FAQ Phthalate Special

Weichmacher. Produkte aus synthetischem Gummi enthalten oft Phthalate.

Manche Kunststoffe sind ohne Weichmacher spröde und unbrauch­bar. Doch die weit verbreitete Weichmacher-Familie der Phthalate ist gesund­heits­schädlich. Einige dieser Verbindungen wirken vor allem auf das Hormon­system oder die Fort­pflan­zungs­fähig­keit, andere schädigen die Leber des Menschen. Hier beant­worten die Experten der Stiftung Warentest die wichtigsten Fragen zu Phthalaten.

Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Phthalaten

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Was sind Phthalate – und wozu dienen sie?

Phthalate sind Industrie­chemikalien und entstehen aus der Phthalsäure, einer organischen Säure. Sie sind geruch-, geschmack- und farblos und finden vor allem als Weichmacher für den weit verbreiteten Kunststoff Poly­vinyl­chlorid (PVC) Verwendung. Ohne sie wäre dieser Kunststoff viel zu hart und brüchig für viele Anwendungen. Weiches PVC begegnet dem Verbraucher etwa in Teppichböden und Kabelummante­lungen. Auch Rohre im Baubereich oder manche Folien sind aus dem billig herzu­stellenden PVC gefertigt.

Die fünf am häufigsten einge­setzten Phthalate sind:

1. DIDP (Diisodecylph­thalat)
2. DINP (Diisononylph­thalat)
3. DEHP (Diethylhex­ylph­thalat)
4. DBP (Dibutylph­thalat)
5. BBP (Benzylbutylph­thalat).

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Wie wirken die Phthalate?

Phthalate bilden eine große Gruppe chemischer Verbindungen, die toxikologisch unterschiedlich wirken. Es gibt mehr oder wenig kritisch bewertete Vertreter.

Die Mitglieds­staaten der Europäischen Union (EU) stufen die Phthalate DEHP, DBP und BBP als fort­pflan­zungs­gefähr­dend ein (siehe Phthalate-Report des Umweltbundesamts). Sie senken bei Männern unter anderem den Testoster­onspiegel und die Zahl der Spermien.

Einige Phthalate können auch das Kind im Mutterleib schädigen.

Menschen nehmen Weichmacher vor allem über die Luft und die Nahrung auf. Fast bei jedem sind Phthalate oder ihre Abbau­produkte (Metabolite) im Blut und/oder im Urin nach­weisbar.

Da die Phthalate als Weichmacher nicht chemisch an den Kunststoff PVC gebunden sind, können sie bei Kontakt mit dem Körper durch das Fett in der Haut, durch Schweiß oder durch Speichel gelöst werden und so in den Körper gelangen, zum Beispiel, wenn ein Kind ein Spielzeug in den Mund nimmt. Darüber hinaus ist auch die indirekte Aufnahme über Stoffe möglich, die mit entsprechenden Kunststoffen Kontakt hatten (zum Beispiel Speiseöle). Ferner gasen Phthalate aus weichgemachten Kunststoffen aus und belasten so die Innenraum­luft – besonders relevant bei groß­flächigen Produkten wie Kunst­stoff­tapeten oder Bodenbelägen.

Wie viele Phthalate aus einem Produkt über die Haut aufgenommen werden, lässt sich nicht einfach ermitteln und hängt von mehreren Faktoren ab: Phthalat-Gehalt, Kontakt­zeit, Vorhandensein von Lösungs­vermitt­lern (Schweiß, Fette, Öle, Haut­cremes) und Zusammenset­zung des Kunststoffes.

Die chemische Industrie ersetzt seit einigen Jahren fort­pflan­zungs­gefähr­dende Phthalate vor allem durch DIDP und DINP, die nicht als gefähr­liche Stoffe einge­stuft sind. Sie weisen eine ähnliche chemische Struktur auf wie die als schädlich einge­stuften Stoffe. Baby­artikel und Kinder­spielzeug, das in den Mund genommen werden kann, darf aber keine Phthalate enthalten, auch nicht die Ersatz-Weichmacher DIDP oder DINP. Auch deren Verwendung hat die EU-Kommis­sion untersagt.

