Finanzkrise Special

Bei der Flucht in andere Währungen vergessen Anleger oft eins: Ihr Sparschwein ist im Ausland großen Gefahren ausgesetzt.

Ausgegrunzt. Wer am 5. September  1 000 Euro in Schweizer Franken gewechselt und am 6. September wieder zurückgetauscht hat, hatte nur noch 924 Euro. 7,6 Prozent Verlust innerhalb eines Tages – eine sichere Geldanlage sieht anders aus. Nun wollten viele Anleger jedoch genau das: ihr Geld in Sicherheit bringen, es schützen vor dem schwachen Euro.

Am 6. September setzte die Schweizer Nationalbank (SNB) der wochenlangen Jagd auf ihre Währung ein jähes Ende und verkündete einen Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro. Teurer sollte die Schweizer Währung nicht mehr werden, zum Schutz der heimischen Wirtschaft, deren Waren auf dem Weltmarkt immer mehr kosteten. Der Export ist stark: Jeder zweite Franken wurde 2010 im Ausland verdient, hat die Großbank Crédit Suisse berechnet. Den größten Anteil am Export hat die Chemie- und Pharmabranche mit 40 Prozent, gefolgt von der Uhren- und Schmuckindustrie.

Die Aktion der SNB war erfolgreich: Am 5. September hatte es nur 1,11 Franken pro Euro gegeben, mittlerweile sind es wieder um die 1,22 Franken. Je mehr Franken es pro Euro gibt, desto weniger ist der Franken wert (siehe Kasten „Schreibweisen für den Wechselkurs“).

Als sie im Alpenland keine neuen Gipfel mehr erstürmen konnten, drehten die Währungsflüchtlinge nach Norden ab und verlegten sich verstärkt auf norwegische, schwedische und dänische Kronen.

Norwegen, Dänemark und Schweden gelten als äußerst kreditwürdig. Die Ratingagentur Standard & Poors bewertet sie mit der Bestnote AAA – wie Deutschland.

Kronen statt Franken

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Die Staatsanleihen der skandinavischen Königreiche standen als sichere Anlagen schon länger auf der Wunschliste der Investoren, doch der Spekulationsstopp mit dem Franken heizte die Nachfrage zusätzlich an. Das gilt vor allem für das vergleichsweise große Schweden.

Die Umsätze mit Kronen am Devisenmarkt lagen in der Vergangenheit deutlich unter denen mit Schweizer Franken. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) betrug der weltweite Umsatz mit norwegischen Kronen nur 20 Prozent des Umsatzes mit Franken. Die Gefahr besteht, dass – ähnlich wie die SNB – die Nationalbanken der Skandinavier die Kronenkäufer ausbremsen könnten.

Öl und Erz stärken Dollarwährungen

Auch Hongkong und Singapur gehören zu den wenigen Ländern mit der Bewertung AAA. Gerade Singapur zieht in jüngster Zeit viel Geld an – was wohl auch damit zu tun hat, dass es einer der letzten Zufluchtsorte für Steuerhinterzieher ist.

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Die Dollarländer Kanada und Australien stehen wegen ihrer Rohstoffvorkommen im Blick der Investoren. Die Nachfrage nach Öl und Erzen stärkt auch die Dollars. Da aber Kanada vor allem mit den USA Geschäfte betreibt, hängt das Wohl und Wehe der Kanadier und ihres Dollar vor allem von der Stärke ihres südlichen Nachbarn ab.

Wenn, wie zurzeit, die Weltwirtschaft schwächelt, lässt außerdem der Rohstoffhunger nach.

Was den Wechselkurs beeinflusst

Wechselkurse werden auf dem internationalen Devisenmarkt gebildet, überwiegend durch den direkten Handel zwischen Geschäfts- und Zentralbanken. Dieser Markt ist gewaltig groß und rasend schnell.

Im Millisekundentakt werden Milliarden umgesetzt. Täglich sind es weltweit zirka 4 Billionen US-Dollar. Das entspricht mehr als dem 1 000-Fachen des Tagesumsatzes mit Aktien des Dax an der Frankfurter Börse.

