Termin beim Fach­arzt Special

Ob Radio­loge, Ortho­päde oder anderer Fach­arzt – Patienten sollen künftig schneller Termine erhalten.

Eigentlich sollen Patienten höchs­tens vier Wochen warten müssen, bis sie einen Fach­arzt sehen. Doch bei den vor zwei Jahren einge­führten Termin­service­stellen ist noch Luft nach oben. Ein neues Gesetz soll helfen, die langen Warte­zeiten zu verkürzen.

Zweiter Anlauf: Termin­service- und Versorgungs­gesetz

Bundes­gesund­heits­minister Jens Spahn sagt nun, was sein Vorgänger Hermann Gröhe vor drei Jahren schon gesagt hat: Gesetzlich Kranken­versicherte warten meist viel länger auf einen Termin beim Fach­arzt als privat Versicherte. Bei der Termin­vergabe „machen viele Ärzte keinen Unterschied zwischen privat und gesetzlich, aber zu oft wird er eben doch gemacht“, sagte Spahn im September 2018 in der Haus­halts­debatte des Bundes­tages. Deshalb hat er das Termin­service- und Versorgungs­gesetz auf den Weg gebracht. Sein Vorgänger hatte die Termin­service­stellen einge­führt. Doch unsere aktuelle Umfrage zeigt: Viele Patienten haben noch nichts davon.

Unser Rat

Termin. Wenn Sie als gesetzlich Kranken­versicherter einen Termin beim Fach­arzt brauchen, können Sie direkt dort anrufen. Sie können auch die Hilfe Ihres Haus­arztes in Anspruch nehmen, bei der Terminservicestelle in Ihrem Bundes­land anrufen oder den Service Ihrer Krankenkasse nutzen.

Termin­service­stelle. Termine beim Frauen­arzt und beim Augen­arzt vermittelt der Termin­service ohne Über­weisung. Für alle anderen benötigen Sie eine Über­weisung Ihres Haus­arztes mit einer Code­nummer, die Sie am Telefon nennen müssen.

Krankenkasse. Fragen Sie Ihre Kasse nach Hilfe bei der Fach­arzt­suche. Rund 50 Kassen haben als Extra­leistung einen eigenen Termin­service, der ihren Mitgliedern telefo­nisch einen Termin beim Fach­arzt vermittelt – auch ohne Über­weisung. Informationen zum Termin­service der zehn mitglieder­stärksten Kassen finden Sie in der Tabelle Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung.

Termin­absage. Wenn Sie einen Arzt­termin nicht wahr­nehmen können, sagen Sie spätestens am Vormittag des Vortags in der Praxis ab. So kann jemand anders profitieren.

Termin spätestens in vier Wochen

Die 2016 einge­führten Service­stellen sollen dafür sorgen, dass die 72,7 Millionen gesetzlich Versicherten inner­halb von spätestens vier Wochen einen Termin bei einem Fach­arzt bekommen, nicht jedoch bei dem Arzt ihrer Wahl. Seit April 2017 sollen die Stellen auch Termine bei Psycho­therapeuten vermitteln. Doch die Warte­zeiten sind noch immer lang. Während 34 Prozent der gesetzlich Kranken­versicherten länger als drei Wochen auf einen Termin beim Fach­arzt warten, sind es bei den Privatpatienten nur 18 Prozent. Das ergab eine Patientenbefragung der Kassen­ärzt­lichen Bundes­ver­einigung im Früh­jahr 2018.

Besser soll es ab 2019 werden

So macht Minister Spahn einen zweiten Anlauf zur besseren ambulanten Versorgung mit einem neuen Gesetz, das ab April 2019 gelten soll.

  • Ärzte sollen dann ihr Sprech­stunden­angebot für gesetzlich Versicherte von derzeit mindestens 20 auf 25 Stunden in der Woche erweitern.
  • Die Termin­service­stellen sollen künftig auch Termine bei Haus- und Kinder­ärzten vermitteln.
  • Die Stellen sollen künftig an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr unter einer bundes­einheitlichen Telefon­nummer erreich­bar sein.

