­kosten bei der Air­line mit Quittungen belegen könnte.

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Flug­verspätung – das steht Ihnen zu

Wie viel Entschädigung gibt es? Verspätet sich die Ankunft am Ziel­flughafen um mindestens drei Stunden, haben Flug­gäste je nach Flug­strecke Anspruch auf bis zu 600 Euro Entschädigung. Das ergibt sich aus einer Grund­lagen­entscheidung des Europäischen Gerichts­hofs aus dem Jahr 2009 (Rechtssache Sturgeon, Az. C-402/07 und C-432/07). Eine Entschädigung ist auch dann möglich, wenn die Verspätung erst bei einem direkten Anschluss­flug im Nicht-EU-Ausland entsteht.

Was gilt als Ankunfts­zeit? Als Ankunfts­zeit­punkt zählt recht­lich nicht, wann der Passagier am Ziel­flughafen das Flugzeug verlassen hat. Auch das Aufsetzen der Räder auf der Landebahn („Touchdown“) ist nicht entscheidend. Maßgeblich ist der Moment, wenn mindestens eine Flug­zeugtür geöffnet wird – sofern den Flug­gästen das Verlassen des Flug­zeugs gestattet ist (EuGH, Az. C-452/13). Wenn der Flug­gast etwa mit dem Musterschreiben der Stiftung Warentest bei der Air­line seinen Entschädigungs­anspruch geltend macht, reicht es aber aus, wenn er als Ankunfts­zeit­punkt den Moment angibt, in dem er persönlich das Flugzeug verlassen hat. In einer recht­lichen Auseinander­setzung vor Gericht muss die Air­line dann vortragen, wann die erste Tür geöffnet wurde.

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Flug­ausfall (Annullierung) – das steht Ihnen zu

Wird ein Flug von der Air­line annulliert, können Betroffene eine Umbuchung einfordern oder die Beför­derung ganz ablehnen und Erstattung ihrer Ticket­kosten verlangen (Artikel 5 in Verbindung mit Artikel 8 der europäischen Fluggastrechteverordnung).

Wahl­recht. Der Flug­gast entscheidet, ob er wegen des Flug­ausfalls auf einen anderen Flug umbucht oder lieber auf den Flug verzichtet und eine Erstattung des Ticket­preises verlangt.

Ersatz­flug ohne Zusatz­kosten. Von Kunden, die eine Umbuchung auf einen späteren Flug wählen, kommen immer mal wieder Beschwerden, dass die Air­line diese Umbuchung nur gegen Zahlung eines Aufpreises vornehmen will. Das Argument: der Ersatz­flug sei teurer ist als das ursprüng­liche Ticket. Recht­lich ist die Air­line verpflichtet, einen Ersatz­flug unter „unter vergleich­baren Reisebedingungen“ anzu­bieten. Das heißt nach Ansicht des Land­gerichts Köln: Die Umbuchung darf nichts zusätzlich kosten (einst­weilige Verfügung gegen die Luft­hansa, Beschluss vom 14. Mai 2020, Az. 31 O 85/20). So sieht es auch die Europäische Kommis­sion in ihrer Leitlinien zur Auslegung der Fluggastrechteverordnung (Seite 14 des Dokuments, unter Punkt 4.2).

Erstattung des Tickets. Entscheidet sich der Flug­gast für die Rück­erstattung des Ticket­preises, kann die Air­line einen Gutschein anbieten. Der Passagier muss das Angebot aber nicht annehmen. Besteht der Flug­gast auf die Erstattung, muss die Fluggesell­schaft den Flugpreis binnen sieben Tagen in bar durch Über­weisung oder Scheck erstatten. Die Verbraucherzentrale Nord­rhein-West­falen bietet ein Musterschreiben zur Flugpreiserstattung nach Annullierung an. Alternativ kann die Rück­erstattung auch über die „Flug­ärger-App“ der Verbraucherzentrale geltend gemacht werden. Allerdings erst 48 Stunden nach dem ursprüng­lichen Abflugdatum des annullierten Flugs.

Achtung: Hat ein Kunde den annullierten Flug nicht direkt bei der Fluggesell­schaft gebucht, sondern etwa über die Internetseite eines Flug­vermitt­lers, behaupten einige Air­lines, dass die Erstattung über den Flug­vermittler beantragt werden müsse. Das ist nicht korrekt. Die „ausführende Fluggesell­schaft“ ist zur Erstattung des Ticket­preises verpflichtet – nicht der Flug­vermittler (Artikel 5 in Verbindung mit Artikel 8 der europäischen Fluggastrechteverordnung). Kunden können ihr Geld also direkt von der Fluggesell­schaft verlangen.

