Falsch beraten Test

„We are keine Champions“ – mit den Champion-Zertifikaten der Dresdner Bank hat Rolf Dürr große Verluste gemacht.

Hohe Verluste haben die Anleger Rolf Dürr und Jörg Prädel völlig überrascht. Beide fordern Schadenersatz von der Bank.

Immer nur Lehman. Aber wer redet von den vielen Zertifikaten und Fonds, die am Tropf der Aktienkurse hängen und die jetzt den Bach runtergingen?

Rolf Dürr besaß bis vor kurzem solche Wertpapiere. Dürr wurde im Jahr 2007 vom Filialleiter der Dresdner Bank (Werbeslogan: „Die Beraterbank“) in Karlsruhe angerufen. Ob er denn nicht das Geld von seinem Geldmarktkonto besser anlegen wolle, fragte der Banker seinen Kunden.

Der Filialleiter empfahl das Zertifikat „Dresdner Global Champion II“. Bis zur ­Finanzkrise hat die Dresdner solche Champions im Wert von mehr als einer Milliarde Euro angeboten. Wie viel sie davon verkauft hat, will die Bank nicht sagen.

Der heute 75-jährige Dürr nahm den Rat damals erst einmal mit nachhause. Später schickte er dem Berater eine E-Mail: „Ich komme zurück auf unser Telefongespräch und bin damit einverstanden, dass 30 000 Euro von meinem Geldmarktkonto fest angelegt werden. Sie sprachen von einem Zinssatz von garantiert 6 Prozent, fest für ein Jahr, steuerfrei und ohne Kursrisiko. “

Fest. Garantiert. Ohne Kursrisiko. Welchen Teil der E-Mail verstand der Filialleiter nicht, als er weiter das Global-Champion-Zertifikat empfahl? Die Zinsen dieses Zertifikats hängen sehr wohl von Kursen ab (siehe Zertifikate in der Krise). Seit dem jüngsten Kursrutsch ist klar, dass Dürr für das Zertifikat gar keine Zinsen mehr bekommen wird.

Im Oktober 2008 sank dann der Wert des Papiers so stark, dass er die Zertifikate vor dem Ende der Laufzeit an der Börse verkaufte. Seinen Verlust beziffert er auf 13 000 Euro. Die fordert er von seiner Bank.

Für Rolf Dürr gibt es Hoffnung. Denn damals – vor dem Kauf der Zertifikate – hatte der Filialleiter ihm in einer E-Mail bestätigt: „Ich kenne um Ihre Verluste in der Vergangenheit, darum bin ich stets bedacht, Ihnen sichere und gute Anlagen zu empfehlen und danke für Ihr Vertrauen.“ Das sieht nach Falschberatung aus.

So muss eine Bank beraten

Berät eine Bank einen Kunden, muss sie nach seinem Wissen über Geldanlagegeschäfte und nach seiner Risikobereitschaft fragen. Die empfohlene Anlage muss zum Kunden und seinen Wünschen passen.

Eine Geldanlage, die im Wert schwankt und auch ins Minus rutschen kann, ist zum Beispiel kaum geeignet für ältere Menschen mit kleiner Rente, die ihr Erspartes für die Altersversorgung benötigen. Ebenso wenig passt ein kursanfälliges Zertifikat zu einem Kunden, der deutlich gemacht hat, dass er auf das Geld dringend angewiesen ist, weil er später ein Eigenheim kaufen will.

Auch einem Kunden, der wie Rolf Dürr ausdrücklich gesagt hat, dass er kein Kursrisiko wünscht, darf die Bank kein Risiko­papier empfehlen.

Zu wissen, dass die Bank falsch beraten hat, reicht aber nicht. Anleger müssen die Falschberatung beweisen können. Und hier liegt oft das Problem.

Greift ein Anleger seine Bank an, legt diese oft ein Dokument vor, in dem das Beratungsgespräch mit Angaben zum Anleger und seinen Wünschen skizziert ist. Wer dort als risikobereit eingestuft wurde und ­unterschrieben hat, steht schlecht da.

Schlecht für die Bank sieht es dagegen aus, wenn ihre Mitarbeiter beim Gespräch keinen Fragebogen ausgefüllt haben oder wenn der Kunde nicht unterschrieben hat.

Rolf Dürr erinnert sich nicht, jemals ein solches Protokoll unterschrieben zu haben. Der Bankberater hatte ihm das Champions- Zertifikat am Telefon empfohlen.

Die Dresdner Bank will sich zu Einzelheiten im Fall Dürr nicht äußern. „Falls Kunden im Einzelfall die Einhaltung unserer pro­fessionellen Standards in der Beratung ­beanstanden, werden wir dies wie bisher selbstverständlich überprüfen“, sagte ein Sprecher der Bank gegenüber Finanztest.

Protokoll der Citibank unterschrieben

Falsch beraten Test

Jörg Prädel aus Hamburg wollte feste Zinseinkünfte aus seiner Geldanlage. Die Allegro-Zertifikate, die ihm die Citibank verkauft hat, werfen nun aber keine Zinsen mehr ab.

