Fernlenkautos Test

In der Spielzeugfabrik Bentian Light Industry.

Weihnachten findet in den Fabriken von Quanzhou schon ab Juni statt. Ortstermin in Südchina, der Spielzeugschmiede der Welt.

Anping, ein Industriegebiet vor den Toren von Quanzhou. Mittagspause. Im breiten Strom spuckt der achtstöckige Kasten der Fabrik Bentian Light Industry die Arbeiterinnen in ihren beige-braunen Uniformen aus. Die Menschenmenge wogt durch die Stichstraße, an Läden und Garküchen vorbei. In den Gitterkästen vor den Fenstern des Wohnheims von Bentian hängt Wäsche zum Trocknen. Fast mediterran ist der Anblick. Doch auf der vielspurigen Asphaltpiste, nur zwei Gehminuten entfernt, donnert der Fernlastverkehr, hüllt die Umgebung in Wolken von Staub und Dieselruß.

Über diese und andere Straßen Südchinas rollen die Container mit Spielzeug zu Häfen wie Hongkong und Guangzhou, wo die Schiffe nach Europa und Amerika sie verschlucken. Nach etwa sechs Wochen liegen die Pakete dann in den deutschen Kaufhausregalen. Ein Großteil der Spielzeug-Jahresproduktion wird vor den Festtagen verkauft und kommt aus China. Für die Arbeiterinnen von Bentian heißt das: von Juni bis Oktober oft 12-Stunden-Schichten, manchmal auch mehr, sechs Tage die Woche, die staatliche Gewerkschaft stimmt zu. Der Stundenlohn beträgt umgerechnet knapp 30 Cent, für Überstunden gibt es die Hälfte Aufschlag. Wer im Akkord das Soll übertrifft, bekommt auch mehr. Billige Spielzeuge wie nie zuvor, für die Arbeiterinnen bedeuten sie: Hoffnung auf ein besseres Leben. Neun von zehn Arbeiterinnen, die bei Bentian den Racy Quadra Racer aus unserem Test Ferngesteuerte Autos und anderes Spielzeug zusammenschrauben, kommen aus Chinas Hinterland. Auf 140 Millionen wird das Heer der Wanderarbeiter geschätzt.

Eine Branche mauert

Fernlenkautos Test

Bis Oktober ist Weihnachtsproduktion. Die Arbeitszeiten sind auf der Tafel an der Wand angeschlagen.

Der Racy Quadra Racer ist nur eines der zehn Autos aus unserem Test, die in China vom Band rollen, Bentian nur einer der Hersteller. Unser Inspektor steht in Shenzhen bereit und wartet auf grünes Licht für die Fabrikinspektionen. Erst haben wir die Anbieter zu ihrem Sozial- und Umweltengagement befragt, dann im Unternehmen nachgeprüft. Weil keiner der Anbieter im Test die Autos selbst herstellt, sind jetzt auch die Hersteller an der Reihe. Wir wollen wissen, ob man die ferngesteuerten Autos guten Gewissens unter den Baum legen kann. Wir werden hingehalten, in China ebenso wie in Deutschland.

Schon im Mai dieses Jahres bei unserem Fachbeirat in Berlin, wozu wir Anbieter einluden, herrschte gähnende Leere. Kein Deutscher Verband der Spielwaren-Industrie. Auch Graupner, Simba-Dickie, Stadlbauer und Mattel kommen nicht. Eine Branche mauert. Nur der Handel lässt mit sich reden. Nach viel Überzeugungsarbeit beantworten immerhin sieben Anbieter unseren Fragebogen zur Unternehmensverantwortung (englisch Corporate Social Responsibility, CSR), ebenso viele lassen eine Überprüfung zu – am Ende auch zwei deutsche Spielzeugfirmen.

Was wir bei vier Anbietern sehen, die wir als „engagiert“ beurteilen (siehe Tabelle), ist teilweise beeindruckend. So testet etwa Lego den Dirt Crusher RC selbst im Prüflabor. Die guten Ergebnisse in unserem Warentest in puncto Schadstoffe zeigen: Legos Politik hat Biss. Auch Karstadt, wie Quelle und Neckermann Teil des KarstadtQuelle-Konzerns, stellt Vorgaben für die Lieferanten auf und kontrolliert deren Einhaltung durch Audits. Bentian war im Juni dran. Im Juli wurde kontrolliert, ob die Fabrik die Empfehlungen auch umgesetzt hatte.