Zusätzlich Entschädigung. Egal wie sich Passagiere entscheiden: Sie haben bei Flug­ausfall außerdem einen Anspruch auf eine pauschale Entschädigung in Höhe von 250 bis 600 Euro (je nach Flug­distanz).

Es kann sogar sein, dass der Flug­gast für die gleiche Flugreise eine zweite Entschädigung in gleicher Höhe bekommt. Nämlich dann, wenn es bei dem Alternativ­flug, auf den der Flug­gast nach der Annullierung des ursprüng­lichen Fluges umge­bucht wurde, noch einmal zu Flug­ärger kommt. Das hat der Europäische Gerichts­hof im März 2020 entschieden (Rechtssache C-832/18).

Beispiel: Ein Kunde bucht einen Flug von Frank­furt am Main nach Singapur. Weil die Maschine einen tech­nischen Defekt hat, annulliert die Fluggesell­schaft seinen Flug am Abflugtag und bucht die Passagiere auf eine Maschine am nächsten Tag. Aber auch der Alternativ­flug hat tech­nische Probleme. Er kommt deshalb in Singapur erst mit einer Verspätung von sechs Stunden an. Den betroffenen Flug­gästen stehen sowohl für den annullierten Flug als auch für den verspätet ange­kommenen Ersatz­flug 600 Euro, also insgesamt 1 200 Euro zu.

Kein Anspruch bei früher Information über Flug­ausfall. Manchmal informiert die Air­line ihre Kunden aber schon Wochen vorher über einen Flug­ausfall. Das hat Auswirkungen auf die Entschädigung. Denn der Entschädigungs­anspruch entfällt, wenn Flug­gäste mindestens 14 Tage vor dem plan­mäßigen Abflug von der Fluggesell­schaft über die Annullierung informiert werden. Kommt die Nach­richt über die Annullierung kurz­fristiger, hängt der Anspruch von den Flug­zeiten des Ersatz­fluges ab (siehe Tabelle unten).

Information über Flug­ausfall

Abflug- und Ankunfts­zeiten des Ersatz­fluges

Entschädigung

Information über Flug­ausfall

Abflug- und Ankunfts­zeiten des Ersatz­fluges

Entschädigung

7 bis 13 Tage vor Abflug

Abflug maximal 2 Stunden früher und Ankunft maximal 4 Stunden später als annullierter Flug

Nein

7 bis 13 Tage vor Abflug

Abflug mehr als 2 Stunden früher und/oder Ankunft mehr als 4 Stunden später als annullierter Flug

Ja

0 bis 6 Tage vor Abflug

Abflug maximal 1 Stunde früher und Ankunft maximal 2 Stunden später als annullierter Flug

Nein

0 bis 6 Tage vor Abflug

Abflug mehr als 1 Stunde früher und/oder

Ankunft mehr als 2 Stunden später als annullierter Flug

Ja

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Nicht­beför­derung wegen Über­buchung – das steht Ihnen zu

Flug­linien verkaufen üblicher­weise mehr Tickets, als Plätze im Flugzeug vorhanden sind. Denn einige Reisende erscheinen nicht am Gate, weil sie spontan umbuchen, stornieren oder schlicht zu spät kommen. Um ungenutzte Kapazitäten zu vermeiden, kalkulieren Fluggesell­schaften Über­buchungen ein. Erscheinen jedoch mehr Passagiere als erwartet, können einige nicht mitfliegen. Denjenigen, die freiwil­lig auf ihren Platz verzichten, bieten Air­lines Umbuchungen und Entschädigungen an. Verzichtet niemand freiwil­lig, entscheidet die Flug­linie, wer nicht mitdarf. Grund­sätzlich gilt: Wer zuerst am Gate ist, fliegt zuerst. Zurück­gelassenen steht – wie bei Verspätung oder Flug­ausfall – die Ausgleichs­zahlung nach der EU-Flug­gast­rechte­ver­ordnung zu, wenn sie wegen Über­buchung nicht mitgenommen werden, aber recht­zeitig am Gate waren.

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So setzen Sie Ihre Flug­gast­rechte durch

Flug­gäste brauchen oft Hilfe. Denn viele Fluggesell­schaften reagieren gar nicht auf Schreiben ihrer Kunden. Welche Hilfe Passagiere am besten in Anspruch nehmen, hängt von ihren Vorlieben ab. Es gibt vier verschiedene Wege zum Geld. Hier stellen wir sie vor und nennen ihre Vor- und Nachteile.

