Vor genau einem Jahr hat die Flex­strom AG mit ihren Tochter­unternehmen OptimalGrün und Löwenzahn Energie Insolvenz angemeldet. Gemessen an der Gläubigerzahl von 835 000 ist dies das bislang größte Insolvenz­verfahren in Deutsch­land. Nun wurde auch die Höhe der Forderungen bekannt. test.de berichtet über den Stand des Verfahrens und sagt, was ehemalige Flex­strom-Kunden tun können, die ihre Forderungen noch nicht angemeldet haben.

Forderungen von über einer halben Milliarde Euro

Gläubiger des insolventen Stromanbieters Flex­strom und seiner Tochter­unternehmen OptimalGrün und Löwenzahn Energie können mit einer Rück­zahlung rechnen. Das teilte der Insolvenz­verwalter, die Kanzlei White Case LLP, mit. Wie viel Geld die Gläubiger wieder­sehen, ist noch immer völlig offen. „Über die Höhe und den Zeit­punkt der Rück­zahlungen lässt sich derzeit nichts Verläss­liches sagen“, sagt Rechts­anwältin Astrid Düring von White Case LLP. Bekannt ist aber inzwischen, dass die Gläubiger Forderungen in Höhe von rund 511 Millionen Euro angemeldet haben.

Nach­melden kostet Gebühr

Seit Flex­strom am 12. April 2013 Insolvenz angemeldet hat, konnte der Insolvenz­verwalter mehr als 835 000 Gläubiger ermitteln. Bislang haben davon aber erst rund 600 000 ihre Forderungen angemeldet. Die Frist zur Anmeldung der Forderung ist zwar bereits verstrichen, es ist aber immer noch möglich, Forderungen nach­zumelden. Hierzu wird jedoch seit Jahres­beginn eine Gebühr von 20 Euro berechnet. Zur Forderungs­anmeldung sollten Kunden ein Formular mit Barcode verwenden. Solch ein Formular kann per Mail unter der Adresse insoberlin@whitecase.com ange­fordert werden. Wer nun über­legt, ob sich der „Einsatz“ von 20 Euro zur Nach­meldung der Forderungen lohnt, sollte bedenken, dass die Insolvenzmasse meistens nicht reicht, um alle Forderungen voll­ständig zu bedienen. Hinzu kommt: Bei einem Insolvenz­verfahren rangieren die einfachen Kunden mit ihren Ansprüchen weit hinten. Vorrangig werden andere Gläubiger wie beispiels­weise das Finanz­amt bedient und die Kosten für die Insolvenz­verwaltung bezahlt. Erst anschließend kommen die Strom­kunden zum Zug. Sie erhalten oft nur einen kleinen Teil des Gelds zurück.

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Rund 1 500 Stadt­werke betroffen

Besonders schmerzlich ist die Insolvenz für Kunden, die Vorkassetarife abge­schlossen haben. Sie stellen nach Angaben des Insolvenz­verwalters die größte Gläubigergruppe dar. Sie haben ihren Jahres­strom­verbrauch im Voraus bezahlt. Jetzt ist ihr Geld Teil der Insolvenzmasse. Auch bei rund 1 500 Stadt­werken stand Flex­strom in der Kreide. Hinzu kommen einige Netz­betreiber und das Finanz­amt.

Insolvenz war keine Über­raschung

Schon im Winter 2012 gab es Medienbe­richte, dass es Flex­strom wirt­schaftlich schlecht ginge. Zehn­tausende Kunden warteten damals auf versprochene Bonus-Zahlungen. Einige regionale Netz­betreiber belieferten Flex­strom­kunden schon nicht mehr, weil das Unternehmen Netz­entgelte nicht gezahlt haben soll. Am 12. April 2013 schließ­lich stellten die Flex­strom AG und ihre Tochterfirmen OptimalGrün und Löwenzahn Energie Insolvenz­anträge. Kurzer Zeit später zog auch die Flex­strom-Tochter Flexgas nach. Die Schuld für die Pleite gab Flex­strom allerdings den eigenen Kunden und der „schädigenden Bericht­erstattung einzelner Medien“ . Viele Kunden würden nicht mehr pünkt­lich zahlen, schrieb Flex­strom in einer Presse­mitteilung.

Geschäfts­modell mit Risiken

Ursache der Pleite war wohl eher das riskante Geschäfts­modell der Firma. Flex­strom hatte die Risiken selbst publik gemacht, als das Unternehmen sich im November 2012 mit einer Anleihe am Kapitalmarkt frisches Geld besorgen wollte. Im Emissions­prospekt schrieb es damals, dass das Geschäfts­modell „stark von der Gewinnung neuer Kunden abhängig“ sei. Im Jahr 2011 verlor Flex­strom jedoch viele Kunden: 240 000 sprangen ab. Zwar konnte die Firma auch 370 000 neue Kunden gewinnen. Die Neukunden­tarife sollen aber so kalkuliert gewesen sein, dass Flex­strom mit Neukunden im ersten Jahr nicht unbe­dingt Gewinn machen konnte. Profitabel waren die Kunden erst ab dem zweiten Vertrags­jahr - sofern sie nicht gekündigt hatten.

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