345 000 Anrufe von Patienten

Zuständig für die Termin­service­stellen sind die Kassen­ärzt­lichen Vereinigungen (KV) in den Bundes­ländern. Sie organisieren die Stellen in eigener Regie. Wir wollten wissen, wie viele Patienten die Stellen nutzen, und haben alle Kassen­ärzt­lichen Vereinigungen ange­schrieben. Unsere Umfrage zeigt: Im Jahr 2017 haben sich mehr als 345 000 Patienten an die 17 Termin­service­stellen gewandt. Tendenz in diesem Jahr: stark steigend.

146 000 Patienten bekamen einen Termin

An einen Fach­arzt oder einen Psycho­therapeuten vermittelt wurden knapp 146 000 Patienten, also viel weniger als angerufen hatten. Jens Flintrop, Sprecher der Kassen­ärzt­lichen Vereinigung West­falen-Lippe, erklärt: Ein Grund sei, dass „viele Anrufer zum Beispiel allgemeine Fragen zur Versorgung haben oder keine dringliche Über­weisung zum Fach­arzt vorweisen können“. Womöglich können viele Anrufer auch den Code auf ihrer Über­weisung vom Haus­arzt am Telefon nicht nennen oder haben gar keinen bekommen.

Psycho­therapie am begehrtesten

Weiteres Ergebnis unserer Umfrage: Die größte Nach­frage gab es nach einem Termin beim Psycho­therapeuten. Danach kamen Augen­ärzte, Neurologen und Inter­nisten.

Leser­umfrage

Schildern Sie uns Ihre Erfahrungen bei der Fach­arzt­suche, gerne auch die mit Termin­service­stellen! Hatten Sie Schwierig­keiten oder hat es gut geklappt? Schreiben Sie uns bitte eine E-Mail an: arzttermin@stiftung-warentest.de.

Service­stellen in vielen Fällen schlecht erreich­bar

Termin beim Fach­arzt Special

Privat oder gesetzlich versichert? Wie schnell Patienten einen Termin beim Fach­arzt bekommen, hängt weiterhin oft von ihrem Versicherten­status ab.

Die Zahl der Anrufe steigt. Doch nach wie vor sind die Öffnungs­zeiten der Service­stellen nicht patientenfreundlich. Im Saar­land und in Meck­lenburg-Vorpommern sind sie jeden Tag nur bis mittags geöffnet. Vier weitere sind an keinem Tag der Woche länger als bis 15 Uhr offen.

Ausnahme Nieder­sachsen

Am besten sind die Öffnungs­zeiten in Nieder­sachsen: Die Service­stelle ist täglich von 8 bis 18 Uhr erreich­bar. Ihre Mitarbeiter vermittelten 2017 auch die meisten Fach­arzt­termine: 20 486.

Termine für Privatpatienten ...

Viele Kassenpatienten klagen über Unterschiede zwischen gesetzlich und privat Versicherten bei der Termin­vergabe. Die sind schon auf den ersten Blick sicht­bar. Beispiel: Ein Ortho­päde in Hamburg fragt bei der Online-Termin­vergabe zunächst nach dem Versicherten­status. Ein gesetzlich Versicherter, der am 1. Oktober online nach einem Termin gefragt hat, bekommt frühestens am 26. November einen Termin. Ein privat Versicherter, der am gleichen Tag nach einem Termin fragt, kommt schon am 5. Oktober dran.

... sind lukrativer

Dieses Vorgehen ist weit verbreitet, bestätigt Bernhard Winter, einer der Vorsitzenden des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte: „Auf den Websites vieler Ärzte ist die Termin­vergabe getrennt nach privat und gesetzlich Versicherten.“ Es werden „Termin­slots für Privatpatienten frei­gehalten, weil Ärzte an ihnen mehr verdienen“, sagt Winter (mehr im Interview).

„Wer kontrolliert das?“

Ob fünf Sprech­stunden mindestens mehr pro Woche ab Früh­jahr 2019 eine Verbesserung bringen, ist ungewiss. „Wer kontrolliert das?“, fragt Winter. Schon jetzt weiß das Gesund­heits­ministerium nichts über das Thema. Es antwortete auf eine parlamentarische Anfrage zum „Sprech­stunden­umfang“ für gesetzlich Versicherte: „Informationen bezüglich der wöchentlichen Sprech­stunden­zeiten liegen der Bundes­regierung nicht vor.“

Dieses Special erschien erst­mals am 6. Februar 2016 auf test.de. Es wurde seitdem mehr­fach aktualisiert, zuletzt am 16. Oktober 2018.

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