Existenz­gründer können sich meist gesetzlich oder privat kranken­versichern. Ihre Wahl sollten sie reiflich über­legen.

Geschäfts­idee, Business­plan, Marketing, Raum­wahl – Existenz­gründer haben beim Aufbau ihrer Selbst­ständig­keit alle Hände voll zu tun. Ganz am Anfang müssen sie eine weitere Entscheidung treffen: die Wahl, ob sie sich als freiwil­liges Mitglied in einer gesetzlichen Krankenkasse versichern oder eine private Kranken­versicherung abschließen wollen.

Da diese Entscheidung eine große Trag­weite hat und nicht leicht rück­gängig gemacht werden kann, sollten Gründer gut über­legen. Miteinbeziehen sollten sie nicht nur ihr voraus­sicht­liches Einkommen, sondern auch ihren Gesund­heits­zustand und ihre Familien­planung.

Unterschied: Private Kasse ist offen

Neu für viele Existenz­gründer, die zuvor etwa als Auszubildende oder Angestellte in einer gesetzlichen Krankenkasse pflicht­versichert waren: Als Selbst­ständige dürfen sie auch dann Mitglied einer privaten Krankenkasse sein, wenn sie weniger als monatlich 4 687,50 Euro brutto verdienen. Für Angestellte ist das zurzeit erst ab diesem Einkommen möglich.

Gesetzliche Kasse: Familien­freundlich

Wer vorher schon Mitglied in einer gesetzlichen Kranken­versicherung war, kann aber auch als freiwil­liges Mitglied weiterhin in der gesetzlichen Kranken­versicherung bleiben. Das gilt auch für Mütter oder Väter, die vorher beitrags­frei bei ihrem Ehepartner familien­versichert waren. Machen sie sich nach einer Erziehungs­zeit selbst­ständig, können sie nun freiwil­liges Mitglied in einer gesetzlichen Krankenkasse werden.

Eine gesetzliche Kranken­versicherung bietet für Selbst­ständige einige Vorteile:

  • Beitrag nach Einkommen ist möglich.
  • Kinder und Ehepartner ohne eigenes Einkommen sind kostenlos mitversichert.
  • Es gibt keine Gesund­heits­prüfung.
  • Wechsel in die private Kranken­versicherung ist meist möglich.

Dass die gesetzliche Kranken­versicherung selbst­ständigen Eltern viel Flexibilität bietet, zeigt das Beispiel von Helene Wiltschka (Vier Beispiele aus der Praxis). Der Logopädin war klar, dass sie nach dem Sprung in die Selbst­ständig­keit in ihrer gesetzlichen Kasse bleiben würde. „Ich wusste schon früh, dass ich Kinder haben möchte.“ Als die beiden Töchter kamen, war sie froh. „Meine Kinder sind über mich versichert, ich zahle für sie nicht extra. Bei einer privaten Kranken­versicherung wäre das anders.“

Beiträge: Gründer zahlen alle selbst

Anders als bei Angestellten, deren Arbeit­geber etwa die Hälfte der Beiträge für die gesetzliche Kranken­versicherung über­nimmt, müssen Selbst­ständige ihre Beiträge in der Regel allein tragen. Für sie gilt im Jahr 2016 ein ermäßigter Beitrags­satz von 14 Prozent. Sie haben damit aber keinen Anspruch auf Kranken­tagegeld. Je nach Kalkulation der Krankenkasse kommt ein individueller Zusatz­beitrag dazu.

Die Beitrags­bemessungs­grenze liegt im Jahr 2016 bei einem Einkommen von 50 850 Euro jähr­lich, das sind 4 237,50 Euro brutto im Monat. Ein Selbst­ständiger zahlt also maximal einen Monats­beitrag von 593,25 Euro plus den Zusatz­beitrag seiner Kasse. Bei einem Zusatz­beitrag von 0,9 Prozent sind das also höchs­tens 631,39 Euro. Davon profitieren Mehr­verdiener, deren Jahres­einkommen über 50 850 Euro liegt.

Geringes Einkommen: Hohe Beiträge

Freiwil­lig Versicherte, die wenig verdienen, haben dagegen ein Problem: Der Beitrag in der gesetzlichen Kasse kann nicht beliebig schrumpfen. Der nied­rigste Beitrag wird anhand der Mindest­einnahme berechnet. Sie ist gesetzlich fest­gelegt und liegt 2016 bei 2 178,75 Euro. Nur in Ausnahme­fällen kann ein nied­rigerer Mindest­betrag gelten.

