Flug­gast­rechte Der Weg zur Entschädigung

22.04.2021
Flug­gast­rechte - Der Weg zur Entschädigung
Alles cancelled? Die EU-Flug­gast­rechte­ver­ordnung regelt die Passagierrechte bei Flug­ausfall, Verspätung und Über­buchung. © picture alliance / dpa / Patrick Pleul

Bis zu 600 Euro müssen Air­lines bei Verspätung, Flug­ausfall oder Über­buchung zahlen. Hier lesen Sie, was Ihnen zusteht – und wie Sie Ihre Rechte als Fluggast durchsetzen.

Inhalt

Das Wichtigste in Kürze

Was Sie über Ihre Rechte als Flug­gast wissen sollten

Recht.
Haben Sie Ihren Ziel­flughafen erst mit einer Verspätung von drei Stunden oder mehr erreicht, wurde Ihr Flug annulliert oder wurden Sie wegen Über­buchung nicht mitgenommen, können Ihnen je nach Strecke zwischen 250 und 600 Euro Entschädigung zustehen. Voraus­setzung: Der Start­flughafen oder der Haupt­sitz der Air­line müssen in der EU liegen.
Entschädigung in Corona-Zeiten.
Die Corana-Pandemie hat zu vielen Flugannullierungen und Reise­beschränkungen geführt. Die Europäische Kommis­sion hat im März 2020 in einer Auslegungsleitlinie ihre Rechts­auffassung zu den Passagierrechten in Zeiten der Corona-Krise erklärt. Danach steht Flug­gästen etwa dann keine Entschädigung zu, wenn Behörden bestimmte Flüge verbieten oder den Personen­verkehr „in einer Weise untersagen, die de facto die Durch­führung des betreffenden Flugs ausschließt“. Aber auch wenn die Fluggesell­schaft die Annullierungs­entscheidung selbst treffe, nach­weislich „aus Gründen des Gesund­heits­schutzes der Besat­zung“, stehe dem Flug­gast keine Entschädigung zu. Allerdings stellt die Kommis­sion auch klar: Die Air­lines haben weiterhin die Pflicht, Flug­gäste zu betreuen. Das heißt für Passagiere, die wegen einer Annullierung über Tage im Ausland fest­stecken: Die Fluggesell­schaft muss sie auf ihre Kosten angemessen in einem Hotel unterbringen bis sie nach Hause können. Die Auslegungs­leit­linien der EU-Kommis­sion sind kein Gesetz, also für Gerichte nicht verbindlich. Sie werden von Richtern in Prozessen aber durch­aus berück­sichtigt.
Ticket­erstattung in Corona-Zeiten.
Auch wenn Air­lines nach einer coronabe­dingten Flugannullierung keine Entschädigung zahlen müssen: zur Erstattung der Ticket­kosten sind sie verpflichtet. Einen Gutschein statt Bargeld müssen Passagiere nicht akzeptieren.
Außergewöhnliche Umstände.
Manche Fluggesell­schaften führen Annullierungen oder Verspätungen einfach auf „außergewöhnliche Umstände“ zurück und zahlen nicht. Was die Recht­sprechung als entschuldigenden außergewöhnlichen Umstand ansieht und was nicht, steht in unserer Urteilsübersicht Fluggastrechte.
Frist.
Sie haben ab Ende des Jahres, in dem der Flug lag, drei Jahre Zeit, um Ihren Anspruch geltend zu machen. Bis Ende 2021 können Sie also noch Entschädigung und Erstattung für Flüge aus dem Jahr 2018 verlangen.
Ansprüche bei Air­line stellen.
Wenden Sie sich erst an die Air­line. Dabei helfen unsere Musterbriefe. Oft können Sie die Entschädigung aber auch über ein Online-Formular auf der Internetseite der Fluggesell­schaft beantragen (Links zu den Online-Anträgen der Air­lines finden Sie im Unter­artikel So fordern Sie Entschädigung). Alternativ können Sie auch die Smartphone-App „Flug­ärger“ der Verbraucherzentrale Nord­rhein-West­falen nutzen. Sie hilft, Ihre Ansprüche gegen die Air­line zu ermitteln und diese am Ende über eine von der App erzeugte E-Mail bei der Fluggesell­schaft geltend zu machen (die App gibts im App Store und bei Google Play).
Schlichtung.
Blockt die Air­line Ihre Forderungen ab, können Sie sich an einen Schlichter wenden. Ist die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (söp) nicht zuständig, leitet sie Ihre Beschwerde an die Schlichter beim Bundesjustizamt weiter. Verläuft die Schlichtung erfolg­los, kann Ihnen ein Anwalt oder ein Inkasso­dienst helfen.

