Fach­arzt Special

Patienten sollen künftig höchs­tens vier Wochen warten müssen, bis sie einen Fach­arzt sehen. So steht es im Versorgungs­stärkungs­gesetz. Bislang dauerte das oft viel länger, wie uns zahlreiche Leser bestätigt haben. Die langen Warte­zeiten sollen ab heute der Vergangenheit angehören.*

„Termin­service­stellen“ sollen Abhilfe schaffen

Bundes­gesund­heits­minister Hermann Gröhe kennt das Problem von Patienten, die zum Fach­arzt wollen: „Ich glaube, wir müssen zur Kennt­nis nehmen, dass zu lange Warte­zeiten nicht bedauerns­werte Einzel­fälle sind.“ Abhilfe schaffen sollen „Termin­service­stellen“. Die Aufgabe ihrer Mitarbeiter ist es, gesetzlich Versicherten mit einer Über­weisung inner­halb von einem Monat einen Termin beim Fach­arzt zu vermitteln.

Kassen­ärzt­liche Vereinigungen zuständig

Zuständig für die Termin­vermitt­lung sind ab sofort die Kassen­ärzt­lichen Vereinigungen (KV). Sie müssen die ärzt­liche Versorgung der gesetzlich Kranken­versicherten schon jetzt sicher­stellen. Schaffen sie es künftig nicht, den Patienten inner­halb von vier Wochen ins Sprech­zimmer des Fach­arztes zu bekommen, müssen sie ihm einen ambulanten Behand­lungs­termin im Kranken­haus anbieten. Einen Über­blick über die einzelnen KVen gibt die Website der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Tipp: Welche Veränderungen das neue Versorgungs­stärkungs­gesetz sonst noch bringt, verrät unser Special Bessere Versorgung von Kassenpatienten.

Schlange stehen für einen Termin

Fach­arzt Special

Genervt. Mehr als sechs Monate Warten auf einen Termin beim Augen­arzt sind unserem Leser Lars Freund zu lang.

Die Warterei auf einen Termin beim Ortho­päden, Neurologen, Haut­arzt, Lungenfach­arzt oder Augen­arzt nimmt zuweilen absurde Züge an. Als im thüringischen Gera eine neue Augen­arzt­praxis öffnete, standen die Leute am ersten Tag stunden­lang Schlange bis auf die Straße, um einen Termin zu ergattern. In Braun­schweig hat unser Leser Lars Freund mehr als sechs Monate gewartet, bis er einen Termin beim Augen­arzt bekam. „Als ich Anfang Februar anrief, habe ich einen Termin für Anfang August bekommen“, sagt er. Freund ist einer von 268 Lesern, die sich auf unseren Leseraufruf im Internet gemeldet haben. Wir hatten gefragt, welche Erfahrungen unsere Leser gemacht haben, als sie einen Fach­arzt­termin brauchten.

Monate­lange Warte­zeiten sind keine Seltenheit

Unsere Umfrage bietet zwar keinen repräsentativen Quer­schnitt aller Patienten, doch sicher ist: Gesund­heits­minister Gröhe hat recht. Lange Warte­zeiten sind keine Einzel­fälle. Unsere Leser können ein Lied davon singen: Bis sie einen Termin beim Fach­arzt bekommen, vergehen oft Wochen – manchmal sogar Monate. Von den 268 Lesern warteten 179 länger als vier Wochen. 131 mussten sich sogar mehr als zehn Wochen gedulden, bis sie drankamen. 25 Leser schrieben, dass sie unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, je nachdem bei welchem Fach­arzt. So mailte uns Rolf Liebold: „Am schlimmsten ist es, einen Termin bei der Augen­ärztin und der Haut­ärztin zu bekommen. Eine Warte­zeit von zwei Monaten ist dort üblich. Besser sieht es bei meinem Ortho­päden aus. Da muss man nur mit ein bis zwei Wochen rechnen. In Notfällen geht es direkt.“

Patienten vergessen aber auch Termine abzu­sagen

Leserin Kerstin Wahr­mann meint: „Wenn man nicht lockerlässt, bekommt man einen Termin. Aber nicht jeder ist ein Kämpfer – erst recht nicht, wenn er krank ist.“ Und der Fach­arzt Frank Vossen schrieb: „Was meinen Sie, wie ich meine Warte­zeiten verkürzen könnte, wenn denn die Patienten, die nicht kommen können oder wollen, ihre Termine auch mal recht­zeitig absagten. Das ist auch eine Seite des täglichen Alltags in einer Arzt­praxis.“

Privatpatienten bevor­zugt?

