Termin beim Fach­arzt Special

Das Warten auf einen Arzt­termin ist für viele ein Ärgernis. Das wissen wir aus zahlreichen Erfahrungs­berichten unserer Leser. Die neuen Termin­service­stellen sollen für Abhilfe sorgen und gesetzlich Kranken­versicherten schnell einen Fach­arzt­termin vermitteln. Das klappt nicht immer. Unser Artikel zeigt, welche Probleme es bei der Termin­vergabe weiterhin gibt und was Patienten tun können, um möglichst rasch einen Fach­arzt­termin zu bekommen.*

Sieben Monate Warten – schnell ist anders

Bei Andreas Schulz hat fast alles geklappt, bei Petra Hübertz gar nichts. Beide haben eine der neuen Termin­service­stellen der Kassen­ärzt­lichen Vereinigung (KV) nach einem Termin beim Fach­arzt gefragt. Diese Stellen haben seit Ende Januar den gesetzlichen Auftrag, Kassenpatienten inner­halb von vier Wochen einen Termin beim Fach­arzt zu vermitteln. Schulz aus Nieder­sachsen war in gut drei Wochen beim Rheumatologen. Der minderjäh­rige Sohn von Petra Hübertz aus Nord­rhein-West­falen brauchte einen MRT-Termin und bekam einen, aber erst mehr als sieben Monate später.

„Ein ziemlicher Wild­wuchs“

Das Warten auf Arzt­termine ist für viele ein Ärgernis. Das wissen wir aus den mehr als 300 Leser-E-Mails, die wir nach unseren Veröffent­lichungen erhalten haben (weitere E-Mails an arzttermin@stiftung-warentest.de). Die Erfahrungen mit den neuen Service­stellen sind bisher allerdings spärlich. Viele Patienten wissen offen­bar noch nicht, dass es die Stellen gibt. Auf den Internet­seiten einiger Kassen­ärzt­licher Vereinigungen, beispiels­weise in Brandenburg, Bayern und Meck­lenburg-Vorpommern, müssen Patienten lange suchen, bis sie die richtige Telefon­nummer finden. Die Öffnungs­zeiten sind unterschiedlich. Eine bundes­weit einheitliche Telefon­nummer gibt es nicht. Der Patienten­beauftragte der Bundes­regierung, Staats­sekretär Karl-Josef Laumann, sagt: „Es gibt bei den verschiedenen Kassen­ärzt­lichen Vereinigungen einen ziemlichen Wild­wuchs.“

Tipp: Wir haben Ihnen die Kontakt­daten und wichtigsten Informationen zu den Termin­service­stellen der Kassen­ärzt­lichen Vereinigungen in einer Tabelle zusammengefasst. Eine weitere Tabelle zeigt Ihnen die Kontakt­daten der Vermitt­lung von Fach­arzt­terminen der zehn größten Krankenkassen.

Nicht ohne Code­nummer

Schulz und Hübertz haben bei der Termin­service­stelle ihres Bundes­landes angerufen, uns ihre Erfahrungen geschildert und auf Probleme aufmerk­sam gemacht. Schulz brauchte einen Termin beim Rheumatologen. Der 58-jährige Speditions­kaufmann bekam die notwendige Über­weisung vom Haus­arzt. „Allerdings fehlte die Code­nummer“, sagt Schulz. Den zwölf­stel­ligen Code muss der Patient der Service­stelle am Telefon mitteilen, damit ihre Mitarbeiter wissen, wie dringend der Haus­arzt die Sache einschätzt und welche Praxis für den Patienten die richtige ist (Unser Rat).

„Super gelaufen“ – manchmal klappts

Die Helferin des Haus­arzts hatte den Patienten Schulz zwar auf den Termin­service aufmerk­sam gemacht, ihm allerdings die Über­weisung ohne Code­nummer gegeben. „Ich bin dann noch einmal zurück in die Haus­arzt­praxis und habe sie bekommen“, sagt er. Ein zweiter Anruf bei der Termin­service­stelle in Hannover brachte Erfolg. Trotz des kleinen Hinder­nisses ist Schulz zufrieden: „Die Termin­ver­einbarung hat gut geklappt.“ Auch Hans-Josef Hartelt bekam schnelle Hilfe: Inner­halb von neun Tagen hatte er den gewünschten Termin beim Neurologen. „Super gelaufen“, schreibt er.

