Fernverkehr mit Linienbussen: Hintergrund: Fernbusse in Deutschland

Urlauber kennen die Linienbusse aus anderen Ländern, hierzulande fristen sie nur ein Nischen-Dasein. Das könnte sich bald ändern. test.de erklärt die Hintergründe.

Gesetz aus den 1930er Jahren

Das Personenbeförderungs–Gesetz von 1934 verhindert weitgehend, dass innerhalb Deutschlands Fernbusse fahren können. Damals sollte der Staatsbetrieb Bahn vor Konkurrenz auf der Straße geschützt werden. Wer Personen im Linienverkehr befördern möchte, braucht auch heute noch eine Genehmigung. Die Behörden dürfen den Fernbusverkehr nur zulassen, wenn er eine „wesentliche Verbesserung“ des bestehenden Verkehrsangebots darstellt – eine Auslegungssache. Damit aber nicht genug: Wollen Busunternehmer eine bestimmte Strecke befahren, hat zunächst die Bahn die Möglichkeit, genau diese Strecke selbst anzubieten. So will es das Personenbeförderungs-Gesetz.

Sonderfall Berlin

Keine Regel ohne Ausnahme: Die meisten Fernbusse starten oder enden in Berlin. Das hat historische Gründe. Während der deutschen Teilung sollten Berlin-Reisende nicht von der DDR-Bahn abhängig sein. Deswegen wurden Linienbusse von und nach Berlin zugelassen. Diese Linien bestehen größtenteils noch heute.

Fernbusse im Rest der Republik

Einige Busunternehmer haben es trotz der Gesetzeslage geschafft, eine Genehmigung für bestimmte Strecken zu erhalten. Ein Beispiel: Die Frankfurter Busgesellschaft Touring darf die Verbindung Mannheim-Frankfurt-Hamburg nur als Nachtfahrt anbieten. Als die Strecke 2005 genehmigt wurde, existierten keine Nachtzüge zwischen diesen Städten. Somit waren die Fernbusse eine „wesentliche Verbesserung“ des Verkehrsangebots, wie es das Gesetz will.

Bahn dominiert den Markt

123 Millionen Passagiere hat die Bahn 2009 befördert. Lediglich 2 Millionen Menschen sind mit Fernbussen gereist. Die sind aber zum Großteil indirekt Kunden der Bahn: Der größte Anbieter von Fernbus-Reisen innerhalb Deutschland ist der Berlin Linien Bus, ein Zusammenschluss von mehreren Tochterfirmen der Bahn. Durch die Gesetzeslage sei die Bahn faktisch in der Lage, fast jedes neue Fernlinienangebot zu verhindern, so eine Studie des Verkehrswissenschaftlers Alexander Eisenkopf. Die Bahn wird also einerseits durch das Gesetz geschützt. Andererseits ist sie der größte Anbieter von Fernbusreisen. Für den Verbraucher bedeutet diese Situation: kaum Wahlmöglichkeiten bei Fernreisen und höhere Preise.

Öffnung des Fernverkehr-Markts

Die schwarz-gelbe Koalition möchte nun den Fernverkehr liberalisieren. Bastian Roet vom Bundesverband deutscher Omnibusunternehmer sagte gegenüber test.de: „Wir gehen davon aus, dass das Personenbeförderungs-Gesetz noch in diesem Jahr geändert wird.“ Ein Änderungsentwurf liegt laut Medienberichten im Verkehrsministerium bereits vor. Damit würde die Regierung ein Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag umsetzen.

In Zukunft mehr Fernlinienbusse

Derzeit gibt es etwa 100 Fernlinienverbindungen in Deutschland. Das könnte sich nach der Liberalisierung rasch ändern. Die Pläne für neue Verbindungen liegen bei manchen Busunternehmen und auch der Bahn bereits in der Schublade. „In einem liberalisierten Markt gehen wir von rund 50 Anbietern aus, die ein flächendeckendes Netz in Deutschland aufbauen werden“, so Bastian Roet vom Verband der Busunternehmer. Für Reisende bedeutet die Marktöffnung günstigere Tickets. „Die Fahrpreise werden bei Fernbussen etwa ein Drittel unter denen der Bahn liegen“, erwartet Roet. Fernbusse können so zum preiswerten Verkehrsmittel für Menschen mit kleinem Geldbeutel werden.

Bessere Fahrgastrechte für Busreisende

Das europäische Parlament beschloss am Dienstag, dass Busreisende zukünftig bei Verspätungen Anspruch auf Entschädigung haben sollen. Die Neuregelung, die sich an Bestimmungen im Bahnverkehr orientiert, wird voraussichtlich Ende 2013 in Kraft treten. Fährt der Bus zwei Stunden später ab als geplant, können die Fahrgäste dann den vollen Ticketpreis zurückverlangen. Das gilt für Linienbusse zwischen europäischen Ländern. Wann die Fahrgastrechte auch für Verbindungen innerhalb eines Landes gelten, ist noch unklar. Die EU-Staaten haben bis zu acht Jahre Zeit, die Neuregelung in nationales Recht umzusetzen.

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