Verspätung, Annullierung, Über­buchung – das gilt grund­sätzlich

Anspruch auf Entschädigung. Verspätet sich ein Flug um drei Stunden und mehr am Endziel oder wird er sogar gestrichen (Annullierung), haben Passagiere Anspruch auf pauschale Entschädigung für die verlorene Zeit. Dies gilt auch, wenn die Fluggesell­schaft einzelne Passagiere nicht befördert, etwa weil die Maschine über­bucht ist. Im Juristen­deutsch heißt die Entschädigung „Ausgleichs­zahlung“.

EU-Regelung. Grund­lage ist immer die Fluggastrechteverordnung Nummer 261/2004 der Europäischen Union (EU). Diese Verordnung können Flug­gäste für eine finanzielle Entschädigung heran­ziehen. Wichtige Voraus­setzung: Der Flug ist von ­einem Flughafen in der EU gestartet oder wurde von einem Unternehmen mit Sitz in der EU durch­geführt und das Flugziel lag in einem Mitglieds­staat.

Höhe der Entschädigung. Wie viel Geld der Passagier bekommt, richtet sich nach der Flug­distanz. Bei Verbindungen mit Anschluss­flügen zählt die direkte Luft­linie zwischen Start und Ziel („Groß­kreis­methode“), unabhängig von der tatsäch­lich zurück­gelegten Flug­strecke. Je nach Stre­ckenlänge beträgt die Entschädigung 250 bis 600 Euro pro Person. Wer die Entfernung zwischen zwei Flughäfen errechnen will, um die Entschädigungs­höhe zu bestimmen, kann das bequem online tun, etwa über die Website Luftlinie.org. Die Entschädigungs­höhe ist unabhängig vom Ticket­preis. Die Pauschalen stehen also auch Nutzern von Billiga­irlines in voller Höhe zu, auch wenn sie nur 10 Euro für ihr Ticket bezahlt haben.

Klein­kinder. Auch Klein­kindern steht ein voller Entschädigungs­betrag zu, sofern die Eltern für sie einen Flugpreis bezahlt haben. Ob das Kind einen eigenen Sitz­platz hatte, ist unerheblich. Nur wenn das Kind tatsäch­lich kostenfrei mitgeflogen ist, muss die Air­line es nicht entschädigen (Bundes­gerichts­hof, Urteil vom 17. März 2015, Az. X ZR 35/14). Die Fluggesell­schaft Tuifly hat jüngst in einem Gerichts­verfahren vor dem Amts­gericht Hannover versucht, um die Entschädigung für ein Kleinkind herum­zukommen. Für das Kind – zum Zeit­punkt des Fluges weniger als ein Jahr alt – hatten die Eltern 15 Euro pro Flug­strecke gezahlt.

Tuifly argumentierte, die 15 Euro seien kein Ticket­preis, sondern nur eine Verwaltungs­gebühr. Damit scheiterte die Air­line aber vor Gericht. Tuifly hatte in den Flug­unterlagen für die Eltern geschrieben: „Klein­kinder im Alter von 0 bis einschließ­lich 1 Jahr zahlen 15 EUR pro Flug­strecke“. Daraus ergibt sich nach Ansicht des Gerichts, dass die 15 Euro ein reduzierter Flugpreis und nicht bloß eine Verwaltungs­gebühr sind (Amts­gericht Hannover, Urteil vom 4. Juni 2020, Az. 515 C 12585/19).

In welchen Fällen die Air­line nicht zahlen muss

Außergewöhnliche Umstände. Die Gründe für Verspätungen und Ausfälle sind vielfältig: Unwetter, Vulkan­asche, Streik und tech­nische Probleme an der Maschine sind nur einige Beispiele. Knack­punkt beim Prüfen eines Entschä­digungs­anspruchs ist die Frage, ob außer­gewöhnliche Umstände vorlagen. Konnte ­die Fluggesell­schaft das Ereignis weder beein­flussen noch vermei­den? In diesem Fall gehen Passagiere leer aus. Eindeutig ist das nicht immer. Regel­mäßig treffen die höchsten Gerichte grund­sätzliche Entscheidungen zu der Frage, was außergewöhnliche Umstände sind und was nicht (Urteilsliste). Liegen keine vor, gibt es eine Entschädigung.

