Fern­wärme Dem Versorger ans Netz gegangen

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Fern­wärme - Dem Versorger ans Netz gegangen
Kein Kessel, dafür Rohre. Fern­wärme entsteht im Kraft­werk – meist als Neben­produkt der Strom­erzeugung. Über ein Rohr­netz gelangt das warme Wasser in Wohnungen und Häuser. © Picture Alliance / dpa / Marijan Murat

Die hohen Gaspreise bekommen auch Fern­wärmekunden zu spüren. Dabei gilt die Heiz­art als preis­stabil und günstig. Warum Eigentümer einen Umstieg gut abwägen sollten.

Heizen mit Fern­wärme wird teurer

Eine Kilowatt­stunde Fern­wärme kostete bei der Drewag-Stadt­werke Dresden GmbH im August 2021 noch 6,271 Cent. Seither hat sie den Arbeits­preis mehr­fach erhöht, bis auf 26,695 Cent im Dezember 2022. Er ist damit um mehr als 300 Prozent gestiegen.

Das zeigt: Hohe Energiepreise verschonen auch die Fern­wärme nicht. Denn viele Versorger erzeugen sie vor allem mit Erdgas. Das ist teuer. Dabei galt diese Art zu heizen und Wasser zu erwärmen lange als güns­tige, preisstabile Lösung.

Knapp jede siebte Wohnung in Deutsch­land ist an ihr Netz ange­schlossen. Für viele Eigentümer war das attraktiv, auch weil der Staat den Umstieg fördert. Kunden müssen sich aber in der Regel zehn Jahre binden und mit wenig trans­parenten Rege­lungen befassen. Und auch der Klima­schutz ist nicht garan­tiert.

Fern­wärmekunden werden entlastet

Ebenso wie Strom- und Gaskunden sollten Nutze­rinnen und Nutzer von Fern­wärme auf hohe Nach­zahlungen gefasst sein – auch wenn sie staatliche Hilfen erhalten.

So profitieren sie: Von Oktober 2022 bis 31. März 2024 beträgt die Umsatz­steuer für Gas und Fern­wärme 7 Prozent statt 19 Prozent. Für Dezember 2022 hat der Staat auch die Abschlags­zahlung der Fern­wärmekunden über­nommen. Zudem deckelt die Gaspreisbremse auch den Preis für 80 Prozent des Fern­wärmever­brauchs. Seit Januar 2023 gilt hier ein Preis von 9,5 Cent pro Kilowatt­stunde.

Unser Rat

Mieter. Sie können als Mieter nicht aus einem Fern­wärmever­trag aussteigen. Für die diesjäh­rige Heiz­periode trifft Sie der Preis­anstieg verzögert mit der Nebenkostenabrechnung. Rechnen Sie mit einer Nachzahlung.

Alternativen. Fern­wärme können Sie nur für ein ganzes Gebäude abschließen, nicht für einzelne Wohnungen. Klären Sie mit der Energieberatung der Verbraucherzentralen, ob sich Fern­wärme für Sie als Heiz­art eignet. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle fördert den Anschluss ans Wärmenetz.

Streitfall. Fern­wärmever­träge sind juristisch kompliziert. Nehmen Sie im Streitfall recht­liche Hilfe in Anspruch.

So funk­tioniert Fern­wärme

Der Begriff „Fern“ gibt an, wo die Wärme entsteht — nämlich nicht im eigenen Haus. Statt­dessen kommt sie aus einem entfernten Kraft­werk. Ein unter­irdisch verlegtes Netz aus isolierten Rohren verbindet Kraft­werk und Häuser miteinander. Zusammen bilden sie einen geschlossenen Kreis­lauf. Mehr als 80 Prozent der Fern­wärme stammt aus Strom­kraft­werken. Die gleich­zeitige Produktion von Strom und Wärme nennt sich Kraft-Wärme-Kopp­lung (KWK).

Fern­wärme - Dem Versorger ans Netz gegangen
Vom Kraft­werk nach Hause © Stiftung Warentest / René Reichelt

Mit dem Netz verbunden

Fern­wärmekunden sparen sich den Platz für Heizkessel und Brenn­stoffe. In ihrem Keller befindet sich dafür ein mit Rohren verbundener Kasten. Diesen bezeichnet man als Fern­wärmeüber­gabestation. Die Station regelt die Durch­fluss­menge des Wassers und misst, wie viel Wärme verbraucht wird. Da beim Trans­port von heißem Wasser immer etwas Wärme verloren geht, werden Wärmenetze ab einer gewissen Länge ineffizient. Fern­wärmekunden befinden sich deshalb häufig in einem Umkreis von bis zu 20 Kilo­metern zum Kraft­werk entfernt. Bei kleineren Versorgungs­gebieten ist auch von Nahwärme die Rede.