Termin­vergabe inner­halb einer Woche

Petra Hübertz hat andere Erfahrungen gemacht. Schon die Vorgabe im Gesetz, inner­halb einer Woche einen Termin zu vergeben, hielt die Service­stelle der KV Nord­rhein nicht ein. Bis zum Termin beim Radio­logen sollte ihr Sohn, der sich die Schulter verletzt hatte, dann sieben Monate warten. Eine so lange Warte­zeit ist laut Gesetz nicht zulässig – auch nicht bei leichten Erkrankungen oder Routine­unter­suchungen. Die Vier-Wochen-Frist gilt in diesen beiden Fällen zwar nicht. Doch anders als die Kassen­ärzt­liche Bundes­ver­einigung in ihrem Magazin „Klar­text“ schreibt, müssen die Service­stellen auch bei „Bagatel­lerkrankungen und Routine­unter­suchungen“ einen Termin vermitteln, zum Beispiel für eine vom Haus­arzt empfohlene Darm­spiegelung zur Krebs­vorsorge. „In einer angemessenen Frist“, so das Gesetz.

Was ist eine „angemessene Frist“?

Die Kassen­ärzt­liche Vereinigung Baden-Württem­berg versteht darunter in „sechs bis acht Wochen“. So informiert sie die Ärzte im Bundes­land. Länger darf es auch in diesen Fällen nicht dauern, bis der Patient von einem Fach­arzt untersucht wird. Dagegen sagt die KV Nord­rhein auf Nach­frage, eine Warte­zeit von sieben Monaten ist „sehr selten, kann aber vorkommen“ – wenn der Patient keine dringliche Über­weisung des Haus­arztes mit der entsprechenden Code­nummer hat. Eine angemessene Frist ist das sicher nicht.

Termin beim Fach­arzt Special

Erst in sieben Monaten. Im März hatte unsere Leserin die Termin­service­stellen angerufen. Für Oktober bekam sie einen Termin beim Radio­logen. Laut Gesetz viel zu spät.

Einmal Termin verschieben ist erlaubt

Patienten können einen Termin einmal ablehnen. Dann bekommen sie einen anderen. Lehnen sie auch diesen Termin ab, muss die Service­stelle keinen weiteren Versuch mehr machen. Ab Ende 2016 sollen die Stellen auch Termine bei Psycho­therapeuten vermitteln. Dort sind die Warte­zeiten oft besonders lang. Mario Albrecht aus Nord­rhein-West­falen hatte von seinem Haus­arzt eine Über­weisung für einen Fach­arzt für Magen- und Darm­krankheiten. Die ständigen Magen­schmerzen sollten mit einer Magenspiegelung abge­klärt werden. Am Telefon kündigte die Service­stelle einen Termin per Brief an. Als Albrecht diesen zehn Tage später immer noch nicht hatte, fragte er nach. Die Stelle vermittelte ihm dann doch noch einen Termin – für fünf Uhr nach­mittags. „Die Uhrzeit passt nicht für eine Magenspiegelung, denn dafür muss man nüchtern sein“, sagt Albrecht.

Unter­suchung im Kranken­haus

Der Finanztest-Leser fand dann eine andere Lösung: Wegen anhaltender Schmerzen ging er auf eigene Faust in ein Kranken­haus und wurde dort endlich untersucht. Einen ambulanten Termin im Kranken­haus müssen auch die Termin­service­stellen besorgen – wenn sie es nicht schaffen, den Patienten mit einer dringenden Über­weisung inner­halb von vier Wochen an einen nieder­gelassenen Fach­arzt zu vermitteln. Finanztest-Leser Tobias Auberle ist Fach­arzt für Magen- und Darm­krankheiten. Er sieht auch die Patienten in der Verantwortung. „In meiner Praxis nimmt jeder fünfte Patient für eine Magenspiegelung den Termin ohne Absage nicht wahr“, klagt er. „Dieser Termin ist dann für andere Patienten verloren.“

* Dieses Special erschien erst­mals am 6. Februar 2016 auf test.de. Es wurde seitdem mehr­fach aktualisiert, zuletzt am 17. Mai 2016.

Dieser Artikel ist hilfreich. 53 Nutzer finden das hilfreich.