Flexible Wechselkurse können erheblich schwanken. Der Dollar-Euro-Kurs hatte seit Einführung des Euro am 1. Januar 1999 eine Volatilität von 11 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Die Wertentwicklung des Dax schwankte im selben Zeitraum um 24 Prozent pro Jahr.

Was aber treibt die Wechselkurse mal in die eine, mal in die andere Richtung? Wie könnte es anders sein: das Spiel zwischen Angebot und Nachfrage. Wie es ausgeht, hängt im Wesentlichen von folgenden vier Faktoren ab.

Höhere Zinsen

Ein Faktor sind die Zinsen. Wer Geld anlegt, bewegt es dahin, wo es die höchsten Erträge gibt. Werden im Ausland mehr Zinsen gezahlt als hierzulande oder winken höhere Aktiengewinne, bringen Anleger ihr Geld dorthin. Die Nachfrage nach der Auslandswährung steigt, in der Folge wertet die fremde Währung auf und die eigene Währung ab.

Höhere Preise

In dem Land, in dem die Preise schneller steigen, wird die Währung tendenziell abwerten – zumindest wenn es die Preise von Gütern betrifft, die über die Grenze hinweg gehandelt werden. Händler kaufen im billigeren Inland ein und verkaufen im teureren Ausland. Die fremde Währung tauschen sie wieder in ihre Heimatwährung. Das wertet die fremde Währung ab.

Erwartungen über Erwartungen

Unterschiedliche Zinsen und Preise erklären die Wechselkursentwicklung aber nur zum Teil. Diese Faktoren werden verstärkt oder überlagert durch die Aktionen von Spekulanten, die Erwartungen handeln. Zuletzt hatten sie auf den Franken gesetzt, in der Erwartung, die Eurokrise spitze sich weiter zu.

Zentralbank spielt Gott

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Zentralbanken können eingreifen und Wechselkurse in die eine oder andere Richtung drücken. Manchmal reicht es schon, dass sie drohen. So wie etwa die Schweizer Nationalbank, als sie ankündigte, alles zu tun, um den Mindestkurs zu halten.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) interveniert am Devisenmarkt. Im November 2000 kaufte sie Euro und verkaufte Devisen, um eine weitere Euro-Abwertung zu verhindern. Der Kurs lag damals bei 0,86 Dollar pro Euro. Ein anderes Beispiel: Nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 hat die EZB gemeinsam mit anderen Notenbanken der G7-Staaten in den Markt eingegriffen, um eine weitere Aufwertung des Yen zu verhindern.

Eine Aufwertung der eigenen Währung abzuwehren, ist vergleichsweise einfach. Die Notenbank druckt eigenes Geld und verkauft es auf dem Devisenmarkt. Um eine Abwertung zu verhindern, müsste sie eigenes Geld kaufen und fremde Währung verkaufen. Das geht nur, solange sie Devisenreserven hat.

Die Bank of England war Anfang der neunziger Jahre in so einer Lage. Sie schaffte es nicht, die Attacke des Spekulanten George Soros abzuwehren, der fand, das Pfund sei überbewertet. Schließlich musste Großbritannien aus dem europäischen Währungssystem austreten, das feste Bandbreiten für seine Wechselkurse festgelegt hatte, und das Pfund abwerten.

Wohin solls denn gehen?

In welche Richtung wird sich ein Wechselkurs entwickeln, welcher Faktor überwiegt? Auch Profis liegen oft daneben.

Es gibt eine ganze Reihe von Ansätzen, sogenannte faire Wechselkurse auszurechnen, um dann bestimmen zu können, ob eine Währung über- oder unterbewertet ist. Oft bezieht man sich dabei auf Theorien zur Kaufkraftparität.

Ein berühmtes Beispiel haben die Journalisten des britischen Magazins Economist erfunden: den BigMac-Index. Weil ein BigMac überall gleich ist, müsste er umgerechnet überall dasselbe kosten. Wenn nicht, könnte das darauf hindeuten, dass eine Währung über- oder unterbewertet ist. Dass sich der Wechselkurs dann aber auch entsprechend entwickelt, ist nicht gesagt.

Bevor Anleger ihr Sparschwein also auf große Reise schicken, sollten sie damit rechnen, dass es ganz schön zerbeult wieder zurückkommen könnte.

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