Deutsche Aktien haben in den vergangenen fünf Jahren mehr verloren als andere europäische Titel. Die weiteren Aussichten sind – je nach Analyst – wolkig bis heiter. Anleger sind im Vorteil, wenn sie auf mehrere Länder setzen.

Die Zahlen sprechen für sich: Deutsche Aktien haben in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt 2,7 Prozent pro Jahr verloren. Damit haben sie schlechter abgeschnitten als der Durchschnitt der europäischen Wertpapiere.

Die größte Freude hat deutschen Investoren die Börse in Paris bereitet: Dort stehen 5,3 Prozent Plus pro Jahr zu Buche. Auch Südeuropas Bilanz kann sich sehen lassen: 5,1 Prozent pro Jahr haben italienische Werte gebracht, 4 Prozent pro Jahr gab es in Spanien. Auf eine schwarze oder rote Null brachten es die Schweiz, Großbritannien, die Niederlande und Österreich.

Am Stichtag unserer Untersuchung, dem 30. November 2002, lag Deutschland, gemessen am Börsenindex MSCI, um 56,4 Prozent unter dem Rekordhoch vom Frühjahr 2000. So viel hat kein anderes Land verloren. Nicht Frankreich, obwohl die französischen Titel mit 46,7 Prozent ebenfalls weit unter ihren Höchststand gefallen sind. Auch nicht Italien (37,6 Prozent), nicht Spanien (36,4 Prozent) und vor allem nicht die Schweiz (31,1 Prozent) und Österreich (33,1 Prozent).

Ist Deutschland nur so tief gefallen, weil es zuvor so hoch gestiegen war? Von November 1997 bis Februar 2000 hat sich der Wert deutscher Aktien immerhin verdoppelt. Damit belegte die deutsche Börse freilich nicht Platz eins, sondern lag sowohl hinter Frankreich (plus 124 Prozent) als auch Italien (plus 102 Prozent) und behauptete sich nur knapp vor Spanien (plus 90 Prozent).

Es gibt viele Gründe für die verkorkste Fünfjahresbilanz. Schuld ist zum Beispiel die lahmende Konjunktur, wegen der die Unternehmen kaum Gewinne machen. Eine weitere Ursache liegt in der Zusammensetzung der Börsenindizes: Kein anderes der untersuchten Länder hat so viele Banken und Finanzdienstleister und Technologieunternehmen wie Deutschland – Unternehmen also, die anfällig für Konjunkturschwankungen sind.

Anleger können sich mit einem Mix aus mehreren Ländern mehr defensive Werte ins Depot legen. Auch das Risiko in europäischen Aktienfonds ist besser gestreut als in Deutschland allein.

Deutschland: träge

„Deutschland ist das Japan Europas“, sagt Conrad Mattern, Chefökonom der Fondsgesellschaft Activest. Die alternde Gesellschaft verursacht hohe soziale Kosten. Hinzu kommen die Staatsschulden, die Steuerlast, ein unflexibler Arbeitsmarkt und eine Regierung, die wenig gegen die Probleme unternimmt. Wie in Japan eben, das sich auch reformunfähig zeigt. Das lähmt die Konjunktur. Noch wächst die Wirtschaft in Deutschland, doch viel fehlt nicht zur Rezession.

Diese Stagnation ist umso ärgerlicher, als allein in den deutschen Aktienfonds nach Angaben des BVI Bundesverband Investment und Asset Management knapp 20 Milliarden Euro stecken. Die besten unter ihnen haben mit Renditen von bis zu 5,2 Prozent pro Jahr zwar eine deutlich bessere Fünfjahresbilanz aufzuweisen als der Markt, doch trösten kann das kaum. Mit französischen und spanischen Aktienfonds waren deutlich bessere Renditen möglich, mit italienischen teilweise sogar zweistellige.

Frankreich: gewinnend

Wie Deutschland hat auch Frankreich ein unerlaubt hohes Haushaltsdefizit, doch statt Staatsausgaben zu kürzen und Steuern zu erhöhen, übt sich die Regierung in kreativer Buchführung und würgt damit die Konjunktur nicht gnadenlos ab: Das Umfeld ist ruhig, der Konsum stabil und die Unternehmen investieren. So weit die gute Seite.

Die schlechte: „Was Frankreich macht, ist bei weitem nicht das, was man unter einer gelungenen Wirtschaftspolitik ver­steht“, sagt Conrad Mattern von Activest. „Es ist allerdings weniger wachstumsschädlich als das, was die Deutschen betreiben.“

Ein weiterer Grund für das bessere Ergebnis der französischen Börse ist der im Vergleich mit Deutschland krisenfestere Charakter des Aktienmarkts. Auffällig ist der vergleichsweise kleine Anteil an Technologie. Auch der Ölkonzern Total Fina Elf, ein Schwergewicht im MSCI Frankreich, sorgt für Stabilität.

Die Schwankungen des französischen Marktes sind dennoch mit denen des deutschen Marktes vergleichbar. Ein Fondsmix aus diesen beiden Ländern empfiehlt sich daher nicht.

