Nichts essen, nur trinken: Das ist Fasten. Der befristete Ausstieg aus dem Essalltag tut Körper und Seele gut. Doch Vorsicht: Nur zum Abnehmen ist Fasten ungeeignet.

Spätestens nach den üppigen Festtagen rund um Weihnachten und Silvester heißt es wieder: Ran an den Winterspeck. Wie praktisch, dass nach Karneval (vom lateinischen carne vale: Fleisch, leb wohl!) die vierzigtägige Fastenzeit beginnt: Während der „tollen Tage“ lässt man es sich noch mal so richtig gut gehen, ab Aschermittwoch ist dann Schluss mit lustig. Religiös betrachtet soll das Fasten auch ein Weg zu innerer Ruhe und Erkenntnis sein. Für viele Zeitgenossen steht jedoch der Gewichtsverlust im Vordergrund. Besonders verlockend erscheint, dass die Pfunde am Anfang einer strikten Fastenkur rasch purzeln: Bis zu einem Kilo pro Tag sind drin.

Was passiert beim Fasten? Wenn der Körper keine Nahrung, keine Kalorien, erhält, greift er auf seine eigenen Energiereserven zurück. Das ist zunächst das Glykogen, ein zuckerähnlicher Stoff, der in den Muskeln, in der Leber und in der Niere gespeichert wird. Zusammen mit Glykogen scheidet der Körper viel Wasser aus, was den hohen Gewichtsverlust der ersten Fastentage erklärt. Dann erst sind die leidigen Fettpolster dran – und mit ihnen auch das Eiweiß, also die Muskulatur.

Kein Weg zum Idealgewicht

  • Viel Wasser und Eiweiß zu verlieren, ist nicht Ziel einer Schlankheitskur und einer der Gründe dafür, dass Mediziner vom Fasten zur Gewichtsabnahme abraten.
  • Der zweite Grund: Der Stoffwechsel hat während des Fastens seinen Energieverbrauch drastisch heruntergeschraubt und bleibt auch noch eine Weile auf Sparflamme. Wer dann wieder wie vorher zulangt, hat die verlorenen Pfunde sofort wieder drauf (Jo-Jo-Effekt). Viele wiederholt und regelmäßig Fastende werden auf Dauer deshalb nicht dünner.
  • Dritter Grund: Durch das Fasten kann sich die Körperzusammensetzung dauerhaft ändern. Wird ständig ab- und wieder zugenommen, schwindet die Muskelmasse und der Fettanteil steigt, sodass man – auch bei gleichem Körpergewicht – am Ende fetter sein kann als vorher.
  • Wer darauf vertraut, durch Nichtessen ans Ziel zu kommen, lernt nicht, sich dauerhaft maßvoll, figurfreundlich und gesund zu ernähren. Statt des totalen Nahrungsverzichts empfehlen Experten den Schlankheitsbeflissenen aber genau das.
  • Ständige Gewichtsschwankungen und die fast zwangsläufig auftretenden Eiweiß-Muskel-Verluste sind ungesünder als ein paar ständige Pfund zu viel.

Fasten zur Entschlackung?

Viele Menschen fasten, um ihren Körper zu reinigen, zu entgiften. Der in diesem Zusammenhang beliebte Begriff „entschlacken“ lässt streng naturwissenschaftlich orientierten Medizinern allerdings die Haa­re zu Berge stehen. Denn im Körper werde ständig „aufgeräumt“ beziehungsweise ausgeschieden. Im Darm blieben die Schlacken nicht wie in einem alten Ofenrohr hängen.

Tatsache ist aber auch, dass der Körper versucht, schädliche Substanzen, die er nicht einfach wieder ausscheiden kann, zu verwahren, und zwar so, dass sie möglichst keinen Schaden anrichten können. Da viele Gifte und Schadstoffe gut fettlöslich sind, können sie im Fettgewebe deponiert werden. Durch den Gewichtsverlust beim Fasten werden diese „Altlasten“ aus dem Körperfett wieder mobilisiert: Sie kreisen zunächst im Blut und durchfluten den ganzen Organismus. Kopfschmerzen und Fastenkrisen können die Folge sein. Ob diese „Schlacken“ ausgeschieden werden und welche gesundheitlichen Folgen ihr Im-Körper-Herumkreisen hat, ist wissenschaftlich letztlich ungeklärt.

