Hallo Frühling: Raus aus dem Fitnessstudio, runter zum Training auf die Straße und rauf aufs Rad. Werden Fitnessräder die Renner der Saison? Wir haben 19 Modelle der neuen Gattung getestet. Fazit: Recht gut, aber auch ziemlich teuer.

In Fitnessstudios gibt es jede Menge Kilometerfresser. Auf den Standfahrrädern strampeln sie Kilometer um Kilometer ab. Für sie hat die Fahrradindustrie ein neues Rad geschaffen – das Fitnessbike. Es soll vor allem gesundheits- und konditionsorientierte Männer und Frauen ab 30 Jahre ansprechen.

Sie sollen raus aus dem Studio, hinaus auf die Asphaltpiste, um hier ihre Runden zu drehen. Am besten mit einem Fitnessprogramm im Kopf, am Handgelenk oder über dem Brustkorb den Herz­frequenzmesser für die Trainingsüberwachung – sozusagen Jogging auf dem Fahrrad ohne die beim Laufen zwangsläufig auftretenden Gelenkbelastungen, die besonders Schwergewichtigen arg zu schaffen machen können.

Jahrelang standen Fahrradproduzenten am Wegesrand. Jogger, Inlineskater und Skateboarder zogen vorbei. Dann der Boom in den Fitnessstudios. Jetzt wollen auch die Zweiradanbieter von der Gesundheitswelle profitieren und erhoffen sich einen ähnlichen Schub wie nach der Erfindung des Mountainbikes. Es wird sich zeigen, ob der Kunde den neuen Radtyp samt Philosophie annimmt.

Von nahem betrachtet ist das Fitnessrad in den überwiegenden Fällen ein typisches Rennrad: leicht, extrem schmalreifig (für geringen Rollwiderstand), mit Rennsattel und ohne Gepäckträger, Schutzbleche, Rückstrahler oder Scheinwerfer. Nur der normalerweise das Erscheinungsbild prägende gebogene Rennlenker fehlt – er ist durch einen geraden Trekkingrad-Lenker mit meist schwenkbarem Vorbau ersetzt worden. Mit dieser Lenkerform sowie einer Rahmengeometrie, die eine relativ bequeme Oberkörperposition ermöglicht, soll sich das Fitnessbike komfortabler fahren lassen als das normale Rennrad.

Denn die angepeilte Zielgruppe der Generation 30 Plus – so die Überlegung der Marketingstrategen – dürfte kaum darauf erpicht sein, mit krummem Buckel wie die von Rückenproblemen geplagten Profis durch die Gegend zu strampeln. Trotzdem soll die neue Mitte der Radlergenerationen nicht auf ein leichtes, sportlich optimiertes Gefährt verzichten müssen.

Mit dem kann das Training tatsächlich mehr Spaß machen als mit einem vergleichsweise schwerfälligen City- oder dem speziell für Geländefahrten optimierten, robusten Mountain- oder auch Trekkingbike. Eine professionelle Schaltung mit in der Regel 27 Gängen sorgt dafür, dass Tret- und Herzfrequenz unabhängig vom Wind und Geländeprofil in den richtigen Bereichen liegen.

Für die Straße ausgelegt

Da es um Fitness und nicht um Naturerlebnis oder Ausflugsfahrten geht, ist das Rad fast ausschließlich so ausgelegt, dass es auf asphaltierten Straßen gut zurechtkommt. Mit manchen Modellen kann man kurzzeitig auch mal runter von der Straße und auf befestigte Wald- und Wiesenwege abbiegen. In unserem Test stehen Maxcycles Ultra Lite, Göricke Idukah und Rabeneick F-400 für diesen Fitnessradradtyp. Sie wurden von uns gesondert zusammengefasst. Mit ihren breiteren, grob­stolligen Reifen kommen sie zur Not auch mal auf unbefestigten Wegen durch leichtes Gelände.

Das Erscheinungsbild der Fitnessräder ist zurzeit noch äußerst vielfältig. Je nach Marketingphilosophie können Fitnessräder in Rahmenkonstruktion, Reifenbreite und vielen weiteren Details auch stark an Mountain- oder Trekkingbikes erinnern. Sie heißen dann beispielsweise beim Produzenten Epple Allround-, Race- (im Test) oder auch Cross-Fitnessbike. Oft ist der Name auch ganz anders. Dann weiß der Händler häufig nicht, wovon der Kunde redet und umgekehrt.

Fahrrad-Multikulti

Die Hersteller bemühen sich darum, durch Zertifizierung mehr Ordnung in das neue Marktsegment zu bringen. Ob das gelingt, ist fraglich. Für den Verbraucher macht das Durcheinander die Auswahl nicht gerade leichter, er profitiert andererseits aber auch von der Vielfalt, weil sehr individuelle Zuschnitte möglich sind. Selbst Fitnessräder mit Gepäckträger, stabilen Schutzblechen und voller Dynamo-Lichtausstattung wurden schon gesichtet. In unserem Test steht das Diamant Zagora für diesen Typ. Und da die Räder fast ausschließlich auf öffentlichen Straßen unterwegs sein dürften, macht ein so ausgestattetes Rad auch Sinn. Ansonsten gilt: Sportgeräte bis elf Kilogramm Gewicht dürfen auch ohne die nach der Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) vorgeschriebene Dynamobeleuchtung auf die Straße. In der Dunkelheit genügt ein ansteckbares, batteriebetriebenes Licht.

