Strippenzieher. Spezialisierte Agenturen verkaufen geschönte Bewertungen und beein­flussen so die Sterne – das zeigt unser Test.

Kundenbe­wertungen sollen die Kauf­entscheidung beim Onlineshopping erleichtern, aber längst nicht alle sind „echt“. Rezensionen lassen sich kaufen, Agenturen liefern sie auf Bestellung. Wir haben bei solchen Agenturen inkognito angeheuert und Bewertungen verfasst. Bei jeder vierten Kritik sollten wir vier oder fünf Sterne vergeben, oft durften wir die Waren nicht einmal ausprobieren. Unabhängig davon kaufte ein Internethändler für uns positive Bewertungen ein – alles ging ganz einfach.

Die Idee: Kunden helfen Kunden

Das Internet ist voller Sterne. Sie lassen das Profil des Lieblings­italieners bei Google erstrahlen, den Toaster bei Amazon, das Urlaubs­hotel auf dem Reiseportal, die Zimmerpalme auf der Internetseite des Pflanzen­versands. Anhand einer Skala von eins bis fünf Sternen bewerten Kunden Waren oder Dienst­leistungen, die sie ausprobiert haben. Sie erleichtern anderen die Kauf­entscheidung.

Die Realität: Zehn Bewertungen für 99 Euro

So sollte es zumindest sein. Längst mischen sich unter Rezensionen echter Verbraucher auch Fake-Bewertungen – geschönte Kritiken. Damit polieren einige Händler oder Dienst­leister ihre Sterne-Bilanz auf. Top-Bewertungen können sie bei Agenturen im Internet kaufen, zum Beispiel zehn Stück für 99 Euro.

Testbe­richte als PDF

Neben dem Testbe­richt aus test 7/2020 können Sie auch eine weitere Veröffent­lichung zum Thema „Kundenbe­wertungen vs. Test­urteile: Wie aussagekräftig sind Amazons Sterne?“ (test 3/2019) hier kostenlos herunterladen.

Stiftung Warentest undercover: So sind wir vorgegangen

Wir haben hinter die Kulissen der Sterne-Industrie gesehen. Die Agenturen fanden wir per Internetrecherche. Jeder kann sich dort als Rezensent registrieren, die Texte werden oft von Privatleuten für ein kleines Zubrot geschrieben. Unsere Tester meldeten sich inkognito bei sieben Agenturen an und verfassten Dutzende Bewertungen. Mal bekamen wir 0,01 Dollar pro Auftrag, häufig durften wir die Ware behalten oder güns­tiger kaufen. Den Haushalt kann man auf diese Weise nur bedingt aufpeppen, da sich nicht beein­flussen lässt, für welche Produktbe­wertungen man zugelassen wird.

Gekaufter Jubel: Fünf Sterne auf Ansage

Wir wollten wissen, ob die Agenturen auch negative Aussagen akzeptieren, und verfassten bewusst kritische Texte. Tatsäch­lich mischten sich die Agenturen in 63 Prozent aller Rezensionen ein. Bei jeder vierten Kritik wiesen sie uns an, vier oder fünf Sterne zu vergeben. In 21 Prozent der Fälle durften wir die Waren nicht einmal ausprobieren.

Rezensionen am laufenden Band

Von Dezember bis Mai haben unsere Tester für diese Agentur-Webseiten Bewertungen geschrieben: slice­thepie.com, lutendo.com, empfohlen.de, rezendo.com, testerjob.net, five­star-oms.net und shopdoc.de/produkttester. Pro Agentur wurden wir für unterschiedlich viele Rezensionen zugelassen. Um die Agenturen gleich zu behandeln, ging jede mit sechs Fällen in unsere Auswertung ein – macht insgesamt 42 Bewertungen. Die Ergeb­nisse der über­zähligen Fälle sind gewichtet einge­flossen.

Von der Mausefalle bis zum Fernseher

Nachdem wir uns auf den Internet­seiten der Agenturen angemeldet hatten, durften wir uns dort auf Produktbe­wertungen bewerben. Zugelassen wurden wir nicht immer. Scheinbar will­kürlich erhielten wir den Zuschlag für unterschiedliche Produkte: Kopf­hörer, Toilettenbürsten, Lichterketten, Perücken oder Apps. Bewertet wird so ziemlich alles und in jedem Preis­bereich – von der Mausefalle bis zum XL-Fernseher.

Voraus­setzung: Konto bei Amazon

Wer für eine Bewertung zugelassen wird, erhält genaue Anweisungen von den Agenturen. Voraus­setzung ist oft, dass der Rezensent ein Konto bei Amazon hat. Für Waren aus dem Onlineshop des US-Giganten ließen uns die Agenturen den Löwen­anteil der Rezensionen verfassen.

Alles soll echt wirken

Die Produkte sollten wir zunächst wie jeder normale Kunde über unser Amazon-Konto und auf unsere Kosten bestellen. Amazon kenn­zeichnet das als „verifizierten Kauf“, alles soll echt aussehen. Nachdem wir die Ware erhalten hatten, reichten wir die Rezension bei Amazon ein, gleich­zeitig prüfte die Agentur unsere Bewertung.

Mogeln, was das Zeug hält

Um heraus­zufinden, ob die Agenturen auch Kritik akzeptieren, haben wir konsequent mittel­mäßige Rezensionen geschrieben. Wir vergaben zum Beispiel nur drei Sterne. Eine geringere Zahl kam nicht infrage, da wir keinem Produkt schaden wollten. Doch selbst unsere mittel­prächtige Bewertung billigte nicht jede Agentur.

Geld gibts erst, wenn die Bewertung stimmt

Lutendo und Testerjob wiesen uns an, unsere drei Sterne auf mindestens vier oder gar fünf Sterne zu korrigieren. Sonst hätten wir keine Bewertung abgeben dürfen und den Aufwand umsonst betrieben. Auch die Ausgaben für die Produkte erstattet die Agentur erst, nachdem sie die Bewertung freigegeben hat. Bei Slice­thepie sollten wir Kopf­hörer, Pullover und Schuhe nur anhand eines Fotos bewerten, für Five­star schrieben wir Rezensionen zu einer imaginären Dating-App. Rezendo hinterfragte all unsere Drei-Sterne-Bewertungen, Five­star forderte uns auf, Bewertungen anderer Amazon-Kunden als nützlich zu markieren (Mit diesen Methoden arbeiten die Fake-Rezensenten).

Zwei manipulierten nicht

Nur zwei Agenturen versuchten nicht, unsere Bewertungen zu beein­flussen – Empfohlen und Shopdoc. Hier lief alles etwas anders. Bei Empfohlen sollten wir etwa nur kurze Fragen zu Amazons Video­streaming­dienst Prime beant­worten, bei Shopdoc vor allem rabattierte Produkte bewerten.

Reich werden andere

Attraktiv ist der „Neben­job“ des Produktbe­werters nicht. Die Agenturen und deren Kunden dagegen profitieren ordentlich von dem Geschäft: Wir haben den Spieß am Ende umge­dreht und mithilfe eines Internethänd­lers gefälschte Rezensionen gekauft. Alles ging ganz einfach.

Dieser Artikel ist hilfreich. 113 Nutzer finden das hilfreich.