Auch Monika Justin, verheiratet mit einem Privatpatienten, hat monate­langes Warten erlebt: „Als normaler Kassenpatient bekommt man einen normalen Unter­suchungs­termin beim Augen­arzt mit einem Vorlauf von mindestens drei Monaten. Meine Bekannten machen ähnliche Erfahrungen. Mein Ehemann erhält sofort einen Termin ohne Warte­zeit.“ Doch Privatpatientin Helga Künzel kennt das Problem ebenfalls: „Beim Radio­logen habe ich einen Termin erst in sieben Wochen bekommen. Auch bei anderen Fach­ärzten konnte ich nicht fest­stellen, dass ich bevor­zugt Termine bekommen hätte.“

GKV-Spitzen­verband: Bevor­zugung „rechts­widrig“

Nach Auffassung des Spitzen­verbandes der gesetzlichen Kranken­versicherung (GKV) darf es eine Bevor­zugung von Privatpatienten nicht geben. Ärzte mit einer Kassen­zulassung verhalten sich „rechts­widrig“, wenn sie Kassenpatienten länger warten lassen als Privatpatienten, so der Sprecher des GKV-Spitzen­verbandes, Florian Lanz. Die Ärzte hätten sich im Bundes­mantel­vertrag mit den Kassen verpflichtet, Sprech­stunden „entsprechend dem Bedürfnis nach einer ausreichenden und zweck­mäßigen vertrags­ärzt­lichen Versorgung anzu­bieten“.

KBV-Sprecher: Unterschiede „möglich und auch erlaubt“

Es sei „schwer vorstell­bar, dass Versicherte von einem Arzt abge­lehnt werden, wenn er gleich­zeitig Zeit für zusätzliche, ausschließ­liche Sprech­stunden für Privatversicherte hat“, sagt Lanz. Die Kassen­ärzt­liche Bundes­ver­einigung (KBV) sieht das anders. „Die Ärzte in der GKV erbringen derzeit deutlich mehr Leistungen, als sie vergütet bekommen“, sagt KBV-Sprecher Roland Stahl. Unterschiede zwischen Kassen- und Privatpatienten bei der Termin­vergabe seien „möglich und auch erlaubt, wenn es sich nicht um akut notwendige Behand­lungen handelt“.

Veraltete Bedarfs­planung

Klar ist: Nach­frage und Angebot stimmen nicht über­ein. Im Schnitt gehe jeder Bundes­bürger rund 18-mal pro Jahr zum Arzt. Stahl: „Die Praxen sind da häufig bereits an ihre Kapazitäts­grenzen gelangt.“ Hinzu kommt: Ein Fach­arzt kann nicht einfach so eine eigene Praxis eröffnen. Seit 1993 gibt es Nieder­lassungs­beschränkungen. Der Bedarf an Fach­ärzten wurde damals fest­gelegt – und seitdem nur gering­fügig geändert. „Die Struktur der Bevölkerung hat sich seitdem aber sehr verändert“, sagt der Sprecher der Kassen­ärzt­lichen Vereinigung Baden-Württem­berg, Kai Sonn­tag. „Es gibt mehr alte und somit auch mehr kranke Menschen.“

300 000 Einwohner, drei Lungen­ärzte

In Karls­ruhe, der zweitgrößten Stadt in Baden-Württem­berg mit knapp 300 000 Einwohnern, gibt es nur zwei Lungenfach­arzt­praxen mit insgesamt drei Ärzten. Daran wird sich auch künftig nichts ändern. Denn nach der Bedarfs­planung darf sich in absehbarer Zeit in ganz Baden-Württem­berg kein weiterer Lungenfach­arzt nieder­lassen. Das neue Gesetz mit seinen Termin­service­stellen ändert an der Versorgung mit Fach­ärzten erst einmal nichts.

Schreiben Sie uns von Ihren Erfahrungen

Die Stiftung Warentest verfolgt das Thema weiter und ist neugierig auf Ihre Erfahrungen. Hatten Sie Schwierig­keiten, einen Termin beim Fach­arzt zu bekommen oder nicht – sei es als privat Kranken­versicherter oder als Mitglied einer gesetzlichen Kasse? Wenn Sie gesetzlich versichert sind: Haben Sie Ihre Krankenkasse oder die Kassen­ärzt­liche Vereinigung schon einmal um Hilfe gebeten, als Sie einen Termin brauchten? Schreiben Sie uns bitte eine Mail: arzttermin@stiftung-warentest.de. Ihre Angaben werden selbst­verständlich vertraulich behandelt.

Diese Meldung erschien erst­mals am 17. März 2015 auf test.de. Sie wurde anläss­lich der Eröff­nung der Termin­service­stellen am 25. Januar 2016 aktualisiert.

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