Seit es den Euro gibt, können die Deutschen in zehn weiteren europäischen Ländern investieren ­ ohne fürchten zu müssen, dass Wechselkursschwankungen ihre Ersparnisse aufzehren. Finanztest stellt in einer Serie die Anlagemöglichkeiten vor. Folge 4: Niederlande.

Frau Antje hat die Nase voll von Butter und von Käse. Jahraus, jahrein das gleiche Geschäft. Frau Antje will jetzt Aktien an den Mann und die Frau bringen. Holländische. Mal sehen, ob sie damit auch so gute Verkaufserfolge erzielt ... Aber Spaß beiseite. Frau Antje tut nichts dergleichen. Dabei wäre das keine schlechte Idee. Die niederländische Börse birgt mehr internationale Spitzenwerte als man angesichts der Größe des Landes vermuten könnte. "Klein, aber oho", schreibt die Crédit Suisse Asset Management in ihrem Fondsprospekt.

Beispielsweise Banken. ING und ABN Amro sind die Vertreter im Euro Stoxx 50, dem europäischen Index der wichtigsten Werte. ING, die Internationale Nederlanden Groep, ist die größte niederländische Finanzgruppe. Nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden Godfried van der Lugt erreicht die ING-Gruppe drei Viertel der niederländischen Bevölkerung: Die ING ist Marktführerin im Privatkundengeschäft, bei Lebensversicherungen und der Vermögensverwaltung. In Deutschland greift die ING indirekt ins Geschehen ein: Ihr gehören die BHF-Bank sowie die Allgemeine Deutsche Direktbank.

Auch ABN Amro, entstanden 1991 aus der Fusion der Amsterdam-Rotterdam Bank und der Algemene Bank Nederland, ist weltweit vertreten. Sie erwirtschaftet mehr als die Hälfte der Ge- winne im Ausland, vor allem in Nord- und Lateinamerika. Des Öfteren als Retterin der in Fusionsdingen hilflosen Großbanken Deutsche, Dresdner und Commerzbank gehandelt, gibt sich die ABN Amro gleichwohl desinteressiert: Übernahmen kämen für ihn nicht infrage, teilte im Frühjahr 2000 Jan Kalff mit, damaliger Leiter der Amro-Bank.

Aus Tradition gut

Euroland Niederlande Meldung

Dick im Euro Stoxx 50 vertreten ist Royal Dutch Shell, das größte holländische Unternehmen überhaupt. Genau genommen ist es kein holländisches, sondern ein britisch-holländisches Unternehmen. Es wird an der Londoner Börse unter dem Titel Shell Transport & Trading gehandelt, in Amsterdam als Royal Dutch Petroleum. "Never sell Shell", lautet eine alte Börsenweisheit, die gar nicht blöde ist. Bislang hat Shell seinen Aktionären stets Freude bereitet. "Wir machen gute Gewinne", verkündete der neue Boss Jeroen van der Veer in der "Zeit" vom 21. September 2000. Kaum verwunderlich: Das war die Zeit, als der Ölpreis stieg.

Doch van der Veer wiegelte ab. Nicht das Öl sei es, das seinem Konzern die Gewinne brächte, jedenfalls nicht in dem Maße, wie alle dächten. Der Umsatz verlagere sich mehr und mehr auf Gas. Zudem sei Shell auch stark im Geschäft mit erneuerbaren Energien vertreten ­ weswegen van der Veer seinen Konzern lieber als Energieunternehmen bezeichnet sähe. Der hehren Visionen ungeachtet, macht nach wie vor das Gas- und Ölgeschäft den weitaus größten Batzen aus. Rund 150 Millionen US-Dollar betrug der Vorjahresgewinn im Gasgeschäft, 2000 soll es ein Fünftel mehr sein. Mit Öl verdiente Shell in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres 6,3 Milliarden Dollar, doppelt so viel wie im vergleichbaren Vorjahreszeitraum ­ und damit mehr als jemals zuvor. Was bei einem hundertjährigen Konzern durchaus etwas heißt.

Weniger betagt, dennoch Traditionskonzern ist der ­ ebenfalls niederländisch-britische ­ Lebens- und Reinigungsmittelhersteller Unilever, den Deutschen bekannt durch Omo, das Waschmittel, oder Rama, die Margarine. Unilever ist nach der schweizerischen Firma Nestlé und dem amerikanischen Giganten Philip Morris der drittgrößte Lebensmittelmulti der Welt. Dabei sah es gar nicht immer so rosig aus. Noch im November vergangenen Jahres titelte das Handelsblatt: "Unilever ist weit abgeschlagen. Wettbewerber Procter & Gamble, Nestlé und Danone um Längen voraus." Doch, wie heißt es so schön? Totgesagte leben länger.

