Fernglas von Lidl Schnelltest

Lidl wirbt um Kunden mit Weitblick. Ein „Profi-Fernglas“ für ganze 18 Euro wartet in dieser Woche bei Lidl auf Käufer. Das kann ja nichts taugen, argwöhnt der Experte. Das billigste gute Modell aus dem letzten Fernglasvergleich kostete 70 Euro, und sehr gute Qualität war erst für Preise jenseits von 300 Euro zu haben. Doch die Billigware von Lidl soll ihre Chance bekommen. Im Schnelltest durfte das Fernglas zeigen, ob und wie viel Weitblick es Lidl-Kunden verschafft.

Scharfe Bilder

Auf den ersten Blick schneidet der Billig-Feldstecher gut ab: Klar und scharf wirkt das Bild beim Blick durch die Linsen. Das als Referenz verwendete Zeissglas kanns auch nicht viel besser. Etwas störend ist der beim Billig-Feldstecher deutlich sichtbare Farbstich. Die rot verspiegelten Frontlinsen reflektieren einen großen Teil des Lichts aus dem gelben und roten Spektrum. Das Bild erscheint daher im Vergleich zum Original bläulich und kalt. An der Qualität von Gehäuse und Linsen gibts nichts zu meckern. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Scharfstellung. Das Rad fürs Fokussieren will mit Nachdruck bedient werden. Das Gewinde hat eine ziemlich große Steigung. Das heißt: Schon bei wenig Drehung ändert sich die Einstellung stark. Der Vorteil: Die Schärfe ist schnell erreicht. Der Nachteil: Die Feinjustierung ist schwierig.

Verlust von Licht

Der Lidl-Feldstecher kommt mit 10-facher Vergrößerung und Objektiven mit 50 Millimeter großen Frontlinsen daher. Solche Ferngläser kommen zum Einsatz, wo hohe Lichtstärke gefordert ist. Die großen Linsen sollen auch bei Dämmerung noch genug Licht für ein klares Bild einfangen. Da jedoch patzt das Lidl-Glas. Die rot verspiegelten Frontlinsen sehen cool aus, schlucken aber Licht. Hinzu kommt: Auch die Konstruktion der Linsen und Prismen im Inneren des Fernglases ist nicht optimal. Dort geht weiteres Licht verloren. Das Resultat: Bei Dämmerung ist das Lidl-Glas viel schneller am Ende als 10 x 50-Modelle renommierter Hersteller wie Leica oder Zeiss. Allerdings: Deren Gläser kosten auch schon mal weit über 1 000 Euro. Anders ausgedrückt: Das „Profi-Fernglas“ von Lidl ist unnötig groß und schwer. Selbst wesentlich kleinere und leichtere Kompaktgläser schaffen genauso viel Lichtstärke und Schärfe. Im letzten Fernglas-Test gabs gute Qualität für Preise ab 70 Euro.

Behinderung durch Brille

Für Brillenträger ist das Fernglas aus dem Lidl-Angebot nur eingeschränkt geeignet. Die Augenmuschel macht keine Schwierigkeiten: Sie lässt sich umstülpen und stört dann nicht mehr. Dennoch schrumpft das Blickfeld für Brillenträger um rund 40 Prozent. Bei Benutzung von Ferngläsern sehen Kurz- oder Weitsichtige ohne Brille oft mehr. So lange die Fehlsichtigkeit nicht zu stark ist, lässt sie sich über die Scharfstellung ausgleichen. Wichtig: Der Dioptrienausgleich ist dazu geeignet, unterschiedliche Fehlsichtigkeit der beiden Augen auszugleichen. Wer auf beiden Augen im gleichen Maßen fehlsichtig ist, braucht am Okular nichts zu verstellen. Noch eine Einschränkung: Für Kinder ist das Lidl-Fernglas kaum geeignet. Der kleinste einstellbare Augenabstand liegt bei 56 Millimetern.

Geheimer Anschluss fürs Stativ

Die Bedienungsanleitung ist buchstäblich dünn. Die Hinweise beschränken sich auf das absolut unerlässliche Minimum. Ärgerlich: Der wichtige Hinweis, dass beim Blick in die Sonne Verbrennungen der Netzhaut drohen, steht ganz am Ende. Schade: Die Möglichkeit zur Montage auf einem Foto- oder Videostativ bleibt geheim. Die vordere Abdeckung des Mitteltriebs ist abschraubbar. Ins Gewinde passt ein Adapter, mit dem sich das Glas auf ein handelsübliches Foto- oder Videostativ schrauben lässt. Geeignete Adapter sind im Fachhandel zu finden.

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