Finanzdienstleister MLP Köder für Akademiker

Mit einem Gratis-Bewerbungstraining oder kleinen Geschenken ködert der Finanzdienstleister MLP viele Studenten. Wenig später sind sie Kunden, besitzen mehrere Versicherungspolicen oder sogar ein Geldanlageportfolio. Doch einige MLP-Angebote sind teuer oder sogar unsinnig.

Inhalt

Präsente und Trainingsangebote

Bei Peter Schmidt (Name von der Redaktion geändert) begann es 2006 mit einer Flasche Sekt. Er kam aus der mündlichen Prüfung, da gratulierte ein Berater des süddeutschen Finanzdienstleisters MLP dem frischgebackenen Informatiker mit dem Sekt zum Examen und lud ihn zum kostenlosen Bewerbungstraining ein. Kleine Präsente und Trainingsangebote sind häufig der erste Schritt in einen oder mehrere Verträge über Versicherungen und Geldanlagen. MLP hat sich als Allfinanzinstitut auf Akademiker spezialisiert. Unternehmensangaben zufolge hatte ein durchschnittlicher Kunde im Jahr 2006 mehr als sechs Verträge.

Viele Verträge

Auch Wolfgang Neumann besuchte ein kostenloses Bewerbungstraining. Ein MLP-Berater hatte ihn 2004 am schwarzen Brett in der Hochschule angesprochen. Bei dem Training blieb es nicht. Zwei Jahre später, kurz nach dem Berufseinstieg, hatte der Ingenieur bereits etliche Verträge: zwei fondsgebundene Kapitallebensversicherungen, eine Riester-Rente, eine fondsgebundene Rürup-Rente mit Berufsunfähigkeitsschutz, ein Paket aus Haftpflicht-, Unfall- und Rechtsschutzversicherung und schließlich ein Girokonto in Kombination mit einem Geldanlageportfolio. In das Geldanlageportfolio, so hatte Neumann mit seinem Berater vereinbart, sollten monatlich 825 Euro fließen. Dazu kamen noch die Versicherungsbeiträge. „Ich zahlte damals noch wenig Miete und konnte viel Geld zurücklegen“, sagt Neumann.

„Leichtes Opfer“

Heute ärgert sich der Ingenieur über seine Naivität: Er hatte Fragen und das Gefühl, dass man ihm auswich: „Der Berater war mir rhetorisch überlegen.“ Peter Schmidt sagt: „Man ist als Absolvent, der sich das erste Mal mit Versicherungsschutz und Altersvorsorge beschäftigt, ein leichtes Opfer.“ Er sei nach der Prüfung „erst mal ziemlich überfordert“ mit dem Thema gewesen. So nutzte er die kostenlose Finanzberatung gerne. Als seine Eltern ihm dann noch einen Debeka-Vertreter schickten, wurde ihm der Druck zu groß und Schmidt entschied sich, vorerst überhaupt nichts abzuschließen.

Einsichtnahme in das Konto

Wolfgang Neumann wurde es erst zu bunt, als sein Berater ihm riet, auch sein Gehalt auf das MLP-Konto überweisen zu lassen. Der Mann habe ihn deswegen immer wieder angerufen. Neumann wunderte sich, warum der Berater überhaupt wusste, was auf seinem Konto passiert. Über eine Klausel im Kontoantrag hatte er der Einsichtnahme des Beraters zugestimmt, es aber nicht gemerkt. Dem jungen Ingenieur war das Ganze nicht mehr geheuer: „Der Berater hätte so Überblick über alle meine Finanzen gehabt.“ Genau das ist die Absicht von MLP.

Zahlungsströme bündeln

Das Unternehmen sieht es als Vorteil für den Kunden an, „sämtliche Zahlungsströme (...) bei MLP zu bündeln“, so steht es in einer Antwort an Finanztest. Für Neumann war das ein Ausstiegsgrund: „Das Schlimme ist, wenn man mit allem drinhängt, begibt man sich in eine Abhängigkeit.“ Im Mai 2007 kündigte der Ingenieur alle MLP-Verträge – bis auf die Riester-Rente, die er selbst weiterführt. Die 600 Euro für die Rürup-Rente sind komplett verloren.

Fürs Alter viele Langzeitverträge

Neumann war gerade 28 Jahre alt und hatte mit Riester- und Rürup-Rente und zwei Kapitallebensversicherungen mit Laufzeit bis zum 65. Geburtstag sehr viele langfristige Verträge. Für jeden fielen Verwaltungskosten an. Mit der Rürup-Rente hatte sich Neumann zudem endgültig festgelegt, denn wer frühzeitig aussteigt, verliert alles.

