Besuch in Fujian: Chinas Christkindchen

Fernlenkautos Test

Fujian, China. In der Fabrik Bentian Light Industry schrauben junge Arbeiterinnen Fernlenk-Autos für den europäischen und amerikanischen Markt zusammen. Die Hochsaison geht Ende Oktober gerade zu Ende, das Weihnachtsgeschäft ist so gut wie erledigt. Ein Rundgang zum Saisonausklang.

Die Plüschtiere der Autobauer

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Ein großer orangefarbener Plüschbär bewacht das Bettzeug am Kopfende des Bettes. Auf dem Stuhl daneben ein Döschen Creme, etwas Haarfestiger und ein Pappkiste mit Süßigkeiten. Die wenigen persönlichen Dinge müssen jetzt warten. Die Besitzerin des Plüschbärs ist Spielzeug bauen. In der Spielzeugfabrik „Bentian Light Industry“ in Fujian, China. Dai Min ist achtzehn und montiert dort Fernlenkautos für die Kinder in den USA und Europa. Unter anderem den Karstadt Racy Quadra Racer aus dem aktuellen Test. Erst am Abend kehrt Su Lin ins Wohnheim zurück. Zwölf Stoffbären warten dort in Zimmer 501. Zwölf Bären und zwölf Betten für Su Lin und ihre Kolleginnen.

Neun von zehn sind Wanderarbeiter

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Gut 1000 Mitarbeiter zählt die Firma, berichtet Firmendirektor Lu Hengyi, ganz überwiegend junge Frauen. Neun von zehn Arbeiterinnen kommen aus Inlandprovinzen wie Guizhou, Sichuan, Yunnan oder Guangxi Aberhunderte von Kilometern hierher, in die Provinz Fujian, von deren Küstenlinie aus man an klaren Tagen Taiwan sehen kann, in die Stadt Quanzhou, von der aus chinesische Seefahrer einst aufs Meer hinaus starteten, ins Industriegebiet Anping, auf Pritschen wie die in Zimmer 501.

Privatsphäre gibt es nicht

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Drei Doppelstockbetten stehen an jeder Seite des etwa quadratischen Raumes, darunter liegen auf dem Betonboden die Kunststoffkoffer mit den persönlichen Habseligkeiten. Im Fenster hängt Wäsche zum Trocknen. Man fühlt sich an die Studentenwohnheime der chinesischen Universitäten erinnert. Oder an Jugendherbergen längst vergangener Zeiten in Europa. Aber mit europäischen Maßstäben dürfe man die Wohnheime eben nicht messen, mahnt Maren Böhm, oberste China-Repräsentantin des Bentian-Kunden KarstadtQuelle.

Schlafen im Wohnheim

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Für chinesische Verhältnisse ist das, was die Fabrikleitung von Bentian im Wohnheim und später in der Produktion zeigt, durchaus beachtlich. Insgesamt zählt das Wohnheim von Bentian sechs Etagen. Von den beiden Treppenhäusern gehen auf jeder Etage Klos ab, hüfthohe Wände aus Beton und Türen aus Holz trennen – was Ausländer in vielen öffentlichen Toilettenhäusern Chinas vermissen – Kabinen ab. Ebenfalls an beiden Enden des Ganges graue, steinerne Waschbecken. Und auf jeder Etage hängen in den Treppenhäusern Kartentelefone – für Gespräche nach Hause. Für Verheiratete gibt es in einem eigenen Trakt separate Zimmer und sogar einige kleine Wohnungen. Wer nicht im Wohnheim leben will, kann sich – so zumindest die Auskunft der Fabrikleitung – auch außerhalb eine Wohnung mieten.

Dem Wohnheim schräg gegenüber liegt die Fabrik von Bentian. Zwei, drei Minuten sind es über die schmale Straße mit kleinen Läden, Restaurants und Telefonbars zur Arbeit. Immerhin: Wohnen und Arbeiten sind getrennt. Die Fabrik ist ein achtstöckiger Kasten, Baujahr 2001, verkleidet mit den weiß-gräulichen Kacheln, die auch das Wohnheim und so viele andere Bauten aus jener Zeit in China verunzieren. Der Bau wirkt deutlich älter als die vier Jahre, die er tatsächlich erst steht. Das feucht-warme Klima Fujians greift schnell die Bausubstanz an.

