FAQ Grund­sicherung im Alter Special

Nicht jeder verdient genug, damit am Ende des Arbeits­lebens eine ordentliche Rente heraus­kommt. Und nicht jeder erbt später genug, um eine nied­rige Rente ausgleichen zu können. Menschen, die wenig verdienen und nicht viel erben, stecken in einem Dilemma: Gerade sie müssten privat besonders gut vorsorgen. Sie haben aber während ihres Arbeits­lebens oft nicht genug Geld zum Sparen übrig. Wir sagen, wie der Staat später hilft und beant­worten die häufigsten Fragen zum Thema Grundsicherung.

Wenn das Geschäft für die Alters­vorsorge nicht genug abwirft

FAQ Grund­sicherung im Alter Special

Als Gewer­betreibender muss Fahr­radhändler Peter Ziemann, 45, seine Alters­vorsorge alleine stemmen.

„Ich habe schon Angst, was später wird“, sagt Peter Ziemann. Der 45-Jährige ist Fahr­radhändler in Berlin und ist sich nicht sicher, ob sein Einkommen reichen wird, wenn er einmal nicht mehr arbeiten kann. „Ich arbeite viel und mein Laden macht mir Spaß. Aber die Gewerbemiete ist viel zu hoch. Der Laden wirft einfach nicht genug ab für die Alters­vorsorge“, sagt der 45-Jährige. Ziemann hat zwar aus einem früheren Job einen Anspruch auf eine kleine gesetzliche Rente. Trotzdem müsste er, um allein nach heutigen Werten auf eine Auszahlung von knapp 800 Euro zu kommen, jedes Jahr weit mehr als 5 000 Euro freiwil­lig in die gesetzliche Rentenkasse zahlen. „Unmöglich“, sagt er. „Da hilft mir auch keine steuerliche Förderung.“ Auch in eine Rürup-Rente oder eine private Renten­versicherung müsste er ähnlich viel oder mehr investieren.

Knapp 800 Euro Mindest­sicherung monatlich

Für alle, die sich wie Ziemann fragen, was später eigentlich auf sie zukommt, falls das Geld nicht reichen sollte, beant­worten wir häufige Fragen zur Grundsicherung im Alter. Das ist die staatliche Mindest­sicherung, die greift, wenn das Geld für den Lebens­unterhalt nicht ausreicht. Sie lag laut Statistischem Bundes­amt 2015 bei durch­schnitt­lich knapp 800 Euro im Monat.

Rente spiegelt Erwerbs­leben

Vielen kleinen Gewer­betreibenden oder Solo-Selbst­ständigen fällt es schwer, eine angemessene Alters­versorgung aufzubauen. Sie haben nicht wie Arbeitnehmer einen Arbeit­geber, der die Hälfte des Renten­beitrags über­nimmt. Hinzu kommt: Viel mehr als zum Beispiel in den Nieder­landen oder Dänemark spiegelt das deutsche gesetzliche Renten­system das eigene Erwerbs­leben wider: Wer lange gut verdient hat, bekommt eine hohe Rente, wer aufgrund von Krankheit, Arbeits­losig­keit, Familien­arbeit oder Selbst­ständig­keit immer wieder große Lücken im Renten­versicherungs­verlauf hat oder über einen langen Zeitraum wenig verdient, bekommt eine nied­rige Rente.

Mindest­lohn reicht nicht für eine auskömm­liche Rente

Dirk Manthey von der Gesetzlichen Renten­versicherung Bund rechnet vor: Ein Arbeitnehmer, der 30 Jahre in die Rentenkasse einzahlt und nur die Hälfte des durch­schnitt­lichen renten­versicherungs­pflichtigen Einkommens von derzeit rund 1 545 Euro im Monat verdient – was grob dem heutigen Mindest­lohn von 8,84 Euro bei einer 40-Stunden-Woche entspricht – bekommt nach heutigen Werten eine Rente von 457 Euro (West) und 481 Euro* (Ost). Auch wenn der Arbeitnehmer mit gleichem Einkommen lange 45 Jahre einzahlt, kommt er nicht wirk­lich auf einen grünen Zweig: Nach heutigen Werten ergäbe dies eine Rente von 685 Euro (West) und 722 Euro* (Ost).

Viele hangeln sich von einer befristeten Stelle zur nächsten

FAQ Grund­sicherung im Alter Special

Für Baum­kundler Johannes Hormann, 33, passen befristete Jobs, zwei Kinder und Alters­vorsorge nicht unter einen Hut. Seine Rück­lagen will er im Notfall nutzen können. Bei Riester− und Rürup-Verträgen geht das nicht.

