Fasten Special

Flüssiger Kraft­spender. Gemüsebrühe soll den Fastenden mit Nähr­stoffen versorgen.

Die christliche Fasten­zeit beginnt dieses Jahr am 1. März. Aber auch unabhängig vom traditionellen Fasten – der Früh­jahrs­putz für den Körper ist in Mode. Die Wege zur körperlichen und geistigen Reinigung sind vielfältig: Manche schwören auf Gemüsebrühe und Tee, andere auf Zitronensaft oder eine Semmel, die mit Milch vermengt Dutzende Male gekaut wird. Es gibt unzäh­lige Konzepte, Belege aber sind rar. test stellt verschiedene Ansätze vor und sagt, welche tatsäch­lich etwas bewirken können.

Die ersten Tage sind oft hart

Warme Gemüsebrühe, frischer Obst­saft, mit Honig gesüßter Tee – das muss beim klassischen Fasten genügen. Die ersten Tage können hart sein, der Körper reagiert oft mit Unruhe, diffusem Kopf­schmerz oder Schwindel. „Ich bin nur am Frieren ... Hab mich erst­mal ins Bett verkrochen“, beschreibt es „Wanderer“, ein Nutzer des Onlineforums Heilfastenkur. Dort tauschen sich Leute aus, die zu Hause fasten. „Rotkehl­chen“ erzählt: „Habe mich doch noch zu einem Spaziergang aufgerafft im Niesel­regen. Hat gut getan.“ Der Durch­bruch kommt nach mehreren Tagen Verzicht. Der Hunger geht, viele Fastende erleben ein Hoch­gefühl. „Snoopa“ schreibt: „Heute an Tag vier ist es so weit: Energie pur und ich könnte Bäume ausreißen.“

Den Gürtel enger schnallen

Ob zu Hause, in einer luxuriösen Klinik oder einem schlichten Kloster – eine wachsende Zahl an Bundes­bürgern will selbst erfahren, was es mit der körperlichen und geistigen Reinigung auf sich hat. Abnehmen ist nicht das oberste Ziel, sondern ein Neben­effekt. Es geht um eine Auszeit vom Alltag, um Selbst­findung und -kontrolle. Im Winter den Gürtel enger schnallen hat jahr­hunderte­lange Tradition. Früher wurden die Vorräte knapp. Auch die christliche Fasten­zeit, die Gläubige zur Mäßigung aufruft, beginnt zum Ende des Winters: 2017 am 1. März. Die Industrie befeuert den Trend heute ganz­jährig mit Detox-Produkten, die Entgiften anregen sollen. Gift­stoffe ausscheiden, Ballast abwerfen? Gibt es Beweise, dass es funk­tioniert?

Flüssiges und gedüns­tetes Gemüse

Die Fasten­konzepte unterscheiden sich stark: Manche erlauben nur Flüssiges, andere viel Obst und Gemüse. Ernüchternd: Den meisten Ansätzen fehlt es an Wirk­samkeits­belegen. Ausnahme ist das Heilfasten. Studien geben Hinweise darauf, dass es Rheuma und möglicher­weise auch andere chro­nische Erkrankungen mildern kann. Dabei handelt es sich unter anderem um Beob­achtungs­studien mit Patienten.

Kranke sollten nicht ohne Rück­sprache mit dem Arzt fasten

Erkrankte sollten eine Fastenkur nur mit medizi­nischer Begleitung machen, empfiehlt die Ärztegesell­schaft Heilfasten und Ernährung. Gesunden Menschen rät sie, zur Prävention von Krankheiten zu fasten. Doch Vorsicht: Es bedeutet auch Stress für den Körper. Fasten birgt Risiken und Nebenwirkungen.

Erfolge im Kranken­haus

Seit mehr als 25 Jahren setzt das Immanuel Kranken­haus Berlin, eine Fach­klinik für Rheumatologie, auf das Heilfasten, um chro­nische Erkrankungen zu behandeln – jähr­lich bei rund 1 000 Patienten. Ob Rheuma, Blut­hoch­druck oder Diabetes: „Bei mindestens zwei Drittel dieser Krankheiten ist das Fasten eindeutig nutz­bringend“, sagt Andreas Michalsen. Der Inter­nist ist Chef­arzt der Abteilung Naturheil­kunde und hat eine Stiftungs­professur an der Berliner Charité. Bei seinen Patienten nähmen Schwel­lungen ab, Blut­werte besserten sich. Fasten scheint Entzündungs­prozesse zu stoppen. Eine Schlüssel­rolle spielen dabei wohl Ketone – Fett­moleküle, die der Körper nach längerem Nahrungs­entzug akti­viert.