Air­line beweis­pflichtig. Wichtig: Geht ein Fall, in dem eine Fluggesell­schaft unter Hinweis auf außergewöhnliche Umstände eine Zahlung verweigert, vor Gericht, muss sie diese Umstände belegen. Die Air­line muss nicht nur den außergewöhnlichen Umstand – etwa: Flug­zeugschaden durch Vogel­schlag – nach­weisen, sondern auch, dass sie alles Zumut­bare getan hat, um den Passagier trotz der Widrigkeit recht­zeitig ans Ziel zu bringen. Gerade das gelingt den Air­lines aber manchmal nicht. So gewinnen Passagier dann sogar Fälle, die auf den ersten Blick für Passagiere nicht erfolg­versprechend aussehen. Darum sollten Flug­gäste die Flug­daten stets auch bei verschiedenen Online-Flug­gast­helfern eingeben. Vielleicht über­nimmt einer von ihnen den Fall.

In diesen Fällen darf die Entschädigung halbiert werden

In einigen Fällen muss die Air­line zwar zahlen, darf die pauschale Entschädigungs­summe (250 bis 600 Euro je nach Flug­entfernung) an den Passagier aber um 50 Prozent kürzen.

  • Bei Verspätungen: Bei Lang­stre­ckenflügen (mehr als 3500 Kilo­meter Flug­strecke), wenn die Verspätung am Ziel­flughafen zwar mehr als drei Stunden aber weniger als vier Stunden beträgt.
  • Bei Flug­ausfall (Annullierung) und Über­buchung: Wenn die Air­line einen Ersatz­flug organisiert, der bei Kurz­stre­ckenflügen (Distanz bis 1 500 Kilo­meter) das Ziel nicht später als zwei Stunden im Vergleich zur ursprüng­lichen Ankunft erreicht. Bei Flügen mit einer Distanz bis 3 500 Kilo­metern (und bei Flügen inner­halb der EU mit einer Distanz von mehr als 1 500 Kilo­metern) darf die Air­line den Anspruch um 50 Prozent kürzen, sofern der Ersatz­flug das Ziel nicht später als drei Stunden im Vergleich zur ursprüng­lichen Ankunft erreicht. Bei einer Flug­distanz von mehr 3 500 Kilo­metern darf die Air­line den Anspruch des Kunden halbieren, wenn der Ersatz­flug nicht später als vier Stunden im Vergleich zur plan­mäßigen Ankunft das Ziel erreicht.

Flug­gast­rechte auch für Pauschal­urlauber

Auch Pauschal­reisende haben diese Entschädigungs­ansprüche gegen­über der Fluggesell­schaft bei Annullierungen und Ankunfts­verspätungen von drei oder mehr Stunden. Vielen ist das nicht bewusst, weil sie den Reise­vertrag ja mit dem Reise­ver­anstalter abge­schlossen haben. Aber die europäische Flug­gast­rechte­ver­ordnung gilt auch für Urlauber, die von einem Veranstalter ein Urlaubspaket mit Flug gebucht haben.

Pauschal­reise: Zwei Ansprüche bei Flug­ärger

Es kommt gar nicht so selten vor, dass Pauschal­reisende zwei Ansprüche auf Geld haben.

  • Minderung. Einen Anspruch auf Reise­preis­minderung nach deutschem Pauschal­reiserecht gegen­über dem Veranstalter, wenn etwa ein Flug ausgefallen ist und der Ersatz­flug so spät geht, dass die Nacht­ruhe des ersten Urlaubs­tages erheblich beein­trächtigt ist.
  • Entschädigung. Und einen zweiten Anspruch nach der europäischen Flug­gast­rechte­ver­ordnung, weil der ursprüng­lich angesetzte Flug annulliert wurde oder der Flug erst mit einer Verspätung von mindestens drei Stunden am Urlaubs­ziel ange­kommen ist.

