Kinder­fahr­radhelme Test

Gut geschützt. Über Stock und über Stein fährt es sich sicherer mit Helm. Viele Modelle sind so bequem, dass man sie fast auf dem Kopf vergisst.

Sie schützen den Kopf bei schweren Stürzen. Knapp die Hälfte der Modelle schafft das gut. Zwei sind gefähr­lich groß für kleine Kinder­köpfe.

Die meisten Kleinen radeln mit Köpf­chen: Rund zwei Drittel der Kinder unter zehn Jahren fahren mit Helm, zeigen Zahlen der Bundes­anstalt für Straßenwesen von 2015. In der Generation ihrer Eltern ist es noch nicht einmal jeder Sechste. Es ist sinn­voll, kleine Ritter auf Rädern mit einem guten Helm auszustatten. „Junge Radler können den Straßenverkehr noch nicht über­blicken. Ihre Koor­dination ist nicht voll entwickelt“, sagt Wolf­ram Hell, Unfall­forscher am Institut für Rechts­medizin der Universität München. Hell und sein Team werteten rund 700 Fahr­rad­unfälle, bei denen 117 Menschen starben, aus. Ihre wichtigste Erkennt­nis: Mehr als die Hälfte der getöteten Radler starb an Schädel- und Hirn­traumata. Sie trugen keinen Helm. Von sechs Todes­opfern mit Helm starb keines an Kopf­verletzungen. Ein Helm dämpft die Aufprall­energie und senkt so das Risiko für Schäden. „Eltern sollten ihre Kinder so früh wie möglich an den Helm gewöhnen“, sagt Hell. „Am besten klappt das, wenn sie selbst einen tragen.“

Von vier Helmen raten wir ab

Im Labor zeigt sich: Jeder Helm schützt bei Unfällen besser als keiner. Alle elf Modelle für größere Kinder und alle acht für Klein­kinder senken das Verletzungs­risiko deutlich. Dennoch raten wir nach dem Test von vier Helmen ab. Drei sind mit Schad­stoffen in kritischen Mengen belastet. Einer von ihnen und noch ein weiterer können bei Stürzen vom Kopf rutschen.

Testsieger ab 40 Euro

Von den Helmen für die Kleinsten schneidet die Hälfte gut ab. Vorn landet Little Nutty von Nutcase für 70 Euro. Er schützt gut, ist komfortabel und leicht zu hand­haben. Von den Modellen für die Größeren schaffen fünf das Qualitäts­urteil gut. Testsieger ist der Cratoni Akino, gefolgt vom Bell Sidetrack Child für jeweils 40 Euro.

Schläfen­partie zu wenig geschützt

Beim Unfall­schutz sind etliche Modelle nur mittel­mäßig. Dass die Qualitäts­urteile im Schnitt schlechter ausfallen als bei früheren Unter­suchungen, liegt vor allem an strengeren Anforderungen, die wir seit dem Helmtest für Erwachsene 2015 stellen. Vorher hatten wir ausschließ­lich nach Din-Norm geprüft, wie gut Helme einen Stoß dämpfen. Die anfangs genannte Studie der Rechts­medizin München zeigte jedoch, dass die Norm den Schutz bei einem Aufprall auf Stirn und Schläfen­partien zu wenig berück­sichtigt. Diese Bereiche des Kopfes sind nicht nur besonders empfindlich, sie werden bei Stürzen auch am häufigsten verletzt. Außer Acht lässt die Norm außerdem die Folgen von Drehbewegungen bei einem Unfall aufs Gehirn, die schwere Schäden hervorrufen können.

Nur acht Gute bei neuer Stoß­prüfung

Die Wissenschaftler der Stiftung Warentest erarbeiteten deshalb ein neues Test­verfahren – mit einer von den Unfall­forschern aus München entwickelten erweiterten Stoß­prüfung. Mit ihr ermitteln wir das Verletzungs­risiko vor allem bei einem seitlichen und frontalen Aufprall. Besonders am Schläfenrand zeigt sich die Grenze des Schutzes: 11 der 19 Modelle schneiden bei der neuen Prüfung befriedigend ab. Von den Helmen für die Größeren meistert einzig der Cratoni Akino die erweiterte Stoß­prüfung gut. Von den Klein­kinder­helmen schützen alle gut – bis auf den Giro Scamp Mips. Das ist aber nicht seine größte Schwäche.