Großbritannien: stark

Die britische Börse dagegen wird von antizyklischen Werten bestimmt. Stark vertreten sind die Branchen Öl mit Shell und BP sowie Pharma mit GlaxoSmithKline und AstraZeneca. In den vergangenen Jahren hat sich die britische Wirtschaft weg von der verarbeitenden hin zur serviceorientierten Industrie entwickelt. Das hat die Märkte stabilisiert.

Großbritannien ist mit Abstand der größte Aktienmarkt Europas. Sein Gewicht im Börsenindex MSCI Europa beträgt 38 Prozent. Deutschland hat einen Anteil von 8,7 Prozent.

London profitiert von den traditionellen Handelsbeziehungen mit den USA und den früheren Kolonien. Der Finanzplatz ist nach wie vor ein starker Anziehungspunkt für Banken aus Amerika, Asien und Europa.

Auch die Verbraucher tragen ihren Teil bei. „Die Briten haben viel Geld übrig für den Konsum“, sagt Andreas Schröter, Manager des dit-Fonds Großbritannien, „zumindest rechnerisch.“ Die Briten, die traditionell Häuser lieber kaufen statt mieten, profitieren davon, dass die Immobilienpreise gestiegen und gleichzeitig die Schuldzinsen gesunken sind. Wenn die Häuserpreise sänken, würden das Banken und Konsumbranche spüren. Auch das marode Gesundheitssystem könnte die Briten noch teuer zu stehen kommen.

Schweiz: solide

Auch in der Schweiz dominieren stabile, wenig anfällige Branchen. Zwar haben die Schweizer keinen Ölkonzern, dafür aber die Pharmagiganten Novartis und Roche sowie den Konsumriesen Nestlé. Dazu kommt UBS, eine weltweit führende Universalbank, die „ihre Sache einfach gut macht“, wie Dieter Winet von der Fondsgesellschaft Swissca sagt. Die Unternehmen seien solide finanziert, sagt Winet und nennt als Beispiel den Telekomkonzern Swisscom. Auch am Technologiesegment gab es, ganz anders als beim deutschen Neuen Markt, keine Skandale.

Die sprichwörtliche Schweizer Solidität zeigt sich auch politisch. Die Steuergesetzgebung haben die Bewohner beispielsweise selbst in der Hand: keine Änderungen ohne Volksabstimmung. „Da gibt es keine Exzesse“, sagt Winet.

Die Schweiz ist Zufluchtsort in unsicheren Zeiten. Den stetigen Zufluss von Geld garantiert auch das eiserne Bankgeheimnis, welches Steuerhinterzieher und andere Kriminelle in die Alpen lockt – das ist die Kehrseite.

Österreich: klein, aber oho

„Für Österreich spricht die solide Finanzstruktur der Unternehmen“, sagt Doris Stadler, die den Fonds Raiffeisen-Österreich-Aktien managt. Die Telekom Austria hat weniger Schulden als die großen europäischen Telekomkonzerne. Einige Firmen sind zwar klein, aber in ihrer Nische Weltmarktführer, wie der Kartonagenfabrikant Mayr-Melnhof. Im Übrigen eröffnet das Engagement in Osteuropa Möglichkeiten.

Doch Österreich ist ein Schlechtwettermarkt. „Wenn es an den anderen Börsen wieder boomt, sind wir wieder Randmarkt“, sagt Doris Stadler.

Italien: spät gezündet

„Italien ist später aufgewacht als die anderen, was die Kapitalmarktorientierung angeht“, sagt Reinhard Pfingsten von Deka Investment. Die späte Reife brachte eine für italienische Verhältnisse untypische Besonnenheit. „Der Markt ist defensiver als der deutsche“, sagt Pfingsten.

Das hat im Fall Italien freilich nichts mit der Branchengewichtung in den Indizes zu tun. Auch im italienischen Markt spielen Banken und Telekom eine große Rolle. Vielmehr liegt es an den Unternehmen selbst, die besser dastehen und weniger Schulden haben.

Auswahl: Branchen oder Länder

Pfingsten ist der Ansicht, dass Ländereffekte wieder wichtiger werden, nachdem sie durch die Einführung des Euro und die einheitliche Geldpolitik zunächst an Bedeutung verloren hatten. Früher haben sich konjunkturelle Unterschiede im Wert der Währungen niedergeschlagen. „Jetzt sind die Aktienkurse das Vehikel, über das unterschiedliche Strukturen bewertet werden.“

Die Fondsgesellschaft Union Investment dagegen hält nicht viel vom Länderansatz und bietet mit Ausnahme von Deutschland keine Länderfonds an. „In den Niederlanden zum Beispiel gibt es kaum länderspezifische Eigenheiten. Das sind alles multinationale Konzerne“, sagt Fondsmanager Christoph Niesel.

Letztlich setzt man auch mit europäischen Länderfonds Branchenschwerpunkte. Mit Ausnahme von Spanien vielleicht. „In Spanien ist oftmals das Engagement in Lateinamerika entscheidend“, sagt Niesel. Und dort ist das Börsenklima anders als in Europa.

Dieser Artikel ist hilfreich. 508 Nutzer finden das hilfreich.