Schlichtungs­stelle Söp

Vorteil:
Chance auf volle Entschädigung. Die Berliner Schlichtungsstelle für öffentlichen Personenverkehr (Söp) vermittelt bei Streit zwischen Passagier und Fluggesell­schaft. Kunden haben hier die Chance auf volle Entschädigung ohne Kosten. Die Schlichtung ist für Verbraucher stets kostenfrei, auch bei erfolg­losem Verfahren. An das Ergebnis ist ein Passagier nur gebunden, wenn er sich auf den Vorschlag des Schlichters einlässt. Sieht die Empfehlung weniger als 100 Prozent der Entschädigung vor, kann der Kunde ablehnen und zum Beispiel noch zum Anwalt gehen.

Erstattung auch für Gepäck und Hotel­kosten. Weitere Vorteile der Söp: Flug­gäste können auch Ansprüche wegen Gepäck­schäden geltend machen und die Erstattung von Hotel­kosten fordern, die wegen einer Annullierung entstanden sind. Die Söp ist die Adresse für Kunden aller deutschen und vieler ausländischer Air­lines wie Ryanair und Easyjet. Für alle übrigen ist das Bundesamt für Justiz zuständig.

Nachteil:
Erst nach Air­line-Kontakt möglich. Wer sich an die Stelle wenden will, muss vorher selbst das Unternehmen zur Zahlung aufgefordert haben. Das ist zwar nicht schwer, Flug­gäste können dafür die kostenfreie Handyapp „Flug­ärger“ der Verbraucherzentrale Nord­rhein-West­falen nutzen (erhältlich im App Store und bei Google Play) oder unsere Musterbriefe verwenden. Dennoch scheuen einige die Mühe. Für diese Gruppe ist ein Flug­gast­rechte-Portal oder ein Sofort­entschädiger die richtige Adresse.

Manchmal dauert es. Wer sich an die Söp wendet, muss im Einzel­fall aber etwas Geduld mitbringen. Angestrebt ist zwar eine maximal dreimonatige Verfahrens­dauer. Zuletzt hat die Schlichtung in zahlreichen Fällen aber auch länger gedauert.

Hilfe vom Anwalt

Vorteil:
Mitunter schneller Weg zum Geld.
Mithilfe eines Reise­rechts­experten kann die Zahlung sehr schnell kommen. Manche Air­lines wissen, dass Juristen nach dem Ablauf einer Frist sofort klagen und zahlen dann, um nicht auch noch Prozess­kosten zahlen zu müssen. Flug­gäste finden Profis etwa über die Anwaltsdatenbank der Deutschen Gesellschaft für Reiserecht.

Nachteil:
Mandant trägt Kostenrisiko.
Wer selbst einen Anwalt einschaltet, hat immer ein Kostenrisiko. Auch zunächst ganz sicher scheinende Rechts­fälle können verloren gehen. Die Anwalts- und Gerichts­kosten trägt dann der Kunde.

Eigen­anteil bei Kunden mit Rechts­schutz­versicherung. Wegen dieses Risikos und weil es bei der Flug­gast­entschädigung nur um relativ geringe Beträge geht, kommt für viele dieser Weg nur infrage, wenn sie eine Rechts­schutz­versicherung haben. Der Streit mit einer Air­line ist über jede Rechts­schutz­versicherung versichert, es sei denn es handelt sich um eine Spezial­police, die etwa ausschließ­lich Miet­rechts-Fälle versichert. Der rechts­schutz­versicherte Mandant muss bei einer Nieder­lage nur den mit dem Versicherer vereinbarten Selbst­behalt zahlen, das sind meist 150 Euro.

Hilfe vom Inkasso-Portal für Flug­gäste

Vorteil:
Kunden haben keine Arbeit.
Fluggastrechte-Portale wie Euclaim, Fairplane oder Flight­right streiten mit Air­lines um Entschädigungen für betroffene Passagiere. Sie machen deren Forderungen gegen­über den Fluggesell­schaf­ten geltend. Kunden müssen auf der Website eines Flug­gast­rechte-Portals insbesondere ihre Flug­daten eingeben. Ein Rechner auf der Internetseite führt dann eine grobe Anspruchs­prüfung durch. Beauftragt der Passagier anschließend das Portal, versucht der Anbieter, zunächst außerge­richt­lich eine Zahlung zu erreichen. Klappt das nicht, reichen die Part­ner­anwälte der Dienste Klage ein.

Nachteil:
Entschädigung auf Klageweg dauert.
Weil die Dienste die Entschädigung teil­weise erst einklagen müssen, dauert es zum Teil mehr als ein Jahr, bis der Kunde das Geld auf seinem Konto hat – gekürzt um die Erfolgs­provision für das Portal. Das hat unser Test von vier großen Inkassoportalen gezeigt.

