Flug­gast­rechte Special

Der Streit mit einer Flug­linie nach Verspätung oder Ausfall eines Fluges ist häufig frustrierend. Hilfe bekommen Reisende bei den neuen Schlichtungs­stellen. Und wer auf diesem Wege nicht zur gewünschten Entschädigung kommt, kann sich vom Anwalt oder vom Inkasso­dienst helfen lassen. Die Experten von Finanztest beschreiben die besten Wege zur Entschädigung.

„Sorry, der Pilot war krank“

Flug­gast­rechte Special

50 Euro bot die Luft­hansa dem Ehepaar Gierl – für sechs Stunden Verspätung. Über den Dienst­leister Fair­plane bekamen sie 500 Euro.

Ein Pilot war krank, eine Entschädigung für die Verspätung gibt es nicht. Das bekamen sowohl Erwin Gierl als auch Roger Wildner von der Luft­hansa zu hören, nachdem ihre Flüge jeweils rund sechs Stunden verspätet am Ziel ankamen. Beide gaben sich damit nicht zufrieden. Sie forderten einen Ausgleich nach der EU-Flug­gast­rechte­ver­ordnung. Am Ende hatten sie Erfolg. Erwin Gierl und seine Frau bekamen zusammen 500 Euro für ihren Flug von Nizza nach München. Roger Wildner und seine Part­nerin erhielten für ihren Rück­flug von Indien nach Deutsch­land 1 200 Euro. An ihr Geld kamen die Paare auf unterschiedlichen Wegen. Die Gierls nutzten den Inkasso­dienst Fairplane und mussten ihm 135 Euro für seine Arbeit bezahlen, als der Erfolg fest­stand. Die Firma hatte die Entschädigung durch­gesetzt und das Kostenrisiko über­nommen. Roger Wildner kam mit einem Anwalt zum Erfolg. Die Kosten musste die Luft­hansa tragen.

Zwei Schlichtungs­stellen helfen

Seit dem 1. November 2013 können verärgerte Flug­gäste auch eine Schlichtungs­stelle zur außerge­richt­lichen Beilegung des Streits mit der Air­line einschalten. Finanztest beleuchtet die Vor- und Nachteile der drei Wege zum Geld. Die neue Möglich­keit der Schlichtung ist für Flug­gäste besonders attraktiv: Sie ist kostenlos und eröffnet die Chance auf eine Entschädigung ohne Abzüge. Wildner und Gierl konnten sie noch nicht nutzen. Ihre Flüge fanden 2012 statt. Die Schlichter kümmern sich nur um Neufälle seit November 2013. An die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Söp) in Berlin können sich alle wenden, die mit Air Berlin, Luft­hansa, Germania, Germanwings, Condor oder Tuifly geflogen sind. Auch viele ausländische Fluggesell­schaften wie etwa Ryanair und Easyjet sind ange­schlossen. Ist die Söp nicht zuständig, kann die Schlichtungsstelle beim Bundesjustizamt helfen. Beide Stellen kümmern sich aber derzeit nicht um Beschwerden von Geschäfts­reisenden.

Schlichtung auch bei Gepäck­ärger

Bevor ein Schlichter tätig wird, muss der Flug­gast versucht haben, seine Ansprüche direkt bei der Air­line geltend zu machen. Erst nach zwei Monaten ohne Erfolg sind die Schlichter dran. Beschwerdeformulare finden sich auf den Internet­seiten der Schlichtungs­stellen. Die Schlichter kümmern sich nicht nur um Entschädigungen für verspätete oder gestrichene Flüge. Sie sind auch zuständig, wenn Gepäck verloren­gegangen ist oder die Fluggesell­schaft eine notwendige Taxi­fahrt oder Hotel­über­nachtung nicht bezahlt. Die privaten Inkasso­dienste EUclaim, Fairplane, Flight­right und Refund.me verfolgen solche Ansprüche für den Flug­gast dagegen nur in Einzel­fällen.

