Seit es den Euro gibt, können die Deutschen in elf weiteren europäischen Ländern investieren ­ ohne fürchten zu müssen, dass Wechselkursschwankungen ihre Ersparnisse aufzehren. Finanztest stellt in einer Serie die Anlagemöglichkeiten vor. Folge 10: Belgien.

Zwei von Menschenhand errichtete Bauwerke sind vom Mond aus mit bloßem Auge zu sehen: die chinesische Mauer bei Tag und das belgische Autobahnnetz bei Nacht. Dann nämlich tauchen Tausende von Lampen die Verkehrsadern des Königreichs in warmes, orangefarbenes Licht. Nicht alles im Nachbarland präsentiert sich in solch strahlender Verfassung. Nachgerade duster sieht es zum Beispiel am Brüsseler Börsenplatz aus.

Das vergangene Jahr war das zweite in Folge, in dem die Kurse der im belgischen Börsenindex Bel 20 versammelten Werte dem europäischen Durchschnitt deutlich hinterherhinkten. Während der europäische Leitindex, der Euro Stoxx 50, knapp 3 Prozent nachgab, sackte der Bel 20 um 10 Prozent in die Tiefe. 1999, als der Euro Stoxx 50 um 47 Prozent zulegte, büßten die belgischen Aktien gleichzeitig 5 Prozent ein: Das war negativer Europarekord.

Im Dunkel

Euroland Belgien Meldung

Noch rätseln die Experten über die Ursachen. Denn eigentlich muss Belgien sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Der 1989 eingeleitete Föderalisierungsprozess ist fast abgeschlossen. Aus dem zentralstaatlichen Korsett, in das Flamen und Wallonen gleichermaßen hineingepresst waren, ist ein föderales Gebilde nach dem Vorbild der Bundesrepublik Deutschland entstanden. Der Ministerpräsident der 90er Jahre, Jean-Luc Dehaene, hat das Land in die Europäische Währungsunion geführt. Aus dem früher wegen seiner chronisch defizitären Haushalte als "Italien des Nordens" bezeichneten Belgien machten er und seine Mitte-links-Regierung eine der dynamischsten Volkswirtschaften des Euro-Raumes.

Die wächst seit 1997 kräftig, in den vergangenen beiden Jahren sogar um jeweils rund 4 Prozent. 1999 wies der Haushalt ein Defizit von 0,7 Prozent aus. Die Staatsverschuldung sinkt zwar leicht, erreicht im laufenden Jahr aber noch geschätzte 110 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ­ mehr Schulden hat sonst kein Euroland: Noch ein Europarekord auf der Negativseite. Dennoch kein Grund für Anleger, einer Börse derart den Rücken zu kehren. Die Ursachen dafür sind nach Einschätzung von Analysten andere.

Ausverkauf und Neuanfang

8 der 20 führenden belgischen Unternehmen haben in den vergangenen Jahren einen neuen, ausländischen Eigentümer erhalten. Selbst der Erdölkonzern Petrofina und die renommierte Banque Bruxelles Lambert (BBL) sind keine belgischen Firmen mehr. Auch weil die institutionellen Anleger seit der Einführung des Euro im Januar 1999 zunehmend der Entwicklung von Branchen nachspüren und weniger der von Ländern, gehört die Brüsseler Börse zu den Verlierern: 65 Prozent des Bel 20 machen Finanz- und Versorgerwerte aus, eine Branche, von der Anleger in den vergangenen Jahren nicht viel wissen wollten.

Und außerdem leidet der Finanzplatz Belgien unter dem Absturz von Lernout & Hauspie. Die Firma hat mit Spracherkennungs- und Übersetzungssoftware überzogene Erwartungen geweckt ­ und bitter enttäuscht. Anfang vergangenen Jahres war der einstige Hoffnungsträger noch 10 Milliarden Euro wert. Inzwischen sind die Papiere kaum mehr als Makulatur.

Gerade weil die Brüsseler Börse so lange im Schatten stand, sind die Möglichkeiten gewachsen, dort Geld zu verdienen. Die Wirtschaft soll weiterhin wachsen, die Binnennachfrage steigen und der Bel 20 vor einer Phase der Erholung stehen ­ sagen Analysten. Sie halten die belgischen Titel für unterbewertet, je nach Unternehmen zwischen 10 und 30 Prozent. Mit der belgisch-französischen Bankengruppe Dexia, der niederländischen Bank ING, die die BBL gekauft hat, den Allfinanzgruppen KBC und Fortis sind es jedoch vor allem interessierte Kreise, die mit optimistischen Prognosen an die Öffentlichkeit gehen. Klare Sache: Ihre Gesellschaften würden von einem Boom profitieren.