Provision im Erfolgs­fall. Diese Provision liegt je nach Anbieter zwischen 23 und 36 Prozent der von der Fluggesell­schaft gezahlten Entschädigung (Marktübersicht der Anbieter). Bei den Anbietern Airhelp, Flight­right, Flugrecht (Zweitmarke von Flight­right) sowie Givt kann es sogar noch teurer werden.

Bei Airhelp steigt die Provision von 35 Prozent der Entschädigung auf 50 Prozent, wenn das Portal die Entschädigung gericht­lich erstreiten musste.

Flight­right und Flugrecht erheben einen Anwalts­zuschlag in Höhe von 16,66 Prozent, wenn die außerge­richt­liche Forderungen des Portals keinen Erfolg haben und der Fall an die Part­ner­anwälte von Flight­right und Flugrecht ergeben wird. Ein Kunde von Flight­right oder Flugrecht zahlt im schlimmsten Fall somit 52,36 Prozent seiner Entschädigung als Provision. Beim Anbieter Givt steigt die Erfolgs­provision von 29 auf 49 Prozent in einem solchen Fall.

Portale mit undurch­sichtigen Preisspannen. Viele Inkassoportale nennen auf ihren Internet­seiten keine feste Erfolgs­provision, sondern eine Preisspanne (Airhelp, Fairplane, Flight­right und Flugrecht). Das macht Verbrauchern einen Preis­vergleich schwer. Sie müssen erst ihre Flug­daten und zum Teil auch persönliche Daten eingeben, um vom Portal ein individuelles Preis­angebot zu erhalten.

Außerdem müssen Kunden beachten, dass sehr viele Anbieter nur Netto­preise nennen. Die Mehr­wert­steuer kommt also noch dazu. Schreibt ein Anbieter zum Beispiel, dass die Erfolgs­provision „in der Regel 20 bis 30 Prozent zuzüglich Mehr­wert­steuer“ beträgt, muss der Kunde tatsäch­lich zwischen 23,8 und 35,7 Prozent seiner Entschädigung im Erfolgs­fall abgeben. In unserer Markübersicht geben wir stets die Preise der Anbieter inklusive Mehr­wert­steuer an.

Hilfe vom Sofort­entschädiger

Vorteil:
Schnelle Entschädigung. Kunden, die sofort und bequem ihr Geld haben wollen, fahren am besten mit den Sofortentschädigern. Der Kunde gibt auf der Internetseite eines Portals wie Compensation2go oder Euflight insbesondere seine Flug­daten ein. Der Dienst prüft, ob es sich lohnt, dem Passagier seinen Anspruch abzu­kaufen. Entschließt sich der Anbieter zum Kauf der Flug­gast­entschädigung, bekommt der Flug­gast den Kauf­preis (Wert des Entschädigungs­ansspruchs minus Abschlag je nach Anbieter) in der Regel inner­halb wenige Tage ausbezahlt und kann die Sache abhaken. Geht die Fluggesell­schaft später pleite, kann er das Geld dennoch behalten. Das Insolvenzrisiko trägt der Käufer der Forderung, also der Sofort­entschädiger.

Nachteil:
Strenge Prüfung.
Sofort­entschädiger prüfen streng, ob sie einen Flug über­haupt kaufen. In unserem Test von sechs bekannten Flug­gast­portalen (darunter die beiden Sofort­entschädiger Compensation2go und EUflight) hatten unsere Tester 21 Mal bei Sofort­entschädigern nachgefragt. 15 Mal lehnte der Anbieter den Kauf des Flugs ab, nur 6 Mal kaufte das Portal dem Kunden seinen Entschädigungs­anspruch ab.

Abzug von Entschädigung. Sofort­entschädiger zahlen nur einen Teil der Entschä­digung, die dem Kunden von der Air­line zusteht. Je nach Anbieter betragen die ­Abzüge zwischen 31 und 49 Prozent (Marktübersicht der Anbieter).

Einige Portale mit undurch­sichtigen Preisspannen. Auch bei den Sofort­entschädigern gibt es Portale, die keinen Fest­preis verlangen, sondern auf ihren Webseiten eine Preisspanne nennen (etwa EUflight). Das macht dem Verbraucher einen Preis­vergleich schwer, weil er bei Anbietern mit Preisspannen immer erst wenigs­tens die Onlineprüfung des Anspruchs mit seinen Flug­daten durch­laufen muss, um ein individuelles Preis­angebot zu erhalten. Fairplane und Flug-erstattung nennen vorab noch nicht einmal eine Preisspanne. Sie geben ein konkretes Preis­angebot erst nach der Onlineprüfung des Entschädigungs­anspruchs ab.

