Finanzvertrieb Meldung

Tausende freie Finanzvermittler konnten und sollten die Konten von Postbank-Kunden durchforsten. So fand Finanztest den Skandal heraus:

21. Oktober

Der Stein kommt am 21. Oktober ins Rollen, als Finanztest erscheint. Einer der Berichte im neuen Heft heißt „Vorsicht Postbank“. Wir warnen darin vor schlechter Beratung durch Postbank-Vermittler und berichten über gefälschte Unterschriften und sinnloses Umschichten von Verträgen, bloß um Gebühren zu schinden.

In der Geschichte erklären Vermittler, wie es dazu kommt: Der Verkaufsdruck bei der Postbank sei enorm, die Sitten rau und oft würde auf Teufel komm raus verkauft. Die Vermittler arbeiten auf Provisionsbasis. Nur wer verkauft, verdient Geld.

22. Oktober

Sofort melden sich Leser und erzählen ihre Erfahrungen. Auch Postbank-Mitarbeiter schicken E-Mails. Einer ruft an. Was er berichtet, hat es in sich.

„Wir freien Vermittler wissen mehr, als Sie ahnen“, erzählt er. Der Mann ist einer von 4 000 Vermittlern, die freiberuflich für die Vertriebsfirma des Postbankkonzerns arbeiten, die Postbank Finanzberatung AG.

Finanztest-Redakteurin Ariane Lauenburg will es genau wissen. „Kein Problem.“ Der Vermittler bittet die Redakteurin, die selbst Postbank-Kundin ist, um ihr Geburtsdatum und hat sofort eine Menge Daten auf seinem heimischen Bildschirm.

„Diese Daten haben wir, um die Postbank-Produkte besser verkaufen zu können.“ Er liest vor: Wo Ariane Lauenburg eingekauft hat und was sie bezahlt hat. Wem sie Geld überweist und für welche Versicherungen sie zahlt. Auch ihr Gehalt kennt der Vermittler. Er hat Zugang zu einer Datenbank und kann alles sehen – einfach so. Dabei wohnt Ariane Lauenburg gar nicht in der Vertriebsregion, die er betreut.

Der Mann macht Witze. Man könne ja mal in die Daten ihres Ehemannes gucken, ob er Geld für Unsittliches ausgibt. Die Redakteurin lacht – und gruselt sich.

23. Oktober, Vormittag

Dürfen die das? In der Redaktion kann sich niemand vorstellen, dass die Postbank so sensible Daten ganz legal an freie Mitarbeiter einer Vertriebsgesellschaft übermitteln darf, auch wenn es sich dabei um ein Schwesterunternehmen der Postbank handelt.

Eine Anfrage an die zuständige Datenschutzbehörde bringt Klarheit. Die Antwort ist kurz: Nein, die Postbank darf das nicht. Selbst wenn Kunden ein Einwilligungsformular unterschrieben haben, ist die Weitergabe solcher Girokonto-Daten nicht legal. Die Postbank tut es trotzdem.

23. Oktober, Mittag

Die Postbank soll Stellung beziehen, wir schicken eine Anfrage. Es ist Freitag, 14.06 Uhr, und in der Postbank-Zentrale ist offenbar schon Wochenende. Wir bekommen keine Antwort.

24./25. Oktober

Die Redaktion nutzt das Wochenende für Recherchen. Es zeigt sich, dass für die Vermittler offenbar fast alle Postbank-Kunden gläsern sind, auch wenn sie der Datenweitergabe nie zugestimmt haben. Fehlt die Zustimmung, wird das im Datensatz zwar vermerkt. Sehen können Vermittler aber trotzdem alles: die Details des Girokontos, Sparkonten, Depotumsätze, Anlagekonten.

Das ist kein Versehen. Interne Unterlagen belegen, wie der Postbank-Vertrieb den Vermittlern Vorgaben macht. Zur Vorbereitung eines Verkaufsgesprächs dürfen sie die Daten nutzen. Im Gespräch sollen sie aber nichts davon durchblicken lassen.

Nicht zugänglich sind für die Vermittler offenbar die Finanzdaten der PostbankChefs. Dafür bekommen wir unaufgefordert Daten von mehreren Prominenten zugespielt. Wenn die wüssten! 4 000 Vermittler und jetzt auch Finanztest können sehen, wo sie gestern shoppen waren und wie hoch ihre Bausparsumme ist.

Auch Daten von Mathias Döpfner liegen uns vor. Er ist Chef des Axel-Springer-Verlages, in dem die Bild-Zeitung erscheint.

Wir machen selbst Stichproben und lassen uns Daten von Kunden schicken, die sich als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen. Einer ist Werner Brinkmann, Vorstand der Stiftung Warentest. Auch sein Konto sehen die Vermittler. Absurderweise steht im Datensatz „arbeitslos“.

