Schneller beim Fach­arzt

Interview: Falsche Anreize, volle Warte­zimmer

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Dr. Bernhard Winter ist einer der Vorsitzenden des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää). Dieser Berufs­verband versteht sich als Alternative zu standes­politisch orientierten Ärzte­verbänden. Winter ist Fach­arzt für Erkrankungen des Magen- und Darm­trakts (Gastroenterologe) in einer Gemein­schafts­praxis in Offenbach. Im Gespräch mit test.de erklärt er, warum viele Patienten immer noch so lange auf einen Fach­arzt­termin warten müssen – und wie er selbst die Termin­vergabe hand­habt.

Inhalt

Eigene Termins­lots für Privatpatienten

Patienten beklagen immer noch lange Warte­zeiten für einen Termin beim Fach­arzt. Was sind die Gründe für langes Warten auf einen Sprech­stunden­termin?

Es sind drei: In vielen Praxen werden Termin­slots für Privatpatienten frei­gehalten, weil Ärzte an ihnen mehr verdienen. Es gibt also einen falschen Anreiz, Privatpatienten vorzuziehen. Ein Privatpatient kann sich problemlos jede Woche einen Termin geben lassen, wenn er das will. Ein zweiter Grund: Für die Versorgung von gesetzlich Versicherten bekommen Ärzte pro Quartal eine Gebühr. Auch hier gibt es einen falschen Anreiz: Es gibt Geld dafür, dass ein chro­nisch Kranker jedes Quartal in die Praxis bestellt wird, egal ob dieser Patient in dem Quartal einen Arzt benötigt oder nicht. Auch deshalb gibt es so viele Arzt-Patient-Kontakte. Wenn ein Anreiz gegeben wird, einen Patient jedes Quartal einzubestellen, dann sind natürlich die Warte­zimmer voll. Und der dritte Grund ist ein Mangel an Fach­ärzten. Allerdings gibt es ihn längst nicht in allen Regionen und nicht in dem Maß wie oft von den Standes­organisationen der Ärzte behauptet.

Es gibt also oft nicht nur einen „gefühlten“ Unterschied zwischen gesetzlich und privat Versicherten bei der Termin­vergabe, sondern einen echten?

Ja, das ist so. Natürlich wird dies häufig vehement verneint. Aber man muss nur auf die Internet­seiten von Praxen schauen. Auf den Websites vieler Ärzte ist die Online-Termin­vergabe getrennt nach privat und gesetzlich Versicherten. Oft gibt es auch unterschiedliche Telefon­nummern.

Wie läuft bei Ihnen in der Praxis die Termin­vergabe für gesetzlich und privat Versicherte?

Ich differenziere gar nicht zwischen diesen Patienten. Wenn ich zum Beispiel einen dringenden Termin für ein MRT benötige, rufe ich eine radio­logische Praxis an und bitte um einen vorgezogenen Termin. Dies funk­tioniert auch meist.

Warum die Warte­zimmer so voll sind

Was müsste sich ändern, damit Patienten nicht jedes Quartal mindestens einmal in die Praxis laufen?

Die Gebühr, die die Krankenkassen jetzt jedes Quartal an den Arzt zahlen, wenn der Patient mindestens einmal kommt, müsste ersetzt werden durch ein jähr­liches Entgelt, das die Kassen bezahlen. Dann würden die Patienten auch nicht mehr alle drei Monate einbestellt. Jetzt ist es so: Wenn ein Patient drei Erkrankungen hat, läuft er nur noch zu Ärzten. Er wird dadurch aber nicht gesünder, denn für seine Gesundheit gibt es in diesem Quartal konkret nichts zu tun. Er benötigt jetzt gar keine Behand­lung. Zugleich wird anderen Patienten, die jetzt einen Arzt brauchen, der rasche Zugang zur Praxis versperrt, weil das Warte­zimmer bereits voll ist. Bei einer Gebühr für ein gesamtes Jahr fällt der Anreiz für den Arzt weg, seine chro­nisch kranken Patienten alle drei Monate einzubestellen, nur weil er dafür eine Quartals­gebühr abrechnen kann. Der Arzt könnte sich dann auf die Patienten konzentrieren, die ihn jetzt wirk­lich brauchen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Termin­service­stelle (TSS) der Kassen­ärzt­lichen Vereinigung gemacht?

