Finanzvermittler Meldung

Der Verein für Konsumenten­information (VKI) in Wien hat die öster­reichische Tochter des Finanz­dienstleisters AWD wegen Falsch­beratung beim Kauf von Aktien der Firma Immofinanz verklagt. Im Auftrag des öster­reichischen Konsumenten­schutz­ministers Rudolf Hundstorfer hat der VKI eine Verbands­klage und drei Muster­prozesse angestrengt.

Schaden soll 30 Millionen Euro betragen

Zuvor hatte der AWD in Verhandlungen pauschale Entschädigungen für etwa 3 000 Anleger abgelehnt, die Schäden im zweistelligen Millionenbereich erlitten haben sollen. Die Anleger werfen den Beratern vor, sie bei der Vermittlung von Aktien des Wiener Immobilienentwicklers Immofinanz falsch beraten zu haben. Der VKI, eine Partnerorganisation der Stiftung Warentest, hat in den letzten Wochen im Auftrag des Bundesministeriums für Soziales und Konsumentenschutz (BMSK) auf www.verbraucherrecht.at Beschwerden über die Vermittlung von Immofinanz-Aktien gesammelt. Nach Prüfung von rund 3 000 eingegangenen Beschwerden ergibt sich hochgerechnet eine Schadenssumme in Höhe von rund 30 Millionen Euro. In den Beschwerden wird behauptet, dass AWD-Berater seit Ende der Neunzigerjahre Immofinanz-Aktie als „mündelsicheres Investment“ angepriesen hätten. In vielen Fällen sei das gesamte Anlagevermögen in Immofinanz- oder jedenfalls in Immobilienaktien gesteckt worden.

Möglichkeit des Totalverlusts wurde verschwiegen

In einer Reihe von Fällen sind die Aktien nach Angaben des VKI offenbar als „Immobilienfonds“ tituliert worden. Das Wort „Aktie“ sei bewusst vermieden worden. Immer wieder sei von „Kapitalgarantien“ die Rede gewesen. Die Möglichkeit eines Totalverlusts sei mit keinem Wort erwähnt worden. Als die Kurse zu sinken begannen, hätten die AWD-Berater offenbar bis zum Schluss geraten, die Aktien zu behalten. Sie hätten sogar vorgeschlagen, weitere zu kaufen, teilte der VKI in einer Presseerklärung mit.

VKI: „Systematische Beratungsmängel beim AWD“

„Die Häufung der Beschwerdepunkte weist auf systematische Mängel in der Beratungsorganisation des AWD hin und lässt sich durch Beratungsfehler einzelner ,schwarzer Schafe’ nicht rechtfertigen, “ erklärt Peter Kolba, Leiter des Bereiches Recht im VKI. Schließlich sind von den Beschwerden rund 800 verschiedene AWD-Berater betroffen. „Aus Kontakten zu ehemaligen AWD-Beratern haben wir den Eindruck gewonnen, dass es nicht auszuschließen ist, dass hier im großen Stil Immobilienaktien mit dem Argument der Sicherheit an konservative Sparbuchsparer herangetragen wurden. Die Verantwortung dafür liege viel mehr beim AWD als Organisation, als bei den einzelnen Beratern.“

Verbandsklage des VKI

Der VKI hält eine Reihe von Klauseln in den Gesprächsprotokollen des AWD für gesetzeswidrig. Deshalb hat er im Auftrag des BMSK beim Handelsgericht Wien Verbandsklage eingebracht. „Ziel der Klage ist es, dem AWD zu untersagen, gesetzwidrige Beweislastverschiebungen vorzunehmen bzw. sich darauf zu berufen“, erklärt Kolba. Außerdem wurden in drei Fällen die ersten Musterklagen auf Schadenersatz für geschädigte Anleger eingereicht.

Anleger können sich an Sammelklage beteiligen

Ebenfalls im Auftrag der BMSK organisiert der VKI für geschädigte Anleger Sammelklagen. Derzeit verhandle man intensiv mit Prozessfinanzierern, damit den Verbrauchern eine Teilnahme an Klagen ohne Prozesskostenrisiko angeboten werden kann. Sammelklagen bieten auch Kleinanlegern die Möglichkeit zu klagen, ohne dass sie Angst vor den Prozesskosten haben müssen. Dazu müssen Anleger nach einem gewonnenen Prozess auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten. Im Gegenzug übernehmen die Prozessfinanzierer sämtliche Kostenrisiken des Verfahrens. Der VKI will schon bald mit konkreten Angeboten an Anleger herantreten. „Wir verstehen nicht, warum der AWD im Lichte der massiven Beschwerden keine generellen Schritte zum Schadenersatz gesetzt hat. Wir werden aber die Konsumenten dabei nach Kräften unterstützen, ihre Schadenersatzansprüche gerichtlich durchzusetzen und hoffen, dass der AWD doch noch einlenkt“, erklärt Josef Kubitschek, VKI-Geschäftsführer.

AWD Deutschland weist Vorwürfe zurück

Der von Finanztest befragte AWD Deutschland weist die Vorwürfe des VKI zurück. Er betont, dass der AWD höchstens 20 Prozent der Immofinanzaktien verkauft habe. Etwa 80 Prozent sei von österreichischen Sparkassen und Banken verkauft worden. Der AWD würde somit unberechtigt an den Pranger gestellt. Zudem betont AWD-Sprecher Bela Anda, dass alle Kunden ein Gesprächsprotokoll unterschrieben und somit bestätigt hätten, dass sie über die Risiken aufgeklärt wurden. Eine pauschale Entschädigung komme deshalb nicht infrage, es müsse jeder Einzelfall geprüft werden. Dabei sei es für den AWD stets wichtig, bei sozialen Härtefällen und festgestellten Beratungsfehlern rasche Lösungen im Sinne der Anleger zu finden, erklärt Anda.

AWD: „Kein Fehlverhalten von Beratern“

Zu den einzelnen Vorwürfen sagte Anda, dass der AWD seinen Beratern nicht empfohlen habe, die Immofinanz-Aktien als „mündelsicher“ anzubieten. Auch sei es bei den Beratungen nicht darum gegangen, Kunden unter Nutzung falscher Argumente zu einem Kauf der Immofinanz-Aktien zu überreden. Tatsächlich seien die Immobilienaktien bis ins Jahr 2007 hinein von Medien und auch von Konsumentenschützern als „Volksaktien“ dargestellt worden. Viele Anleger hätten daraufhin aktiv nach diesen Produkten gefragt. In den allermeisten Fällen sei kein Fehlverhalten von AWD-Beratern festzustellen.

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