Ute Detlefsen gehört nicht zu diesen Ausnahmen. Sie verdient aber – wie viele Gründer am Anfang – nur wenig. Detlefsen ist Supervisorin und Coach. 2015 lag ihr Gewinn unter 405 Euro im Monat. Bis zu dieser Höhe konnte sie in der beitrags­freien Familien­versicherung ihres Mannes versichert sein.

Sie bleibt bewusst darunter: .„Würde ich mehr verdienen, müsste ich mich versichern und dann mindestens 377 Euro monatlich zahlen. Unabhängig davon, ob ich 410 Euro oder 2 178 Euro verdiene. Dann gehen noch die Renten­versicherungs­beiträge ab. Erst ab einem Gewinn von 850 Euro im Monat hätte ich 405 Euro übrig – so viel, wie ich es jetzt als Familien­versicherte habe.“ Im Jahr 2016 liegt diese Grenze bei 415 Euro.

Ihr Ausweg: Sie sucht sich einen Teil­zeitjob. Dann wäre sie versicherungs­pflichtig angestellt, ihre Kranken­versicherung wäre über diesen Job bezahlt und sie könnte ihre Selbst­ständig­keit neben­beruflich ausbauen, bis sie für den großen Sprung bereit ist.

Beitrags­höhe: Einkommen schätzen

Den Krankenkassenbeitrag von Selbst­ständigen ermittelt ein gesetzlicher Kranken­versicherer anhand des letzten voll­ständigen Einkommensteuer­bescheids. Da sie diesen im ersten Jahr noch nicht haben, müssen sie ihr Einkommen anhand voraus­sicht­licher Einnahmen und Ausgaben schätzen. Wenn später der erste Bescheid über das Einkommen da ist, korrigiert die Kasse. Wer die Einnahmen zu hoch geschätzt hat, bekommt Geld zurück. Im anderen Fall muss er Beiträge nach­zahlen.

Einstiegs­geld: Beträge entfielen

Viele Gründer nutzen anfangs staatliche Förderungen. So wie Modede­signerin Friederike Zobel (Vier Beispiele aus der Praxis): Ein Jahr lang hat sie vom Jobcenter Berlin monatlich 180 Euro Einstiegs­geld erhalten. Der Vorteil: Das Jobcenter zahlte auch ihre Beiträge zur gesetzlichen Kranken­versicherung. Die 33-Jährige: „Das war eine große Erleichterung.“ Doch als die Förderung auslief, fielen die Sozial­abgaben schwer ins Gewicht.

Deswegen hat sich Friederike Zobel bei der Künst­lersozialkasse (KSK) beworben. Diese ermöglicht selbst­ständigen Künst­lern und Publizisten eine ähnliche Stellung wie Angestellten. Die Mitglieder können ihre Krankenkasse frei wählen, die KSK fungiert als Einzugs­stelle. Sie müssen nur etwa die Hälfte ihrer Beiträge selbst bezahlen.

Doch die KSK prüft genau, ob ein Antrag­steller zur Zielgruppe gehört. Friederike Zobel zählte als Modede­signerin nicht dazu. Inzwischen hat sie sich mit ihrer Mutter zu einer Unternehmergesell­schaft zusammen­geschlossen und ist dort angestellt. Nun muss sie die hohen Sozial­abgaben nicht mehr alleine bezahlen und zahlt in die Renten­versicherung ein.

Beitrag senken: Mit Wahl­tarifen

Sparen können freiwil­lige Mitglieder der gesetzlichen Kranken­versicherung mit Wahl­tarifen. Verbreitet sind Selbst­behalt­tarife und Prämientarife.

Beim Selbst­behalt­tarif zahlt der Kranken­versicherer eine Prämie aus, wenn die Versicherten im Gegen­zug Kosten bis zu einer gewissen Grenze selbst über­nehmen. Ein Prämientarif belohnt sie, wenn sie während eines Jahres keine ärzt­lichen Leistungen in Anspruch nehmen. Sie erhalten dann einen Teil des bezahlten Beitrags zurück. Früh­erkennung und Vorsorge sind in beiden Varianten von der Regelung ausgenommen.

