Fahr­radhelm Test

Der Testsieger: Casco Activ-TC bietet einen guten Unfall­schutz, beste Hand­habung und große Luft­löcher. Die bewahren Radfahrer vor einem Hitzestau.

Gute Stoß­dämpfung, gute Belüftung – das Casco-Modell Activ-TC über­zeugt in beiden Punkten. Anders als viele der modernen Cityhelme.

Fahr­radhelm Test

Einstellen: Haupt­kommis­sarin Ellen Haase zeigt Schülern, wie die Riemen sitzen müssen.

Donners­tag früh 9.50 Uhr, Realschule im nord­rhein-west­fälischen Harsewinkel. Ellen Haase, Haupt­kommis­sarin bei der Güters­loher Polizei, präsentiert der 6. Klasse etliche zerbrochene Fahr­radhelme. Alle stammen von Kindern, die dank ihres Helmes einen bösen Unfall glimpf­lich über­standen haben. Kopf heil, Helm kaputt – nach Haases Erfahrung ist das eher die Regel als die Ausnahme.

Ein Groß­teil der Sechst­klässler beteuert, nur mit Helm Fahr­rad zu fahren. Ab dieser Klassen­stufe jedoch geht die Bereitschaft zum Helm rapide zurück. Größere Kinder finden ihn „uncool“. Für die makellose Frisur und das bessere Aussehen nehmen sie das höhere Risiko billigend in Kauf. Doch offen­bar gibt es eine Wende.

Der Fahr­radhelm von der Skipiste

Fahr­radhelm Test

Im Trend: Glatt­flächige Cityhelme mit wenigen, kleinen Luft­schlitzen sehen schick aus, sorgen aber für heiße Köpfe.

Während bislang weder Schul­stunden mit drastischem Anschauungs­material noch gute Worte diesen Trend durch­brechen konnten, schielen Helmanbieter jetzt auf den rasanten Erfolg des Kopf­schutzes bei Skiläufern und Skatern. Sie bieten Skater-, Ski-, Snowboard- und ähnliche Helme als City-Fahr­radhelme an. Sie folgen aber auch dem aktuellen Fahr­radtrend und verkaufen sie als Elektrofahr­radhelme – offen­bar mit Erfolg. Die glatt­flächig geschlossenen, bis in den Nacken reichenden Helme mit ihren dezenten Schmu­ckelementen verkaufen sich besser als die herkömm­lichen, löcherigen Sport­helme. Sagen die Anbieter.

Nichts für ambitionierte Fahrer

Im Test zeigen die geschlossenen Cityhelme einen gravierenden Nachteil, sagen die Prüfer. Für flottes Radeln fehlt die Belüftung. Wer schwitzt, „gart“ sein Hirn im eigenen Saft. Nur Modelle mit groß­flächigen Belüftungs­öffnungen bewahren ambitionierte Fahr­radfahrer vor dem Hitzestau.

Wir haben 34 Fahr­radhelme geprüft, darunter Helme für Erwachsene, Kinder und Jugend­liche. Wegen der schwachen Belüftung haben wir das test-Urteil bei jedem zweiten Erwachsenenhelm abge­wertet, bei vier Kinder­helmen ebenso. Schlechte Noten gab es auch im Stoß­dämpfungs­test.

Wie der Treffer eines Profiboxers

Die Stoß­dämpfung ist bei einem Sturz entscheidend. Nicht der Kopf soll den Stoß dämpfen, sondern der Helm. Beim Test lassen wir den mit einem Prüf­kopf gefüllten Helm aus etwa 1,5 Metern Höhe jeweils auf einen flachen und einen kantigen Sockel fallen. Das sind realistische Bedingungen für einen Sturz vom Fahr­rad. Dabei messen wir die Beschleunigungs­werte im Prüf­kopf. Bei vier Helmen ist die Beschleunigung am Test­kopf höher als bei einem Treffer der rechten Geraden eines Profiboxers, mit der er seinen Gegner auf die Bretter schickt. Eine Gehirn­erschütterung könnte die Folge sein. Deshalb haben wir KED Sky Two, MET, Camaleonte Executive, Cratoni C-Air youth sowie Profex Vega Prinzess abge­wertet.

Härter als die Norm

Unser Test fordert die Helme stärker, als es die Norm verlangt. Wir prüften die durch­gefallenen Modelle – natürlich mit neuen Helmen – auch nach Normmaßstäben aus einer Fall­höhe von knapp 1,1 Meter auf einen kantigen Sockel. Ergebnis: MET und Profex fallen auch hier durch. Wir raten vom Kauf ab. Wer solch einen Helm besitzt, sollte ihn austauschen.

Auch der Cratoni C-Kid ist nicht zu empfehlen. Bei ihm riss das Schloss auseinander. Wir prüfen, ob der Helm während eines Unfalls vom Kopf gerissen werden kann. Das darf nicht passieren Genau das ist beim Cratoni C-Kid geschehen.

Ob die Riemen den Helm zuver­lässig am Kopf fixieren, hängt auch von der Einstellung der Riemen ab. Ellen Haase hat während ihrer Präsentation die Einstellung der von den Schülern mitgebrachten Fahr­radhelme kontrolliert – mit ernüchterndem Ergebnis. Es gab nicht einen Helm, an dem alles stimmte. Häufigster Fehler: Der Winkel zwischen vorderem und hinterem Gurtband, der unter dem Ohr sitzen sollte, hängt am Kinn. So kann sich der Helm verschieben und schützt nicht mehr optimal.

Fixieren, nicht verstellen

Fahr­radhelm Test

Nachdem der Helm­träger die Gurte korrekt einge­stellt hat, sollte sich nichts mehr verstellen. Die meisten Helme fixieren die Gurte mit Klemmen. Doch manche Klemmen kann der Nutzer kaum bewegen. „Daran habe ich mir schon so manchen Fingernagel abge­brochen“, klagt Ellen Haase. Dumm ist nur, wenn der Helm gar keine Klemme hat und sich die Riemen nicht fixieren lassen. Bei Abus Aven-U und Giro Surface muss der Nutzer die Gurte immer wieder neu einstellen. Das ist lästig.

Manche Anbieter wie Bell und Casco machen aus der Not eine Tugend und fixieren die Gurte in einer bestimmten Position. Auch die Tester konnten die Riemen nicht verstellen, vergaben aber keine schlechten Noten für die Gurt­geometrie. Offen­bar hat der Hersteller eine güns­tige Universal­einstellung gefunden. So werden von vorn­herein falsche Einstel­lungen vermieden. Der Fahr­radfahrer muss nur noch den Kinn­riemen eng genug anziehen, und die Riemen sitzen perfekt.

Die Helm­schale darf weder zu groß noch zu klein sein. Kleine Polster stützen sie auf dem Schädel ab. In der Praxis gibt es aber immer wieder Stellen, die unge­pols­tert auf den Kopf drücken. Auf Dauer tut das richtig weh. Die Erfahrung machten auch unsere Prüf­personen. Kaum jemand, der nicht in seinem Protokoll notierte: Bell Muni, Alpina City und Giro Surface drücken. Glück­licher­weise gibt es Helme, die besser passen – auch den Kindern in Harsewinkel.

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