Falschberatung Meldung

Die Frankfurter Sparkasse muss einem Anleger wegen mangelhafter Beratung beim Verkauf eines Lehman-Zertifikates Schadenersatz zahlen. Das hat das Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt am Main gestern entschieden.

Am Telefon zum Kauf überredet

Den Anleger, ein 38-jähriger Rechtsanwalt, hatte im Sommer 2007 die Sparkasse unaufgefordert in seiner Kanzlei angerufen und zur Anlage überredet. Der Anruf der Bank kam einen Tag vor Ende der Zeichnungsfrist und mündete in der Empfehlung, mehrere Einzelaktien wie Allianz und Postbank zugunsten eines angeblich sichereren Twin-Win-Zertifikates auf den DJ EuroStoxx zu verkaufen. Durch die Pleite der Lehman-Bank verlor der Anwalt mit den Papieren 7 000 Euro.

Fehlerhafte Aufklärung

Der Mann verklagte die Frankfurter Sparkasse daraufhin wegen mangelhafter Aufklärung erfolgreich auf Schadenersatz. Die dagegen eingelegte Berufung der Frankfurter Sparkasse wies das OLG jetzt zurück. Wie schon das Landgericht sah auch das Oberlandesgericht es als erwiesen an, dass die Sparkasse ihre Aufklärungspflichten verletzt habe. Schon die Tatsache, dass die komplizierte Anlage per Telefon verkauft worden sei, spreche für eine Verletzung der Sorgfaltspflicht durch die Sparkasse, urteilte das OLG. Zudem habe die Sparkasse den Anleger nicht über ein Sonderkündigungsrecht der Emittentin, Lehman Brothers, aufgeklärt, heißt es im Urteil.

Bank verschwieg Sonderkündigungsrecht der Emittentin

Das Sonderkündigungsrecht galt für ein Endlos-Zertifikat mit einer Laufzeit von bis zu 50 Jahren, in das Anleger ihr Twin-Win-Zertifikat unter bestimmten Bedingungen hätten umwandeln können. Eine solche Umwandlung war für den Fall vorgesehen, dass der EuroStoxx, an dessen Entwicklung das Zertifikat gekoppelt war, um mehr als 50 Prozent gefallen wäre. Anleger hätten dann anstelle einer Kapitalrückzahlung auf Basis des gefallenen Indexstandes ihr Papier in ein Endloszertifikat umwandeln und abwarten können, ob sich das Zertifikat im Laufe der Jahre wieder erholt. „Diese Chance hätte durch das Sonderkündigungsrecht der Emittentin vernichtet werden können“, argumentiert Rechtsanwalt Matthias Schröder aus Frankfurt, der den Anleger vertritt. Das Sonderkündigungsrecht der Emittentin habe weder im offiziellen Verkaufsprospekt gestanden, noch habe es der Bankberater erwähnt.

Entscheidung auch für andere Anleger bedeutsam

Die Sparkasse muss dem Anleger nach dem Urteil den vollständigen Kaufpreis für das Lehman-Zertifikat ersetzen und die Kosten des Rechtsstreits tragen. Rechtsanwalt Matthias Schröder von der Kanzlei LSS Rechtsanwälte misst der Entscheidung große Bedeutung zu: „Das Gericht hat zunächst einmal die ungeheure Komplexität der Zertifikate erkannt und klar gemacht, dass auf spezielle Risiken seitens der Bank hinzuweisen ist“. Die Entscheidung habe zudem direkte Auswirkung für zahlreiche Kunden der Sparkasse. „Vier von fünf der dort vertriebenen Zertifikate, weisen nämlich das relevante Kündigungsrisiko auf“, so Schröder weiter. 

Bewusst gut gebildeten Geschädigten als Kläger herausgesucht

Ganz bewusst habe seine Kanzlei nach der Insolvenz der US-Investmentbank aus vielen hundert Geschädigten den Fall des Rechtsanwalts ausgesucht. Da dieser vergleichsweise wenig schutzwürdig sei und deshalb nur nach den harten Fakten geurteilt werden könne, lassen sich daraus Rückschlüsse für alle Geschädigten ziehen. „Mein Klient ist im Vergleich zu den anderen Geschädigten sehr viel jünger, besser ausgebildet, hat weniger angelegt und hätte aufgrund seines jungen Alters auch die Chance gehabt, das Geld wieder zurück zuverdienen“, so Schröder. 

Frankfurter Sparkasse kündigt Revision an

Die Frankfurter Sparkasse will gegen das Urteil Revision beim Bundesgerichtshof (BGH) einlegen. Sie bezweifelt, dass es eine Beratungspflicht über das Sonderkündigungsrecht des Emittenten bei einem Endlos-Zertifikat gibt. Die Zulassung zur Revision zeige, dass es sich um eine offene, bisher noch nicht geklärte Rechtsfrage handelt, erklärte Pressesprecher Sven Matthiesen von der Frankfurter Sparkasse. Matthiesen meint, dass die Entscheidung keine Bedeutung für andere Lehman-Schadenersatzklagen habe. „Jeder Einzelfall müsse gesondert auf das Vorliegen einer Aufklärungspflichtverletzung der beratenden Banken hin geprüft werden“, sagte er.

Oberlandesgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 17.02.2010
Aktenzeichen, 2–19 O 287/08

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