Eintrittskarte für Europa

Nicht ohne Stolz präsentiert Direktor Lu Hengyi im Besprechungsraum das begehrte Zertifikat. Es bescheinigt: Bentian entspricht den Standards des International Council of Toy Industries (ICTI). „Die waren wirklich sehr streng, jede Schublade musste ich aufmachen“, erzählt er über den Besuch der Auditoren. „Die Zertifizierung ist für uns wie eine Türschwelle: Wir müssen sie überwinden, um in den europäischen Markt zu kommen. Und unsere Konkurrenten kommen vielleicht nicht so schnell hinterher.“ Umsonst ist dieser Vorsprung nicht zu haben, häufig muss die Fabrik die Zertifizierung selbst bezahlen. Bringt sie etwas? „Der ICTI-Standard ist nicht lax“, sagt Sabine Harles von der Initi­ative Fair Spielt, die sich für die Rechte der Arbeiterinnen in den Spielzeugfabriken einsetzt. „Wenn er angewendet und überprüft wird, bedeutet das konkrete Verbesserungen für die Beschäftigten, etwa bei den Überstunden, der Arbeitssicherheit und dem Brandschutz.“

Es gibt Musterfabriken

Bentian ist eine Musterfabrik. Ein roter Streifen an den Säulen markiert, wo die Feuerlöscher hängen. Alle tragen eine frische Prüfplakette. Bentian ist keine Klitsche wie die in Shenzhen, wo 1993 bei einem Brand 87 Arbeiter starben, weil Notausgänge fehlten und die Fabriktore verschlossen waren, damit niemand unerlaubt die Fabrik verlässt. May Wong vom Asia Monitoring and Research Centre in Hongkong sagt: „Die Lage der Wanderarbeiter hat sich in den letzten Jahren verbessert, aber noch nicht genug. Gut ist allerdings, dass wir immer weniger so genannte '3 in 1'-Fabriken finden, bei denen Fabriken, Lagerhäuser und Wohnheime in einem Gebäude sind. Bei einem Feuer waren das regelrechte Todesfallen.“ Trotzdem sehen andere die Audits der Fabriken mit gemischten Gefühlen. „Natürlich gibt es Musterfabriken mit guten Arbeitsbedingungen, die für die großen Firmen arbeiten“, sagt Monina Wong von Labour Act China. „Aber es wird immer üblicher, Unteraufträge zu vergeben, und diese Zulieferer werden von den Audits nicht erfasst.“ Der Druck ist groß: Die westli­chen Kunden fordern nicht nur bessere Arbeitsbedingungen, sondern auch billigere Produkte und kürzere Lieferzeiten.

„Der Wettbewerb in der Spiel­zeugin­dustrie ist enorm. Die Fabriken können die Aufträge nur mit Überstunden abwickeln. Oft stimmen die in den Büchern erfassten Arbeitszeiten nicht“, sagt Liu Kaiming vom Institute of Contemporary Observation in Shenzhen. Der Schlüssel liegt in einer langfristigen Lieferbeziehung zum Kunden. „Ein Audit kann nur der Anfang sein. Auf den nächsten Schritt kommt es an, nämlich dem Hersteller zu helfen, ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln.“

Die Auftraggeber sind also am Zug. Nicht nur Lego und Karstadt haben das erkannt. Weltmarktführer Mattel auditiert nicht nur seine Zulieferer, sondern veröffentlicht die Ergebnisse auch im Internet. Unverständlich, warum Mattel bei unserer Untersuchung die Auskunft verweigert. Dabei scheint dort sonst Kundeninformation Priorität zu haben – von keinem Anbieter wurden unsere fingierten Kundenanfragen so umfassend beantwortet wie von Mattel (siehe Tabelle).

Keine einzige echte Inspektion

Ruhig läuft das Band bei der Endmontage in der Fabrik Bentian. Die Arbeiterinnen montieren konzentriert die Räder. Keine Hektik, das Tempo hängt davon ab, wie schnell die Vorgängerin ist. Der Geschwindigkeitsanzeiger des Bandes steht auf 200. Per Drehknopf lässt sich das Tempo regulieren, die Skala reicht bis 1 600. „Die Geschwindigkeit zu erhöhen, hätte gar keinen Zweck, schließlich steht die Qualität an erster Stelle“, heißt die Antwort auf unsere Nachfrage.

Das ist nicht überall so. Aus einer anderen Spielzeugfabrik berichtet ein Arbeiter: „Mein Chef schrie immer, wenn ich nicht schnell genug arbeitete, manche Arbeiter wurden gefeuert, weil sie zu langsam arbeiteten. Sie wollten, dass ich wie ein Roboter arbeite, sogar die Zeit auf der Toilette wurde gestoppt.“

In der Zwischenzeit warten wir immer noch auf die Erlaubnis für weitere Fabrikbesuche. Die Anbieter verhandeln mit ihren Herstellern in China. Kein Problem, wir öffnen die Fabriktore, sagen die Gutwilligen. Dann kommt keine Nachricht mehr. Andere lehnen rundher­aus ab. „Die Firma Stadlbauer ist lediglich Vertreiber“, so eine der höflichen Verweigerungen. Am Ende kann unser Inspektor bis Redaktionsschluss keine einzige Fabrik in China inspizieren. Wir haben daher das Urteil für die Unternehmensverantwortung aller Anbieter um eine Stufe abgewertet. Karstadt ermöglichte wenigstens unserem Reporter, seinen Zulieferer Bentian zu besuchen (wie hier berichtet, ausführlicher unter www.test.de/csr). Eine Inspektion kann das aber nicht ersetzen.

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