Flugausfälle Meldung

Streiks, Vulkanasche, Unruhen: Tausende Flüge sind in den vergangenen Wochen wegen höherer Gewalt ausge­fallen. Doch auch dann haben Kunden umfangreiche Rechte. test.de klärt auf.

Urlaub verschoben, Geschäftsterminverpasst, am Flughafen gestrandet: „Noch immer warten tausende Passagiere auf die Anerkennung ihrer Rechte“, so der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, John Dalli. Viele Reisende melden sich gar nicht erst, weil sie glauben, bei höherer Gewalt stünden ihnen ohnehin keine Ansprüche zu – doch das stimmt nicht. Hier die wichtigsten Fragen:

Mein Flug wurde gestrichen wegen „höherer Gewalt“. Muss die Airline das Ticket erstatten?

Ja, Sie können den vollen Preis zurückverlangen. Ein Gutschein reicht nicht. Sie haben die Wahl zwischen Preiserstattung und anderweitiger Beförderung ans Ziel zum frühestmöglichen Zeitpunkt. Auch wer bei einem Zwischenstopp gestrandet ist, kann den vollen Preis zurückverlangen, zusätzlich die Rückbeförderung an den Abflugort.

Gilt ein Streik als höhere Gewalt?

Als höhere Gewalt gilt ein unvorhersehbares, betriebsfremdes Ereignis, das auch bei größter Sorgfalt nicht abzuwenden war. Zum Beispiel Krieg, Unruhen, Naturkatastrophen, Epidemien. Ein Streik, etwa der Fluglotsen, kann dazu gehören. Doch wenn es die eigenen Piloten sind, sehen viele Juristen keine höhere Gewalt. Höchstrichterlich wurde das aber bisher nicht geklärt.

Ich musste stundenlang am Flughafen warten. Ab wann habe ich Anspruch auf Essensgutscheine?

Ab zwei Stunden stehen Fluggästen laut EU-Verordnung 261/2004 Mahlzeiten zu, Getränke, zwei Telefonate, Faxe oder E-Mails und Hotel, falls nötig. Das ist verschuldensunabhängig, gilt also auch bei höherer Gewalt – egal ob Pauschalreise oder nur Flug, so das Bundesjustizministerium. Bei Flügen bis 1 500 Kilometer reichen zwei Stunden Verspätung, bis 3 500 Kilometer drei Stunden, darüber vier Stunden. Wenn die Airline nichts anbietet, können Sie sich auf eigene Faust versorgen und später die Rechnung einreichen. Die sollte aber preislich angemessen sein. Viele Airlines mauern aber bei solchen Ansprüchen. Billigflieger Ryanair hat erst nachdem eine Millionenstrafe angedroht wurde, eingewilligt, Kosten zu begleichen, die mit Rechnung belegt werden.

Gilt die EU-Verordnung nur in Europa?

Sie gilt für alle Fluggesellschaften von EU-Staaten – und auch für Nicht-EU-Airlines, wenn der Abflugort innerhalb der EU liegt.

Beispiel: Ein Direktflug von Antalya nach München mit AirBerlin unterliegt der EU-Verordnung. Bietet aber Turkish Airlines den Flug an, ist sie nicht anwendbar – auch nicht, wenn der Hinflug von Deutschland aus startete. Wichtig: War Turkish Airlines gebucht, übernahm dann aber Condor den Flug, greift die EU-Verordnung doch. Entscheidend ist, wer den Flug ausführt.

Wir haben eine Pauschalreise nach Thailand gebucht. Was, wenn sie nun wegen neuerlicher Unruhen ausfällt?

Falls die Unruhen so zunehmen, dass sie die Reise zu gefährlich machen, darf der Veranstalter kündigen. Er muss Ihnen dann das Geld erstatten. Davon abziehen darf er Vorleistungen, wenn er zum Beispiel ein Visum beschafft oder Ihnen vorab Reiseliteratur geschickt hat. Fallen Stornokosten an, zum Beispiel für gebuchte Ausflüge oder für das Hotel, müssen Sie die Hälfte davon übernehmen, so die Rechtsprechung.

Tipp: Sie können stattdessen vom Reiseveranstalter auch verlangen, dass er Sie dann ohne Aufpreis auf eine gleichwertige Ersatzreise umbucht.

Wir haben eine Woche Griechenland gebucht, aber wegen des Streiks dort flogen wir erst drei Tage später.