12 Stunden pro Schicht

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Zwischen 7.45 und 8 Uhr müssen die Teddybären-Besitzerinnen ihren Dienst antreten. Von 12 bis 13.30 ist Mittagspause, weiter geht's bis 17.30, und in der Hochsaison, die in der Spielwarenindustrie von Juni bis Ende Oktober dauert, folgen nach der einstündigen Pause für's Abendessen Überstunden von 18.30 bis 20.30, maximal bis 21.30. Diese Grenze zieht das Gesetz. Die Spielsachen, die an Weihnachten unter den Tannenbäumen liegen, wollen zusammengeschraubt und -gelötet sein, die letzten Container für das Weihnachtsgeschäft haben die Fabrik kurz vor dem Rundgang verlassen. Schließlich brauchen die Waren etwa sechs Wochen, bis sie in Europa im Kaufhausregal stehen. Die Überstunden werden – so verlangt es das chinesische Arbeitsgesetz, und so geschieht es, wie Direktor Lu Hengyi versichert, bei Bentian auch – mit dem anderthalbfachen des normalen Gehalts entlohnt. Mit Zustimmung des für die Fabrik zuständigen Gewerkschaftsvertreters wird in der Hochsaison an sechs Tagen in der Woche gearbeitet. Mindestens einen Ruhetag schreibt das Arbeitsgesetz der Volksrepublik China vor.

30 Cent pro Stunde

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Der Stundenlohn bei Bentian beträgt 2,80 RMB, ein Mindestlohn von 470 RMB im Monat ist den Arbeiterinnen in Quanzhou schon von Gesetzes wegen garantiert. Im Perlflussdelta, wo das Herz der Spielzeugindustrie schlägt, sind die Löhne, aber auch die Lebenshaltungskosten höher. Die Unterbringung im fabrikeigenen Wohnheim von Bentian kostet nichts. Bezahlt wird nach einer Mischung aus Akkord- und Stundenlohn: Übersteigt der Akkordlohn den Stundenlohn, so wird nach der produzierten Menge gezahlt. An den Stechuhren in der Fabrik hängen deshalb neben den Kästen mit den Stempelkarten großformatige Fotokopien der Arbeitsergebnisse. Die Löhne, die laut Management immer am 28. eines Monats ausgezahlt werden, sollen für alle nachvollziehbar sein.

„Eigentlich“, sagt KarstadtQuelle-Repräsentantin Böhm, „kann es ja nicht unsere Aufgabe sein, darauf zu achten, dass die Firmen die lokalen Gesetze einhalten.“ Viele Experten sind sich einig, dass das Arbeitsgesetz der VR China bereits relativ vernünftige Regelungen etwa zu Arbeitszeit und Entlohnung vorgibt. Seit 2004 ist in der Volksrepublik außerdem ein vergleichsweise strenges Gesetz zur Sicherheit am Arbeitsplatz in Kraft. Und die chinesische Regierung müht sich darüber hinaus, etwa durch zahlreiche Schulungen und Kongresse, das Verantwortungsbewusstsein der Unternehmer zu stärken. „Wir kontrollieren und schulen unsere Lieferanten trotzdem, weil wir in der Vergangenheit festgestellt haben, dass es Probleme gab,“ erklärt KarstadtQuelle-Repräsentantin Böhm.

Eintrittskarte nach Europa

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Nicht ganz ohne Stolz präsentiert Bentian-Direktor Lu Hengyi im kleinen Besprechungsraum der Firma die Urkunde aus dem August 2005, in der seinem Unternehmen die Zertifizierung nach den Standards des International Council of Toy Industries (ICTI) bescheinigt wird. „Die waren wirklich sehr streng,“ erzählt er über den Besuch der Auditoren, der noch nicht lange zurück liegt: „In alle Schränke wollten sie gucken, jede Schublade musste ich aufmachen.“ Doch am Ende stand das begehrte Zertifikat. „Wir sehen die Zertifizierung ein wenig wie eine Türschwelle: Wir müssen sie überwinden, um in den europäischen Markt zu kommen. Aber wenn wir sie erst einmal überwunden haben, dann kommen unsere Konkurrenten vielleicht auch nicht so schnell hinterher.“

Die Schwelle zu überwinden, hat Lu dennoch einige Zeit gekostet: Vom ersten Kontakt mit KarstadtQuelle auf einer Spielzeugmesse bis zur ersten Bestellung der Deutschen im Jahr 2004 hat es fast zwölf Monate gedauert. Der Kunde wollte sehen, dass sein neuer Lieferant alle Anforderungen erfüllt – sowohl bei Design und der Qualität der Waren als auch bei den Bedingungen, unter denen diese produziert werden. „Wir können und wir wollen es uns nicht leisten, dass bei unseren Lieferanten etwas kritisch ist,“ sagt Maren Boehm.

