Fahrten zur Arbeit Meldung

Seit 1. Januar rechnet das Finanzamt den Weg zur Arbeit neu ab. Doch die Ampel steht immer noch nicht voll auf Grün.

Da kam nicht nur Freude auf, als die neuen Kilometerpauschalen für den Weg zur Arbeit pünktlich zum 1. Januar 2001 in Kraft traten. Vieles war unklar. Das bekamen vor allem Autofahrer zu spüren, die sich einen Freibetrag auf der Lohnsteuerkarte eintragen lassen wollten. Die Finanzämter wussten nicht so recht, wie sie den Weg zur Firma berechnen sollten. "Es wird nur noch die kürzeste Straßenverbindung anerkannt", antwortete Manfred Becker von der Berliner Oberfinanzdirektion noch im Juni auf Fragen von Finanztest.

Die Oberfinanzdirektion Düsseldorf fuhr einen vorsichtigeren Kurs. Sprecher Friedhelm Scharmann beschrieb ihn so: "Wir lassen unseren Finanzämtern die Wahl. Sie können bis zur endgültigen Klärung auch längere mit Kraftfahrzeugen zurückgelegte Strecken anerkennen, wenn sie der schnellere Weg zur Arbeit sind."

Alles wartete zu Beginn des Sommers immer noch auf eine Entscheidung der Finanzchefs in Bund und Ländern, ob Schnellstrecken noch durchgehen oder nicht. Doch die blieb aus.

Kurz oder schnell

Fahrten zur Arbeit Meldung

Für Ingrid Heinrich hängt vom Machtwort der Finanzminister viel Geld ab. Die Düsseldorferin nimmt morgens nie die kürzeste Straßenverbindung zur Firma. Da müsste sie zwar nur 30 Kilometer mit dem Auto durch die Stadt fahren. Dafür wäre sie aber mindestens eine Stunde lang unterwegs.

Ingrid Heinrich steuert lieber 45 Kilometer über die Autobahn und ist schon in 30 Minuten in der Firma. Sie spart, wenn sie die 45 Kilometer lange Schnellstrecke beim Finanzamt abrechnen kann, bei 30 Prozent Steuersatz 828 Mark Steuern mehr als mit der kürzesten Straßenverbindung (30 Prozent von 230 Arbeitstagen x 15 Kilometer x 0,80 Mark Pauschale). Das würde aber nur klappen, wenn die längere Strecke wirklich schneller ist.

Lothar Schmidt kann die Entscheidung der Finanzchefs deshalb völlig egal sein. Der Mann aus Lahnstein arbeitet auf der anderen Seite des Rheins. Die kürzeste Straßenverbindung zur Firma über die Rheinbrücken beträgt 70 Kilometer. Schmidt nimmt aber die Autofähre und ist morgens insgesamt nur 30 Kilometer bis zur Arbeit unterwegs.

Pech für ihn: Der Wasserweg ist kürzer und die Fahrt über die Brücken nicht schneller. Das Finanzamt erkennt deshalb nur die 30 Kilometer lange Tour mit der Autofähre an. Selbst wenn Lothar Schmidt sich anders besinnt und künftig über die Rheinbrücken fährt, ist für ihn nicht mehr drin.

Auch Helmut Müller aus Berlin hat von der Entscheidung der Finanzminister nichts. Nur wer mit dem Firmenwagen oder eigenem Fahrzeug in die Firma kommt, kann davon profitieren. Alle, die wie Helmut Müller mit öffentlichen Verkehrsmitteln ihr Ziel erreichen und statt der echten Fahrtkosten Kilometerpauschalen abrechnen wollen, müssen immer mit der kürzesten Straßenverbindung zufrieden sein.

Der Berliner fährt morgens 30 Kilometer mit der S-Bahn zur Arbeit. Die kürzeste Straßenverbindung von seiner Wohnung zur Arbeit beträgt 25 Kilometer. Mehr kann Müller pauschal nicht beim Finanzamt abrechnen ­ selbst wenn die S-Bahn schneller ist.

Über oder unter 10.000 Mark

Fahrten zur Arbeit Meldung

Auch Fernpendler wissen bereits, wo der Hase lang läuft. Wollen sie den Weg zur Arbeit ohne Belege mit den neuen Pauschalen abrechnen, erkennt das Finanzamt maximal 10.000 Mark im Jahr an. Auch Kollegen, die nicht das ganze Jahr beschäftigt sind, können so viel pauschal abrechnen. Ob der Weg zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Firmenwagen oder eigenen Fahrzeugen zurückgelegt wird, ist egal.

