In Brüssel verhandeln dieser Tage die Finanz­minister der Eurozone über Griechen­land. Klar ist: Die Griechen wollen sozial verträglich sparen und wünschen sich neue Ideen für den Abbau ihres Schulden­bergs. Finanz­hilfen ganz ohne Auflagen wollen die Euroländer aber nicht geben. Gespannt verfolgen Anleger die Gescheh­nisse und fragen sich, welche Folgen ein Austritt der Griechen aus dem Euro hätte. Kommt es zum „Grexit“? test.de hat sich bei Fonds­gesell­schaften umge­hört.

Experten halten Austritt der Griechen aus der Eurozone für unwahr­scheinlich

Unter den Fonds­experten über­wiegt die Ansicht, dass es nicht zum „Grexit“ kommt, dem Austritt Griechen­lands aus dem Euro. Stefan Hofrichter, Chef­volks­wirt von Allianz Global Investors, sagt: „Wir erwarten, dass Griechen­land und die europäischen Geld­geber am Montag zu einer Einigung kommen werden, wobei die Kompromiss­lösung deutlich näher an den bisherigen Vereinbarungen als an den Extrem­forderungen der Griechen liegen dürfte.“ Auch wenn die neue Regierung um Alexis Tsipras ihre Wahl­versprechen erfüllen und das Spar­programm gelo­ckert wissen will – eines hindert sie an allzu großer Sturheit: Die Mehr­heit der grie­chischen Bevölkerung will den Euro behalten. „Aber um einen Verbleib zu erzielen, müssen die Griechen sich kompromiss­bereit zeigen – so wie eigentlich auch Deutsch­land“, sagt Jeffrey Taylor von Invesco. Auch er hält es für eher wahr­scheinlich, dass die Griechen den Euro behalten.

Verhand­lungen mit der Troika dürften schwierig werden

Uwe Zöllner von Frank­lin Templeton hingegen lässt sich ungern zu einer Prognose hinreißen: „Was den Verbleib Griechen­lands in der Eurozone angeht, ist jedermann genauso Experte wie wir, denn keiner weiß, wie die politischen Prozesse ausgehen werden“, sagt er. Zöll­ners Kollege Mark Mobius, Schwellen­land­experte bei Frank­lin Templeton, glaubt, dass es Griechen­land schwer haben wird, mit der Troika – Vertreter von EU-Kommis­sion, EZB und Interna­tionalem Währungs­fonds – die Schulden­arrangements und Bedingungen neu zu verhandeln.

Schutz­wände sollen Anste­ckung verhindern

„Ich halte einen Ausstieg Griechen­lands aus dem Euro für wenig wahr­scheinlich, denke aber, dass er wirt­schaftlich für die EU verkraft­bar wäre“, sagt Christian von Engel­brechen, Fonds­manager bei Fidelity. „Für den Fall einer Eskalation halten wir die Anste­ckungs­gefahr für andere Peripherie-Länder für gering“, sagt Stefan Hofrichter. Auch bei Invesco wird die Anste­ckungs­gefahr als eher gering einge­schätzt. Wieso? „Weil die Eurozone jetzt echte institutionelle Schutz­wände besitzt, die 2010 bis 2012 nicht vorhanden waren“, sagt Jeffrey Taylor, Leiter Europäische Aktien bei Invesco. „Damals war die ,Verteidigungs­politik’ der Einheits­währung ziemlich aus dem Stegreif formuliert.“

ESM, OMT und QE – der Medizin­schrank der Euroländer

Inzwischen haben die Euroländer einiges dafür getan, dass ihre Märkte nicht mehr so leicht zum Spielball der Spekulanten werden. Dazu gehört zum einen der Europäische Stabilitäts­mecha­nismus (ESM), umgangs­sprach­lich Rettungs­schirm, dessen Zweck es ist, Euro-Mitglieds­staaten in finanziellen Schwierig­keiten durch Notkredite oder Bürg­schaften vor der Pleite zu bewahren. Ebenfalls für Stabilität in der Eurozone sorgt das OMT-Programm. OMT steht für monetary outright trans­actions. Dieses Programm erlaubt der EZB Anleihekäufe, allerdings nur für Länder, die unter dem Rettungs­schirm sind und bestimmte Auflagen erfüllen. Einen wichtiger Schutz vor Anste­ckung bietet nach Ansicht der Experten auch das neulich beschlossene billionen­schwere Anleihekauf­programm, auch als QE-Programm bekannt. QE steht für quantitative easing – auf Deutsch: quantitative Lockerung oder monetäre Lockerung. Die EZB will jeden Monat für 60 Milliarden Euro Staats­anleihen kaufen und auf diese Weise die Kredit­vergabe an Unternehmen – und damit verbunden die Konjunktur – ankurbeln.