Von der Fastenkrise zur Euphorie

Die klassische Fastenkur beginnt mit der Reinigung des Darms durch Glaubersalz. Danach lässt das Hungergefühl nach. Zu Beginn sorgen die Hormone Adrenalin und Kortisol für Anspannung, Experten sprechen von Fastenkrise. Der Nahrungs­entzug zwingt den Organismus, eigene Nähr­stoff­reserven anzugreifen. Nach einem Tag ohne festes Essen ist der in der Leber gespeicherte Zucker, das Glykogen, aufgebraucht. Der Körper schaltet den Stoff­wechsel um und bezieht die Energie aus Fett­reserven.

Serotonin sorgt für Hoch­stimmung

Nach drei bis vier Tagen fühlen sich viele Fastende ausgeglichen oder auch euphorisch. Sie berichten von geschärften Sinnen. Im Gehirn ist Serotonin länger verfügbar und sorgt für Hoch­stimmung. Otto Buchinger, der Begründer des Heilfastens, beschrieb das so: „Eine Art Lösung und Lockerung verkrampften seelischen Gefüges ist erkenn­bar, eine Klärung der Lage und eine höhere Feinfüh­ligkeit.“

Neue Impulse aus der Forschung

Seit zehn Jahren gibt eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten neue Impulse. Dazu zählen Erkennt­nisse des kalifor­nischen Forschers Valter Longo. Er erkannte, dass kurzes Fasten bei Mäusen gesunde Zellen während einer Chemo­therapie schützt und zugleich Tumor­zellen effektiver angegriffen werden. Derzeit erforschen Wissenschaftler, ob solche Effekte auch bei Menschen auftreten.

16 Stunden täglich fasten

Großes Interesse gilt dem Intervall­fasten, das auf regel­mäßige Essens­pausen setzt. Vor allem in Tier­versuchen zeigten sich zahlreiche positive Effekte. Aus der Kranken­hauspraxis berichtet Andreas Michalsen: Bereits eine Woche Fasten am Stück wirke sich bei Blut­hoch­druck­patienten positiv aus – nach drei Monaten aber sei der Effekt verpufft. Mögliche Lösung sei regel­mäßiges fasten, etwa 16 Stunden täglich oder zwei Tage pro Woche.

Intervall­fasten verlängert möglicher­weise das Leben

Laut einer Studien­auswertung von John Trepanowski von der University of Illinois verlängert Intervall­fasten bei verschiedenen Tier­arten das Leben. Bei Menschen besserten sich Mess­werte, die mit der Herz-Kreis­lauf-Funk­tion und Blut­zucker­werten zusammenhingen.

Von Über­säuerung und Schla­cken

Fasten kann einen Anstoß geben, Ernährungs­gewohn­heiten zu verbessern. Zum lang­fristigen Abnehmen ist es nicht geeignet, so die Deutsche Gesell­schaft für Ernährung (DGE). Es muss auch keiner fasten, um einer „Über­säuerung“ des Körpers entgegen­zuwirken. „Gesunde Erwachsene können auch bei einseitiger Ernährung Säure- und Basen­über­schüsse kompensieren und ausscheiden“, sagt DGE-Sprecherin Antje Gahl. Nur bei ernsten Erkrankungen könne das Gleichgewicht kippen.

Körper­eigenes Recycling

Fasten Special

Fasten­brechen. Traditionell wird ein Apfel gereicht. Die ersten Bissen sollen unver­gess­lich sein.

Im Körper sammeln sich auch keine Schla­cken an, sprich größere sicht­bare Ablagerungen. Fasten regt aber möglicher­weise die Fähig­keit der Zellen an, winzige geschädigte Zellorgane zu entsorgen. Das körper­eigene Recycling nennen Wissenschaftler Auto­phagie. Für die Erforschung dieses einzig­artigen Vorgangs erhielt der Japaner Yoshinori Ohsumi 2016 den Nobel­preis für Medizin.

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