Martin Becker* hat seine Rürup-Rente mit Berufsunfähigkeitsschutz über MLP sogar schon mit 24 kurz vor dem Berufseinstieg abgeschlossen. Ein Todesfallschutz, den er ohne eigene Familie noch gar nicht braucht, verteuert den Vertrag zusätzlich.
Tipp: test.de nennt wichtige Policen für Studenten

Die Berater leben von Provisionen

Wie viele Vermittler leben auch MLP-Berater von Abschlüssen. Seit April 2007 bekommen neue Berater zwar ein Fixum von insgesamt 15 000 Euro, berichtet die Firma, aber das gibt es nur im ersten Jahr. Die Höhe der Provision hängt vom Vertrag und der Versicherungssumme ab. An einer Rürup-Rente oder Kapitallebensversicherung verdient ein Vermittler deutlich mehr als an einer Privathaftpflichtversicherung. Wird zusätzlich vereinbart, dass der Beitrag regelmäßig steigt, erhält der Vermittler auch hierfür Provision. Wo Neumann anfangs nur 10 Euro monatlich pro Lebensversicherung zahlte, sollte es nach drei Jahren mit 50 Euro weitergehen. Ab dann sollte der Beitrag jährlich um 10 Prozent steigen. Hätte er die Beitragsdynamik nicht gestoppt, wären nach 39 Jahren Laufzeit am Ende 1 405 Euro Monatsbeitrag herausgekommen. Seine andere Lebensversicherung sah genauso aus. Auf seine Einwände gegen die üppigen Beitragserhöhungen habe der Berater ihm seine Gehaltsentwicklung vorgerechnet: „Total utopisch“, weiß Neumann heute. Um die Beitragssteigerung auszusetzen oder ganz zu stoppen, hätte er selbst aktiv werden müssen. „Selbst wenn ich die Dynamik nur alle drei Jahre mitgemacht hätte, wäre es sehr sportlich bis schwierig geworden, das durchzuhalten.“

Bewerbungstraining an Hochschulen

Bei Martin Becker (Namen von der Redaktion geändert) stand vor Abschluss einer Rürup-Rente ebenfalls ein MLP-Bewerbungstraining, das er „sehr gut“ fand. Auch Peter Schmidt erhielt „sinnvolle Tipps“. Neumann meint sogar, die Bewerbungstipps seien ihm später bei der Jobsuche sehr nützlich gewesen. Mittlerweile arbeiten sogar viele Hochschulen im Rahmen ihrer „Career Services“ mit MLP zusammen. Der Finanzdienstleister bietet dort kostenlos berufsvorbereitende Seminare an. An der Goethe-Universität in Frankfurt am Main läuft das seit gut drei Jahren. Das Unternehmen dürfe sich eingangs kurz vorstellen, die Seminare seien aber „das, was drauf steht“, berichtet Jochen May, Geschäftsführer der privaten Hochschultochter „CampusService“. Die Anmeldung erfolgt allerdings direkt über die MLP-Geschäftsstelle.

Keine ungefragte Werbung

In Bremen müssen sich Studenten für Veranstaltungen beim Career Center anmelden. „Wir wollen nicht, dass ungefragt Werbung verschickt wird“, sagt Leiterin Petra Droste. MLP erhalte die Teilnehmerliste unter dem Vorbehalt, sie nur für Veranstaltungsinformationen zu nutzen. Bei Interesse an weiteren MLP-Angeboten, könnten die Studierenden ihre Adressen natürlich selbst weitergeben. MLP tut viel dafür, dieses Interesse zu wecken. Für Wolfgang Neumann stand der Berater zum Beispiel nach dem Bewerbungstraining auch für eine Durchsicht seiner Bewerbungsmappe zur Verfügung. Im Dezember 2007 erhielt Neumann noch eine Nachricht von MLP. Die Beraterin an seinem neuen Wohnort schrieb ihm eine E-Mail: Er habe hoffentlich einen Berater, denn sein Einkommen und sein Vermögensaufbau seien sonst in Gefahr.

... weiter zu Tipps: Darauf sollten Studenten im Beratungsgespräch achten

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Profilbild Stiftung_Warentest am 21.06.2021 um 13:11 Uhr
Kein Widerspruch

@Numai: Es stimmt zwar, dass Finanztest die Berufsunfähigkeitsversicherung und andere Policen zum Grundschutz zählt oder als sinnvolle Ergänzung betrachtet.
Was wir Berufsanfängern nicht empfehlen, sind Kombinationen aus Altersvorsorge und Berufsunfähigkeitsschutz. Es ist besser, hier einzelne Policen abzuschließen. Auch den Todesfallschutz zur Absicherung der Familie kombiniert man besser mit der Berufsunfähigkeitsversicherung als mit Fondspolice. Anstatt eines Paketes aus Haftpflicht-, Unfall- und Rechtsschutzversicherung empfehlen wir jeweils Einzelverträge. Und auch das Girokonto muss nicht mit einem Geldanlageportfolio kombiniert werden. Auch hier kann es Sinn machen, das Wertpapierdepot bei einem anderen Anbieter zu führen. (maa)

Numai am 20.06.2021 um 21:34 Uhr
Wiederspricht sich Finanztest hier?

