Essstörungen Special

Nicht nur junge, dünne Mädchen sind betroffen. Auch Überge­wichtige können unter Essstörungen leiden, auch Erwachsene, auch Männer. Wann handelt es sich um eine Essstörung? Was hilft?

Er war zehn Jahre alt, als er seine erste Diät begann. Familie und Klassenkameraden gaben ihm das Gefühl, zu dick zu sein. Heute, knapp 35 Jahre später, hat Jörg Schumann* etwa 50 Diäten hinter sich. Schlank haben sie ihn nicht gemacht, nur krank. Der 44-Jährige hat eine Essstörung. Mehr­mals in der Woche stopft er in kurzer Zeit tausende Kilokalorien in sich hinein. Er hat die Kontrolle übers Essen verloren. „Selbst als mein Magen schon geschmerzt hat, hab ich weiter gefressen“, sagt er.

Schumann leidet an der Binge-Eating-Störung (Binge: eng­lisch für Gelage, eat: essen). Seit diesem Jahr gilt sie offiziell als Krankheit. Magersucht und Ess-Brech-Sucht, auch als Bulimie bekannt, betrifft weniger als 1 von 100 Bundes­bürgern. Beide sind schon länger als Krankheit anerkannt. Die Kriterien für eine Binge-Eating-Störung erfüllen 5 Prozent der Deutschen. Das Phänomen Essstörung ist damit in die Mitte der Gesell­schaft gerückt. Die Betroffenen sind nicht sehr jung, dünn und weiblich. Sie sind meist älter als 30 Jahre, Männer wie Frauen – und überge­wichtig.

Lange Jahre wurde das Risiko für überge­wichtige Menschen, an einer Essstörung zu erkranken, unter­schätzt. Dabei leiden sie zwanzigmal häufiger an krankhaftem Essverhalten als normal- oder unterge­wichtige Menschen. Sie versuchen öfter abzu­nehmen, meist um in der Gesell­schaft mehr akzeptiert zu werden. Das gezügelte Essen führt zu Hunger und Frust, der sich schnell in Essanfällen entladen kann – und wieder zu Diäten führt. Ein Teufels­kreis und ein Phänomen, das scheinbar zunimmt: Inner­halb von zehn Jahren hat sich die Häufig­keit von Essanfällen und extremem Diäthalten bei Erwachsenen verdoppelt. Oftmals sind diese Verhaltens­weisen Vorläufer einer richtigen Essstörung.

Nach der Diät kam die Völlerei

Das war auch bei Schumann so. Nach der Diät kam die Völlerei. Sein Gewicht fuhr Achterbahn. Mal wog der 1,91 Meter große Mann 94 Kilo, wenige Monate später 140, dann wieder 80, derzeit etwa 140 Kilogramm. Wie die meisten hat er sich nach den Essatta­cken geschämt, sich gehasst. „Du widerlicher Fress­sack“, dachte er, wenn er sich im Spiegel sah. Gleich­zeitig war das Essen für ihn ein Rettungs­anker, sagt er. Frust und Wut habe er „weggegessen“.

Jörg Schumann durch­brach den Teufels­kreis. Vor zehn Jahren suchte er Hilfe im Beratungs­zentrum „Dick und Dünn“ in Berlin. Neben der Beratung bietet es auch angeleitete Selbst­hilfe­gruppen an. Schumann nimmt daran teil. Die Gruppe, sagt er, ist wie ein Schutz­raum für ihn, hier wird er akzeptiert. Inzwischen hat er nur noch selten Heiß­hungeratta­cken.

Vom Grund­schüler bis zum Rentner

Die Folgen einer Binge-Eating-Störung sind gravierend: Die Betroffenen nehmen oft immer mehr zu, gleiten in eine krankhafte Fett­leibig­keit, die Adipositas. Die wiederum verursacht andere gesundheitliche Probleme, wie Diabetes und Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen. „Auch wenn die Diagnose erst jetzt offiziell wird, wir kennen die Binge-Eating-Störung schon seit Jahr­zehnten“, sagt Sylvia Baeck. Sie leitet das Beratungs­zentrum „Dick und Dünn“. Jedes Jahr wenden sich mehr als 1 000 Männer und Frauen mit Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder Essanfällen dorthin. Die Jüngsten sind im Grund­schul­alter, die Ältesten Rentner.

