Finanzberater Meldung

Jürgen Ruf hat für die WWK Versicherungen verkauft.

Zwei Berater der Versicherungsgesellschaft WWK haben einer Familie ein Vorsorgemodell mit 19 Verträgen aufgeschwatzt. Dafür kassierten sie viel Provision.

Handwerksmeister Thomas Schett* hatte nur eine Sorge, als sich sein Nierenleiden 1998 rapide verschlechterte und er auf eine Spenderniere wartete. Was würde aus seiner Frau und den beiden neun- und zwölfjährigen Töchtern im Falle seines Todes werden? Wovon würde die Familie leben, wenn er berufsunfähig würde?

Thomas und Petra Schett suchten professionelle Hilfe. Sie wendeten sich an zwei Finanzberater und baten sie, die Familie finanziell abzusichern.

Andreas Neu und Jürgen Ruf, Berater der Münchner WWK-Versicherungen, übernahmen die Betreuung des Paares. Sie schlugen den in Finanzdingen un­erfahrenen Schetts ein „Altersvorsorge- und Absicherungssystem“ vor.

Das war für die Berater höchst lukrativ, für die Familie aber sehr riskant. So trat genau das ein, was die Schetts vermeiden wollten. Statt einer finanziellen Absicherung haben sie hohe Schulden.

Die Schetts wissen bis heute nicht, wie ihnen das alles passieren konnte. Das Paar war vor der Nierentransplantation in einer Ausnahmesituation: „Da kam uns der Ruf wie ein Geschenk des Himmels vor. Er sagte, machen Sie sich keine Sorgen, ich kümmere mich um alles“, erinnert sich Petra Schett.

Unseriöses Anlagemodell

Ruf riet den Schetts zunächst, einen Kredit über 400 000 Mark auf ihr Haus aufzunehmen. Den Kreditantrag brachte eine Bekannte von Neu mit, die bei der Eurohypo in Freiburg arbeitete. Schetts unterschrieben zu Hause. Mit rund 150 000 Mark von dem Geld lösten sie die Restschuld für ihr Haus ab.

Dann hatten sie noch etwa 250 000 Mark aus dem Kredit. Davon und mit Geld aus einem Erbe und Erspartem zahlten sie etwa 290 000 Mark in einen Adig-Aktienfonds ein. Mit den Erträgen sowie durch Entnahmen aus diesem Fonds, so die WWK-Vermittler, könnten dann die Beiträge für die nötigen Versicherungen beglichen werden.

Zwischen April 1999 und September 2000 vermittelten Ruf und Neu den Schetts gleich massenhaft Lebensversicherungsverträge. Insgesamt 19 Stück. Offenbar nutzten sie dabei die Börsenrallye im Jahr 1999 aus, die zunächst auch den Adig-Fonds mitriss.

Für die Verträge kassierten Ruf und Neu Provisionen. Dass die Beiträge für die vielen Versicherungen, die angeblich zur optimalen Absicherung der Familie notwendig waren, monatlich zeitweise 8 200 Mark betrugen, scherte die Vermittler nicht.

„Ich habe diesen Herren blind vertraut“, erklärt Petra Schett, die wegen der Krankheit ihres Mannes die Finanzen der Familie regelt. Die beiden Berater besuchten Thomas Schett sogar im Krankenhaus und brachten ihm Illustrierte mit. Immer wieder hätten Ruf und Neu erklärt, alles sei völlig risikolos.

Sie schwatzten den Schetts zum Schluss sogar Blankounterschriften für neue Anträge ab. Die Beitragshöhe setzten die Vertreter dann zu Hause ein. Schon bald habe sie durch den Wust der An­träge nicht mehr durchgeblickt, sagt Petra Schett.

Ganz anders die WWK- Vermittler: Ihnen muss­te klar sein, dass die Familie die Beiträge für die bis zu 40 Jahre laufenden Versicherungen nicht mehr würde zahlen können, wenn das Investmentdepot an der Börse nicht mehr stiege. Das zu versteuernde Jahreseinkommen der Familie betrug 1999 knapp 50 000 Mark.

Mit dem Mitte 2000 beginnenden Abwärtstrend an den Börsen begann dann tatsächlich das „Absicherungssystem“ der WWK-Berater zu wackeln. Als die Fonds immer weniger wert waren, machten sich die Schetts Sorgen. Doch Berater Ruf beruhigte sie. „Nur zur Sicherheit“ müsse der Aktienfonds kurzfristig auf einen weniger riskanten Fonds umgeschichtet werden. Kurz darauf hat er dann alles wieder in den Ursprungsfonds überwiesen.

Das Schlimme sei, dass der Herr Ruf sehr überzeugend war, erinnert sich Petra Schett. „Der hätte mir damals auch sagen können, dass das Wasser bergauf fließt.“ Auch der Herr Neu sei so geschniegelt gewesen „wie neu aus dem Laden“. „Für mich sahen die beiden wie seriöse Berater aus.“

Berater wechselte zur Axa

Als der Wert des Fondsdepots zum Jahreswechsel 2001/2002 weiter zurückging, wandte sich Petra Schett mehrfach an die WWK-Zentrale, um niedrigere Beiträge für die vielen Verträge zu er­reichen. Schließlich wurden Verträge beitragsfrei gestellt oder stillgelegt.