Nicht nur der Mensch, auch die Umwelt wird durch lang­lebige Phthalate belastet. DEHP ist als potentiell gefähr­dend erkannt und seit 2007 für Materialien verboten, die mit Speiseöl in Kontakt kommen. Die recht ähnlichen DINP und DIDP stehen in Verdacht, sich in hohem Maße in Organismen anzu­reichern und in Boden und Sedimenten lang­lebig zu sein.

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Wo kommen Phthalate vor?

Phthalate finden sich in Regenkleidung, Schwimm­reifen, Plansch­becken, Fußbodenbelägen, Kabelummante­lungen, Strukturtapeten, Einweghand­schuhen aus Vinyl sowie in Rohren, Griff­materialien, Kunst­leder, Verpackungs­material und Dichtungs­stoffen. Außerdem in Nagella­cken, Klebstoffen und Lacken, aber auch in Medizin­produkten wie Infusions­schläuchen und Blutbeuteln. Bei Kinder­spielzeug sind Phthalate ebenfalls ein Problem: Inspektoren der europäischen Chemikalienbehörde ECHA stellten bei Proben in 27 europäischen Ländern fest, dass in jedem fünften Spielzeug der zugelassene Phthalat-Wert über­schritten war.

Der Phthalat­anteil der oben­genannten Produkte liegt häufig im zwei­stel­ligen Prozent­bereich und kann bis zu 80 Prozent betragen (je weicher, desto mehr).

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Welche Lebens­mittel können Phthalate enthalten?

Phthalate finden sich vor allem in fett­haltigen Lebens­mitteln: Zum Beispiel in Speise­ölen, Pesto, Saucen, dem Öl von einge­legtem Fisch oder Gemüse. Das Öl in diesen Lebens­mitteln löst die Stoffe zum Beispiel aus Verpackungs­materialien, Behält­nissen, Deckeldichtungen, Trans­portbändern und – etwa bei Speiseölen – direkt aus unge­eigneten Abfüll­schläuchen.

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Ist die Stiftung Warentest in ihren Lebens­mittel­tests auf Phthalate gestoßen?

Im jüngsten Test von Olivenölen (test 2/2018) fanden wir keine Weichmacher. In der vorhergehenden Unter­suchung (test 2/2017) war ein Öl hoch mit dem Weichmacher DEHP belastet gewesen. Dieser kann die Fort­pflan­zungs­fähig­keit beein­trächtigen und Ungeborene im Mutterleib schädigen. 2016 hatten die Prüfer der Stiftung Warentest noch fünf Olivenöle mit DEHP gefunden.
Tipp: Wenn Sie den aktuellen Test von Oliven­ölen frei­schalten, erhalten Sie auch Zugriff auf die beiden Vorgänger­unter­suchungen.

Bei einem Test von Gourmet-Ölen (Argan-, Walnuss-, Leinöl sowie Traubenkern- und Sesamöle, test 9/2015) fanden wir DEHP in acht Ölen; zusätzlich stießen wir in einem der betroffenen Öle auf den Weichmacher DINP, der im Tier­versuch lebertoxisch wirkt.

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Gibt es auch bei Kosmetika Probleme mit Weichmachern?

In unserem letzten Test von Köperölen (test 3/2015) stießen wir auf ein Produkt, das gering mit dem Weichmacher DEHP verunreinigt war. Der Anbieter veranlasste nach Bekannt­werden der Funde einen Verkaufs­stopp und erklärte, die Verunreinigungen seien auf PVC-Schläuche und Dichtungen der Produktions­maschinen zurück­zuführen gewesen.

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Hat die Stiftung Warentest auch in Alltags­gegen­ständen Phthalate gefunden?

Gummi­produkte. Bei einem Test von Alltagsgegenständen (test 6/2017) enthielten diverse Produkte Phthalate, vor allem Billigartikel wie ein plastikummanteltes Fahr­radschloss, einige Werk­zeuge mit weichen gummi­erten Griffen sowie schwarze Gummi­stiefel. Die Probleme treten nur bei synthetischem Gummi auf, nicht bei Natur­kautschuk.