Vorsicht bei Anbietern, die Inkasso und Sofort­entschädigung anbieten. Viele Sofort­entschädiger bieten auch den Inkassoweg an. Das kann für Passagiere zum Problem werden, die ausschließ­lich eine Sofort­entschädigung suchen. Beispiel Fairplane:Nach Punkt 9.2 der Fairplane-Bedingungen wird ein Fall auto­matisch in den Inkassoweg („Fairplane Stan­dard“) über­führt, wenn Fairplane den Kauf des Flugs („Fairplane Express“) ablehnt. Ein Kunde landet so in einem möglicher­weise langen Inkasso­verfahren, obwohl er in erster Linie eine Sofort­entschädigung wollte.
Tipp:
Wenn Sie in erster Linie eine Sofort­entschädigung wünschen, sollten Sie Ihren Flug zunächst nur reinen Sofort­entschädigern wie Compensation2go und EUflight anbieten. Kauft keiner dieser Anbieter den Flug, kann der Passagier immer noch zur Söp, einem Inkassoportal oder zum Anwalt gehen.

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Zwei Arten Flug­gast­helfer: Inkasso­dienste und Sofort­entschädiger

Flug­linien müssen in vielen Fällen Entschädigung leisten, wenn ihre Flug­gäste das Ziel stark verspätet erreichen oder der Flug ganz ausfällt. Leider zahlen sie nicht immer freiwil­lig. Wer sich selbst die Auseinander­setzung mit der Fluggesell­schaft ersparen möchte, kann sich von Entschädigungs­diensten helfen lassen. Es gibt zwei verschiedene Arten solcher Dienste, umgangs­sprach­lich auch Flug­gast­helfer genannt: die Inkasso­dienste und die Sofort­entschädiger. Kostenlos ist deren Hilfe natürlich nicht. Im Folgenden nennen wir Kosten sowie Vor- und Nachteile dieser Entschädigungs­dienste.

Inkasso­dienste streiten für Flug­gäste

Bis zu 52 Prozent Provision. Kommerzielle Inkasso-Unternehmen wie EUclaim, Fairplane oder Flight­right streiten für Flug­gäste mit den Air­lines. Bei Erfolg erhält der Kunde die Entschädigung – abzüglich einer Provision. Diese Provision liegt je nach Anbieter zumeist zwischen 24 und 52 Prozent der von der Fluggesell­schaft gezahlten Entschädigung (siehe Tabelle unten). Geht der Kunde zum Beispiel zu einem Inkassoportal mit einer Erfolg­provision in Höhe von 30 Prozent und zahlt die Air­line durch seine Hilfe später zum Beispiel 600 Euro aus, bekommt der Flug­gast nur 420 Euro ausgezahlt.

Grobe Onlineprüfung. Die meisten Flug­gast­helfer bieten auf ihren Internet­seiten kostenlose Rechner. Damit prüfen sie vorab grob, ob der Flug­gast eine Chance auf Geld von der Air­line hat. Gibt der Online-Entschädigungs­rechner grünes Licht, und beauftragt der Kunde das Portal ihn anschließend, schickt der Entschädigungs­dienst ein Forderungs­schreiben an die Air­line. Um die Entschädigung von der Flug­linie fordern zu können, braucht das Portal eine schriftliche Voll­macht des Kunden und Nach­weise über die Verspätung oder Absage.

Streit kann dauern. Bleiben die außerge­richt­lichen Forderungs­schreiben ohne Erfolg und sehen die Inkasso­dienste Chancen, vor Gericht zu gewinnen, beauftragen sie spezialisierte Anwälte mit der weiteren Vertretung. Weil die Dienste mitunter klagen müssen, um die Air­line zu einer Zahlung zu bewegen, dauert es manchmal viele Monate, bis Passagiere ihre Entschädigung haben. In unserem Test bekannter Flug­gast­portale kamen 13 von 39 Testern mit Hilfe von Inkasso­diensten zu ihrer Entschädigung (abzüglich der Erfolgs­provision fürs Portal). 5 dieser 13 Inkasso­kunden mussten allerdings mehr als 1 Jahr lang auf das Geld warten.

Alternative für Eilige: Sofort­entschädiger

Schnelles Geld. Wegen der zum Teil langen Warte­zeiten bei den Inkasso­diensten haben einige Entschädigungs­dienste neue Wege gesucht, um Passagieren zu ihrem Geld zu verhelfen: die Sofort­entschädigung. Dienst­leister wie Compensation2go oder EUflight kaufen ausgewählten Flug­gästen ihren Entschädigungs­anspruch gegen die Air­line ab. Der Kunde bekommt sofort Geld und kann die Sache gedank­lich sofort abhaken.

