Happy End oder Bankencrash?

[29.06.2011] Das grie­chische Parlament hat beschlossen, dass es den Sparkurs fortsetzen will. Jetzt liegt die Entscheidung über weitere Finanz­hilfen bei den Regierungen der Euroländer. Viele Deutsche lehnen weitere Zahlungen ab. Sie glauben, man könne so dem Schre­cken ein Ende setzen. Das würde erst recht eine Krise auslösen, warnen dagegen die EU-Politiker. Eine Pleite könnte ein Desaster nach sich ziehen, vergleich­bar mit dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers im September 2008. test.de zeigt, was passieren kann.

Szenario 1: Happy End

Die EU und der IWF helfen weiter, Griechen­land spart weiter und trägt so gut es kann die Schulden nach und nach ab. Es gibt keine Verwerfungen an den Finanzmärkten. Kein Gläubiger verliert Geld, auch der Steuerzahler muss nicht einspringen. Griechen­land schafft es, sich aus dem Schuldensumpf zu befreien. Nach ein paar harten Jahren sind die Reformen durch, Griechen­land ist wieder wett­bewerbs­fähig, die Wirt­schaft bekommt neuen Schwung.

Sehr wahr­scheinlich ist dieses Szenario aber nicht. Selbst wenn die Griechen sparen wie verrückt - die Schulden sind damit noch lange nicht getilgt. Im Gegen­teil: Die Sparmaß­nahmen behindern das Wirt­schafts­wachs­tum, neuer Schwung ist noch nicht in Sicht. Die Steuer­einnahmen sinken und die Schulden steigen höchst­wahr­scheinlich weiter.

Szenario 2: Ende mit Schre­cken

Viele Ökonomen meinen, dass es zu einem Schulden­schnitt kommen muss, einem haircut, wie es im Finanzjargon heißt. Das heißt: Griechen­land zahlt nicht alle, sondern nur einen Teil seiner Schulden zurück. Am sanftesten für die Finanzmärkte und ihre hoch­empfindlichen Akteure wäre eine solche Umschuldung, wenn sie freiwil­lig wäre. Wenn die Gläubiger, diejenigen, die Griechen­land Geld geliehen haben, auf einen Teil ihrer Forderungen von sich aus verzichten oder die Rück­zahlung nicht sofort bei Fälligkeit verlangen würden. Eine freiwil­lige Umschuldung würde - anders als eine Pleite - wahr­scheinlich keinen Versicherungs­fall zur Folge haben. Fachleute sprechen von Kredit­ereignis. Ein solches Kredit­ereignis könnte einige Finanz­institute in große Schwierig­keiten bringen (siehe Szenario 3). Dagegen sind die Verluste aus dem Schulden­schnitt für die meisten Banken und Versicherungen nach allgemeiner Einschät­zung nicht existenz­gefähr­dend. Zwar müssten die Banken und Versicherungen auf Geld verzichten, auch die Steuerzahler würden heran­gezogen, doch würde vermieden, dass die Krise sich weiter ausbreitet, womöglich unkontrolliert. Außerdem würde ein Schulden­schnitt der grie­chischen Wirt­schaft wieder Luft zum Atmen verschaffen. Wenn die Wirt­schaft wieder wächst, sind auch die verbleibenden Schulden schneller abbezahlt.

Dass dieses Szenario eintritt, wird zurzeit hoch gehandelt. Die französischen Banken haben einen Umschuldungs­vorschlag vorgelegt. Er sieht vor, rund die Hälfte der in den nächsten Jahren fälligen grie­chischen Anleihen in neue Papiere mit längerer Lauf­zeit umzu­wandeln. Die Rede ist von bis zu 30 Jahren. Der interna­tionale Banken­verband unter Leitung des Deutsche-Bank-Bosses Josef Ackermann arbeitet ebenfalls an einem Vorschlag für einen freiwil­ligen Verzicht der privaten Gläubiger.