Fasten, nicht hungern

Zeiten der Nahrungsknappheit hat es für Mensch und Tier immer wieder gegeben. Die Fähigkeit, körpereigene Energie-(Fett-)Depots zu bilden und davon in Notzeiten zu leben, hat unseren Vorfahren das Überleben gesichert. Doch der leere Magen war meist erzwungen, war Hunger. Beim Fasten dagegen handelt es sich um freiwilligen Verzicht – und dieser Unterschied ist für die Psyche entscheidend. „Sobald der Entzug von Nahrung als Zwang empfunden wird, ruft er Hunger und Widerstand hervor“, schreibt der Internist und Fastenguru Dr. Hellmut Lützner. Wer hungert, ist schlecht drauf, wird launisch, fühlt sich schwach und die bohrenden Hungergefühle lassen an nichts anderes als ans Essen denken. Beim Fasten ist das anders. Die Hungergefühle verschwinden schnell und weichen oft schon am zweiten Tag einem guten, starken Gefühl für sich selbst, oft auch einer euphorischen Stimmung.

Unser Gehirn schüttet bei Nahrungsverzicht körpereigene Opiate aus, Endorphine. Die entspannen, wirken sogar berauschend und machen so den anfänglichen Hunger erträglich. Manche Menschen reagieren auf diese körpereigenen Drogen mit regelrechten Suchterscheinungen – genauso wie auf harte Drogen. Dann beginnt ein gefährlicher Teufelskreis, der zu Mager- oder Ess-Brechsucht führen kann. Schon deshalb sollte man nie nur zum Abnehmen fasten. Wer zu gestörtem Essverhalten neigt, sollte möglichst überhaupt nicht fasten.

Nicht in Eigenregie

Beim strikten Fasten wird nur Wasser getrunken, mehrere Liter pro Tag, es darf nichts gegessen werden. Selbst kleine Mengen fester Nahrung würden sofort zu Hungergefühlen führen und das Projekt gefährden. Diese Nulldiät sollte keinesfalls in Eigenregie durchgeführt werden, sondern nur unter ärztlicher Aufsicht.

Saftfasten: Auch für den Alltag

Eher alltagstauglich ist das „Saftfasten“. Es geht zurück auf den Arzt Dr. Otto Buchinger, der in den 30er Jahren begann, das Fasten bei verschiedenen Krankheiten als Therapie (Heilfasten) anzuwenden. Hellmut Lützner entwickelte daraus das Saftfasten für Gesunde. Im Unterschied zu einer Nulldiät oder dem Wasserfasten erlaubt es täglich etwas Tee mit Honig, je einen viertel Liter Gemüse- und Obstsaft sowie Gemüsebrühe. Wer sehr schlank ist, kann auch etwas Buttermilch trinken, um dem Abbau von Körperei­weiß entgegenzuwirken. Länger als drei bis fünf Tage sollte auch hier nicht ohne ärztliche Begleitung gefastet werden.

Wichtig ist der Entlastungstag: einen Tag vorher auf Genussmittel wie Alkohol, Kaffee, Zigaretten verzichten, nur leicht essen (Obst, Reis), den Darm gut entleeren (Bittersalz). Und nach dem Fasten ist maßvolles Essen angesagt. Denn der Körper muss erst wieder lernen, Verdauungssäfte zu produzieren. Ein Apfel, ein Süppchen müssen da zunächst genügen.

Fazit: Zum Abnehmen ist Fasten nicht geeignet, und dass sich der Körper entgiftet, ist medizinisch nicht gesichert. Doch Fasten kann eine wertvolle körperliche und geistige Erfahrung sein. Wer es geschafft hat, wird in der Regel mit einem positiven Gefühl für die eigene Stärke, mit mehr Genussfähigkeit und verfeinertem Geschmacksempfinden belohnt.

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