Euro-Krise Meldung

Am kommenden Sonntag, wenn Griechenland wählt, entscheidet sich das Schicksal des Euro – heißt es zumindest. Entscheidender für die Zukunft der Währungsunion dürfte jedoch die Frage sein, ob die Finanzhilfen für Spanien reichen und Italien womöglich auch noch unter den Rettungsschirm muss. Hermann-Josef Tenhagen, Chef­re­dakteur von Finanztest, gibt Antworten auf die Fragen, die derzeit häufig von Finanztest-Lesern und test.de-Nutzern gestellt werden.

Herr Tenhagen, wann kommt die D-Mark zurück?

Hoffentlich gar nicht. Wir profitieren vom Euro. Der Euro ist eine stabile Währung, das gilt nicht nur gegenüber unserem Handelspartner USA, sondern auch gegenüber Ostasien. Und natürlich profitieren wir davon, dass wir mit unseren europäischen Handelspartnern einen einheitlichen Währungsraum haben. Wenn man darüber nachdenkt, was passieren würde, wenn der Euro aufgelöst wird und die Mark wieder zurückkommt, ist das nicht schön. Allen Erwartungen zufolge würde die neue Mark aufwerten. Das aber schadet unserer Exportwirtschaft und damit auch den Arbeitsplätzen.

Ein einheitlicher Währungsraum nützt aber doch wenig, wenn unsere europäischen Handelspartner in die Rezession rutschen. Dann kaufen sie doch nicht mehr bei uns ein.

Um zu wissen, wie wir aus der Krise herausfinden, müssen wir sie genauer analysieren. Die Krise ist nicht nur eine ökonomische Krise, sondern vor allem eine politische. Sie ist die Spätfolge davon, dass wir eine Währungsunion eingeführt haben, ohne gleichzeitig eine gemeinsame Wirtschafts- und Steuerpolitik zu beschließen. Das muss man nachholen, aber das dauert – schließlich müssen Länder dafür ein Stück Souveränität aufgeben. Hinzu kommen die – ich nenne es mal – Befindlichkeiten der Märkte. Mal ist es drei Monate ganz ruhig, dann sind eine Zeit lang wieder alle ganz aufgeregt. Im Übrigen ist ja auch die Frage, ob wirklich nur die Südeuropäer ihre Staatshaushalte nicht im Griff haben. Wie wir wissen, haben Deutschland und Frankreich Anfang der Nullerjahre die Stabilitätskriterien ebenfalls verletzt. Und die Niederlande sind im Moment auch nicht in der Lage, ihre Defizitgrenze einzuhalten.

Doch wie steht es um die aktuellen Wackelkandidaten?

Schauen wir uns die Länder einzeln an: Italien zum Beispiel ist schon seit Jahren bei einer Staatsverschuldung von 120 Prozent. Das war in den vergangenen zehn Jahren kein Problem, solange das Wachstum stimmte. Aber wenn durch die Sparmaßnahmen die Renten gekürzt und Stellen in der öffentlichen Verwaltung abgebaut werden, dann fördert das das Wachstum nicht gerade. In Spanien gilt der Zusammenhang noch viel drastischer. Dort lebte man jahrelang vom Immobilienboom, der ist jetzt vorbei. Die Vorstellung, dass irgendwo Wachstum sein könnte, wenn alle gleichzeitig sparen, ist intellektuell schwierig. Die deutsche Wirtschaft konnte auch nur wachsen, weil die Amerikaner und die Asiaten Geld ausgegeben haben. Die Frage ist: Wie viel kann man sparen, während man gleichzeitig umsteuert? Strukturreformen brauchen Zeit, bis sie wirken.

Die europäische Schuldenkrise spitzt sich immer weiter zu. Jetzt mahnte IWF-Chefin Christine Lagarde: Reagiere die Politik nicht entschlossen genug, sei die Eurozone binnen drei Monaten verloren.

Es ist doch interessant, dass die Amerikaner und die Briten ein Defizit von über 9 Prozent haben, und das anscheinend keine akute Krise verursacht – anders als bei uns. Das dafür offenbar notwendige Zusammenspiel von Politik und Notenbank ist bei uns wohl noch nicht vorhanden. Hinzu kommt, dass gegen den Euro massiv spekuliert wird. Man muss politisch was tun. Dass das geht, kann man an der kleinen Schweiz sehen. Sie setzt sich erfolgreich gegen die Franken-Spekulation zur Wehr. Muss sie auch, um ihre Industrie zu retten.