Oft Ablehnung. Allerdings prüfen die Sofort­entschädiger streng, ob sie dem Flug­gast ihren Entschädigungs­anspruch gegen die Air­line abkaufen. In unserem Flug­gast­portale-Test untersuchten wir die Sofort­entschädiger Compensation2go, EUflight und Fairplane. Fairplane bietet den Inkassoweg („Fairplane Stan­dard“) und Sofort­entschädigung („Fairplane Express“) an. Unsere 39 Tester fragten dort insgesamt 21 Mal nach. 15 Mal lehnte das Portal den Flug ab, nur 6 Mal kaufte das Portal den Entschädigungs­anspruch.

Kosten. Dem Flug­gast werden je nach Anbieter zwischen 30 und 50 Prozent der Entschädigungs­summe abge­zogen (siehe Tabelle unten).

Beispiel: Ein Passagier ist auf einer Lang­strecke Opfer einer großen Ankunfts­verspätung geworden. 600 Euro stehen ihm von der Air­line zu. Er geht zu einem Sofort­entschädiger. Der kauft ihm den Anspruch gegen die Air­line mit einem Abschlag von 40 Prozent ab. Der Kunde verkauft seine Forderung an den Sofort­entschädiger und erhält als Kauf­preis inner­halb weniger Tage 360 Euro ausgezahlt.

Viele Entschädigungs­dienste wie Captain Frank, Fairplane oder Myflyright bieten auch beide Wege an: das Inkasso und die Sofort­entschädigung. Flug­gästen, die in erster Linie an einer Sofort­entschädigung interes­siert sind, raten wir, ihren Flug zuerst reinen Sofort­entschädigern wie Compensation2go oder EUflight anzu­bieten. Nehmen diese den Fall nicht an, kann sich der Kunde immer noch über­legen, ob er seinen Fall doch bei der Schlichtungs­stelle Söp oder einem Portal mit Inkassoweg anbietet.

Unser Rat: Spar­same Flug­gäste gehen zur Schlichtungs­stelle

Schlichtungs­stelle anschreiben. Weil die Entschädigungs­dienste alle mit recht hohen Kosten verbunden sind, empfiehlt die Stiftung Warentest grund­sätzlich, zuerst seinen Anspruch selbst bei der Air­line zu stellen, und – wenn das nicht zum Erfolg führt – sich mit der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Söp) in Verbindung zu setzen. Das Verfahren ist für Verbraucher kostenfrei. Der Kunde hat dort die Chance, 100 Prozent der Entschädigung ohne Abzüge zu bekommen. Wie der Jahres­bericht der Schlichtungs­stelle zeigt, reicht oftmals schon der Eingang der Beschwerde bei der Söp und die Air­lines zahlen inner­halb weniger Wochen die Entschädigung – ohne lange Auseinander­setzung.

Flug­ärger-App oder Muster­brief nutzen. Es gibt mehrere Wege, um die Ansprüche selbst bei der Air­line geltend zu machen. Sie können die Smartphone-App „Flug­ärger“ der Verbraucherzentrale Nord­rhein-West­falen nutzen (erhältlich im App Store und beibei Google Play). Oder Sie nutzen die Online-Anträgen auf den Internet­seiten der Fluggesell­schaften (So fordern Sie Entschädigung). Schließ­lich bieten wir auf test.de einen Musterbrief an, mit dem Sie die Air­line zur Zahlung auffordern können. Wem diese Schritte zu mühsam sind, der wendet sich direkt an einen Inkasso­dienst oder einen Sofort­entschädiger.

Irreführende Google-Werbung mit „Söp“ und „Flug­ärger App“

Wenn Verbraucher nach der Schlichtungs­stelle Söp oder der Flug­ärger App der Verbraucherzentrale Nord­rhein-West­falen googeln, tauchen über den eigentlichen Sucher­gebnissen mitunter Anzeigen von kommerziellen Flug­gast­portalen auf, die Verbraucher in die Irre führen können.

Bis vor Kurzem erschien etwa folgende Anzeige des Inkassoportals EUclaim, wenn man nach der „Flug­ärger App“ googelte: „Flug­ärger App | Nicht ärgern – EUclaim fragen | EUclaim.de“. ‎EUClaim hat mit der App der Verbraucherschützer aber nichts zu tun und macht seine Kunden auf der eigenen Internetseite auch gar nicht auf die App aufmerk­sam.

Beim Portal Myflyright sah es jüngst ähnlich aus: Gab man bei Google das Wort „Söp“ ein, erschien die Anzeige: „söp | Jetzt Entschädigung einfordern | myflyright.com“. Wer auf die Anzeige klickte, landete aber keineswegs bei der für Verbraucher kostenfreien Schlichtungs­stelle, sondern beim kommerziellen Flug­gast­portal Myflyright.