Alters­forscherin Claudia Vogel vom Deutschen Zentrum für Alters­fragen meint dazu: „Für Teile der jüngeren Generationen nimmt das Risiko zu, später keine ausreichende Rente zu haben oder im Alter sogar auf Grund­sicherung angewiesen zu sein. Das hat viel mit den heute unstetigeren Erwerbs­verläufen zu tun.“ Johannes Hormann aus Poitzen bei Celle stimmt zu. Nach über zehn Jahren in unterschiedlichen Jobs hat er endlich eine unbe­fristete Stelle. Als Baum­kundler untersucht der 33-Jährige für ein Ingenieurbüro den Zustand von Bäumen in Städten. „Über meiner Stelle hängt trotzdem ein großes Fragezeichen. Mein Chef möchte sich zur Ruhe setzen. Wer weiß, was dann aus der Firma wird.“ Auch seine Frau hangelt sich von einer befristeten Stelle zur nächsten. „Fürs Alter zu sparen, wenn man zwei Kinder hat, ist schwierig genug“, sagt er.

Auch Riestern ist oft nicht drin

Selbst ein staatlich geförderter Riester-Vertrag ist dann nicht immer leicht zu finanzieren: Ein Durch­schnitts­verdiener mit zwei Kindern und einem Brutto­einkommen von 37 103 Euro im Jahr müsste trotz hoher staatlicher Zulagen mehr als 730 Euro im Jahr einzahlen, um die volle Förderung zu bekommen. Ist das Geld ohnehin knapp, fließt es im Zweifel eher Richtung Sport­ver­ein, Musik- oder Nach­hilfe­unter­richt für die Kinder. „Und selbst wenn ich etwas spare, dann brauche ich das Geld vielleicht bald, um die Zeit zwischen zwei Stellen zu über­brücken“, sagt Hormann.

Anreize für Gering­verdiener

FAQ Grund­sicherung im Alter Special

Schauspieler Fabian Neupert, 27, findet, Sparen für die Rente hat bei nied­rigem Einkommen keinen Sinn.

Wie Hormann sieht Fabian Neupert für seine Situation keinen rechten Sinn in einer privaten Alters­vorsorge. Das Einkommen des 27-jährigen Berliner Schauspielers ist sehr unregelmäßig. Er findet: „Solange ich später vielleicht in der Grund­sicherung lande, lohnt es sich doch nicht zu sparen“. Neupert ist zwar noch jung. Bis zur Rente sind es für ihn noch 40 Jahre. Gerade aber für Menschen mit nied­rigem Einkommen ist es wichtig, auf eine lange Zeit zu setzen. Denn in den 40 Jahren könnte er mit nied­rigen Sparbeiträgen deutlich mehr erreichen als Ziemann in etwas mehr als 20 Jahren. Bisher gab es für Gering­verdiener aber kaum einen Anreiz für die Alters­vorsorge. Denn das mühsam Ersparte würde ihnen, brauchten sie später staatliche Hilfe, von der Grund­sicherung abge­zogen. Die Bundes­regierung plant im Rahmen des Betriebs­renten­stärkungs­gesetzes Verbesserungen (siehe häufige Fragen zur Grundsicherung im Alter).

Alters­vorsorgemodell Grund­sicherung

Alters­forscherin Vogel bleibt skeptisch: „Ich zweifle, ob bestimmte Gruppen mit geringem Einkommen ihre Rentenlücke durch betriebliche und private Vorsorge schließen können.“ Die Grund­sicherung könnte so zum Ersatz eigener Vorsorge werden. Besonders betroffen sind Menschen mit sogenannten atypischen Beschäftigungen, wie befristeten Jobs, Leih­arbeit, Solo-Selbst­ständig­keit, Teil­zeit- und gering­fügiger Beschäftigung. Mit der Digitalisierung sind weitere sozial­versicherungs­recht­lich ungeklärte Erwerbs­formen wie Crowdworking entstanden. Hier vergeben Unternehmen über Internetplatt­formen teils welt­weit Aufträge an registrierte freie Mitarbeiter, genannt Crowdworker.

Reichtum altert, Armut auch

21,3 Prozent der 18- bis 65-Jährigen sind laut Statistischem Bundes­amt armuts­gefährdet. Alters­vorsorge ist für viele von ihnen eine Heraus­forderung. Dirk Manthey: „Ich würde eher von alternder Armut sprechen, nicht von Alters­armut. Wer während des Erwerbs­lebens arm war, bleibt es meist auch als Rentner.“

* Korrigiert am 29. März 2017

Dieser Artikel ist hilfreich. 29 Nutzer finden das hilfreich.