Szenario 3: Die Katastrophe

Wenn Griechen­land vor dem Schulden­berg kapitulieren muss und in die Pleite schlittert, könnte das ins Chaos führen. Werden die Anleihen nicht mehr bezahlt, gehen sofort auch die grie­chischen Banken pleite, die viele grie­chische Staats­anleihen gekauft haben. Sind die Banken geschlossen, bricht die Wirt­schaft zusammen. In Griechen­land würde der Notstand ausbrechen. Hier­zulande würden die Besitzer von Anleihen nur noch einen Teil von ihrem Geld zurück­bekommen. Wie viel, hinge von einem Umschuldungs­plan ab, den die großen Gläubiger (Euroländer, Banken) mit den Griechen dann gemein­sam aushandeln müssten. Außerdem würden umge­hend sämtliche Kredit­versicherungen fällig (CDS, credit default swaps). Da nicht nur Anleger, die Anleihen im Depot liegen haben, solche Versicherungen kaufen, sondern auch Spekulanten, kann ihr Wert den der ausstehenden Anleihen um ein Vielfaches über­schreiten. Die Banken behaupten weder genau zu wissen, wie viele dieser Versicherungen im Umlauf sind, noch wer sie verkauft hat und für sie gerade stehen müsste. Normaler­weise werden CDS von Investment­banken und interna­tionalen Versicherungen ausgegeben.

Doch das ist noch gar nicht das Schlimmste. Bank­leute wie Ackermann warnen vor einem Domino­effekt, den eine Griechen­land-Pleite auslösen könnte und der auch die anderen hoch verschuldeten Euroländer wie etwa der anderen PIIGS-Staaten (Portugal, Irland, Italien, Griechen­land, Spanien) mit in den Abgrund reißen würde. Könnten die interna­tionalen Banken und Versicherungen den Ausfall grie­chischer Anleihen noch verkraften, geraten sie spätestens jetzt in die Bredouille. Das könnte dem Finanz­system den Todes­stoß versetzen. Eine Bankenkrise droht, die ähnlich schlimm oder womöglich noch schlimmer werden könnte als der Beinahe-Kollaps des Finanz­systems nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers, und die auch die reichen Euroländer und die USA an den Rand der Über­schuldung treibt.

Da sich die verantwort­lichen Politiker und Banker der möglichen Auswirkungen einer Pleite bewusst sind, ist die Eintritts­wahr­scheinlich­keit dieses Szenarios hoffentlich gering.

Szenario 4: Verschleppter Schre­cken

Griechen­land spart weiter, bekommt neues Geld aus den Rettungs­paketen, schafft es aber trotz aller Hilfen und Anstrengungen nicht, sich aus dem Schuldensumpf zu befreien. Eine Abwärts­spirale droht. Die Griechen müssen immer wieder neue Hilfen in Anspruch nehmen, die Schulden steigen trotzdem immer weiter. Irgend­wann, nach einem, zwei oder fünf Jahren, steht dann doch die Pleite. Die Hoff­nung vieler Politiker ist es, dass bis dahin zumindest die anderen Wackel­kandidaten wie Portugal, Irland oder auch Spanien, ihre Finanzen wieder im Griff haben, so dass wenigs­tens kein Domino­effekt mehr droht. Die Banken und Versicherungen könnten bis dahin so viel Geld zurück­gelegt haben, dass sie eine Pleite von Griechen­land nicht mehr so stark trifft. Die Gefahr ist aber, dass es in Griechen­land erst recht zum Chaos kommt, zumal die dortige Bevölkerung schon jetzt gegen die rigiden Sparmaß­nahmen heftig protestiert. Reformen sind dann irgend­wann kaum noch möglich, die wirt­schaftliche Zukunft des Landes gefährdet. Je mehr Hilfs­gelder nach Griechen­land fließen, und je länger die Banken und Versicherungen Zeit haben, ihre Anleihen an die Europäische Zentral­bank weiterzugeben, desto stärker hängt außerdem der hiesige Steuerzahler mit drin.

Falls die freiwil­ligen Umschuldungs­versuche (siehe Szenario 2) scheitern, tritt wahr­scheinlich dieser Fall ein.

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