Flug­angst Test

Herz­rasen, Zittern, Atemnot – Flug­angst kann jeden treffen. Etliche Betroffene vermeiden das Fliegen ganz, verzichten auf Urlaubs­reisen in ferne Länder. Berufs­tätige haben meist keine Wahl und nehmen den Stress beim Fliegen in Kauf. Hilfe versprechen Seminare gegen Flug­angst von ein bis zwei Tagen Dauer. Die Stiftung Warentest hat drei Kurse geprüft. Einer war sehr gut.

16 Prozent der Deutschen leiden unter Flug­angst

Geschäfts­reisen sind für Sabine Sauer­land* ein Graus. „Flüge stressen mich“, sagt die Ingenieurin. „Mir wird übel und schwindelig. Ich komme völlig erschöpft am Ziel an.“ Zur Beruhigung hat sie manchmal schon zu Tabletten gegriffen. Mit ihrer Flug­angst ist sie nicht allein. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allens­bach leiden 16 Prozent der Deutschen darunter, weiteren 22 Prozent ist unbe­haglich beim Fliegen. Treffen kann es jeden – ob jung oder alt, Frau oder Mann, Sekretärin oder Manager. Die Gründe für die Angst vorm Fliegen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Der eine fürchtet, dass die Technik versagt, der andere miss­traut den Piloten. Nicht immer muss ein schlechtes Erlebnis Auslöser sein. Selbst Personen, die noch nie geflogen sind, können Ängste entwickeln. Etliche Betroffene vermeiden das Fliegen ganz, verzichten auf Urlaubs­reisen in ferne Länder. Berufs­tätige haben meist keine Wahl. „Zugfahrten kosten mich zu viel Zeit“, sagt Sabine Sauer­land.

Seminare im Test

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Hilfe versprechen Seminare gegen Flug­angst. „Endlich entspannt fliegen“ oder „Gemein­sam besiegen wir ihre Ängste“, werben die Anbieter dieser nicht gerade billigen, ein- bis zwei­tägigen Kurse. Die Veranstalter bieten sie bundes­weit in großen Städten an. Was bringt so ein Crashkurs? Lässt sich die Angst damit abschalten? Die Stiftung Warentest hat für diesen Test sieben Seminare ausgewählt, an denen Test­personen mit Flug­angst – darunter auch Sabine Sauer­land – inkognito teilnehmen sollten. Mit einem test-Qualitäts­urteil bewerten konnten wir nur drei Testtabelle, da angekündigte Kurse bei vier Anbietern zu oft ausfielen Seminare abgesagt.

Die Angst „verlernen“

Das Konzept der Kurse ähnelt sich: Mit Informationen zur Flug­zeug­technik, Aufklärung und Strategien gegen die Angst bereiten die meist von Psycho­logen geleiteten Seminare aufs Fliegen vor. Fundiert und teilnehmer­orientiert gelang das bei der Agentur Texter-Millott und bei SkyCair. Die erste Lektion, die Flug­ängst­liche lernen müssen: Vermeidung bringt nichts. „Wer die Angst bewältigen will, muss sich ihr stellen und nach psycho­logischer Vorbereitung tatsäch­lich fliegen“, sagt Dr. Andreas Mühl­berger, Psycho­loge an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. So können Betroffene neue, positive Erfahrungen sammeln und die Angst „verlernen“.