Arbeiten Fernpendler 230 Tage im Jahr und ist ihr Arbeitsplatz mindestens 56 Kilometer von daheim entfernt, ist das 10.000-Mark-Limit jedoch überschritten (10 Kilometer x 0,70 Mark +

46 Kilometer x 0,80 Mark für jeden Arbeitstag). Dann will das Finanzamt handfeste Belege sehen.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit anreisende Fernpendler müssen die Ausgaben für sämtliche Bus- und Bahnfahrten nachweisen, wenn sie Fahrtkosten über 10.000 Mark im Jahr absetzen wollen. Nur wenn Fahrkarten oder Rechnungen vorliegen, erkennt das Finanzamt alles an, was sie tatsächlich ausgegeben haben. Die Abrechnung mit Pauschalen ist über 10.000 Mark nicht mehr möglich.

Kollegen, die mit dem eigenen Fahrzeug oder Firmenauto zwischen Wohnung und Arbeit pendeln, können ihre Fahrten dagegen auch dann mit den neuen Kilometerpauschalen abrechnen, wenn sie damit auf Werbungskosten über 10.000 Mark im Jahr kommen. Sie müssen ihre Kosten auch bei dieser Größenordnung nicht einzeln nachweisen.

Ganz ohne Belege kommen aber auch Kfz-Pendler in diesem Fall nicht davon. Sie müssen dem Finanzamt zumindest plausibel machen, dass sie mit dem angegebenen Fahrzeug auch wirklich zur Arbeit gefahren sind. Gut geeignet als Beweis sind Reparatur- und Inspektionsrechnungen, aus denen der Kilometerstand hervorgeht. Fehlen solche Unterlagen, tun es auch Schreiben oder Zeugenaussagen von Ehepartnern, Lebensgefährten oder Arbeitgebern.

Fahrzeugmix

Komplizierter wird es mit der 10.000-Mark-Grenze, wenn Arbeitnehmer mal mit dem Auto und mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren.

Margarete Strack fährt von Mai bis August in ihrem Cabriolet zur Firma (73 Tage) und in den anderen Monaten des Jahres Bahn (147 Tage). Die kürzeste Straßenverbindung zwischen ihrer Wohnung und dem Arbeitsplatz ist 90 Kilometer lang.

Die Bahnfahrten bringen mit Kilometerpauschalen abgerechnet 10.437 Mark Werbungskosten. Für die ersten zehn Kilometer kommen 1.029 Mark zusammen (147 Tage x 10 Kilometer x 0,70 Mark). Die restlichen 80 Kilometer ergeben 9.408 Mark (147 Tage x 80 Kilometer x 0,80 Mark). Pauschal kann Margarete Strack aber höchstens Ausgaben bis 10.000 Mark im Jahr abrechnen. Will sie mehr als Werbungskosten geltend machen, müsste sie dem Finanzamt Fahrkarten im Wert von über 10.000 Mark präsentieren.

Die Cabriofahrten bringen 5.183 Mark Werbungskosten. Für die ersten 10 Kilometer sind es 511 Mark (73 Tage x 10 Kilometer x 0,70 Mark). Der Rest der Strecke macht 4.672 Mark aus (73 Tage x 80 Kilometer x 0,80 Mark).

Jetzt hat die Cabriofahrerin mehrere Möglichkeiten:

- Rechnet Margarete Strack ihre Bahnfahrten pauschal ab und weist dem Finanzamt ihre Autofahrten nach, kann sie insgesamt 15.183 (10.000 + 5.183) Mark Werbungskosten absetzen. Ohne Nachweis der Autofahrten sind es maximal 10.000 Mark.

- Weist Margarete Strack die Autofahrten mit Belegen nach und legt Fahrkarten im Wert von über 10.000 Mark vor, erkennt das Finanzamt die Auto- und Bahnkosten voll an. So käme sie auf Werbungskosten über 15.183 Mark.

- Belegt Margarete Strack nur die Bahnkosten, zieht das Finanzamt lediglich die Ausgaben für die Bahn ab.

Park and ride

Viel rechnen müssen auch Arbeitnehmer, die auf der täglichen Fahrt zur Arbeit streckenweise mit eigenen Fahrzeugen oder Firmenwagen des Arbeitgebers und streckenweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus und Bahn unterwegs sind. Als erstes müssen sie ihre Kfz-Kosten ausrechnen.

Laura Kindermann fährt mit ihrem Motorrad morgens 30 Kilometer zum Bahnhof und von dort 80 Kilometer mit der Bahn zur Arbeit. Die kürzeste Straßenverbindung zwischen ihrer Wohnung und dem Arbeitsplatz beträgt insgesamt 90 Kilometer.