Banken sind heute gesünder

„Auch sehr wichtig ist die Tatsache, dass die privatwirt­schaftliche Verflechtung von Griechen­land mit den anderen Ländern der Eurozone jetzt bei Weitem geringer ist als in der Vergangenheit“, ergänzt Jeffrey Taylor von Invesco, so würden französische Banken keine wesentlichen Anteile an grie­chischen Banken mehr besitzen und deutsche Versicherer hätten keine größeren Bestände an grie­chischen Staats­anleihen mehr. Und Deka, die Fonds­gesell­schaft der Sparkassen, stellt fest: „Der Link über den Bankensektor, welcher in der Vergangenheit verantwort­lich war für das starke Über­schwappen in die weitere Eurozone, ist heute kaum noch ausgeprägt.“ Die Banken haben gegen­seitige Verflechtungen reduziert, heißt es auch bei Fidelity. Der jüngste Stress­test habe gezeigt, dass die Banken im Großen und Ganzen besser für Krisen gerüstet seien als früher. „Das heißt natürlich nicht, dass die Risiken in der Eurozone komplett gebannt sind“, warnt Paras Anand, der bei Fidelity das europäische Aktien­team leitet. Doch die Gefahr, dass Krisen sich sofort auf die gesamte Region auswirkten, sei kleiner geworden.

Die Kurve der Anleiherenditen zeigt kein Anste­ckungs­fieber

An den Märkten herrscht ebenfalls weit­gehend Zuver­sicht. Die Renditen für Staats­anleihen der anderen Krisenländer – Italien, Spanien, Portugal und Irland – sind seit der Griechen­land­wahl nur leicht gestiegen (siehe Grafik). Selbst die Risiko­aufschläge für grie­chische Anleihen liegen deutlich unter denen aus dem Jahr 2012, als die Schuldenkrise ihren bisherigen Höhe­punkt erreicht hatte. Damals stiegen die Renditen für zehnjäh­rige grie­chische Titel auf mehr als 40 Prozent, die von portugiesischen Papieren auf über 15 Prozent pro Jahr. Seit dem Spätsommer 2013 waren die Renditen sämtlich einstel­lig. Mitt­lerweile haben sich die Risiko­aufschläge für grie­chische Anleihen wieder ausgeweitet. Die Renditen schwanken um die 10 Prozent. Dagegen liegen die Renditen in Portugal zuletzt bei 2,3 Prozent pro Jahr, die von Italien und Spanien bei rund 1,7 Prozent sowie die von Irland bei knapp über 1 Prozent. Wenn allerdings die Gespräche scheitern und Griechen­land seine Schulden nicht mehr zahlen sollte, dürften die Risiko­aufschläge für die Anleihen der anderen Krisenländer steigen, vermutet Deka. Das gelte auch für Bank- und Unter­nehmens­anleihen.

Eurokrise Meldung

Genesung schreitet voran

Die befragten Experten sind sich einig, dass die Krisenländer über­wiegend besser dastehen als noch vor drei Jahren. „Irland macht große Fort­schritte heraus aus der Krise“, sagt Henrik Lier, Fonds­manager bei Deka. Allianz Global Investors stellt fest, dass die Entwick­lung in Irland, Spanien und Portugal zeige, dass sich Reform­anstrengungen lohnen und der Wirt­schafts­aufschwung an Breite gewinnt. Sorge bereitet manchem die links­orientierte Partei Podemos in Spanien, die ebenfalls einen politischen Wandel herbeiführen will. Doch aus Sicht von Invesco sind die Ähnlich­keiten über­zeichnet. „Nur weil Syriza in Griechen­land gewonnen heißt es nicht unbe­dingt, dass die spanische Protest­partei Podemos auch gewinnen wird“, sagt Jeffrey Taylor. Er bescheinigt den Reformern in Spanien, Portugal und Irland ebenfalls große Fort­schritte. Auch Italien beginne sich zu bewegen. Die Wirt­schaft und die Unter­nehmens­gewinne in Europa werden stärker wachsen als gemeinhin angenommen, sagt Taylor. Grund seien die lockere Geld­politik der EZB mit den nied­rigen Zinsen, die nied­rigen Ölpreise und der schwache Euro, der die Unternehmen auf dem Welt­markt wett­bewerbs­fähiger macht.

Tipp: Wenn Sie wissen wollen, was das Anleihekauf­programm der EZB im Detail bedeutet und wie sich die Eurokrise auf Ihre Finanzen auswirkt, dann lesen Sie unser FAQ Lohnt sich sparen überhaupt noch?

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