Sie hätten den Vertrag kündigen können, denn bei einer nur einwöchigen Reise sind drei fehlende Tage ein erheblicher Mangel. Bei einer zweiwöchigen Reise kann das aber schon anders sein. Der Veranstalter hätte dann den vollen Preis erstatten müssen. Wegen der Verspätung dürfen Sie nun den Preis anteilig für die versäumten Urlaubstage mindern. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, sich mit dem Veranstalter darauf zu einigen, die ganze Reise um ein paar Wochen zu verschieben. Dann hätten sich aber weitere Ansprüche erübrigt.

Wir haben nur den Flug gebucht und auf eigene Faust Hotel und Mietwagen. Wer zahlt jetzt das Storno?

Auf diesen Kosten bleiben Sie sitzen, denn die Airline ist nur für den Flug zuständig. Auch Geschäftsleute, die wegen eines ausgefallenen Fluges einen lukrativen Auftrag verpassen, erhalten keinen Ausgleich.

Erhalten wir wenigstens die Ausgleichszahlung laut EU-Verordnung?

Nein, die Ausgleichszahlung – je nach Strecke 200, 400 oder 600 Euro – greift nicht bei höherer Gewalt. Sie ist wie ein pauschalierter Schadenersatz. Und Schadenersatz setzt ein Verschulden voraus.

Was passiert, wenn der Rückflug ausfällt und wir am Urlaubsort festsitzen?

Flugausfälle Meldung

Bei Flugausfall auf dem Flughafen übernachten, das muss niemand. Die EU-Verordnung spricht Fluggästen selbst bei höherer Gewalt Anspruch auf kostenlose Hotelunterkunft, Mahlzeiten und Getränke zu.

Bei Pauschalreisen bleibt der Veranstalter auch bei höherer Gewalt verpflichtet, die Urlauber zurückzubringen. Mehrkosten für einen teureren Flug darf er zur Hälfte auf den Kunden umlegen. Wer keine Pauschalreise, sondern nur den Flug gebucht hat, hat laut EU-Verordnung Anspruch auf kostenlose Ersatzbeförderung zum frühestmöglichen Zeitpunkt – notfalls auch mit einer anderen Airline. „Denn dass nur ein Flugzeug derselben Fluglinie gemeint ist, davon steht nichts in der EU-Verordnung“, erklärt der Frankfurter Reiserechtsexperte Professor Dr. Ronald Schmid.

Wir saßen in der Türkei fest und mussten das Hotel selbst zahlen.

Eigentlich muss der Reiseveranstalter diese Kosten tragen, und viele tun das anstandslos. Er kann aber auch den Reisevertrag wegen höherer Gewalt kündigen, und dann stehen Pauschalurlauber tatsächlich mit der Rechnung allein da. Anders Reisende, die nur den Flug gebucht haben: Ihnen stehen laut EU-Verordnung bis zur anderweitigen Beförderung „Betreuungsleistungen“ zu, also auch Hotelübernachtungen. Das gilt für alle Fluglinien, die von einem europäischen Flughafen abfliegen, bei Abflügen nach Europa aber nur für EU-Airlines.

Beispiel: Sitzt der Reisende in Teneriffa fest, weil der Zielflughafen Hamburg geschlossen ist, stehen ihm Betreuungsleistungen zu – nicht aber bei einem Rückflug aus Ägypten mit Egypt Air.

Die EU-Verordnung bestimmt nicht, wie viele Hotelnächte zu zahlen sind. „Meines Erachtens bedeutet das, dass diese Unterstützungsleistungen so lange gezahlt werden müssen, bis der Kunde anderweitig zurückbefördert wird“, so Professor Schmid.

Da die Fluglinie keinen Ersatz anbot, bin ich mit der Bahn nachhause gefahren. Wird das Ticket ersetzt?

Das ist nicht sicher. Zwar hätte die Airline eine andere Beförderung anbieten müssen, doch wenn die Fahrkarte deutlich teurer war, ist fraglich, inwieweit Sie zur „Ersatzvornahme“ berechtigt waren. Die Rechtsprechung dazu ist nicht einheitlich.

Tipp: Wenn die Bahn etwa so viel kostete wie der Rückflug, ist es einfacher, den Flugpreis zu fordern. Dazu sind Sie berechtigt.

Zahlt die Reiserücktrittsversicherung?

Nein, denn höhere Gewalt ist kein versichertes Risiko.

Wo kann ich mich beschweren?

Offizielle Beschwerdestelle ist das Luftfahrt-Bundesamt. Es kann aber nur prüfen und nicht Schadenersatz für den Fluggast durchsetzen: Hermann-Blenk-Straße 26, 38108 Braunschweig, fluggastrechte@lba.de. Außerdem gibt es die Schlichtungsstelle öffentlicher Personenverkehr: Fasanenstraße 81, 10623 Berlin, kontakt@soep-online.de, Telefon 0 30/64 49 93 30.

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