Stimmen aus China: „Uns fehlt Unterstützung“

Die Situation in Chinas Spielzeugindustrie hat sich verbessert seit dem verheerenden Feuer in der Spielzeugfabrik Zhili im Jahr 1993, bei dem über 80 Arbeiterinnen ums Leben kamen. Dennoch: Die Lage ist noch längst nicht überall gut und die Verbesserungen gehen noch nicht weit genug, meinen Expertinnen und Experten.

Wie ein Roboter

„Ich habe an den Kunststoffpressen in einer Spielzeugfabrik gearbeitet. Meine Arbeit war es, Kunststoffteile aus der Maschine zu nehmen. Alle 25 Sekunden war ein Teil fertig. Diese Teile waren sehr warm und ich hatte Angst, meine Haut würde Schaden nehmen. Außerdem war es sehr laut in der Fabrik, aber es gab keine Ohrstopfen, weil der Lärm unter dem Grenzwert war. Dazu roch es dauernd nach geschmolzenem Plastik. Wenn ich nicht schnell genug war, wurde ich angeschrieen. Wie ein Roboter sollte ich arbeiten. Am Ende gab's dafür 700 RMB (rd. 73 Euro). 225 RMB hatte die Fabrik von meinem Lohn dann schon einbehalten für die Unterbringung im Wohnheim und für das Essen in der Kantine. Aber von den Portionen in der Kantine wurde ich nicht satt. Insgesamt – zusammen mit dem Geld für Zigaretten – brauche ich zwischen 300 und 400 RMB zum Leben.“
Ein Arbeiter über seine Zeit in einer Spielzeugfabrik, Shenzhen

Die Arbeiter stärken

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„Natürlich gibt es Musterfabriken, in denen gute Bedingungen herrschen und in denen für internationale Kundschaft produziert wird. Aber die Fabriken vergeben immer mehr Unteraufträge, und kaum ein Abnehmer begutachtet wirklich die gesamte Lieferkette. Und natürlich sind Audits besser als nichts. Aber sie können immer nur eine Momentaufnahme liefern. Und Auditierung und Täuschung sind zwei Seiten einer Medaille – kritische Arbeiter müssen beispielsweise einfach am Tag des Audits zuhause bleiben. Selbst die besten Auditoren können Täuschungen nicht vollständig vermeiden. Viel wichtiger ist es deshalb unserer Meinung nach, den Arbeiterinnen und Arbeitern ihre Rechte klar zu machen. Nur, wenn sie ihre Möglichkeiten kennen, können sie für bessere Bedingungen kämpfen.“
Monina Wong, Labour Act China, Hong Kong

Für ein besseres Leben

„Ständig mit zwölf Zimmerkameradinnen in einem Raum zu leben, schadet der mentalen Entwicklung. Es sind Jungs in Mädchen in ihren besten Jahren – die wollen Freundinnen und Freunde, die wollen ihren Spaß und wollen Sex. Aber sie haben kaum Privatsphäre, die wenigstens werden aufgeklärt. Das Ergebnis: Prostitution und eine enorm hohe Zahl von Abtreibungen. Zu den Arbeitsbedingungen: Wir erleben, dass die Fabriken die Arbeitsbelastung erhöhen, um die Überstunden – wie von den internationalen Kunden gefordert – kürzen zu können. Im Ergebnis wird schwerer gearbeitet, die Arbeiter bekommen durch die geringere Stundenzahl aber weniger Geld. Ich bin sicher, dass viele Arbeiter liebend gerne weniger Überstunden machen würden, wenn nur die Löhne höher wären.“
May Wong, China Desk, Asia Monitor and Resource Centre, Hong Kong

Zu wenig Unterstützung

„Die Konkurrenz in der Spielzeugindustrie ist extrem hart. Die Fabriken müssen Überstunden fahren, um die Aufträge abzuarbeiten. Sehr oft stehen in den Büchern falsche Arbeitszeiten. In Hong Kong kann man sogar Software für diese doppelte Buchführung kaufen. Mein Eindruck ist, dass viele Abnehmer sich am Ende doch nur um Lieferzeiten, Qualität und Preis kümmern. In den Fabriken sehen wir eine neue Generation von Arbeitern: Die kommen nicht mehr, um die schnelle Mark zu machen und dann zurück nach Hause zu gehen. Die wollen das gleiche Leben leben wie Gleichaltrige in den Städten. Aber sie haben kein Netzwerk hier, nur selten etwa öffnen die Stadtregierungen Schulen für Kinder von Wanderarbeitern.“
Liu Kaiming, Institute of Contemporary Observation, Shenzhen

Viele in der Verantwortung

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„Die Abnehmer geben in aller Regel kaum Geld für die soziale Verantwortung aus. Die Lieferanten jammern, sie könnten kaum noch Profit machen, wenn sie sich an die Vorgaben der Abnehmer halten. Am Ende geht es wohl um die Frage, ob die Endkunden bereit sind, für akzeptable Produktionsbedingungen zu bezahlen – und wie viel. Im Moment haben doch in den meisten Firmen, wenn es um Einkäufe geht, die Leute aus der Buchhaltung das letzte Wort. Misstrauisch sollte man aber immer sein: Denn diese Fabrikmanager, die so jammern, dass sie wegen des Drucks, den ihre internationalen Abnehmer machen , kaum noch Geld verdienen, brausen am Wochenende mit ihren chicen Autos von BMW und Mercedes durch Hong Kong.
Stephen Frost, CSR Asia, Hong Kong/Shenzhen

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