Verrechnung der Zahlungen

Allerdings gilt: Erhält ein Pauschal­urlauber für denselben Ärger (etwa eine Flugannullierung), sowohl vom Veranstalter als auch von der Air­line Geld, findet eine Anrechnung statt. Hat der Urlauber schon eine Reise­preis­erstattung vom Veranstalter erhalten, ist das bei der Forderung gegen­über der Air­line anzu­rechnen – und umge­kehrt.

Beispiel: Ein Reisender hat für die Annullierung vom Veranstalter 80 Euro bekommen und macht anschließend seinen Anspruch auf eine Entschädigung in Höhe von 250 Euro bei der Air­line geltend. Diese muss ihm nur 170 Euro auszahlen.

Flug­gast­rechte­ver­ordnung lukrativer

Aus dem Beispiel wird erkenn­bar: Für Pauschal­reisende ist die Verspätungs­entschädigung von der Air­line nach der europäischen Flug­gast­rechte­ver­ordnung in der Regel lukrativer als die Reise­preis­minderung vom Veranstalter.

Air­line muss auch für Hotel und Verpflegung sorgen

Passagieren, die von Annullierung, Verspätung oder Nicht­beför­derung wegen Über­buchung betroffen sind, stehen aber nicht nur bis zu 600 Euro als pauschale Entschädigungs­zahlung zu. Solange die Kunden noch nichts ans Flugziel gebracht sind, muss die Air­line sich auch um die Verpflegung, notwendige Hotel­unterbringung und Trans­port zwischen Hotel und Flughafen kümmern (die Details der EU-Verordnung). Anspruch auf Verpflegung und Hotel­unterbringungen haben Passagiere sogar dann, wenn die Air­line die Zahlung einer Entschädigung wegen eines außergewöhnliche Umstands verweigern kann.

Beispiel: Das Flugzeug muss repariert werden, weil der Reifen während der Landung des Vorflugs durch einen Fremdkörper beschädigt wurde. Der Flug muss ausfallen, die Passagiere werden auf den Flug am nächsten Morgen umge­bucht. Der Unfall zählt als außergewöhnlicher Umstand, eine finanzielle Entschädigung gibt es dafür nicht (Urteile Fluggastrechte). Die Fluggesell­schaft bleibt dennoch verpflichtet, die Passagiere bis zum Weiterflug zu verpflegen und unter­zubringen.

Erstattung, wenn Flug­gast in Vorkasse gehen muss

Leider betreuen die Air­lines ihre Passagiere nicht immer so wie vom Gesetz­geber vorgesehen. Manchmal werden Kunden mit Anschluss­flug einfach am Flughafen der Zwischen­landung allein gelassen, wenn der Zubringer­flug zu spät ankam und dadurch der Anschluss verpasst wurde. Passagiere, die Hotel und Verpflegung dann selbst bezahlen, können aber anschließend Erstattung von der Fluggesell­schaft verlangen.

Wichtig: Die Erstattung der Hotel- und Verpflegungs­kosten gibt es zusätzlich zu der pauschalen Entschädigung für die Annullierung oder Verspätung (es sei denn ein außergewöhnlicher Umstand war der Grund für die Flug­probleme). Es findet in diesem Fall keine Verrechnung von Entschädigung und Erstattung statt. Etwas anderes gilt aber bei Hotel­kosten, die nach einem verpatzen Flug entstehen.

Beispiel: Kommt ein Flug­gast bei einem Kurz­stre­cken­flug so spät am Ziel­flughafen an, dass er im Flughafenhotel für 150 Euro über­nachten muss, handelt es sich um die Folge­kosten eines mangelhaft durch­geführten Fluges. Nach deutschem Recht muss die Air­line für solche Folge­kosten gerade­stehen. Der Flug­gast hat zwar zwei Ansprüche: nach Europarecht Anspruch auf pauschal 250 Euro von der ­Air­line (Ausgleichs­zahlung) und nach deutschem Recht auf 150 Euro Schadenersatz für die nach Landung notwendig gewordene Hotel­über­nachtung. Aber: Der Anspruch auf Erstattung der Hotel­kosten wird mit der Ausgleichs­zahlung verrechnet. Das folgt aus einem Urteil des Bundes­gerichts­hofs vom 6. August 2019 (Az. X ZR 128/18). Im Beispiels­fall erhält der Kunde also nicht insgesamt 400 Euro, sondern nur 250 Euro von der Air­line. Mehr müsste die Air­line nur zahlen, wenn die Hotel­kosten über der Ausgleichs­zahlung in Höhe von 250 Euro lägen und der Flug­gast diese Hotel­kosten bei der Air­line mit Quittungen belegen könnte.