Karossen aus der Presse

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Die Produktionskette beginnt bei Bentian im Erdgeschoss, links neben dem großen Rolltor, durch das die Laster in den betonierten Fabrikhof rangieren: Hier entstehen die Plastikteile, aus denen in den darüber liegenden acht Stockwerken ferngesteuerte Autos zusammen gesetzt werden. In zwei Reihen stehen hier 52 graue Maschinen, die Kunststoffteile pressen. Ein wenig sehen sie aus wie Dampflokomotiven mit ihren massiven grauen Körpern und den großen Zylindern, die an Schornsteine erinnern. Sie funktionieren entgegengesetzt: In den Schornstein wird Kunststoffgranulat gefüllt, im Körper der Maschine wird es geschmolzen und schließlich in eine Form gepresst.

Neben jeder der übermannshohen Apparaturen steht eine Arbeiterin. Regelmäßig öffnet sie die rote Schiebetür an der Seite der Maschine, greift in deren Bauch und nimmt ein etwa handwarmes frisches Kunststoffteil heraus. Tür zu, Hydraulik drückt die Form wieder zusammen, neuer Kunststoff wird hineingepresst. Wiederholung etwa alle vierzig Sekunden: Hydraulisch wird die eiserne Form geöffnet, gibt das nächste Kunststoffteil frei. Tür auf, Teil heraus, Tür wieder zu, die Maschine gibt den Takt vor.

Arbeiten in Uniform

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Während ein Kunststoffteil gart, bricht die Arbeiterin draußen das vorangegangene fertige Stück von den Trägern ab, entfernt mit einem Messer, das in Europa als Teppichmesser durchginge, überstehende Grate. Unterlage ist ein Stück Karton, das auf zwei aufeinander gestapelten, etwa waschkorbgroßen umgedrehten weißen Materialkisten von Bentian liegt. Etwa in Stehhöhe bildet die Konstruktion eine Arbeitsfläche. Die fertigen Teile wandern in eine weitere der waschkorbgroßen Kiste. Dann wieder Tür auf, Tür zu, die nächste Karosse will von den Trägern gelöst werden.

Alle tragen sie hier braun-beige kurzärmelige Hemden. Die Fabrik stellt sie ihnen zur Verfügung – zwei kurzärmelige für den Sommer, zwei mit langen Ärmeln für den Winter. Im Sommer steigen die Temperaturen hier in Fujian auf schwülwarme 40 Grad, im Winter fällt das Thermometer selten unter fünf Grad. Jetzt, im Spätherbst wirken die kurzärmeligen Hemden gerade angemessen. In der Fabrikhalle ist es ein wenig wärmer als draußen, aber nicht viel. Es ist laut hier, aber Gehörschutz trägt keiner. Der Lärm liegt unter dem vorgeschriebenen Grenzwert. Man kann sich noch unterhalten, ohne dass man laut schreien müsste.

Augen aus der Spraypistole

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Mit dem Lastenaufzug geht die Fahrt in den obersten Stock der Fabrik. Als erstes fällt gleich am Aufzug und dem Treppenhaus, das auch einer der drei Notausgänge ist, der gelbe Wasserkanister auf dem ebenfalls gelben Metallgestell ins Auge. Klappt man ein Plastikteil am Boden des Kanisters herunter, sprenkeln zwei Düsen Wasser – zum Auswaschen der Augen als Erste Hilfe bei Arbeitsunfällen. Hier oben werden an großen Abzügen die Kunststoffteile lackiert, die wie wir mit dem Aufzug von unten heraufkommen.