Unser Kommentar: Die Portale sollten ihre Google-Werbung so schalten, dass es zu keinen Verwechs­lungen mit der Söp oder der Flug­ärger App kommen kann. test.de hat Myflyright Anfang Februar 2020 diesbezüglich ange­schrieben. Kurz darauf verschwand die Werbung mit Söp-Bezug aus der Google-Suche. Auch EUclaim hat die irreführende Anzeige inzwischen abge­schaltet.

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So viel kostet die Hilfe der Entschädigungs­dienste

Passagiere, die keine Arbeit haben wollen und bereit sind, zwischen 20 und 50 Prozent ihrer Entschädigung abzu­geben, können einen Flug­gast-Entschädigungs­dienst einschalten. Notfalls klagt der Dienst sogar vor Gericht. Flug­gast­rechte-Portale kürzen die Entschädigung bei Erfolg um ihre Provision. Sofort­entschädiger zahlen gleich Geld aus, gekürzt um ihre Provision.

Tabelle: Flug­gast­rechte-Portale (Inkasso)

Flug­gast­rechte-Portal (Gründungs­jahr)

Abzug von Entschädigung (Erfolgs­provision)

Anmerkungen

Flug­gast­rechte-Portal (Gründungs­jahr)

Abzug von Entschädigung (Erfolgs­provision)

Anmerkungen

Airhelp.com (2013)

35 bis 50 Prozent

50 Prozent Provision, wenn gericht­liche Schritte nötig sind

Aviclaim.de (2016)

30,25 Prozent

Captain-frank.com (2017)

23,8 Prozent

Claimflights.de (2014)

26,78 Prozent

Complane.de (2017)

28,56 Prozent

EUclaim.de (2007)

29,75 Prozent

Kunden haben über EUclaim-Account Einblick in die gesamte Korrespondenz des Portals und der Anwälte mit der Air­line (etwa Mahn­schreiben, Urteile).

Fairplane.de (2011)

(Fairplane Stan­dard)

24 bis 35 Prozent

Fairplane hat in der Vergangenheit eine hohe Anzahl höchst­richterlicher Gerichts­entscheidungen erwirkt und zählt damit zu den erfahrenen Anbietern.

Flightright.de (2010)

23,8 bis 52,36 Prozent

Anwalts­zuschlag: Die Provisions­spanne bei Flight­right.de beträgt grund­sätzlich 23,8 bis 35,7 Prozent. Hat Flight­right.de zur Durch­setzung des Entschädigung­anspruchs einen externen Anwalt beauftragt, wird zusätzlich ein „Anwalts­zuschlag“ in Höhe von 16,66 Prozent fällig.

Flight­right hat in der Vergangenheit eine hohe Anzahl höchst­richterlicher Gerichts­entscheidungen erwwirkt und zählt damit zu den erfahrenen Anbietern.

Flug-erstattung.de (2016)

26,18 Prozent

Flugrueckerstattung.de (2012)

31,25 Prozent

Flug-verspaetet.de (2011)

29,75 Prozent

Flugrecht.de (2014)

23,8 bis 52,36 Prozent

Die Provisions­spanne bei Flugrecht.de beträgt grund­sätzlich 23,8 bis 35,7 Prozent. Hat Flugrecht.de zur Durch­setzung des Entschädigung­anspruchs einen externen Anwalt beauftragt, wird zusätzlich ein „Anwalts­zuschlag“ in Höhe von 16,66 Prozent fällig.

Flugrecht setzt Forderungen gegen­über den Air­lines gemein­sam mit Flight­right durch. Daher profitieren Flugrecht-Kunden von der Erfahrung Flight­rights.

Givt.com (2016)

29 oder 49 Prozent

49 Prozent Provision, wenn Givt-Part­ner­anwalt mit Durch­setzung der Entschädigung beauftragt wird.

Myflyright.com (2016)

29,75 Prozent

297,50 Euro „Bearbeitungs­gebühr“ von Kunde zu zahlen, wenn er gegen­über Myflyright falsche Angaben macht und die Air­line deshalb die Entschädigung ablehnt.

Passengersfriend.de (2015)

36 Prozent

Refund.me (2012)

29,75 Prozent

Muss das Portal wegen einer Forderung die spanischen Gerichte einschalten, müssen Kunden 35 Euro extra zahlen.

Trustfly.de (2016)

26,18 Prozent

Trustfly kann Vergleichs­angebot der Air­line ohne Zustimmung des Kunden annehmen, wenn diese 80 Prozent der Entschädigung anbietet.