Drei Modelle mit Gift

Der Giro ist einer von drei Helmen, die deutlich mit Naph­thalin belastet sind. Der poly­zyklische aromatische Kohlen­wasser­stoff (PAK) steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen. Unsere Prüfer wiesen ihn auch beim Abus Scraper Kid und dem Melon Urban Active nach. Die Substanz befand sich in Gurten, bei Abus und Giro auch in Pols­tern, die direkten Haut­kontakt haben und von Knirpsen eventuell in den Mund genommen werden. Wir bewerteten nach den Vorgaben des Siegels Geprüfte Sicherheit (GS-Zeichen). Eine größere Version des Melon hatte bei den Helmen für Erwachsene 2015 das Qualitäts­urteil gut (2,4) erreicht. Wir kauf­ten je drei Exemplare der Größen M-L und XL-XXL nach, fanden auch bei ihnen Naph­thalin und können ihn deshalb nicht mehr empfehlen.

Zu große Helme rutschen vom Kopf

Ein giftiger Gurt ist nicht das einzige Problem des Melon. Seine Schale ist gefähr­lich zu groß für kleine Köpfe, ebenso die des O‘Neil Dirt Lid Kids. Die Helme lassen sich im Labor leicht vom 50 Zenti­meter großen Norm­kopf abstreifen. Beide Modelle werden für diese Kopf­größe angeboten, die etwa einem dreijäh­rigen Kind entspricht. O'Neal weist den Helm für einen Umfang von 50 Zenti­metern aus, Melon für 46 bis 52. Im Labor messen die Prüfer allerdings deutlich mehr. Die Helme eignen sich eher für Eltern als für Steppkes. Auch das Abus-Modell für ältere Kinder könnte beim Crash verrutschen oder während der Fahrt durch einen tiefhängenden Ast nach hinten gezogen werden. In der Abstreifsicherheit schafft es ein Ausreichend.

Viele bequem, zwei lassen schwitzen

Den best­möglichen Schutz bieten Helme nur, wenn sie gut auf dem Kopf sitzen. Beim Hand­habungs­test unterstützten zwölf Jungen und Mädchen im Alter von drei bis elf Jahren die Experten. Die jungen Probanden beur­teilten unter anderem, wie gut sich die Helme auf- und absetzen lassen. Bei den Kleinsten halfen die Eltern. Mit den meisten Modellen waren sie zufrieden. Nur der Casco Nori begeisterte in puncto Anpassen wenig. Bei dem Reit- und Radhelm lässt sich der Kopf­ring nur mit Mühe verstellen, die seitlichen Gurtbänder gar nicht. Unterm Casco Nori und unterm Abus Scraper Kid wird es radelnden Kindern schnell zu warm. Beide verfügen über wenige, kleine Lüftungs­schlitze.

Tipp: Kopf­form und -größe sind individuell verschieden. Lassen Sie Ihr Kind vor dem Kauf den Helm anpro­bieren.

Keine alten Helme kaufen

Im Geschäft lohnt sich auch ein Blick in die Helm­schale. Dort ist neben den Gebrauchs­hinweisen das Produktions­datum angegeben – oft in winziger, kaum lesbarer Schrift. Beim anonymen Einkauf der Helme fiel auf, dass einige recht lange in den Regalen gelegen hatten, der älteste mehr als ein Jahr. Das Material altert. Eltern greifen besser zu einem frisch produzierten Modell. Einige Experten empfehlen, den Kopf­schutz etwa fünf Jahre nach der Herstellung auszutauschen. Wie lange Helme halten, hängt aber auch davon ab, wie intensiv sie genutzt werden. Sicher ist: Nach einem Crash muss ein neuer her, selbst wenn der alte noch intakt aussieht.

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