Unsere Praxis war anfangs verpflichtet, der TSS zwei Termine wöchentlich anzu­geben. Jetzt ist es nur noch einer pro Woche. Für diesen Termin erhalten wir allerdings auch Anfragen, die über­haupt nicht dringlich sind, dies sind ungefähr ein Drittel. Ein weiteres Drittel wird dann doch nicht wahr­genommen. Und nur ein Drittel halte ich aus ärzt­licher Sicht für dringlich.

Warum hat der Haus­arzt in den nicht dringenden Fällen dann über­haupt eine Über­weisung ausgestellt?

Es gibt durch­aus Falsch­einschät­zungen des Haus­arztes. Allerdings gibt es auch Patienten, die ihren Haus­arzt drängen, ihnen eine Über­weisung zu geben, obwohl eine Fach­arzt­behand­lung gar nicht notwendig ist.

Gibt es auch Haus­ärzte, die Patienten nicht über die Termin­service­stelle an irgend­einen Fach­arzt vermitteln, sondern selbst bei Ihnen anrufen?

Das kommt nahezu täglich vor. Wenn der Haus­arzt wegen eines dringenden Falls anruft, bekommt dieser Patient sofort einen Termin. Er wird dann „dazwischen­geschoben“.

Weite Anfahrts­wege

Das klingt einfacher als der Umweg über die Termin­service­stelle. Welche Probleme gibt es noch mit dem Termin­service?

Patienten wird ein zu weiter Anfahrtsweg zum Fach­arzt zugemutet. Die Termin­service­stelle hat uns schon Patienten geschickt, die fast 40 Kilo­meter fahren mussten. Und dies für eine ganz normale Bauch­unter­suchung mit Ultra­schall, die in vielen Fach­arzt­praxen gemacht werden kann. Das ist absurd.

Nach dem Willen des Bundes­gesund­heits­ministers sollen Ärzte ihr Sprech­stunden­angebot für gesetzlich Versicherte ab April 2019 von derzeit mindestens 20 auf 25 Stunden in der Woche ausweiten. Wird das die ambulante fach­ärzt­liche Versorgung verbessern?

Nein, das glaube ich nicht. Wer kontrolliert das? Außerdem: Der größte Teil der Arzt­praxen macht das jetzt schon so. Und trotzdem sind die Warte­zimmer voll.

Ökonomische Anreize

Das neue Gesetz sieht auch vor, dass den Ärzten die Behand­lung von neuen Patienten besser vergütet wird. Geld ist immer ein Anreiz, oder?

Ich befürchte, dass es dann ein ziemliches „Karussell“ gibt. Patienten werden womöglich von einem Quartal zum nächsten von einer Fach­arzt­praxis zur nächsten „weitergereicht“, mit irgend­welchen Begründungen. So gibt es Ortho­päden für die Schultern und solche für die Knie. Dann sagt der Ortho­päde für die Schultern zum Patient: „Sie haben doch neulich was von Knie­schmerzen gesagt; gehen Sie mal zu dem Kollegen, der ist darauf spezialisiert!“ Es ist ja nicht so, dass Ärzte unter­einander nicht diskutieren, wie man eine Situation ökonomisch optimieren kann. Auch an dieser Stelle bin ich für eine jähr­liche Einschreibegebühr, die die Ärzte von den Krankenkassen bekommen. Dann wäre der Arzt, bei dem der Patient einge­schrieben ist, verpflichtet, sich dauer­haft und umfassend um die Behand­lung zu kümmern.

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Pitt2019 am 14.05.2019 um 12:28 Uhr
Geschultes Personal ? Chefs oft das Problem!

Ich habe früher in einer Zahnarztpraxis gearbeitet.
Die Sprechstunde startete um 8:00. Termine sind im 15 Minuten Rhythmus vergeben worden. Also 8:00/ 8:15 / 8:30/ 8:45. Das sind schon 4 Patienten welche in der Zeit in der Praxis eingetroffen sind.
Wer kommt aber regelmäßig fröhlich pfeifend um 8:50 in die Praxis ... der Behandler!
Also Warten schon 4 Patienten, der 5.Patient kommt um 9:00. Voraussichtlich noch ein Schmerzfall.
Und ich weiß das dies kein Einzelfall ist! Läuft in anderen Praxen genau so!
Die Mitarbeiter können hier nichts für! Sie müssen die Termine so vergeben wie der Chef dies wünscht!
Nur wenn er nicht da ist....
Zu Privatpatient: Im unserem Haushalt leben auch Privatversicherte. Die warten im Wartezimmer beim Hausarzt genau so wie die GKV-Patienten! Jeder kommt der Reihe nach dran!
Termine zum MRT hat der GKV-Pat. sogar schon schneller bekomme als der PKV Patient. Kommt wohl auch auf die Praxis an.