Griechenland tritt womöglich aus dem Euro aus. Ob die Finanzhilfen für Spanien reichen, wird schon diskutiert. Und viele sehen auch Italien bereits unter den Rettungsschirm schlüpfen. Sollten wir uns nicht doch besser auf ein Ende des Euro vorbereiten?

Nein, ich halte die Wahrscheinlichkeit für sehr, sehr gering. Wenn es wirklich so käme, würde der Euro in eine neue Währung umgetauscht. Weil es sich dabei jedenfalls für Deutschland sehr wahrscheinlich um eine Hartwährung handeln würde, hätte das zumindest am Anfang positive Auswirkung auf den Außenwert unseres Geldes. Doch was wären die großen Risiken einer solchen Entwicklung? Hier ist klar das Risiko des Arbeitsplatzverlusts zu nennen.

Wie gravierend ist denn eigentlich die aktuelle Situation bei den Staatsschulden aus der Sicht eines Verbrauchers?

Wir müssen hier die kurzfristige von der langfristigen Betrachtung trennen. Als Steuerzahler profitieren wir angesichts der vorhandenen Schulden derzeit von den niedrigen Zinsen, die Finanzminister Schäuble für die Schulden des Bundes bezahlen muss. Langfristig betrachtet haben die niedrigen Zinsen aber nicht nur positive Folgen. Wenn wir für die Altersvorsorge sparen, schaden die niedrigen Zinsen. Wie sollen denn die Versicherungen für die Versicherten Renditen von 3 bis 4 Prozent erwirtschaften, wenn sie für sichere Papiere nur 1,5 Prozent bekommen? Und sie müssen ja in sichere Papiere investieren. Im Grunde es ist so: Entweder ich bezahle mehr Steuern und bekomme mehr Rendite, oder ich zahle weniger Steuern und bekomme eine geringere Rendite.

Soll man dann lieber aufhören mit dem langfristigen Sparen?

Natürlich nicht. Für mehr Rendite muss man allerdings mehr Risiko in Kauf nehmen. Ich verstehe sowieso nicht, warum die Leute so wenig Aktien kaufen. Ich finde übrigens auch den Hype um Immobilien irritierend. Jedem sei sein Häuschen gegönnt. Aber wenn man mal das Verhältnis von Kaufpreis und Miete betrachtet, dann kommt ein Immobilieninvestment beileibe nicht immer günstig weg. Und wenn man dann noch die demografische Entwicklung bedenkt: Wer soll einem denn all die Immobilien in 30 oder 40 Jahren abkaufen?

Herr Tenhagen, wie würden Sie denn Ihr Geld anlegen?

Was sicher sein muss, packe ich aufs Tagesgeld oder Festgeld. Da bekomme ich mehr Zinsen als für Staatsanleihen. Und ich habe eine gesetzliche Absicherung von 100 000 Euro. Mehr muss auch gar nicht sein. Wir müssen nicht Einlagen in Millionenhöhe absichern, das ist nicht notwendig. Nicht die Unternehmen brauchen Schutz. Das Vertrauen der Sparer gegenüber den Banken muss gewährleistet sein. In den USA machen die das schon seit 60 Jahren erfolgreich so, und die mussten einige Bankenpleiten stemmen in dieser Zeit. Der Teil meines Geldes, der nicht sicher angelegt sein muss, den kann ich in riskante Anlagen stecken, Aktien und Aktienfonds beispielsweise, oder Immobilien.

Würden Sie auch in Gold investieren?

Gold ist für mich kein Investment, mit dem ich eine nachhaltige Rendite erziele. Man kann mit Gold zocken. Und für die ganz große Krise, für die viele Menschen ja Gold kaufen, kann man damit vorsorgen, denn Gold wird nie vollkommen wertlos. Ich als Landwirtssohn habe für echte Krisenzeiten lieber meinen Schrebergarten. Übrigens: Wir haben aufgeschrieben, wie die einzelnen Geldanlagen in der Krise reagieren. Aber ich glaube ohnehin nicht an die ganz große Krise, die ganze Zeit schon nicht. Wenn man einem Bericht von National Public Radio glauben will, einem amerikanischen Sender, dann haben die meisten Deutschen davor keine Angst. Der Reporter war in verschiedenen Ländern unterwegs, in Portugal, in Spanien, in Deutschland – aber er hat eben nicht die Parlamente besucht, sondern die Eckkneipen.

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