Auch Anleger Jörg Prädel aus Hamburg sieht sich falsch beraten. 50 000 Euro hat er auf Anraten der Citibank in Zertifikate der Citibank-Schwester Allegro gesteckt.

Vor zwei Jahren, als Prädel die ersten Allegro-Zertifikate kaufte, war er 68 Jahre alt. „Einkünfte aus meinen Geldanlagen brauche ich für den Lebensunterhalt“, sagt er. Prädel berichtet, dass ihm die Allegro-­Papiere als Geldanlage angepriesen worden seien, die verlässlich Zinsen abwirft.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Allegro-Zertifikat ist für Menschen, die nicht Finanzmathematik studiert haben, kaum zu verstehen. Die Bedingungen sind so gestrickt, dass Anleger nach großen Kursschwankungen wie in der jüngsten Börsenphase bis zum Ende der Laufzeit keine Zinsen mehr bekommen (siehe Zertifikate in der Krise).

Prädel wird nun bis zur Fälligkeit seiner Papiere im Jahr 2012 und 2013 keine Zinsen mehr bekommen. In Aussicht gestellt waren ihm 5,7 bis 8,5 Prozent. Zwar könnte er die Zertifikate vorzeitig an der Börse verkaufen – aber wohl nur mit großem Verlust.

Hält Prädel die Papiere bis zum Ende, ­bekommt er durch eine Kapitalgarantie immerhin seine 50 000 Euro wieder – sofern Allegro und Citigroup nicht pleitegehen.

Dennoch beklagt Prädel Verluste. Bis zur Rückzahlung kann er nicht ohne große Einbußen über das Geld verfügen. Die Verkaufsgebühr, das Agio, von 1 500 Euro bekommt er am Ende der Laufzeit auf keinen Fall und er bekommt keine Zinsen mehr.

Schadenersatz zu zahlen, lehnt die Citibank ab. Prädel sei über die Risiken und Funktionsweisen der Wertpapiere informiert worden, sagt die Bank. Außerdem ­habe er unterschrieben, dass der Kauf auf seinen Wunsch hin erfolgte und nicht von der Citibank vorgeschlagen wurde.

Nicht gut für Prädels Beweissituation ist auch, dass er vor dem Kauf von der Citibank als risikobereiter Anleger eingestuft worden war und diesen Fragebogen damals auch unterschrieben hat. „Für mich hieß ­risikobereit aber, statt der anvisierten 8 Prozent mal nur 2 Prozent zu erzielen, aber nicht wie jetzt bis zum Ende der Laufzeit ganz ohne Zinsgewinne dazustehen.“

Banken verschweigen Provisionen

Jörg Prädel hat sich einen Anwalt genommen, Ulrich Husack aus Hamburg. „Wäre Herr Prädel die Funktionsweise des Produkts im Detail erklärt worden, hätte er es nie gekauft“, argumentiert dieser.

Husack vermutet zudem, dass die Citibank für den Verkauf der Allegro-Zertifikate üppige Provisionen bekommen hat. Es geht um sogenannte Kick-back-Zahlungen: Der Anleger zahlt Gebühren an den Anbieter der Geldanlage und dieser gibt der vermittelnden Bank davon etwas zurück.

Husack beruft sich auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs. Eine Bank müsse den Anleger informieren, wenn sie für den Verkauf der Kapitalanlage Provisionen erhält, entschieden die Richter 2006 (Az. XI ZR 56/05).

Jörg Prädel hätte den Rat der Citibank vielleicht anders gesehen, wenn er gewusst hätte, dass die Bank ein Produkt empfiehlt, an dem sie kräftig mitverdient.

Mit mangelnder Aufklärung über Kick- backs begründen auch die Anwälte von ­Lehman-Opfern Schadenersatzforderungen. Bei Verkäufen von Lehman-Zertifikaten ab dem März 2008 bringen sie ein ­weiteres Argument vor: Die Bankmitarbeiter hätten spätestens ab dann in der Beratung darauf hinweisen müssen, dass sich die Situation bei Lehman verschlechterte.

Schlichtungsstelle anrufen

Schadenersatzklagen sind für Anleger kein Spaziergang. Jeder muss selbst klagen. Eine Massenklage ist nur in Ausnahmefällen denkbar, wenn etwa mehrere Anleger denselben Fehler in einem Prospekt beklagen.

Bevor Anleger vor Gericht gehen, können sie erst einmal ohne Anwalt die Schlichtungsstelle der Bank anrufen (siehe Unser Rat). Das Verfahren ist kostenlos.

Rolf Dürr kann der Ombudsmann der privaten Banken vielleicht helfen. Mit seinen Unterlagen hat er gute Chancen. Aber: Eine Zeugenvernehmung findet dort nicht statt. Wer mit Zeugen die Falschberatung belegen will, geht besser gleich zum Anwalt.

Sollte Lehman-Opfern der Nachweis einer Falschberatung nicht gelingen, bleibt ihnen vielleicht noch die Insolvenzmasse der Bank. Wie viel Prozent Zertifikatekäufer zurückbekommen werden, steht derzeit aber in den Sternen (zum Insolvenzverfahren siehe Lehman-Zertifikate).

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