Wie große blecherne Schränke stehen hier aufgereiht metallene Abzüge. Immer drei Arbeiterinnen stehen nebeneinander an der Vorder- und der Rückseite. Gleich die erste bearbeitet Autochassis: Sie drückt das dunkelblaue Chassis in eine Schablone, hält beides mit links in die etwa fenstergroße Öffnung in dem Blechschrank. In der anderen Hand hält sie eine Spraypistole für die Farbe. Drei Mal drückt sie den Abzug, dann nimmt sie die Karosse wieder aus der Schablone, silberne Zierstreifen schmücken jetzt die beiden Seiten und das Heck. Gleich nebenan kriegen daumengroße Kunststoffgesichter im gleichen Verfahren ihre farbigen Augen aufgesprüht, noch weiter drüben werden Teile besprüht, die später einen Rennwagen ergeben werden.

Schutzkleidung vorgeschrieben

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In den Abzügen rauscht immerfort Wasser, es nimmt die feinen Farbtröpfchen auf, die nicht auf Schablone oder Karosserie landen. Durch ein dickes Rohr wird oben Luft aus dem Blechschrank abgesaugt und nach draußen geblasen. Die Gebläse brummen laut, die Arbeiterinnen tragen Ohrstöpsel. Vor den Gesichtern haben alle blaue Atemschutzmasken mit aufgeschraubtem Luftfilter, die sie vor der Sprühfarbe schützen sollen. Alle tragen sie hier Handschuhe, manche haben die Fingerkuppen abgeschnitten, um die Schablonen mit den Kunststoffteilen besser halten zu können.

Die Vorratseimer mit den Farben, die auf die Kunststoffteile gesprüht werden, lagern in einer eigenen Ecke auf einem schmalen Blechregal. Über einem Rost mit einem Auffangbecken darunter kann umgefüllt werden aus den Vorratseimern in die Behälter, die die Sprühpistolen der Arbeiterinnen speisen.

Frisch geprüft

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Weiße Säulen stützen die Decke, rote Streifen weit über Kopfhöhe zeigen an: Hier hängen Feuerlöscher und, aufgerollt in einem roten Schrank hinter Glas, ein Feuerwehrschlauch mit Anschluss. „Ganz wichtig,“ erklärt KarstadtQuelle-Vertreterin Böhm, „die Feuerlöscher müssen fest aufgehängt sein. Sonst werden sie verstellt und man findet sie im Ernstfall nicht.“ Jeder Löscher trägt eine Nummer, die anzeigt, in welches Stockwerk er gehört, und alle tragen – wie sämtliches Feuerlöschgerät in Fabrik und Wohnheim – frische Prüfplaketten, alle datiert auf einen Tag etwa einen Monat vor dem angekündigten Besuch.

Gelbe Striche auf dem grauen Betonfußboden begrenzen die Flächen, in denen die weißen Materialkisten abgestellt werden dürfen. Dazwischen müssen Fluchtwege frei bleiben – und sind es auch. Die bekannten grünen Schilder weisen die Weg zu den Notausgängen, auf einer Wand zeigen außerdem in rot und auf chinesisch der Schriftzug „Notausgang“ und ein Pfeil in die entsprechende Richtung. Dort stehen die Türen zum zweiten der drei Treppenhäusern der Fabrik offen. Ebenso offen steht die blecherne Schiebetür am Haupttreppenhaus, das ebenfalls als Notausgang vorgesehen ist. Leicht lässt sie hin und her verschieben, per Vorhängeschloss kann der Riegel gesichert werden, der die Tür zuhält: „Wir müssen ja schließlich zusperren können, wenn abends keiner mehr hier ist,“ erklärt der Fabrikleiter.

Am laufenden Band

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An vier Bandstraßen werden im fünften Stock aus den Kunststoffteilen und zahllosen Federn, Schrauben und Drähten Fernlenk-Autos zusammen gesetzt. Ein etwa einen halben Meter breites grünes Förderband trägt sie von Produktionsschritt zu Produktionsschritt. Aufgereiht sitzen die Arbeiterinnen rechts und links entlang des Bandes. Alle hier haben mit einer Sicherheitsnadel einen roten Wimpel an den Ärmel des beige-braunen Fabrikhemds gesteckt. Er weist ihre Funktion aus: Löterin, Schrauberin oder – am Ende der Bandstraße – Qualitätskontrolleurin.

