Fahr­radsättel im Test Test

Das Gewicht des Fahr­radfahrers lastet auf einer hand­tellergroßen Fläche. Ob sport­lich oder aufrecht fahrend, schmaler oder breiter Po – es gibt den richtigen Sattel.

Fahr­radsättel im Test Test

Druck­bilder. Das linke Bild zeigt einen starken Druck im Damm­bereich. Die Sitz­knochen sind entlastet. Das ist medizi­nisch bedenk­lich. Rechts sind die Sitz­knochen belastet. So ist es richtig.

Druck­bilder. Das linke Bild zeigt einen starken Druck im Damm­bereich. Die Sitz­knochen sind entlastet. Das ist medizi­nisch bedenk­lich. Rechts sind die Sitz­knochen belastet. So ist es richtig

Breit­beinig stehen die Radler im Ausflugs­lokal und warten auf freie Plätze. Das Bild erinnert an Cowboys: Nach langem Ritt gönnen sie sich und ihrem vom Sattel geschundenen Hinterteil Erholung mit einem Whiskey an der Bar. Statt Whiskey gibt es im Ausflugs­lokal Schorle. Die Probleme mit dem Sattel ähneln sich.

Die Stiftung Warentest hat 17 passionierte Fahr­radfahrer samt ihren Rädern zum Satteltest geladen – Frauen und Männer, von gemütlich aufrecht bis sport­lich nach vorn geneigt radelnd. Sie sind 25 bis 60 Jahre alt. Sie sollten mehrere Fahr­radsättel probefahren und beschreiben, wie bequem sie darauf sitzen. Fachleute haben diese Eindrücke ausgewertet – auch mithilfe elektronischer Abbildung der Kontakt­flächen zwischen Po und Sattel. Das Ziel: für jeden den passenden Fahr­radsattel zu finden – egal ob für sport­liche oder aufrecht Fahrende mit schmalem oder breitem Po.

Viele Reib- und Druck­stellen

Fahr­radsättel im Test Test

Breiter Sattel. Wer aufrecht sitzt, kommt mit einem breiten Sattel besser klar. Der sollte nicht zu weich sein, sonst sinkt der Po ein.

Fahr­radsättel im Test Test

Schmaler Sattel. Er ist bequem für sport­lich nach vorn gebeugte Fahrer. Wer nach vorn rutscht, sollte noch schmalere ausprobieren.

Zunächst prüften die Tester, ob der am Fahr­rad der Probanden montierte Sattel zu ihnen passt. Erstaunlich: Nur ein einziger radelt auf dem richtigen Polster. Bei allen anderen registrierte die Kontakt­prüfung Reib- und Druck­stellen dort, wo sie besser nicht auftreten sollten – im Damm- und Genital­bereich. Das kann mehr als die Lust am Radfahren vereiteln. Nerven werden gedrückt, Adern abge­klemmt. „Bei mir ist alles taub“, klagen viele Männer und Frauen. Wo etwas taub wird, gibt es keine Schmerzen. An die Taubheit kann man sich gewöhnen. So werden Warn­signale des Körpers ignoriert. Im Extremfall droht Impotenz, Fachleute warnen sogar vor Inkontinenz. Der Damm­bereich liegt zwar auf der Sattelnase auf, sie darf aber nicht drücken – weder auf den Damm noch in die Genitalien.

Die Tester haben den Probanden Sättel ausgesucht, die zu ihrem Fahr­stil und Sitz­knochen­abstand passen. Die Sitz­knochen sind die beiden Höcker am Po, auf denen der Mensch sitzt. Meist haben Frauen einen etwas größeren Sitz­knochen­abstand als Männer. Deshalb bieten Hersteller bei vielen Sätteln breitere Frauen- und schmalere Männermodelle an. Doch es gibt ebenso Männer mit breitem und Frauen mit schmalem Po. Viele Anbieter nennen inzwischen den Sitz­knochen­abstand, für den ihre Sättel optimiert sind.

Fahr­radsättel im Test Test

Selbst­test. Den Abstand der Sitz­knochen kann jeder selbst messen: Well­pappe auf eine glatte Fläche und den Po auf die Pappe drücken. Viele Sättel sind auf ein bestimmtes, angegebenes Maß optimiert.

Wie groß der Knochen­abstand ist, kann jeder selbst ermitteln. Einfach auf ein Stück Well­pappe setzen und den Abstand der Mittel­punkte der platt­gedrückten Stellen messen – fertig.

Auf den von den Testern ausgewählten Sätteln saßen die Radler besser als auf ihren alten. Der Druck im Damm­bereich nahm ab, wurde aber am Po stärker. An dieser Stelle ist es nicht schlimm – der Po ist zum Sitzen da. Nach ein paar Tagen hatten sich die Radler daran gewöhnt.

Für diejenigen, die wenig Fahr­rad fahren und sich nie an den Sattel gewöhnen, gibt es Modelle mit Gelpolster. Das fühlt sich erst einmal gut an. Doch das Gel vergrößert die Kontakt­fläche zwischen Po und Sattel und walkt die Gesäß­haut durch. Folge: Nach etwa 30 Kilo­metern tut der Po weh. Gelsättel taugen eher für Kurz­stre­cken.

Brooks Kernleder geliebt und gehasst

Ein Modell indes gewöhnt sich an den Radler: Brooks. Dessen Leder­decke wirkt erst einmal extrem hart. Sie gibt aber nach einigen hundert Radelkilo­metern an Druck­stellen nach. Zum ausgiebigen Einfahren hatte kaum einer unserer Probanden Zeit. So fielen die Bewertungen durch­wachsen aus. Hinzu kommt: Das Leder des Brooks ist nicht nur hart, sondern auch rutschig. Es bedarf besonderer Pflege. Nass werden darf es nicht, regel­mäßig fetten ist Pflicht.

Ein Sattel fiel bei allen Probanden durch: Die Test­fahrten mit dem Comfort Line Relax haben alle vorzeitig abge­brochen. Der Fahrer sitzt darauf wie auf einem Stuhl. Wer die Höhe des Sattels korrekt einstellt, schiebt seinen Po bei jedem Tritt nach vorn. Ist er so nied­rig, dass das nicht passiert, bleiben die Knie zu stark gebeugt. Das ist unbe­quem, die Beine tun weh, lockeres Radeln ist unmöglich.

Beliebt bei den Probanden war dagegen der Comfort Line Wings – besonders bei Frauen. Eine hätte ihn am liebsten gleich gekauft. Er besteht aus zwei zueinander beweglichen Hälften. Die bewegen sich beim Treten mit den Oberschenkeln mit.

Wo nichts ist, kann nichts drücken. Nach diesem Motto bauen Hersteller Sättel mit Durch­brüchen und Mulden im Damm- und Genital­bereich. Das verlagert die Problemzonen an den Rand der Durch­brüche. Dort drücken sie im Extremfall umso mehr. Beim Selle Royal Ergogel Plugin soll sich der Druck im Damm­bereich mithilfe eines Gelkissens verteilen. Ob das angenehm ist, kann der Radler nur bei einer ausgiebigen Probefahrt selbst erfühlen.

Beim Terry GT Gel sammelt sich in der Mulde Schnee. Nach einer Frost­nacht im Test hat das zu wenig freundlichen Kommentaren im Protokoll geführt. Eis gehört in den Whiskey, nicht in den Sattel.

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