Flug­verspätung – das steht Ihnen zu

Wie viel Entschädigung gibt es? Verspätet sich die Ankunft am Ziel­flughafen um wenigs­tens drei Stunden, haben Flug­gäste je nach Flug­strecke Anspruch auf bis zu 600 Euro Entschädigung. Das ergibt sich aus einer Grundlagenentscheidung des Europäischen Gerichts­hofs aus dem Jahr 2009. Eine Entschädigung ist auch dann möglich, wenn die Verspätung erst bei einem direkten Anschluss­flug im Nicht-EU-Ausland entsteht.

Was gilt als Ankunfts­zeit? Als Ankunfts­zeit­punkt zählt recht­lich nicht, wann der Passagier am Ziel­flughafen das Flugzeug verlassen hat. Auch das Aufsetzen auf der Landebahn („Touchdown“) ist nicht entscheidend. Maßgeblich ist der Moment, wenn mindestens eine Flug­zeugtür geöffnet wird – sofern den Flug­gästen das Verlassen des Flug­zeugs gestattet ist (EuGH, Az. C-452/13). Wenn der Flug­gast etwa mit dem Musterschreiben der Stiftung Warentest bei der Air­line seinen Entschädigungs­anspruch geltend macht, reicht es aber aus, wenn er als Ankunfts­zeit­punkt den Moment angibt, in dem er persönlich das Flugzeug verlassen hat. In einer recht­lichen Auseinander­setzung vor Gericht muss die Air­line dann vortragen, wann die erste Tür geöffnet wurde.

Flug­ausfall – das steht Ihnen zu

Wird ein Flug von der Air­line annulliert, können Betroffene eine Umbuchung einfordern oder die Beför­derung ganz ablehnen und Erstattung ihrer Ticket­kosten verlangen (EU-Rechtsgrundlage).

Wahl­recht. Der Flug­gast entscheidet, ob er wegen des Flug­ausfalls auf einen anderen Flug umbucht oder lieber auf den Flug verzichtet und eine Erstattung des Ticket­preises verlangt.

Ersatz­flug ohne Zusatz­kosten. Von Kunden, die eine Umbuchung auf einen späteren Flug wählen, kommen immer wieder Beschwerden, dass die Air­line diese Umbuchung nur gegen Zahlung eines Aufpreises vornehmen will. Das Argument: der Ersatz­flug sei teurer ist als das ursprüng­liche Ticket. Recht­lich ist die Air­line verpflichtet, einen Ersatz­flug unter „unter vergleich­baren Reisebedingungen“ anzu­bieten. Das heißt nach Ansicht des Land­gerichts Köln: Die Umbuchung darf nichts zusätzlich kosten (einst­weilige Verfügung gegen die Luft­hansa, Beschluss vom 14. Mai 2020, Az. 31 O 85/20). So sieht es auch die Europäische Kommis­sion in ihrer Leitlinien zur Auslegung der Fluggastrechteverordnung (Seite 14 des Dokuments, unter Punkt 4.2).

Erstattung des Tickets. Entscheidet sich der Flug­gast für die Rück­erstattung des Ticket­preises, kann die Air­line einen Gutschein anbieten. Der Passagier muss das Angebot aber nicht annehmen. Besteht der Flug­gast auf die Erstattung, muss die Fluggesell­schaft den Flugpreis binnen sieben Tagen in bar durch Über­weisung oder Scheck erstatten. Die Verbraucherzentrale Nord­rhein-West­falen bietet ein Musterschreiben zur Flugpreiserstattung nach Annullierung an. Alternativ kann die Rück­erstattung auch über die „Flug­ärger-App“ der Verbraucherzentrale geltend gemacht werden. Allerdings erst 48 Stunden nach dem ursprüng­lichen Abflugdatum des annullierten Flugs.

