Interview: Gefangene statt Urlauber

Fluggastrechte Meldung

Hendrik J. Noorderhaven, Chef der Firma EUclaim.de, die Passagieren hilft, ihre Rechte durchzusetzen.

Wie häufig sind Annullierungen auf Europas Flughäfen?

Bei täglich etwa 24 000 Flügen in der EU werden nur rund 1,5 Prozent annulliert. Das klingt wenig, aber es sind immerhin 360 Flüge – jeden Tag. Zum Vergleich: In den USA liegt die Quote bei etwa 3,5 Prozent.

Welche Gründe nennen die Fluggesellschaften dafür?

Fast immer höhere Gewalt, das ist die Standardausrede. Technikprobleme, Schlechtwetter, bei British Airways waren auch schon mal zu wenige Stewardessen angeblich höhere Gewalt. Das halten wir natürlich für Unsinn: Die Airlines sollten schon in der Lage sein, ausreichend Personal einzuplanen.

Klar. Aber viele Ausreden können Normalkunden kaum nachprüfen.

Genau da liegt das Problem. Wenn Airlines die Unwahrheit sagen, sind die Kunden überfordert – aber wir nicht. Unser EDV-System erhält täglich die Daten von zwölf Millionen Flugbewegungen weltweit, dazu die Wetterdaten aller kommerziellen Flughäfen. Damit können wir sie packen. Anhand der Nummer des Flugzeugs können wir nachverfolgen, dass der wahre Grund für den Ausfall schlicht darin lag, dass es ganz woanders eingesetzt wurde.

Das heißt, Passagiere werden bewusst sitzengelassen?

Wir haben zum Beispiel einen Tuifly-Flug, der wegen Defekts abgesagt wurde, allerdings schon zwei Tage vor dem Start. Nach unseren Daten waren an dem Tag alle Tui-Maschinen planmäßig im Einsatz, bis auf eine: Die flog als Gefangenentransport von London nach Kingston, das war offenbar lukrativer.

Es gab also gar keinen Flieger, der kaputt am Boden stand.

Und das ist kein Einzelfall. Ryanair sagte einen Flug von Bordeaux nach Paris wegen Nebel ab. Es herrschte tatsächlich Nebel in Paris. Aber für den Termin waren dort 47 Landungen geplant, nur eine nicht: die aus Bordeaux. Unsere EDV hat festgestellt, dass gar kein Ryanair-Flugzeug in Bordeaux stand.

Haben Sie oft Erfolg, wenn Kunden sich mit so etwas an Sie wenden?

Zunächst können Betroffene auf unserer Seite www.euclaim.de unverbindlich checken, ob sie Ansprüche haben. Geben sie uns den Auftrag, fordern wir eine Stellungnahme der Airline. In jedem vierten Fall liefern die eine plausible Erklärung. Wo nicht, fordern wir die Ausgleichszahlung ein, meist mit Erfolg. 27 Prozent davon behalten wir als Honorar, 73 Prozent erhält der Kunde.

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