Unilever wechselte die Chefetage aus. In die Führungsspitze rückten der Holländer Anthony Burgmans und der Ire Niall Fitzgerald vor ­ und sorgten dort sofort für Unruhe: Jede vierte Marke sollte gestrichen werden, jeder zehnte Arbeitsplatz und jedes dritte Werk. Aber eine Schrumpfungskur sollte es nicht werden, ganz im Gegenteil: Unilever übernahm die amerikanischen Firmen Slim Fast, Ben & Jerrys und Bestfoods und gab dafür einige Milliarden aus. Jetzt gilt es noch, das Lebensmittelsortiment so umzustellen, dass auch die Schwellenländer ­ die künftigen Absatzmärkte überhaupt ­ beliefert werden können. Fischstäbchen und Rahmspinat von Iglo eignen sich mehr für Regionen mit hoher Kühlschrankdichte.

Gewitzt

Weniger um die Herstellung als um den Vertrieb von Esswaren kümmert sich die niederländische Ahold-Gruppe, die ebenfalls im Euro Stoxx der wichtigsten Werte vertreten ist. Ahold steht für Albert Heijn Holding und eine effiziente Arbeitsweise. Die Umsatzrendite, das Verhältnis von Gewinn und Umsatz, ist mehr als doppelt so hoch wie die der Konkurrenten Metro oder Rewe. Eigentlich möchte man meinen, dass Einzelhandel und Erfolg unvereinbare Begriffe sind. Nicht bei Ahold. Wenn Ahold einkaufen geht, was alle in der Branche machen, dann nur die funktionierenden Handelsketten. Erzrivale Wal Mart dagegen hat sich in Deutschland darauf verlegt, Sanierungsfälle einzusammeln und aufzupäppeln. Ein mühsames Unterfangen.

Ahold geht überall shoppen, nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent. Spanien, Skandinavien, Tschechien, Polen ­ Hauptsache viel. Doch ein großer Warenhausbestand bereitet auch Probleme. "Wie die Zukäufe integrieren?", fragte die Wirtschaftswoche. "Wie die verschiedenen Geschäftstypen vom Supermarkt über den Tankstellenshop bis zum Internetlieferservice optimal aufeinander abstimmen?" Ahold hat ein Problem: Haben sich Analysten und Aktionäre erst an rasantes Wachstum gewöhnt, wollen sie mehr davon sehen. Das wiederum kann zur Folge haben, dass die Manager nur noch um des Kaufen willens kaufen und nicht mehr zum Wohl der Firma.

Groß und gebeutelt

Solche Probleme hätte man bei KLM wohl gerne. Die niederländische Fluggesellschaft versucht seit geraumer Zeit, überhaupt einen Zusammenschluss hinzukriegen. Die über zwei Jahre vorbereitete Fusion mit Alitalia scheiterte im Frühjahr, im Herbst misslang die Verschmelzung mit British Airways. Doch KLM hat die Partnersuche nicht aufgegeben. Sowohl die italienische wie die britische Fluglinie wären auch künftig willkommene Gefährtinnen ­ vorausgesetzt, die Hürden würden übersprungen: An Alitalia hat KLM der hohe Anteil des italienischen Staates gestört. Der Fusion mit British Airways zum drittgrößten Luftfahrtunternehmen der Welt haben rechtliche und luftfahrtpolitische Probleme im Wege gestanden und ­ wie die Briten sagen ­ überhöhte Machtansprüche der Holländer.

Auch in Deutschland sind die Niederländer nicht untätig, wie am Beispiel Banken bereits gezeigt. "Die niederländische TNT Post Groep will ins hiesige Briefgeschäft einsteigen und ein eigenes Netzwerk in Deutschland aufbauen", sagte Eckard Gatzke, Geschäftsführer der TNT Holdings Deutschland GmbH dem Handelsblatt. Gatzke will die, wohl vorübergehende, Schwäche der Deutschen Post ausnutzen, die ihre Aufkäufe verdauen muss.

Fehlt das Milchgeschäft. Anfang des vergangenen Jahres schnappte die niederländische Campina Melkunie der bay-rischen Molkerei Alois Müller die Berliner Emzett-Betriebe vor der Nase weg und avancierte zur Nummer drei in Europa. Ende 2000 gaben dann Campina Melkunie und die Milchwerke Köln ihren Zusammenschluss bekannt, was den europäischen Spitzenplatz des niederländischen Konzerns weiter festigt ­ und, wenn sie denn will, Frau Antjes Arbeitsplatz sichert. Unter uns gesagt: Frau Antje bleibt bei Butter und bei Käse. Ihre Werbeauftritte bringen nämlich Geld genug, um es ­ ganz genau ­ an der holländischen Börse anzulegen. Mal sehen, wie lange Frau Antje überhaupt noch arbeitet.

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