Für die ersten zehn Kilometer der täglichen Motorradfahrt zum Bahnhof setzt Laura Kindermann jährlich 1.540 Mark an (220 Tage x 10 Kilometer x 0,70 Mark). Die restlichen 20 Kilometer berechnet sie mit 3.520 Mark (220 Tage x 20 Kilometer x 0,80 Mark). Das sind zusammen 5.060 Mark.

Zur Berechnung der Bahnkosten zieht Laura Kindermann von den 90 Kilometern der kürzesten Straßenverbindung die 30 Kilometer Motorradstrecke ab. Die restlichen 60 Kilometer kann sie für die Bahnfahrt ansetzen und mit jeweils 80 Pfennig pauschal abrechnen. Das Ergebnis sind 10.560 Mark Bahnkosten im Jahr.

Da Laura Kindermann nur 3.600 Mark für die Jahreskarte bezahlt hat, rechnet sie ihre Bahnfahrten mit Kilometerpauschalen ab und beantragt dafür den Höchstbetrag von jährlich 10.000 Mark. Kann sie ihre Motorradfahrten belegen, erkennt das Finanzamt 5.060 Mark zusätzlich an. Andernfalls bleibt es beim Höchstbetrag von insgesamt 10.000 Mark jährlich.

Fahrclubs

Ganz anders rechnen müssen Fahrclubs und Ehepaare, die gemeinsam zur Arbeit fahren. Kutschiert immer nur einer andere in seinem Wagen, setzt er seine Fahrtkosten so wie jeder andere Autofahrer ab. Auch die Mitfahrer dürfen für die ersten 10 Kilometer der kürzesten Straßenverbindung zwischen Wohnung und Arbeitsplatz 70 Pfennig und für jeden weiteren Kilometer 80 Pfennig pro Tag abrechnen. Bei ihnen erkennt das Finanzamt jedoch maximal 10.000 Mark im Jahr an. Der Fahrer des Wagens kann dagegen mehr abrechnen, wenn er seine Fahrten belegen kann.

Bringt jeder aus dem Fahrclub die anderen zeitweise mit seinem Wagen zur Arbeit, müssen alle die Fahrten als Chauffeur und Beifahrer getrennt abrechnen. Drei Braunschweiger Kollegen fahren zum Beispiel täglich 70 Kilometer mit dem Wagen zur Arbeit nach Hannover. Dafür holt jeder an 75 Tagen seinen Wagen aus der Garage. 150 Tage ist jeder aus dem Club Beifahrer.

Als Beifahrer kommt jeder der Braunschweiger Kollegen auf 8.250 Mark Fahrtkosten im Jahr. Für die ersten zehn Kilometer erkennt das Finanzamt 1.050 Mark an (150 Tage x 10 Kilometer x

0,70 Mark). Die restlichen Kilometer ziehen die Beamten mit 7.200 Mark ab (150 Tage x 60 Kilometer x 0,80 Mark). Da bei jedem weniger als 10.000 Mark zusammenkommen, können alle ihre Beifahrerkosten voll absetzen.

Auch die 75 Tage, an denen jeder Kollege mit dem eigenen Auto gefahren ist, sind kein Problem. Hierfür erkennt das Finanzamt bei jedem zusätzlich 4.125 Mark im Jahr an. 525 Mark bringen die ersten 10 Kilometer (75 Tage x 10 Kilometer x 0,70 Mark). Der Rest schlägt mit 3.600 Mark zu Buche (75 Tage x 60 Kilometer x 0,80 Mark) .

Da bei der Abrechnung aller Fahrten im Jahr über 10.000 Mark Werbungskosten herauskommen, muss jeder der Braunschweiger Kollegen die Fahrten mit dem eigenen Wagen nachweisen. Die anderen aus dem Fahrclub können sie zum Beispiel schriftlich bestätigen. Dann erkennt das Finanzamt bei jedem insgesamt 12.375 Mark Werbungskosten an. Ein schöner Brocken.

Mehrere Fahrten

Nicht für jeden sind die seit 1. Januar gültigen Steueränderungen so lukrativ. Die Finanzämter haken pro Tag nämlich nur noch eine Fahrt zur Arbeit ab. Selbst wenn Angestellte wie Bereitschaftsärzte über vier Stunden Pause haben und deshalb zwischendurch nach Hause fahren, ist nicht mehr drin.

Nur wenn Arbeitnehmer verschiedene Arbeitgeber haben und daheim einen Zwischenstopp machen, bevor sie zur nächsten Firma fahren, erkennt das Finanzamt noch mehrere Fahrten am Tag an. In diesem Fall lohnt sich die Pause zu Hause noch.

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