Achtung: Hat ein Kunde den annullierten Flug nicht direkt bei der Fluggesell­schaft gebucht, sondern etwa über die Internetseite eines Flug­vermitt­lers, behaupten einige Air­lines, dass die Erstattung über den Flug­vermittler beantragt werden müsse. Das ist nicht korrekt. Die „ausführende Fluggesell­schaft“ ist zur Erstattung des Ticket­preises verpflichtet – nicht der Flug­vermittler (Artikel 5 in Verbindung mit Artikel 8 der europäischen Fluggastrechteverordnung). Kunden können ihr Geld also direkt von der Fluggesell­schaft verlangen.

Zusätzlich Entschädigung. Egal wie sich Passagiere entscheiden: Sie haben bei Flug­ausfall außerdem einen Anspruch auf eine pauschale Entschädigung in Höhe von 250 bis 600 Euro (je nach Flug­distanz).

Es kann sogar sein, dass der Flug­gast für die gleiche Flugreise eine zweite Entschädigung in gleicher Höhe bekommt. Nämlich dann, wenn es bei dem Alternativ­flug, auf den der Flug­gast nach der Annullierung des ursprüng­lichen Fluges umge­bucht wurde, noch einmal zu Flug­ärger kommt. Das hat der Europäische Gerichts­hof im März 2020 entschieden (Rechtssache C-832/18).

Beispiel: Ein Kunde bucht einen Flug von Frank­furt am Main nach Singapur. Weil die Maschine einen tech­nischen Defekt hat, annulliert die Fluggesell­schaft seinen Flug am Abflugtag und bucht die Passagiere auf eine Maschine am nächsten Tag. Aber auch der Alternativ­flug hat tech­nische Probleme. Er kommt deshalb in Singapur erst mit einer Verspätung von sechs Stunden an. Den betroffenen Flug­gästen stehen sowohl für den annullierten Flug als auch für den verspätet ange­kommenen Ersatz­flug 600 Euro, also insgesamt 1 200 Euro zu.

Landung auf einem anderen als dem gebuchten Ziel­flughafen. Landet ein Flugzeug nicht auf dem im Flugti­cket bezeichneten Ziel­flughafen, sondern auf einem anderen Flughafen (Beispiel: Berlin-Schöne­feld statt Berlin-Tegel), kann das recht­lich eine Annullierung des ursprüng­lich gebuchten Fluges sein (EuGH, Urteil vom 22. April 2022, Az. C-826/19). Die Folge: dem Flug­gast steht eine Entschädigung von bis zu 600 Euro zu. Das gilt aber dann nicht, wenn der ursprüng­liche geplante Ziel­flughafen und der tatsäch­lich angeflogene Ziel­flughafen in derselben Stadt oder Region liegen. Die Air­line muss einem Flug­gast dann keine Entschädigung zahlen, aber zum ursprüng­lich geplanten Ziel­flughafen weitertrans­portieren. Bietet sie einen solchen Trans­port nicht an, kann der Flug­gast den Weitertrans­port auf eigene Kosten organisieren und von der Air­line Erstattung verlangen.

Kein Anspruch bei früher Information über Flug­ausfall. Manchmal informiert die Air­line ihre Kunden schon Wochen vor Abflug über eine Flugannullierung. Das hat Auswirkungen. Denn der Entschädigungs­anspruch entfällt, wenn Flug­gäste mindestens 14 Tage vor dem plan­mäßigen Abflug von der Fluggesell­schaft über die Annullierung informiert werden. Kommt die Nach­richt über die Annullierung kurz­fristiger, hängt der Anspruch von den Flug­zeiten des Ersatz­fluges ab.

Tabelle: Ausfall­informationen und Fristen

Information über Flug­ausfall

Abflug- und Ankunfts­zeiten des Ersatz­fluges

Entschädigung

7 bis 13 Tage vor Abflug

Abflug maximal 2 Stunden früher und Ankunft maximal 4 Stunden später als annullierter Flug

Nein

7 bis 13 Tage vor Abflug

Abflug mehr als 2 Stunden früher und/oder Ankunft mehr als 4 Stunden später als annullierter Flug

Ja

0 bis 6 Tage vor Abflug

Abflug maximal 1 Stunde früher und Ankunft maximal 2 Stunden später als annullierter Flug

Nein

0 bis 6 Tage vor Abflug

Abflug mehr als 1 Stunde früher und/oder

Ankunft mehr als 2 Stunden später als annullierter Flug

Ja

Über­buchung – das steht Ihnen zu

Flug­linien verkaufen üblicher­weise mehr Tickets, als Plätze im Flugzeug vorhanden sind. Denn einige Reisende erscheinen nicht am Gate, weil sie spontan umbuchen, stornieren oder schlicht zu spät kommen. Um ungenutzte Kapazitäten zu vermeiden, kalkulieren Fluggesell­schaften Über­buchungen ein.