26. Oktober, Vormittag

Es ist Montag, unser Artikel ist fertig. Er trägt den Titel „Datenmissbrauch bei der Postbank – Systematische Verstöße gegen den Datenschutz“. Nur die Antwort der Postbank fehlt. Wir fragen nach und hören: Sie kommt vielleicht am Nachmittag.

26. Oktober, Mittag

Wir warten nicht, veröffentlichen die Geschichte unter www.test.de/postbank und informieren die anderen Medien. Die reagieren zunächst verhalten. Niemand verbreitet leichten Herzens eine Story, in der die Postbank derart schlecht aussieht.

26. Oktober, Nachmittag

Viele Journalisten fragen nach. Dann berichten sie massenhaft. Manche zurückhaltend („Datenskandal bei der Postbank?“), andere offensiver („Illegaler Einblick in Kundendaten“). Die Postbank erklärt, die Darstellung von Finanztest sei falsch. Was die Postbank tue, sei rechtens. Eine Einwilligung der Kunden in die Weitergabe von Daten an freie Vermittler sei gar nicht nötig.

27. Oktober, Vormittag

In einem neuen Bericht nehmen wir die Aussagen unter die Lupe. Wir zitieren interne Papiere, nach denen die Postbank selbst eine Einwilligung sehr wohl für nötig hält. Öffentlich erklärt sie das Gegenteil.

Die Postbank will der Öffentlichkeit auch weismachen, dass Vermittler nur in die Daten schauen würden, wenn sie einen Kunden konkret beraten. „Die Weitergabe der Daten erfolgt anlassbezogen“, schreibt sie.

Das Gegenteil stimmt. Die Vermittler sollen schauen, wem sie etwas verkaufen könnten. Checklisten geben vor, wonach in den Girokonten zu suchen ist: „Geldeingänge, Versicherungen, Steuererstattungen“. Ein Anlass im Sinne der Postbank ist also kein Beratungswunsch des Kunden, sondern ein hoher Betrag auf seinem Konto.

27. Oktober, Nachmittag

Verbraucherministerin Ilse Aigner erklärt: „Es darf nicht sein, dass aus Umsatzgründen Kundeninteressen massiv verletzt werden.“

Der Postbank-Sprecher schickt dem Vorstand der Stiftung Warentest eine E-Mail und entschuldigt sich, dass dessen Konto in die öffentliche Debatte geraten sei. Er kündigt an, dass den Vermittlern die Datenleitung jetzt vorerst gekappt würde.

28. Oktober, Vormittag

Finanztest veröffentlicht noch einen Bericht auf www.test.de/postbank. Er beschreibt, wie die Vermittler die Datenbank nutzen, um Postbank-Produkte zu verkaufen. Elektronisch wird kontrolliert, ob sie wirklich Verkaufsgespräche führen, wenn viel Geld eingeht.

Dafür nutzt der Vertrieb ein „Kampagnentool“, das den Eingang größerer Beträge leichter sichtbar macht und den Chefs mit einem Farbleitsystem zeigt, ob die Verkäufer sofort aktiv geworden sind.

28. Oktober, Nachmittag

Ariane Lauenburg bekommt als Privatperson eine E-Mail von der Postbank. Sie hatte die Bank – als Kundin – aufgefordert, keine Daten weiterzugeben, und Auskunft verlangt, an wen welche Daten übermittelt wurden. Dieses Auskunftsrecht hat sie.

Nun schreibt die Postbank, dass nichts mehr weitergegeben werde. Auf das Auskunftsbegehren geht sie nicht ein.

29. Oktober

Finanztest berichtet erneut, diesmal „Postbank hält Zusage nicht ein“. Die Bank hatte verkündet, dass den Vermittlern der Zugang zur Datenbank gekappt worden sei. Doch wir finden heraus: Das stimmt nicht. Die Leitungen stehen noch. Die Datensätze jener Kunden, die das Einwilligungsformular unterschrieben haben, sind immer noch zu sehen. Nach Postbankunterlagen sind das 50 Prozent der Stammkunden.

30. Oktober

Diese Nachricht sorgt für ein weiteres großes Medienecho. Die Postbank versichert Finanztest, dass nun wirklich alle Leitungen zu seien. Diesmal scheint es zu stimmen.

Besorgten Lesern gibt Finanztest den Rat, einer Datenweitergabe durch ihre Bank zu widersprechen. Es kommen Hinweise, dass der Datenschutz auch von anderen Banken missachtet werde. Die Redaktion beginnt, den Hinweisen nachzugehen.

3. November

Die Sprecherin der Datenschutzbehörde in Nordrhein-Westfalen erklärt in der Presse: „Das Vorgehen der Postbank ist rechtswidrig. Wir prüfen Sanktionen.“ Auch eine Unterschrift unter dem Einwilligungsformular mache das Postbank-System nicht legal.

Für die Postbank kann es nun teuer werden. Die Datenschützer können für jeden Missbrauchsfall eine Geldbuße von bis zu 300 000 Euro verhängen.

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