Europäischer Gerichts­hof zu Schwer­metallen in Spielzeug Meldung

Dr. Holger Brack­emann, Bereichs­leiter Unter­suchungen bei der Stiftung Warentest

Deutsch­land darf seine nationalen Grenz­werte für Schwer­metalle in Spielzeug nicht beibehalten und muss die von der EU vorgeschriebenen Werte über­nehmen. Das entschied der Europäische Gerichts­hof (EuGH). Nach seiner Ansicht sind die EU-Grenz­werte über­wiegend strenger als die deutschen. Für eine Reihe von Spielzeugen bedeutet das Urteil aber eine Verschlechterung. Im Interview mit test.de erläutert Dr. Holger Brack­emann, Cheftester der Stiftung Warentest, die Hintergründe.*

Deutsch­land hatte bislang andere Grenz­werte als die EU

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„Spielwaren-Anbieter sollten freiwil­lig an dem alten Stan­dard fest­halten“: Cheftester Dr. Holger Brack­emann im Interview mit test.de

Die Europäische Union hat im Jahr 2009 eine Spiel­zeug­richt­linie erlassen, in der neue Grenz­werte für bestimmte chemische Stoffe, unter anderem Schwer­metalle, fest­gelegt wurden. Deutsch­land stimmte im Rat gegen diese Richt­linie. Die Begründung: Die in Deutsch­land geltenden Grenz­werte für Blei, Barium, Antimon, Arsen und Queck­silber würden einen höheren Schutz bieten als die der EU. Deswegen hatte Deutsch­land bei der Europäischen Kommis­sion beantragt, die nationalen Grenz­werte behalten zu dürfen, und dagegen geklagt. Bis zum Urteil vor dem EuGH durfte Deutsch­land seine strengeren Grenz­werte beibehalten.

Laxere Grenzen für feste Materialien

Nun hat das Gericht die Klage abge­wiesen. Deutsch­land muss die Grenz­werte für Antimon, Arsen und Queck­silber für Spielzeug über­nehmen, die schon jetzt EU-weit gelten. Für Flüssig­keiten wie Seifenblasen und Pulv­riges wie Kreiden bedeutet das eine Verschärfung. Für abschab­bare feste Materialien wie Lacke, Holz, Plastik oder Metall waren die bisherigen deutschen Grenz­werte hingegen strenger. In allen Spielzeugen aus festen Materialien, und das ist der über­wiegende Teil, sind nun höhere Schwer­metall­werte erlaubt. Substanzen wir Arsen können bei Krebs­erkrankungen eine Rolle spielen, außerdem reichern sich Schwer­metalle in inneren Organen an, bleiben also lang­fristig im Körper.

Unglück­liche Entscheidung

„Das ist für den Verbraucher in Deutsch­land eine unglück­liche Entscheidung“, sagt Dr. Holger Brack­emann, Bereichs­leiter Unter­suchungen der Stiftung Warentest. „Denn jetzt müssen hier­zulande die Grenz­werte umge­setzt werden, die für ganz Europa vor fünf Jahren beschlossen worden sind. Diese bilden den heutigen Stand der Spiel­zeugsicherheit nicht mehr ab. Die Hersteller sind schon weiter.“ Dass auch die strengeren deutschen Grenz­werte einhalt­bar sind, zeigen die Spielwaren-Tests der Stiftung der vergangenen Jahre. Ein großer Teil der Produkte schaffte sie problemlos. Brack­emann sieht jetzt die Industrie in der Pflicht: „Ich hoffe, dass die Anbieter und die deutsche Wirt­schaft auf freiwil­liger Basis an dem alten, strengeren Stan­dard fest­halten und das auch dem Verbraucher entsprechend mitteilen.“

* Diese Meldung erschien erst­mals am 14. Mai 2014 anläss­lich des Urteils des EuG, der Vorinstanz des EuGH. Die Meldung wurde am 29. Juli 2015 aktualisiert. Das Interview mit Dr. Brack­emann wurde im Mai 2014 geführt.

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