In dieser Situation meldete sich der Berater Ruf wieder bei ihr. Er war von der WWK zur Axa gewechselt. Obwohl Petra Schett ihm gleich gesagt hatte, dass sie auf keinen Fall mehr neue Verträge abschließen werde, stimmten die Schetts schließlich doch zu, weitere fünf Versicherungen bei der Axa abzuschließen. „Herr Ruf erklärte uns, dass das unbedingt nötig sei, da wir ja sonst nach den Vertragsstilllegungen fast gar keinen Versicherungsschutz mehr hätten“, erinnert sich Petra Schett.

Rein zufällig habe sie dann einen weiteren Finanzberater getroffen, der eigentlich zu einem Nachbarn wollte. Der Mann habe nur den Kopf geschüttelt. Zur Schadensbegrenzung habe er empfohlen, alles übrig gebliebene Geld in einen risikolosen Rentenfonds zusammenzufassen. Außerdem solle sie den Fall der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) melden.

Am Ende nur noch Schulden

Übrig geblieben sind nach Angaben der Schetts von den eingesetzten 290 000 Mark für das Aktienfondsdepot etwa 116 000 Mark (rund 59 000 Euro). Rund 30 000 Mark hatten die Schetts zwischendurch für andere Zwecke entnommen. 144  000 Mark seien verloren.

Außerdem müssen die Schetts den Kredit von 400 000 Mark zurückzahlen. Dafür zahlen sie jeden Monat 1 970 Mark (rund 1 000 Euro). Nach zehn Jahren sollen sie nach dem Tilgungsplan der Eurohypo die restlichen rund 351 000 Mark (etwa 179 000 Euro) auf einen Schlag tilgen. Eigentlich hätte auch dafür das Geld aus dem Adig-Aktienfonds reichen sollen.

Die Schetts baten die WWK immer wieder um Klärung des Falls, zuletzt im Januar 2003. Nachdem sie im Februar und März 2003 erneut vertröstet wurden, schalteten sie die Freiburger Anwaltskanzlei Mayer & Mayer ein.

Keine Stellungnahme der WWK

Die WWK gibt sich auf Anfrage von Finanztest zugeknöpft. Möglicherweise bereut sie, dass ihr früherer „Ablauf­spezialist Jürgen Ruf“ zwischenzeitlich von der Axa zur WWK zurückgekehrt ist. „Sollten wir feststellen, dass Falschberatung durch zwei für unser Haus tätige Handelsvertreter vorlag, werden wir ... selbstverständlich dafür ... finanziell geradestehen“, erklärt Vorstandsmitglied Jürgen Schrameier.

Einzelne Fragen wolle man nicht beantworten. Man habe einen Anwalt mit dem Fall betraut, der jedoch nicht weiterkomme, weil der Anwalt der Gegenseite auf Vorschläge nicht reagiere.

Rechtsanwalt Andreas Mayer tritt dem entgegen und legt uns Schreiben vor, in denen die WWK ihm seit März 2003 mit immer neuen Ausflüchten eine konkrete Stellungnahme verweigert.

Einmal stand noch ein Gespräch der WWK mit ihren Vermittlern aus. Ein anderes Mal wurde ein Vermittler krank. Dann brach sich der WWK-Anwalt einen Fuß, anschließend machte er Urlaub. Auf Terminanfragen habe der WWK-Anwalt seit August nicht mehr reagiert. Erst nach der FinanztestAnfrage bei der WWK habe er sich telefonisch gemeldet.

Aus einem Schreiben der WWK an die BaFin, die ebenfalls um Aufklärung bat, lässt sich ahnen, wohin der Hase läuft. Danach war die Darlehensvermittlung der Berater Ruf und Neu durch die WWK nicht autorisiert.

Mit den vielen Versicherungen für die Schetts hat die WWK aber offenbar keine Probleme „Es wurden, als gerade in der Anfangszeit stark steigende Kurse zu verzeichnen waren, immer wieder neue Versicherungsverträge abgeschlossen, um eine optimale Absicherung der Familie zu erreichen.“ Trotz der „nicht alltäglichen Fallgestaltung“ könne sie derzeit ein Fehlverhalten der Vermittler nicht nachweisen, teilt die WWK der Aufsicht mit. Die Vermittler selbst reagierten auf eine Anfrage nicht.

Die Schetts haben die Nase voll. Sie wollen die WWK wegen Verletzung der Aufklärungspflichten und Falschberatung verklagen. Anwalt Mayer hat gegen Ruf und Neu eine Anzeige wegen Betruges vorbereitet. Die Familie Schett hat alle WWK-Verträge gekündigt, sogar ihre Autoversicherung. „Wir wollen mit der WWK nichts mehr zu tun haben“, erklärt Petra Schett.

* Name von der Redaktion geändert.

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