In Tarifen dieser Art sind die Versicherten aber ein bis drei Jahre lang gebunden. Weiterer Nachteil: Ein Versicherter sucht möglicher­weise nicht den Arzt auf und geht damit ein gesundheitliches Risiko ein, um zu sparen.

Private Kranken­versicherung: Günstig

Einen anderen Weg hat Friseurmeisterin Claudia Gärtner (Porträts) gewählt: Sie hat sich privat kranken­versichert. Gerade für Singles und Gutverdiener kann sich dieser Schritt zunächst lohnen, da die Beiträge bei der privaten Kranken­versicherung unabhängig vom Einkommen berechnet werden.

Die junge Friseurmeisterin konnte selbst entscheiden, wie viel Leistungen sie will. Je nach Versicherungs­paket, Eintritts­alter und Gesund­heits­zustand variieren die Beiträge der privaten Anbieter stark. Es hängt vom Tarif ab, wie viel Versicherer für Zahn­ersatz, Brillen oder Heilpraktiker-Behand­lungen leisten. Je mehr Leistungen, desto mehr muss der Versicherte monatlich bezahlen. Dabei sollte er nicht am falschen Ende sparen, sonst muss er im Krank­heits­fall möglicher­weise auf Leistungen verzichten oder sie selbst bezahlen.

Um Kosten zu sparen, hat Claudia Gärtner einen jähr­lichen Selbst­behalt von 1 200 Euro vereinbart: Nun zahlt sie rund 243 Euro monatlich, wenig im Vergleich zu dem Mindest­beitrag als freiwil­lig gesetzlich Versicherte. Trotzdem ärgert sich Gärtner: „Die nied­rigen Beiträge haben mich gelockt. Heute bereue ich meine Entscheidung.“

In die gesetzliche Kasse: Bis 55 Jahre

Sie hat Angst davor, dass die Beiträge im Alter immens steigen. Doch der Austritt aus der privaten Kranken­versicherung ist nicht leicht. Nur wenn Gärtner vor dem 55. Lebens­jahr ihre haupt­berufliche Selbst­ständig­keit aufgibt und ein monatliches Gehalt unter der Versicherungs­pflicht­grenze von derzeit 4 687,50 Euro brutto verdient, kann sie in eine gesetzliche Krankenkasse zurück.

Nach dem Ende einer befristeten Anstellung können Selbst­ständige weiter in der gesetzlichen Kasse bleiben. Aber Vorsicht: Sie dürfen nicht versehentlich ihren Austritt erklären und ihre private Versicherung darf nicht mehr bestehen.

Verdienst­ausfall: Wichtige Vorsorge

Gerade für Selbst­ständige ist es enorm wichtig, für den Ernst­fall vorzusorgen. Sowohl in der privaten als auch in der gesetzlichen Kranken­versicherung können Versicherte daher den Anspruch auf Krankengeld wählen. Claudia Gärtner hat bei ihrer privaten Kasse eine separate Police inner­halb ihres Pakets abge­schlossen. „Ab der siebten Woche, in der ich krank bin, bekomme ich 50 Euro am Tag.“

Sollte Helene Wiltschka, Inhaberin der Logopädiepraxis, ernst­haft erkranken, würde ihr niemand den Verdienst­ausfall bezahlen. Gleich­zeitig müsste sie für die laufenden Kosten weiter aufkommen. Entscheidet sie sich für den Anspruch auf Krankengeld, müsste sie den regulären Beitrags­satz von 14,6 Prozent statt des ermäßigten Beitrags bezahlen. Ab dem 43. Krank­heits­tag würde sie Krankengeld bekommen. Wer früher Krankengeld beziehen möchte, findet Angebote bei den gesetzlichen Kassen oder kann Kranken­tagegeld privat versichern.

Gering­verdiener sind beim Krankengeld benach­teiligt: Der Beitrag wird aufgrund eines fiktiven Einkommens von etwa 2 100 Euro fest­gelegt. Im Krank­heits­fall gibt es aber nur 70 Prozent des realen Einkommens.

Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Orts­kankenkassen bestätigt: Die Kranken­versicherungs­beiträge sind gerade für Selbst­ständige mit wenig Einkommen oft zu hoch. Die Wissenschaftler sehen Reformbedarf.

Von einer Reform könnten Gründer wie Supervisorin Ute Detlefsen profitieren.

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