Wirkaufendeinenflug.de (2015)

29,75 Prozent

Stand: 16. März 2020

      Tabelle: Sofort­entschädiger

      Sofort­entschädiger (Gründungs­jahr)

      Abzug von Entschädigung

      Anmerkungen

      Sofort­entschädiger (Gründungs­jahr)

      Abzug von Entschädigung

      Anmerkungen

      Captain-frank.com (2017)

      35,7 Prozent

      Compensation2go.com (2016)

      34,5 Prozent

      Ersatz-pilot.de (2017)

      25 bis 40 Prozent

      Bei Lang­stre­cken­flug Abzüge zwischen 25 und 29 Prozent, bei Kurz­stre­cken­flug Abzüge zwischen 33,6 und 40 Prozent

      EUflight.de (2016)

      30,94 bis 42,84 Prozent

      Flug-erstattung.de (2016)

      Wird individuell fest­gelegt

      Bis zu 400 Euro Auszahlung möglich

      Fairplane.de (2011)

      (Fairplane Express)

      Wird individuell fest­gelegt

      Abzug beträgt in Rechenbei­spielen auf Fairplane-Website 49 Prozent.

      Fairplane hat in der Vergangenheit eine hohe Anzahl höchst­richterlicher Gerichts­entscheidungen erwirkt und zählt damit zu den erfahrenen Anbietern.

      Myflyright.com (2016)

      41,65 Prozent

      297,50 Euro „Bearbeitungs­gebühr“ von Kunde zu zahlen, wenn er gegen­über Myflyright falsche Angaben macht und die Air­line deshalb die Entschädigung ablehnt.

      Passengersfriend.de (2015)

      49 Prozent

      Wirkaufendeinenflug.de (2015)

      41,65 Prozent

      Stand: 16. März 2020

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          Gepäck­verspätung: Was Flugreisenden zusteht

          Gepäck­band. Kommt der Koffer nicht, dürfen Urlauber den Reise­preis mindern.

          Kommt das Gepäck zu spät an, dürfen Reisende auf fremde Kosten Notwendiges neu kaufen. Wie viel dürfen sie ausgeben?

          Kosten müssen im Rahmen bleiben

          Drei Tage zu spät traf das Gepäck einer Urlauberin im Hotel ein, die eine Woche Spanien gebucht hatte. Um nicht tage­lang mit denselben Sachen herum­zulaufen, kleidete sie sich neu ein. Sie kaufte Blusen, Hosen, Schuhe und Kosmetik. Das kostete 465 Euro – zu viel, fand das Amts­gericht Köln. Zwar dürfen Urlauber auf Kosten des Reise­ver­anstalters neue Sachen kaufen, aber sie müssen den Schaden in Grenzen halten. Das heißt: Er muss nur ersetzen, was plausibel und angemessen ist. Ein einfacher Bade­anzug ist okay, nicht aber teure Marken­artikel. Einige Air­lines bieten ein Notpaket mit Wäsche an.

          Reise­preis mindern

          Im Kölner Fall hielt das Gericht 150 Euro Entschädigung für ausreichend (Az. 142 C 392/ 14). Das entspricht etwa dem, was auch andere Gerichte meinen. Der Urlauber kann zusätzlich mit einer Minderung des Reise­preises rechnen – oft 15 bis 30 Prozent des Tages­preises. Im Kölner Fall kostete die einwöchige Reise 893 Euro – also 127,57 Euro pro Tag. Das Gericht entschied auf 15 Prozent Minderung, also 19,14 Euro pro Tag. Für drei Tage ohne Koffer bekam die Frau also 57,42 Euro, zusätzlich zu den 150 Euro für Ersatz­käufe.

          Mit Bring­service

          Meist tauchen Koffer, die nach Umstei­geflügen fehlgeleitet wurden, nach wenigen Tagen wieder auf. Der Reise­ver­anstalter oder die Flug­linie müssen sie kostenlos ins Hotel bringen. Bleibt das Gepäck verschwunden, haften sie im Regelfall mit maximal gut 1 400 Euro pro Passagier. Urlauber müssen belegen, welchen Wert der Koffer­inhalt hatte. Bargeld, Schmuck und Dokumente sollten Reisende vorsichts­halber im Hand­gepäck mitnehmen.

          Tipp: Kommt der Koffer nicht an, sollten Sie es sofort im Flughafen am Lost-and-Found-Schalter melden. Informieren Sie auch unver­züglich den Reise­ver­anstalter – am besten vor Zeugen. Der Reiseleiter sollte das schriftlich bestätigen. Ist er nicht erreich­bar, informiert man den Veranstalter in Deutsch­land per Mail oder Telefon, ebenfalls unter Zeugen. Das Hotel ist nicht zuständig.

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          Dieses Special ist erst­mals am 18. Februar 2014 auf test.de erschienen. Es wurde seitdem regel­mäßig aktualisiert, zuletzt am 16. Juni 2020. Ältere Nutzer­kommentare beziehen sich dementsprechend auf frühere Fassungen.

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