Euroland Italien Meldung

Seit es den Euro gibt, können die Deutschen in zehn weiteren europäischen Ländern investieren ­ ohne fürchten zu müssen, dass Wechselkursschwankungen ihre Ersparnisse aufzehren. Finanztest stellt in einer Serie die Anlagemöglichkeiten vor. Folge 8: Italien.

Lebendig ist Italien wohl, liberal dagegen nicht. Trotz einer in Euroland beispiellosen Selbstständigenquote von 25 Prozent galt die freie Entfaltung des Individuums den zahlreichen Autoritäten des Landes seit jeher als verdächtig. Bald 60 Regierungen hat Italien seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewählt. Die häufigen Wechsel sind aber weder Ausdruck einer blühenden politischen Kultur noch von gefährlicher Instabilität. Italien ist einer der wichtigsten Industriestaaten Europas, ja der Welt ­ weswegen nicht zuletzt der private Anleger ein Augenmerk auf die Appenninhalbinsel legen sollte.

Der stete Wandel sorgt aber für die nötige Unübersichtlichkeit im System, die die Mächtigen im Lande brauchen, um die Fäden zu ziehen. Spötter nennen sie in Anlehnung an die Romane von Giovanni Guareschi "Don Camillo und Peppone". Italien verharrt im festen Griff des "Cattocomunismo", einer ideologischen Mischung aus Katholizismus und Kommunismus.

Ausgerechnet Rom ist die Wiege des Prozesses, der in wenigen Monaten mit der Einführung einer europäischen Gemeinschaftswährung seinen vorläufigen Höhepunkt findet. Natürlich unterzeichnete auch Italien die Römischen Verträge am 25. März 1957. Während andere Gründungsmitglieder und später dazugestoßene Staaten wie Spanien oder Portugal jedoch sichtbare Anstrengungen unternehmen, europataugliche Strukturen aufzubauen, bleiben "Don Camillo und Peppone" stur. "Es bleibt noch viel zu tun, um unser politisches System der verfassungsmäßigen Modernität Europas anzugleichen", beschwor Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi die Parteien Ende vergangenen Jahres.

Eine föderale Gliederung des Staatsgebiets und ein Wahlsystem, das den Wählerwillen besser abbildete, wären bitter notwendig: Der Staatsapparat, die Parteien und die Bürokratien der meist mehrheitlich in Staatsbesitz verbliebenen großen Konzerne wollen sich aber nicht in die Karten schauen lassen und verzögern oder verhindern alle Gesetzesvorhaben, die ihre Pfründen schmälern könnten. Lüftet die Justiz hie und da einen Zipfel der Decke, unter der die Mitglieder des "Don Camillo und Peppone"-Kartells stecken, stinkt es erbärmlich. Dann erfahren die Italiener, dass Politiker wie Giulio Andreotti möglicherweise Ministerpräsident von Mafias Gnaden waren oder die Spuren vieler Verbrechen verdächtig nahe an die frühere Vatikanbank Banco Ambrosiano (heute Intesa) heranführten.

Banken bringen Gewinn

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Aber nicht deshalb spielt der Bankensektor auf dem Stiefel eine herausragende Rolle. In Norditalien entwickelte sich im ausgehenden Mittelalter das, was wir heute unter dem Bankwesen verstehen. Die älteste Bank der Welt, die 1472 gegründete Monte dei Paschi di Siena (WKN 922995), ist heute noch aktiv, auch wenn sie mit ihrem ursprünglichen Zweck nichts mehr zu tun hat: Die Bank sollte ausdrücklich die Armut in der norditalienischen Stadt bekämpfen helfen.

Die Monte hat sich in den über 500 Jahren ihres Bestehens vom lokalen zum globalen Player gewandelt. Erst im März hat sie eine der wenigen voll privatisierten Banken, die Banca Nazionale del Lavoro (BNL) erworben und damit der San Paolo IMI vor der Nase weggeschnappt. Die plant nun ihrerseits, sich an der Banca Cardine schadlos zu halten. Für beide Fusionen steht freilich das Placet von Nationalbankchef Antonio Fazio noch aus. Er muss Bankenfusionen nämlich genehmigen und ist damit in jüngerer Zeit gut ausgelastet.