Fern­wärme in Deutsch­land

Wie viele Fern­wärmeanbieter es in Deutsch­land gibt, ist nicht bekannt, da weder die amtliche Statistik noch die Branchen­statistik der Energiewirt­schaft die Anzahl und Größe der Wärmenetze erfasst. Das Umwelt­bundes­amt schätzt aber, dass derzeit mehr als 5 000 Wärmenetze betrieben werden. Nach Gas und Öl entspricht Fern­wärme der dritt­häufigsten Wärmelösung in Deutsch­land.

Worauf Verbraucher achten sollten

Allein die Eigentümer eines Gebäudes entscheiden, ob sie Fern­wärme haben wollen. Mieter haben keine Wahl­möglich­keit. Ist ein Wärmenetz verfügbar, lässt sich der Anschluss beim Versorger beantragen. Für eine Region gibt es jeweils nur einen einzigen Anbieter. Bei Wohnungs­eigentum kommt es auf die Eigentümergemeinschaft an, da nur komplette Gebäude versorgt werden. Um Umbau und Installation der Haus­über­gabestation kümmert sich der Fern­wärmeanbieter.

Der Staat fördert den Anschluss

Versorger bewerben Fern­wärme gern als güns­tige Lösung. Ihr Haupt­argument: Ohne Heizkessel spart man Kosten für Wartung und Brenn­stoffe. Schornsteinfeger braucht es nicht mehr. Wer nichts verbrennt, produziert auch keinen Ruß.

Tatsäch­lich ist es nicht teuer, ein Gebäude ans Fern­wärmenetz anzu­schließen. Eigentü­mer müssen 5  000 bis 20  000 Euro als eigene Kosten einplanen. Das ist güns­tiger, als sich eine Wärmepumpe oder Pellethei­zung anzu­schaffen. Vereinzelt über­nehmen Anbieter die Anschluss­kosten auch komplett. Verpflichtet sind sie dazu aber nicht. Bis zu 70 Prozent dürfen sie an ihre Kunden weiter­reichen. Die Anschlüsse fördert der Bund, 25 Prozent der Kosten steuert er bei.

Tipp: Welche Heizung sich für wen rechnet, klärt unser Heizungssystemvergleich: Wärmepumpe, Pellets, Gas.

Zehn Jahre Lauf­zeit sind üblich

Versorgungs­verträge für Fern­wärme werden normaler­weise für zehn Jahre geschlossen – eine lange Zeit. Das gibt Sicherheit, kann aber problema­tisch werden, wenn Kunden mit ihrem Versorger unzufrieden sind. Erhöht er beispiels­weise seine Preise, recht­fertigt das keine Kündigung.

Einzige Ausnahme: Die Eigentümer stellen ihre Wärmever­sorgung auf erneuerbare Energien um. Dann dürfen sie den Vertrag mit einer Frist von zwei Monaten auflösen. Den Umstieg müssen sie belegen, sonst gilt die Kündigung nicht.

Wofür Fern­wärmekunden zahlen

Fern­wärmeanbietern wird häufig vorgeworfen, ihre Preise intrans­parent zu gestalten. Die Verordnung zur Fernwärmeversorgung (AVBFernwärmeV) verpflichtet sie zwar seit Oktober 2021, ihre Preis­regelungen im Internet zu veröffent­lichen. Doch verbessert habe sich bislang kaum etwas, beklagt der Verbraucherzentrale Bundes­verband (vzbv). Er hat untersucht, ob entsprechende Angaben zu finden sind. Das war nur bei zwei Dritteln der Versorger der Fall.

Vorgeschrieben sind außerdem Abrechnungen mit verständlichen und unentgeltlichen Informationen für Fern­wärmekunden. Besonders wichtig:

  • Der aktuelle und prozentuale Anteil der einge­setzten Energieträger mitsamt der Technologie, mit der die Wärme gewonnen wird. Dazu zählen Angaben zur Emission von Treib­hausgasen.
  • Die Preise und der tatsäch­liche Verbrauch, dazu ein Vergleich des aktuellen Wertes mit dem des Vorjahres in grafischer Form.

Fern­wärmeanbieter müssen auch Anga­ben zu Netz­verlusten veröffent­lichen, also der Differenz zwischen der Wärme, die ein Kraft­werk in sein Netz speist und der, die Kunden entnehmen. So lässt sich beur­teilen, ob ein Wärme­netz effizient und damit auch umwelt- und klimafreundlich ist. Auch dazu fand der vzbv nur bei rund einem Drittel der Versorger Angaben.

Preis kann je nach Region variieren

Die Kunden bezahlen jeweils einen festen Grund­preis und einen verbrauchs­orientierten Arbeits­preis. Der Grund­preis umfasst die Kosten für Bau und Wartung des Fern­wärmenetzes, Reparatur der tech­nischen Anlagen, einen Lohn­index, Verwaltungs­kosten sowie die maximale Wärmeleistung, die verbraucht werden kann. Variieren kann der Grund­preis zum Beispiel, weil ein Rohr­leit­system in Gebirgs­gebieten mühsamer zu errichten ist als im flachen Land. Im Schnitt macht er 30 Prozent vom Gesamt­preis aus.