Ist schon amüsant, vlt liegt es daran das der Artikel so alt ist, aber all die versicherungsverträge die hier kritisiert werden, werden von Test.de an anderer stelle beworben und als extrem wichtig bezeichnet.
zur Einsichtnahme ins Konto:
Ja und? das tut die Sparkasse auch, die Dame am Telefon hat fröhlich alle meine Ausgaben und einnahmen der letzten monate im detail vorgelesen bevor mein Konto gelöscht wurde.. überraschenderweise wurden die Kontobewegungen ja nicht gelöscht...

miablume am 22.04.2021 um 09:01 Uhr
MLP fischt Studierende

Ich halte die Beratung von MLP Berater:innen vor allem für fragwürdig, weil sie wie in dem Artikel beschrieben rhetorisch hervorragend geschult sind und das manipulativ nutzen. Auch ich hatte Beratungsgespräche mit MLP und habe dabei wiederholt bemerkt, wie der Beratende meine Wünsche und Ängste genutzt hat um mir Verträge aufzudrängen. Die Zahlen die mir gezeigt wurden, was die Kosten der Verträge angeht sind fehlleitend, da immer nur die zunächst vergünstigten Beiträge gezeigt werden, nach Steuerabzug, was nichtmal die mtl. Beiträge real abbildet. Mir sollte ein riesiges Packet angedreht werden, was mit meinem momentanen Einkommen kaum zu decken wäre, dennoch wird es als 'das einzig richtige dargestellt'. Ich denke diese Beratungen sind mit sehr großer Vorsicht zu genießen, denn wie man hier an den Kommentaren der Berater:innen schon sehen kann sind sie einfach rhetorisch gut geschulte Marktroboter deren persönliche Interessen die Interessen der zu Beratenden überwiegen.

WirtschR_jade am 18.06.2020 um 16:49 Uhr
Statement Part 3 einer MLP- Beraterin

1. Seminare: Weil wir spezialisiert sind, bündeln wir unfassbar viele Erfahrungswerte von und für Akademiker. Das ist ein unbezahlbarer Erfahrungsschatz. Das sind maßgeschneiderte Seminare. Über 60 000 Teilnehmer pro Jahr.
2. Viele Verträge: Wir arbeiten nach dem 3- Schichten Vertragsprinzip in Deutschland für die Altersvorsorge. Dann bitte Kritik an die Politik. Was kann denn MLP- für die Rentenverträge? Und die Abschlusskosten hat MLP auch nicht erfunden. Genau so wenig, wie die drohende Altersarmut in Deutschland. Besser ein Kunde hat mehr Rentenverträge (bzw. Sparraten), als zu wenig. Denn dann hätte der Berater ggf. nicht sorgfälig beraten. Mit 50 Euro Sparrate kommt man leider nicht weit. Gerade Akademiker haben noch größere Rentenlücken, weil die Beitragsbemessungsgrenze hier für eine größere Gap zwischen Rente und Verdienst sorgt.
3. Kontoinfo: Ein MLP- Berater in der individuelle Bank- Ansprechparter für einen individuellen Kunden. Ist das nicht selbstverständlich?

WirtschR_jade am 18.06.2020 um 16:37 Uhr
Statement Part 3 einer MLP- Beraterin

Inhaltlich:
1. Jedes Unternehmen macht Werbung. Wir machen sie gezielt bei jungen Akademikern, was ist daran so schlimm?
Nicht, weil Studenten so viel Geld haben (:D), sondern, weil eine Gehaltsverhandlung oder ein Seminar, wie man sein Studium von der Steuer absetzt, extrem hilfreich sind. Also wenn ich als einzelne Beraterin über 2400 Seminarteilnehmern schon helfen konnte ,über 3K Steuern zurück zu bekommen, super! Ich finde, das ist ohne Gegenleistung eine Spitzenleistung. Oder Gehälter um bis zu 26 000 Euro pro Jahr über ein Gehaltsverhandlungstraining zu optimieren. Ohne Provision. Reine Unterstützung. Welches Marketing kann das sonst?
2. Provision
Lieber Honorar für einen armen Studenten?
Das kann MLP übrigens auch!! Der Kunde hat die Wahl. Die Provision ist für einen Kunden jedoch langfristig günstiger, als jährlich 120 Euro Honorar pro Stunde zu zahlen. Und bei 3-6 h Gesprächen im Jahr für die ganzen Fragen der Lebens- und Finanzplanung wäre ein Honorar ziemlich teuer.