Der Weg über die Flug­gast­helfer

Ein Schlichter­spruch ist sowohl für den Flug­gast als auch für die Air­line unver­bindlich. Akzeptiert die Fluggesell­schaft eine für den Passagier güns­tige Schlichtungs­empfehlung nicht, muss er seinen Anspruch auf anderem Weg weiterverfolgen. In der Regel wird er dann die Hilfe eines Rechts­anwalts oder eines der privaten Inkasso­dienste benötigen. Für Erwin Gierl und seine Frau war der Inkasso­dienst Fairplane die richtige Adresse. Sechs Monate, nachdem sie ihren Fall dort einge­reicht hatten, zahlte die Luft­hansa die anfangs verweigerten 500 Euro. Davon gingen 135 Euro an Fairplane und die übrigen 365 Euro an das Paar Gierl. Viel Arbeit hatten die beiden Bayern nicht. Sie mussten lediglich ihre Flug­daten auf der Internetseite von Fairplane eingeben, die Flugti­ckets an das Unternehmen schi­cken und dem Anwalt von Fairplane eine Voll­macht erteilen.

Im Erfolgs­fall gibt es eine Provision

Die Unternehmen betreiben das Inkasso für den Flug­gast notfalls mit Rechts­anwalt und Klage. Zahlt die Fluggesell­schaft schließ­lich, erhält die Firma eine Erfolgs­provision, je nach Anbieter bis zu 30 Prozent (siehe Tabelle). Kann der Anbieter für den Passagier nichts erreichen, hat dieser keine Kosten. Anwalt und Gericht bezahlt der Inkasso­dienst. Die Dienste sind auch eine Alternative für alle Flug­gäste, die sich scheuen, ihre Ansprüche gegen­über der Fluggesell­schaft zunächst einmal selbst zu formulieren. Selbst für Kunden mit Rechts­schutz­versicherung sind sie interes­sant. Denn wer die Versicherung einschaltet und verliert, muss oft eine Selbst­beteiligung von 150 Euro zahlen.

Erfolg mit einem Rechts­anwalt

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Roger Wildner und Part­nerin half der Dienst Flight­right nicht. Mit einem Anwalt bekam das Paar für eine sechs­stündige Flug­verspätung 1 200 Euro.

Roger Wildner und seine Part­nerin Brigitte Willimek waren allerdings nicht zufrieden mit ihrem Dienst­leister. Vier Monate, nachdem das Paar seinen Fall der Firma Flightright zur Prüfung übergeben hatte, meldete diese sich mit einer negativen Entscheidung. Die Chance, vor Gericht eine Ausgleichs­zahlung durch­zusetzen, sei in Wildners Fall als äußerst schlecht einzustufen, heißt es in der Absage. Roger Wildner ließ sich dennoch nicht entmutigen. Er ging zum Anwalt. Dieser forderte die Luft­hansa schriftlich auf, 1 200 Euro zu zahlen, und hatte neun Tage später die Zusage. Bei Flight­right hätten Wildner und seine Part­nerin von den 1 200 Euro rund 360 Euro Erfolgs­provision abgeben müssen. Nun bleibt ihnen die Summe ohne Abzüge, denn die Kosten für den Anwalt muss die Fluggesell­schaft über­nehmen.

Nicht für jeden die richtige Adresse

Wildners Erfahrung zeigt, dass die Dienste nicht für jeden die richtige Adresse sind. Eine Absage von dort bedeutet nicht zwangs­läufig, dass der Flug­gast keinen Anspruch auf eine Entschädigung hat. Flight­right-Geschäfts­führer Philipp Kadelbach hält die ablehnende Antwort an Roger Wildner für einen Einzel­fall. Inzwischen hat die Firma aus Potsdam ein „Qualitäts­versprechen“ einge­führt. Jeder, der mit Flight­right keinen Erfolg hat, aber anschließend mit einem Anwalt, einer Schlichtungs­stelle oder einem anderen Inkasso­dienst zum Ziel kommt, soll von Flight­right nach­träglich 50 Euro erhalten.

Dienste sehen Schlichtung kritisch

Den Start der Schlichtungs­stellen sehen die gewinn­orientierten Inkasso­dienste kritisch. Sie befürchten, dass die Flug­gäste über die Schlichtung nur einen Bruch­teil der Entschädigung erreichen, die ihnen zusteht. Einen Versuch sind die Schlichter aber auf jeden Fall wert. Denn recht­lich riskieren die Kunden nichts. Während des Schlichtungs­verfahrens können die Rechte der Flug­gäste nicht verjähren. Und wenn ihnen das Ergebnis nicht gefällt, können sie immer noch andere Wege gehen.

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