GuessWhat am 14.04.2019 um 15:16 Uhr
@Leu

Sie schreiben: "Sie [GKV, GuessWhat] sorgt dafür, dass nicht mehr erwerbsfähige Menschen wieder ihrer Arbeit nachgehen und dann Beiträge leisten können."
Den Satz verstehe ich nicht. Ärzte sorgen dafür, dass kranke Menschen wieder (hoffentlich) gesund werden und ihrem normalen Leben nachgehen können. Das machen weder PKV noch GKV. Beide regeln jedoch, ob und in welchem Umfang ein Patient die Kosten für ärztliche Behandlungen und Medikamente erstattet bekommt. Das ist keine Errungenschaft des Staates (GKV). Private Krankenversicherungen gibt es in Deutschland seit über 150 Jahren.
Mir selbst aussuchen zu können, ob und falls wo und in welchem Umfang ich mich versichere, halte ich dagegen schon für eine Errungenschaft ... des Kapitalismus. Der Staat nimmt ca. 90 % der Bürger (ca. 10 % sind privatversichert) diese Wahlfreiheit aber weg und bestimmt, welche Leistungen sie zu welchen Preisen erstattet bekommen oder eben nicht.

Diddlmaus am 14.04.2019 um 13:37 Uhr
Helfen Gesetze?

Schnellere Termine per Gesetz, ist das die Lösung? Eher nein.
Es mag ja sein, das privatversichterte Personen eher eine Termin beim Facharzt erhalten, als ein "normal sterblicher". Da habe ich nichts dagegen. Aber wenn ich GKV-Patient, wegen einer Muskelverletzung, die schnellstmöglich behandelt werden soll, für eine MRT Untersuchung beim Radiologen, knapp 3(!) Monate warten soll, dann kann der PKV Vorzug nicht die Ursache sein. Ich sehe eher einen generellen Mangel an Fachärzten und Gerätschaften als Ursache für das Desaster.
Vielleicht ist auch die katastrophale Terminorganisation wegen unzureichend geschultem und unterbezahltem Personal die Ursache. Da kann das basteln an neuen Gesetzen wenig bewirken.
Die Überschüsse der GKV-Kassen müssen überlegt eingesetzt werden, damit Beitragszahler im Ernstfall die versprochenen Leistungen zeitnah erhalten.

Leu am 14.04.2019 um 01:07 Uhr
Freiwillig gesetzlich versichert

Die gesetzliche Pflicht-Krankenversicherung ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Sie sorgt dafür, dass nicht mehr erwerbsfähige Menschen wieder ihrer Arbeit nachgehen und dann Beiträge leisten können.
Problematisch hingegen ist, wenn Unternehmen, die sich im Preiskampf befinden, Krankheitskosten bei ihren Angestellten durch Überlastung erzeugen. Andere Unternehmen müssen dem Preisdruck standhalten, was zu einer Intensivierung der Arbeitsbelastung führt. Diese "modernen" Krankheitskosten belasten die Krankenkassen und führen zu höheren Beiträgen oder weniger Leistungen als sonst möglich. Dazu kommen mangelndes Wissen über Gesunderhaltung (Bewegung und Ernährung). Die Kostentreiber sind nicht mehr Unfälle oder Bakterien, Pilze und Viren.
Die Lösung ist nicht die Privatversicherung, sondern Prävention und Schutz in bestimmten Branchen.

GuessWhat am 13.04.2019 um 10:07 Uhr
Vergleich

Wenn ich bei einem Handwerker anrufe und um einen Termin für die Sanierung meines Bads bitte und dann sage, ich zahle ihm aber nur ein Drittel des Preises, den mein Nachbar für dieselben Arbeiten zahlt und belaste ihn noch mit drei Stunden Papierkrieg ... wer wird dann wohl eher einen Termin bekommen, ich oder mein Nachbar?
So werden natürlich Privatpatienten immer bei Ärzten bevorzugt. Alles andere wäre auch absurd.