790-Euro-Seminar mit Flug

Im besten Fall gehen die Teilnehmer schon im Kurs in die Luft. Beim Testsieger ist ein begleiteter Flug fester Bestand­teil des 790 Euro teuren Seminars. Bei SkyCair und Flug­angst24.de können Interes­senten den Kurs auch ohne Flug buchen. Das ist deutlich güns­tiger. Wer es sich leisten kann, sollte den betreuten Flug dazu­buchen. Vorab jedoch stellten die Kurs­leiter Strategien zur Angst­bewältigung vor, zum Beispiel Entspannungs- und Atem­übungen. Sie sollen helfen, typische Reaktionen des Körpers bei Angst wie Zittern oder Atemnot zu kontrollieren. Wer körperlich entspannt ist, empfindet weniger Angst. Besonders geeignet bei Flug­angst ist die progressive Muskel­entspannung. Dabei werden Muskel­gruppen kurz angespannt, etwa die Fäuste geballt, und dann wieder gelo­ckert. „Die Techniken wurden uns einge­impft und immer wieder geübt“, sagt ein Tester bei der Agentur Texter-Millott. Flug­angst drückt sich nicht nur körperlich, sondern auch in Gedanken aus. Auch dafür gab es Hilfe­stel­lungen. Bei Flug­angst24.de zum Beispiel übten die Teilnehmer, hoch­kommende Katastrophen­gedanken „raus­zuwerfen“ und sich beruhigende Fakten vor Augen zu führen.

Pilot informiert, dann der „Ernst­fall“

Flug­angst Test

Vorbereitung. Ein Pilot erklärt, warum Flugzeuge nicht einfach so vom Himmel fallen können.

In allen drei Kursen erhielten die Teilnehmer Informationen über Technik, Wetterphänomene und Flug­abläufe, meist aus erster Hand von einem Piloten.

Die Kurs­teilnehmer lernten, dass ein Flugzeug selbst bei einem kompletten Trieb­werks­ausfall noch mehr als 100 Kilo­meter segeln kann oder dass alle wichtigen Instru­mente im Cock­pit zweimal vorhanden sind – falls eines ausfällt. „Das war beruhigend und vor allem sehr glaubwürdig, weil es jemand vom Fach war“, sagt ein Tester bei der Agentur Texter-Millott.

Flug­angst Test

Trocken­übung. Im stehenden Flugzeug trainieren die Teilnehmer, bewusst zu atmen. Ein Psycho­loge ist immer dabei.

Oft ging dieser Kurs­teil mit der Besichtigung eines parkenden Flug­zeugs einher. Zum Abschluss der „Ernst­fall“: zwei betreute Flüge inner­halb Deutsch­lands – hin und zurück. „Es hat funk­tioniert dank Atem­übungen und positiver Gedanken“, freut sich ein Tester bei SkyCair. „Ich hatte die Angst im Griff.“ Psycho­loge Andreas Mühl­berger erklärt: „Während des Flugs stellen die Teilnehmer nicht nur fest, dass sie die Angst aushalten können, sondern merken auch, dass diese lang­sam abnimmt.“ Damit der Effekt nicht gleich nach­lässt und sich die Angst erneut aufbaut, sollten Betroffene nach dem Kurs schnell wieder fliegen.

Flug­angst Test

Ernst­fall. Während des Flugs nimmt die Angst lang­sam ab. Die Teilnehmer merken: Fliegen ist gar nicht so schlimm.

Unser Fazit ist positiv: Ein solide aufgebautes Seminar kann der erste Schritt sein, um Flug­angst zu mindern. Auch Sabine Sauer­land ist jetzt besser gewappnet. Besonders geholfen haben ihr die Erläuterungen zur Technik. „Nun kann ich Geräusche und Abläufe viel besser einschätzen.“

Doch nicht jeder schafft es, in den Flieger zu steigen. „Manchmal ist eine intensi­vere Behand­lung in Form einer Psycho­therapie notwendig, etwa wenn neben der Flug­angst noch andere Ängste im Spiel sind“, sagt Psycho­loge Mühl­berger. Außerdem sollten die Veranstalter Krankheiten vorab erfragen. Für Menschen mit Asthma, Herz-Kreis­lauf- oder psychischen Erkrankungen sind die Kurse nur bedingt geeignet.

Tipp: Eine kostenlose Check­liste zeigt, was ein Kurs sonst noch bieten sollte, zu finden auf www.test.de/checkliste-flugangst.

*Name von der Redak­tion geändert.

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