Zwischen 600 und 1400 Euro kosten die von uns getesteten 18 Fitnessräder. Die Mehrzahl liegt zum Teil deutlich über der 1 000-Euro-Grenze. Für sein Geld bekommt man teilweise aber auch Technik vom Feinsten. Komponenten, die früher ausgesprochenen Luxusgefährten vorbehalten waren, wie Karbongabeln oder Leichtlaufräder, werden nun zu noch erschwinglichen Preisen in manchen Fitnessrädern verbaut.

Sämtliche Fitnessräder rollen mit Aluminiumrahmen vor. Das Gewicht liegt zwischen 9,1 und 12,4 Kilo (Diamant Zagora mit Gepäckträger, Beleuchtung und Schutzblechen 13,5). Zum Vergleich: Die Cityräder des Tests vor genau einem Jahr wogen zwischen 16 und 20 Kilo. Teilweise haben die Testräder gefederte Gabeln und/oder Sattelstützen.

Gebremst wird mit V-Brakes oder Seitenzug-Rennbremsen. Bis auf Wheeler (26 Zoll) haben alle große 28-Zoll-Räder und werden als Herrenmodelle mit geschlossenem Rahmen angeboten (im Test nur Diamant Zagora auch in Damenversion). Der bequeme Durchstieg des klassischen Damenrads ist bei diesem Sportgerät in den meisten Fällen nicht vorgesehen. Trainierte Frauen kommen damit aber gut zurecht.

Gewöhnungsbedürftig

So ganz ohne Übung und ein Mindestmaß an Kondition sollte man sich besser nicht auf ein Fitnessrad setzen, denn es ist als Sportgerät nicht ganz so leicht zu fahren wie ein Hollandrad. So sind die Schaltungen oft derart sportlich ausgelegt, dass Untrainierte schon an mittleren Steigungen passen müssen – sie kommen einfach nicht ohne abzusteigen über den Berg. Auch das Fahren mit den zu empfehlenden Clickpedalen muss geübt sein. Diese Pedale verbinden den dazu passenden Schuh fest mit der Tretkurbel, damit nicht nur getreten, sondern auch gezogen werden kann (so genannter runder Tritt). Beim Stopp, an der Ampel beispielsweise, muss der Fuß dann aber rechtzeitig aus der Halterung herausgedreht werden.

Wer das noch nie trainiert hat, kann leicht auf die Nase fallen. Viele Anbieter liefern die Räder ohne Pedale aus und überlassen es dem Kunden, welches Modell er anschraubt. Clickpedale kosten von etwa 30 Euro an aufwärts – bei so teuren Rädern sollten sie gratis zugegeben werden. Fragen kostet nichts ...

Zwei Frauen und sechs Männer, allesamt erfahrene Radler, testeten die Fitnessbikes auf Straßen und die geländetauglichen noch auf unbefestigten Wegen. Sie beurteilten die Fahreigenschaften wie Fahrverhalten, Gangschaltung, Bremsen, Bereifung und Fahrkomfort. Nach der praktischen Erprobung kamen die Modelle zu Bremsversuchen ins Labor. Zusätzlich wurden die besonders beanspruchten Teile wie Lenker, Gabel, Sattelstütze und Rahmen noch gezielt belastet, um die Bruchsicherheit zu überprüfen.

Insgesamt betrachtet hielten sich die Fitnessräder recht ordentlich. Die meisten wurden mit dem test-Qualitätsurteil „gut“ belohnt. Am besten gefiel unseren Prüfern in den Fahrversuchen das Scott USA Roadster S 1 für 1 250 Euro. Wären da nicht leichte Schwächen beim Bremsen, in der Verarbeitung und eine nur durchschnittliche Betriebsanleitung, hätte Scott als Testsieger das Ziel passiert. So aber haben Corratec Shape Two, KTM Strada Sport, Simplon Grid 400 und Stevens Strada 800 ganz leicht die Nase vorn.

Die Besten sind teuer

Auffällig: Die Besten des Testfelds gehören auch zu den teuersten Fitnessrädern. Da ist es schon erfreulich, dass es unter den „guten“ doch zwei preiswertere Modelle gibt: Das Trek 1000 Flat Bar für 700 Euro und das geländegängige Göricke Idukah für 600 Euro bieten Fitnessspaß zum moderaten Preis, ohne gegen die Besten allzu stark zurückzufallen.

Zwei Schlusslichter

Negativ fallen eigentlich nur zwei Fitnessräder aus dem Rahmen: Diamant Zagora und Rabeneick F-400 schrammten mit Gesamtnoten von 4,5 gerade noch am „Mangelhaft“ vorbei. Das mit Schutzblechen, Beleuchtung und Gepäckträger in diesem Umfeld besonders auffällige Diamant hatte gleich zwei Probleme: Die Fahreigenschaften waren die weitaus schlechtesten und außerdem brachen Gabel und Lenker. Beim Rabeneick reichte ein gebrochener Lenker, um das Rad auf „ausreichend“ abzuwerten. Bei beiden hätten wir uns zu noch drastischeren Abwertungen entschlossen, wenn die Teile nicht erst relativ spät, nach etwa 15 000 oder 19 000 (im Labor simulierten) Kilometern gebrochen wären.

Mit einem Handicap müssen die Fitnessfreunde aber auf allen Rädern leben: Die Bedienhebel der Kettenschaltungen haben durch die Bank enorm lange Schaltwege (an die acht Zentimeter), um die vorderen Werfer an den drei Kettenblättern zu bedienen. Auch wenn hier nicht so oft geschaltet wird wie hinten – wer hat schon einen Daumen, der so lang ist wie eine Currywurst?

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