Wear­ables. Im Rahmen der Untersuchung von Fitnessarmbändern (test 1/2016) wiesen unsere Prüfer bei zwei Produkten erhöhte Mengen des problematischen Weichmachers DEHP nach.

Bunt­stifte. Die österrei­chischen Testkollegen von Konsument spürten im Jahr 2017 in fünf von 20 getesteten Produkten schädliche Weichmacher auf (Buntstifte im Test: Schön bunt, aber oft belastet). Allerdings fand die Stiftung Warentest im Jahr 2018 beim Test von Buntstiften, Filzern und Tinten keine Phthalate (dafür in etlichen Produkten diverse andere Schad­stoffe).

Kinder­wagen. Auch Kinder­wagen­hersteller nutzen vereinzelt die kritischen Weichmacher, wie der Kinderwagen-Test aus dem Jahr 2017 zeigt. Im Schie­begriff des Berg­steiger Capri fanden sich deutliche Mengen der Weichmacher DEHP und DINP, im Kinder­griff deutliche Mengen DINP.

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Welche Kriterien gelten für die Schad­stoff­unter­suchungen der Stiftung Warentest?

Wie die Stiftung Warentest Schad­stoffe testet, erläutern wir detailliert in unserem Special Acrylamid bis Zinnorganyle – so prüft die Stiftung Warentest.

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Was kann ich gegen eine Belastung mit Phthalaten tun?

Wenn möglich auf PVC-haltige Produkte verzichten. Wählen Sie PVC-freie Bodenbeläge oder verlegen Sie gleich Fliesen oder Holz. Wenn Sie schon PVC-Auslegeware haben: Reinigen Sie Böden und Teppiche regel­mäßig, um die Aufnahme der Chemikalie über den Hausstaub zu verringern.

Eines der am häufigsten verwendeten Phthalate war lange Zeit DEHP. Haupt­aufnahme­quelle sind Lebens­mittel. Klein­kinder nehmen DEHP zusätzlich auch über Hausstaub auf und über Dinge, die sie in den Mund stecken. Die Aufnahme des Weichmachers DEHP lässt sich im Alltag durch einfache Ernährungs- und Hygiene­regeln reduzieren. Wer sich abwechs­lungs­reich ernährt, Speisen frisch zubereitet, wenig Fertigprodukte zu sich nimmt und die Marke öfter wechselt (gleiche Produkte können je nach Hersteller unterschiedliche Mengen an DEHP enthalten) nimmt nach­weislich weniger DEHP auf. Eltern können ihre Kinder schützen, indem sie darauf achten, dass diese nur Sachen in den Mund stecken, die dafür gedacht sind.

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Kann ich als Verbraucher erkennen, ob ein Produkt Phthalate enthält?

Direkt sind die Weichmacher nicht erkenn­bar: Sie sind in aller Regel geruch- und geschmack­los. Wenn Sie allerdings ein weiches oder bieg­sames Produkt aus PVC besitzen, können sie davon ausgehen, dass es Phthalate enthält. Der Recycling-Code für PVC enthält eine „3“ und die Buch­staben­folge „PVC“.

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Was kann ich tun, wenn ich ein belastetes Produkt besitze?

Bisher bestimmen EU-Richt­linien nur für einige wenige Produkt­gruppen einen Maximal­gehalt an Phthalaten. Elektro- und Elektronikgeräte dürfen zum Beispiel maximal zu 0,1 Prozent aus den Phthalaten DEHP oder DIBP (Diisobutylph­thalat) bestehen. Da Konsumenten im Allgemeinen keine Unter­suchungs­ergeb­nisse von Test­organisationen zur Verfügung haben, können sie die Über­schreitung von Grenz­werten nicht nach­weisen und haben somit kein Recht auf Umtausch wegen Produktmängeln. Ihnen bleibt zunächst nur, auf die Kulanz des Händ­lers zu hoffen.

Verbraucher können aber Hersteller oder Händler fragen, ob ein Erzeugnis besorgnis­erregende Stoffe enthält. Dafür hat das Umwelt­bundes­amt eine App heraus­gebracht namens Scan4Chem. Hersteller oder Händler müssen inner­halb von 45 Tagen antworten (siehe auch reach-info.de/auskunftsrecht).

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