Im Arbeits­preis sind die Kosten für Brenn­stoffe enthalten. Sein Anteil hängt vom Wärmever­brauch der Kunden ab.

Preisformeln unterscheiden sich stark

Wir haben uns Preisformeln für Arbeits­preise angeschaut. Sie enthielten sehr unterschiedliche Bestand­teile. Unter anderem wurden Wärmebereit­stellungs­kosten sowie ein Mess-, Service-, Verrechnungs- und Netznut­zungs­preis sowie eine Zählermiete und Preise für Emissions­zertifikate ausgewiesen.

Einige Anbieter ergänzen weitere Positionen. Energie­experte Roland Scharathow vom vzbv erläutert: „Aufgrund der derzeitigen Gesetzes­lage und der Recht­sprechung haben Anbieter relativ große Freiheiten bei der Fest­setzung ihrer Preise.“

Umstieg auf Fern­wärme gut abwägen

Ist Fern­wärme trotzdem zu empfehlen? Das lässt sich nicht allgemein beant­worten. Haupt­einfluss auf den Preis hat der Energiemix eines Versorgers. Werden wichtige Brenn­stoffe teurer, kann er mehr verlangen.

Fern­wärme basiert zu 80 Prozent auf fossilen Brenn­stoffen. Diese haben sich als Folge des russischen Angriffs­kriegs stark verteuert. Das trifft natürlich Haushalte mit Gas- und Ölhei­zungen ebenso. Selbst Pellets kosten inzwischen deutlich mehr.

Ob Fern­wärme eine effiziente Option ist, hängt auch von der Art und Lage eines Gebäudes ab. Kraft­werke und Rohr­netze sind teuer. Fern­wärmeanbieter setzen daher oft eine Mindest­abnahme­menge pro Meter Netz an. Ein Anschluss ist so in dicht besiedelten Regionen tendenziell güns­tiger. Zusätzlich sollte ein Gebäude einen gewissen Mindest­verbrauch haben. Bei schlecht isolierten Altbauten ist der Umstieg unterm Strich vorteilhafter als bei gut isolierten Neubau­anlagen.

Weniger klimafreundlich als gedacht

Kaum ein Anbieter verzichtet darauf, klima- und umwelt­freundliche Aspekte von Fern­wärme hervorzuheben. Stets verweisen Versorger auf das energieeffiziente Kraft-Wärme-Kopp­lungs­verfahren (KWK), bei dem Strom und Wärme gleich­zeitig erzeugt werden. Indem die Kraft­werke die Abwärme nutzen, reduzieren sie schädliche Emissionen.

Fern­wärme ist im Erneuerbare-Energien- Wärme‧gesetz (EEWärmeG) sogar erneuer­baren Energien gleich­gestellt. Es schreibt vor, dass diese einen Teil des Wärmebedarfs neuer Gebäude decken müssen. Die gesetzliche Pflicht gilt als erfüllt, wenn mindestens 50 Prozent durch Fern­wärme erzeugt wird.

Laut Umwelt­bundes­amt ist kohlebasierte Fern­wärme allerdings klima­schädlicher einzustufen als eine dezentrale Gasheizung. Knapp ein Drittel stammt aus Stein- und Braunkohle. Die Hälfte wird aus Erdgas erzeugt und der übrige Teil aus der Abfall­verbrennung und erneuer­baren Energien. Nur wenn Abwärme aus der Strom­produktion verwendet wird, bleibt Fern­wärme vergleichs­weise klimafreundlich.

Fern­wärme - Dem Versorger ans Netz gegangen
Verwendet Fern­wärme Abwärme fossiler Verbrennung, sinkt der Ausstoß an Treib­hausgasen bei der Strom­produktion. © Stiftung Warentest

Alternativen für fossile Brenn­stoffe

Bislang waren fossile KWK-Anlagen für Versorger durch staatliche Förderung wirt­schaftlich attraktiv. Das ändert sich jetzt. Im Zuge der Energiewende müssen viele Fern­wärmeanbieter ihre Geschäfts­modelle über­denken und klimafreundlichere Herstellungs­prozesse finden.

Neben erneuer­baren Energien bilden (Groß-)Wärmepumpen, Solar- und Geo­thermie oder Power-to-Heat-Anlagen Alternativen für die Fern­wärme. Sie erzeugen Wärme mit Strom, wie man es beispiels­weise von Wasser­kochern kennt.

Bis solche Alternativen in großem Stil einsatz­bereit sind, wird es noch dauern. Aktuell helfen sie nicht, den Preisschock abzu­federn. Immerhin gibt es dabei einen Hoff­nungs­schimmer, zumindest für die Kunden der Drewag-Stadt­werke Dresden GmbH: Zum Januar 2023 senkt sie den Preis für eine Kilowatt­stunde Fern­wärme erst­malig wieder um etwas mehr als 10 Prozent.

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