Finanzdienstleister

Die Allfinanzgruppe Fortis und die Holdinggesellschaft Groupe Bruxelles Lambert (GBL) stehen indessen selbst in den Empfehlungslisten von Analysten. Fortis ist Belgiens einziger Euro-Stoxx-50-Wert. Ihm dürfte zusätzliches Gewicht verleihen, dass die beiden Aktien von Fortis ­ das Unternehmen ist sowohl in Belgien als auch den Niederlanden notiert ­ noch in diesem Jahr durch ein einheitliches Papier ersetzt werden sollen. Fraglich ist allerdings, ob es Fortis Belgien dann noch gibt.

Anders als Fortis zählt die GBL nicht zur Riege der 50 Besten Europas, ist allerdings im umfassenderen Euro-Stoxx-Index gelistet. Sie hält jeweils als Hauptaktionärin Anteile am Medienriesen RTL Group, dem Ölkonzern Totalfinaelf und dem Versorger Suez Lyonnais des Eaux. Interessant ist die Absichtserklärung von GBL und Bertelsmann, den deutschen Mediengiganten und die RTL Group zu verzahnen. Insgesamt bleibt aber fraglich, welche Zukunft solchen Mega-Holdinggesellschaften wie der GBL überhaupt beschieden ist. Es mehren sich die Stimmen, die dieses Modell für überholt halten. Warum in die GBL investieren, wenn man eigentlich RTL will. Dasselbe gilt für die flämische Bank KBC, die man entweder direkt oder über die Holdinggesellschaft Almanij kaufen kann, die 73 Prozent an KBC hält.

Optiker und Chemiker

Im Schatten der Finanzkonzerne verdient eines der wichtigsten belgischen Unternehmen sein Geld mit der Belichtung von Filmen, teilweise zumindest: Gemeint ist Agfa Gevaert. Wichtiger sind für das Unternehmen mit Sitz in Mortsel aber längst die Sparten, die sich mit den digitalen Möglichkeiten der optischen Welt befassen. Agfa hat Verfahren entwickelt, mit denen sich Flugzeughüllen, Pipelines, Brücken oder die Bilder alter Meister auf Haarrisse und andere Fehler prüfen lassen, ohne auch nur einmal den Bohrer oder das Messer anzusetzen. Dieser Markt, von dem die Belgier 60 Prozent beherrschen, wächst weltweit. Trotzdem hat der Kurs der Aktie zwischen August 2000 und Ende Mai 2001 fast die Hälfte verloren.

Filme bietet auch die Union Chimique Belge (UCB) an, hat sich aber ansonsten mehr den Arzeimitteln verschrieben. Mit dem Antiallergikum Zyrtec und dem Gehirnfunktionen regulierenden Nootropil sowie Tranquilizern hält UCB in Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien wichtige Märkte besetzt. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen erstmals 51 Prozent seines um 20 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro gestiegenen Umsatzes außerhalb von Europa. Das allerdings macht UCB anfällig für die Unbilden der US-Konjunktur. Auch dass ein Drittel des Konzerngewinns von 269 Millionen Euro aus Währungsgewinnen stammt, sollte bedacht werden.

Abhängig von der amerikanischen Konjunktur ist auch das Chemieunternehmen Solvay, das 35 Prozent seines Umsatzes in Nord- und Südamerika erzielt hat. Solvays Schwerpunkt liegt in der Herstellung von chemischen Salzen und Kunststoffen wie PVC. Das hat dem Unternehmen bereits jede Menge Ärger mit Umweltschützern gebracht. Der Kurs des Papiers ist vergangenes Jahr um 27 Prozent gefallen und hat somit schwächer als der MSCI Chemical Index geschlossen.

Händler, Brauer und Versorger

Im Euro Stoxx finden sich noch drei weitere belgische Werte, der Einzelhändler Colruyt, Branchenkollege Delhaize mit der Supermarktkette "Le Lion" sowie die Brauerei Interbrew. Die Aktie von Delhaize könnte von der vollständigen Übernahme von Delhaize America in diesem Jahr profitieren. Interbrew notiert erst seit November 2000 an der Börse, gehört aber zu den ältesten Brauereien der Welt.

Bleibt Electrabel. Doch Vorsicht: Der Energieriese muss kaum kalkulierbare Risiken in seinen Atomanlagen verkraften: Wegen des Austritts von Radioaktivität hat das Unternehmen nach Angaben von Greenpeace seit 1996 rund 150 Millionen Mark zusätzlich ausgeben müssen. Die Anpassung an den modernen Energiemarkt liegt noch vor ihm: Bislang bezahlen die Belgier rund 150 Mark pro Haushalt und Jahr mehr für Strom als die Europäer im Durchschnitt. Electrabel stehen also noch schmerzhafte Einschnitte bevor ­ und Belgien womöglich dunkle Zeiten.

Doch selbst wenn die Lichter auf den Straßen verlöschen ­ der Funken Hoffnung an der Börse glimmt weiter: Vielleicht lässt sich in naher Zukunft schon viel Geld mit belgischen T-Aktien verdienen. Noch befindet sich der Telekommunikationssektor nämlich vollständig in den Händen des Staates.

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