Erscheinen jedoch mehr Passagiere als erwartet, können einige nicht mitfliegen. Denjenigen, die freiwil­lig auf ihren Platz verzichten, bieten Air­lines Umbuchungen und Entschädigungen an. Verzichtet niemand freiwil­lig, entscheidet die Flug­linie, wer nicht mitdarf. Grund­sätzlich gilt: Wer zuerst am Gate ist, fliegt zuerst. Zurück­gelassenen steht – wie bei Verspätung oder Flug­ausfall – die Ausgleichs­zahlung nach der EU-Flug­gast­rechte­ver­ordnung zu, wenn sie wegen Über­buchung nicht mitgenommen werden, aber recht­zeitig am Gate waren.

Gepäck­verspätung – das steht Ihnen zu

Flug­gast­rechte - Der Weg zur Entschädigung
Gepäck­band. Kommt der Koffer nicht, dürfen Urlauber den Reise­preis mindern. © iStockphoto

Kommt das Gepäck zu spät an, dürfen Reisende auf fremde Kosten Notwendiges neu kaufen. Wie viel dürfen sie ausgeben?

Kosten müssen im Rahmen bleiben

Drei Tage zu spät traf das Gepäck einer Urlauberin im Hotel ein, die eine Woche Spanien gebucht hatte. Um nicht tage­lang mit denselben Sachen herum­zulaufen, kleidete sie sich neu ein. Sie kaufte Blusen, Hosen, Schuhe und Kosmetik. Das kostete 465 Euro – zu viel, fand das Amts­gericht Köln. Zwar dürfen Urlauber auf Kosten des Reise­ver­anstalters neue Sachen kaufen, aber sie müssen den Schaden in Grenzen halten. Das heißt: Er muss nur ersetzen, was plausibel und angemessen ist. Ein einfacher Bade­anzug ist okay, nicht aber teure Marken­artikel. Einige Air­lines bieten ein Notpaket mit Wäsche an.

Reise­preis mindern

Im Kölner Fall hielt das Gericht 150 Euro Entschädigung für ausreichend (Az. 142 C 392/ 14). Das entspricht etwa dem, was auch andere Gerichte meinen. Der Urlauber kann zusätzlich mit einer Minderung des Reise­preises rechnen – oft 15 bis 30 Prozent des Tages­preises. Im Kölner Fall kostete die einwöchige Reise 893 Euro – also 127,57 Euro pro Tag. Das Gericht entschied auf 15 Prozent Minderung, also 19,14 Euro pro Tag. Für drei Tage ohne Koffer bekam die Frau also 57,42 Euro, zusätzlich zu den 150 Euro für Ersatz­käufe.

Mit Bring­service

Meist tauchen Koffer, die nach Umstei­geflügen fehlgeleitet wurden, nach wenigen Tagen wieder auf. Der Reise­ver­anstalter oder die Flug­linie müssen sie kostenlos ins Hotel bringen. Bleibt das Gepäck verschwunden, haften sie im Regelfall mit maximal gut 1 400 Euro pro Passagier. Urlauber müssen belegen, welchen Wert der Koffer­inhalt hatte. Bargeld, Schmuck und Dokumente sollten Reisende vorsichts­halber im Hand­gepäck mitnehmen.

Tipp: Kommt der Koffer nicht an, sollten Sie es sofort im Flughafen am Lost-and-Found-Schalter melden. Informieren Sie auch unver­züglich den Reise­ver­anstalter – am besten vor Zeugen. Der Reiseleiter sollte das schriftlich bestätigen. Ist er nicht erreich­bar, informiert man den Veranstalter in Deutsch­land per Mail oder Telefon, ebenfalls unter Zeugen. Das Hotel ist nicht zuständig.

Dieses Special wird fort­laufend aktualisiert. Jüngstes Update: 22. April 2021. Nutzer­kommentare können sich auf eine ältere Fassung beziehen.

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