Endmontage

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Jeder Arbeitsplatz hier ist gerade so groß, dass das Auto, das hier entsteht, gut darauf Platz findet: Der Reihe nach werden an den einzelnen Stationen die Achsen auf die schwarze Bodenplatte gesetzt. Schrauben, die die Motoren halten, mit elektrischen Schraubendrehern festgezogen. Sie baumeln von Stangen entlang des Fließbandes zu den Arbeiterinnen herab. Die Kabel, die den Motor und das Batteriefach miteinander verbinden, werden angelötet, die Lötkolben ruhen in eigenen, trichterförmigen Haltern. Reifen werden aufgesetzt und festgeschraubt. Schließlich werden die Leitungen zu den Dioden festgelötet, die Vorder- und Rücklichter leuchten lassen, alle Lampen geprüft und die dunkelblaue Kunststoff-Karosserie mit den silbernen Zierstreifen auf die Bodenplatte geschraubt.

An allen losen Werkzeugen baumeln lange rote Bänder, sie sollen nicht verloren gehen. Aufbewahrt werden sie, wenn sie nicht gebraucht werden, in einem eigenen Plexiglasschrank an der Spitze der Bandstraße. Regelmäßig nach Schichtende, so wird erklärt und so belegt es auch ein entsprechendes Register, wird gezählt, dass auch kein Werkzeug fehlt. Keiner soll die Gelegenheit haben, mit den zum Teil spitzen und scharfen Werkzeugen sich oder andere zu verletzen.

Zu schnell geht auf die Qualität

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Das Band läuft ruhig, aber es gibt - anders als die Maschinen im Erdgeschoss - keinen festen Rhythmus vor. Die Abstände zwischen den Autos sind unregelmäßig, das Arbeitstempo hängt davon ab, wie schnell die Vorgängerin ihre Arbeit erledigt. Das gleiche Prinzip gilt an allen vier Bändern. Per Drehknopf lässt sich die Geschwindigkeit des Bandes regulieren. Gegenwärtig steht der Geschwindigkeitsanzeiger auf zweihundert, die Arbeiterinnen wirken konzentriert, aber nicht hektisch. Die Skala der Geschwindigkeitsanzeige allerdings reicht bis 1600. „Die Geschwindigkeit zu erhöhen, hätte gar keinen Zweck, schließlich steht die Qualität an erster Stelle,“ heißt die Antwort auf eine entsprechende Nachfrage.

Spielen im Akkord

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„QC“ steht entsprechend auf dem gelben Wimpel, den die Arbeiterin am Ende der Bandstraße mit einer Sicherheitsnadel an ihrem Hemdsärmel festgemacht hat. Er weist sie als Qualitätskontrolleurin aus. Schnell setzt sie in jedes fertige Auto einen Batterieblock ein, fährt es per Fernsteuerung einmal vor- und zurück. Funktioniert, Batterieblock wieder raus, nächstes Auto – spielen im Akkord.

Gegen 21 Uhr gehen heute in der Fabrik von Bentian allmählich die Lichter aus. Die Abende in Fujian fühlen sich jetzt im Herbst, gegen Ende der Hochsaison, an wie laue Sommerabende in Europa, die Luft ist mild. Auf der kleinen Straße zwischen Fabrik und Wohnheim wimmelt es von Arbeiterinnen und Arbeitern in den beige-braunen Hemden: Sie haben sich vor dem TV-Geschäft an der Ecke versammelt und verfolgen das Abendprogramm des staatlichen chinesischen Fernsehens. Die meisten Plätze in den Telefonbars der Straße sind belegt. In allen Wohnheimzimmern brennt Licht, kein Fenster bleibt dunkel. Nach Stunden mit Fernlenkspielzeug ist endlich wieder Zeit für die eigenen Teddys und Kuscheltiere. Weitere warten im Laden an der Ecke auf neue Besitzerinnen und Besitzer. 80 RMB, acht Euro, kostet der orange, kniehohe Teddy aus dem Wohnheim. Das ist etwa ein Sechstel des gesetzlichen Mindestlohns in China. Dai Min müsste dafür fast dreißig Stunden lang Modellautos bauen.

Text: Alexander Hartberg.
Fotos: Wu Hong.

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