Denn der ganze Sektor ist im Aufbruch. Auch die beiden größten Geld-institute des Landes, die Banca Intesa (WKN 850605) und Unicredito Italiano liebäugeln mit einer Verschmelzung.

Für Anleger sind diese Nachrichten insofern interessant, als Italiens Banken enormes Rationalisierungspotenzial besitzen. Die Eigenkapitalrenditen steigen von Jahr zu Jahr in dem Maße, wie sich die öffentliche Hand aus den Unternehmen zurückzieht. Im Gegensatz zu seinen Nachbarländern hängt Italien dabei noch weit zurück. Der fehlende Wettbewerb erleichtert es italienischen Unternehmen, steigende Kosten an die Verbraucher weiterzugeben.

Don Camillo und Peppone trauen der Privatwirtschaft noch nicht so recht über den Weg. Eine leuchtende Ausnahme bildet der Finanzdienstleister Bipop Carire (WKN 880064). Nahezu ohne Aufsehen zu erregen, hat sich die Bank aus Brescia mit zwölf Milliarden Euro Börsenwert erst den deutschen Discounter Entrium einverleibt und sich sodann an den Neuen Markt in Frankfurt geschlichen. Mittlerweile größer als das dortige Schwergewicht T-Online, klopft der Italiener vernehmbar an die Pforte zum Börsenindex Nemax 50 an.

Privatisierung mit Chancen

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Weil auch in Italien sehr laut über eine Beteiligung privater Anbieter am Rentensystem nachgedacht wird, haben zudem die Versicherer Oberwasser. Generali und die 52-prozentige Allianztochter RAS gelten als Hoffnungsträger.

Beinahe jeder Italiener hat ein Telefonino, ein Handy. Die Telecom Italia Mobile (TIM) hat 19 Millionen Kunden, das ist so rekordverdächtig wie nervtötend. Das Private der Italiener ist omnipräsent im öffentlichen Raum. Anleger in Telekommunikationswerte stört solches Verhalten jedoch kaum. Noch ist der ganze Sektor allzu unübersichtlich strukturiert. Die Telecom Italia ist in eine Holding eingebunden, die zwar Tecnost heißt, aber viel Glasnost benötigte, um transparent zu werden.

Etwas freundlicher sieht es auf dem Energiemarkt aus. Die Entstaatlichung des Versorgers Enel gilt als die einzige, die die Regierung kräftig vorantreibt, obwohl sie noch ein dickes Paket am Energieriesen hält. Auch Eni, eine der größten Ölgesellschaften der Welt, lässt Aktionärsaugen leuchten. Eni besitzt eine Lizenz zur Erdgasförderung in China, mit der die gesamte Bevölkerung des Reiches der Mitte zehn Jahre lang versorgt werden könnte. Solche Perspektiven nennen Analysten meistens "Buy" ­ einen Kauf.

Was aber wäre ein Blick auf Italien ohne auch auf die Bellezza zu schauen, die Schönheit, auf Bulgari zum Beispiel und Benetton. Bulgari macht sich rar, nur 97 Boutiquen gibt es weltweit. Dafür aber auch ein Publikum, das konjunkturelle Schwankungen eher nicht wahrnimmt. Die Investmentbank Merrill Lynch jedenfalls sieht schwarze Zahlen bei Bulgari auch auf lange Sicht. Auch Benetton findet Anerkennung bei US-Analysten. Eine aggressivere Politik soll das Unternehmen in die Lage versetzen, schneller auf Modetrends zu reagieren. Ob das gelingt, sollten Anleger beobachten.

Doch den freundlichen Aussichten zum Trotz: Don Camillo und Peppone bestimmen auch weiterhin, was im Interesse der Italiener liegt und was nicht. Sie sind Meister darin, stets die so genannte "Goldene Aktie" zu behalten. Damit können sie bestimmen, wer Padrone dieses oder Anteilseigner jenes Unternehmens werden darf. Und redegewandt, wie Italiener sind, finden sie immer das richtige Wort, um zu begründen, warum sich der Staat aus ausgerechnet diesem Sektor nicht zurückziehen könne. Va bene ­ es geht doch, oder?

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