Ursachen oft in der Kindheit

Egal ob der Patient Student, Unternehmerin, Mutter oder Tänzer, mager- oder esssüchtig ist: Die Ursachen einer Essstörung liegen meist in der Kindheit und Jugend. Nicht selten haben Betroffene in jungen Jahren Gewalt oder sexuellen Miss­brauch erlebt. Auch unangenehme Erfahrungen beim Essen können eine Rolle spielen, etwa wenn am Tisch regel­mäßig gestritten wurde oder der Zwang groß war, den Teller leer­zuessen. Gleichfalls beein­flussen die Essmuster der Eltern das Kind: Ständige Diäten der Mutter oder ein Vater, der bei Frust alles in sich hinein­stopft, können bei Kindern ein gestörtes Verhältnis zu Essen und Genuss verursachen. Meist kommen mehrere dieser Faktoren zusammen.

Auch Persönlich­keits­merkmale wie Perfektio­nismus oder Schwierig­keiten, Wut und Trauer zu äußern, zählen zu den Risiko­faktoren. Bedeut­sam ist vor allem der Selbst­wert. „Kaum eine Essstörung entsteht ohne Selbst­wert­probleme“, sagt Stephan Herpertz, Leiter der Klinik für Psycho­somatische Medizin und Psycho­therapie des LWL-Universitäts­klinikums Bochum. Die meisten Betroffenen zweifelten an sich und ihren Fähig­keiten. Sie seien umso mehr von der Bestätigung durch ihre Mitmenschen abhängig. Diese Unsicherheit trifft vor allem bei jungen Mädchen oft auf das vorherr­schende Schlank­heits­ideal. „Wer nicht in seinem Selbst­wert gefestigt ist, lässt sich davon unter Druck setzen“, so Herpertz. Die Folge: Diäten, nicht selten der Einstieg in eine Essstörung.

„Ich war nie satt“

So auch bei Jenny Friedrich*. Die 26-Jährige wollte nur ein biss­chen abnehmen. Also ging sie ins Fitness­studio. Die Erfolge auf der Waage blieben aus. Sie beschloss, sich gesünder zu ernähren – und rutschte in die Magersucht. Aus dem Salat am Abend wurden weniger Kohlenhydrate, weniger fettige Lebens­mittel, weniger Mahl­zeiten. Zuletzt aß sie kein Frühstück mehr, mittags nur Gurkensticks oder Möhren, nach­mittags ein biss­chen Obst, abends Salat. „Ich war nie satt, hatte von morgens bis abends Hunger“, sagt sie. Doch wenn die Familie sie auf ihr Essverhalten ansprach, reagierte sie trotzig. Jedes verlorene Pfund erfüllte sie mit Stolz. Bei 1,71 Meter Körpergröße wog sie zuletzt nicht mal 40 Kilo.

Die Seltenste ist die Gefähr­lichste

Eine solche Magersucht, in Fach­kreisen Anorexia Nervosa genannt, ist die seltenste Essstörung – aber auch die gefähr­lichste. Die Betroffenen sind meist weiblich und im Jugend­alter, doch auch Erwachsene können daran erkranken. „Wer jedoch jenseits der Pubertät eine Magersucht entwickelt, war in den meisten Fällen schon mal im Jugend­alter erkrankt“, sagt Psycho­somatiker Stephan Herpertz.

Selbst wenn die Erkrankung erfolg­reich behandelt wurde, kann sie nach Jahr­zehnten noch einmal ausbrechen. Fast jede dritte Patientin hungert schon im ersten Jahr nach einer stationären Behand­lung wieder. Andere erkranken erst in schwierigen Umbruchsituationen erneut – Jahre später. Auslöser kann eine Trennung sein oder wenn die Kinder erwachsen sind und ausziehen. Auch die Wechsel­jahre als starke biologische Veränderung stehen unter Verdacht, lange über­standene Essstörungen wieder hoch­zuholen.

Nierenschäden und Knochen­schwund

Bei manchen geht die Erkrankung nach dem Ausbruch in der Jugend nie ganz zurück, sie wird chro­nisch. Die Folgen sind verheerend: Nierenschäden, Herz­rhythmus­störungen, Zahn­schäden sind nur einige der Komplikationen von Magersucht, aber auch von Bulimie. Sie ist die dritte häufige Essstörung. Bei ihr wechseln sich Essanfälle und Erbrechen ab. Bei Magersucht steigt außerdem das Risiko, Osteoporose, Knochen­schwund, zu bekommen. Mehr als jede zehnte Patientin mit lang­jähriger Magersucht verstirbt früh­zeitig.

Zwei Jahre lang tobte die Magersucht, bis sich Jenny Friedrich Hilfe suchte. Ihr Körper rebellierte schnell. Sie hatte Kreis­lauf­zusammenbrüche und Ohren­sausen. Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren, war geistig zunehmend gelähmt. Telefonieren über­forderte sie, Sprechen war mühsam. Wegen des Hungers reagierte sie gereizt und aggressiv. Ihre Gefühle schwankten, mal war sie euphorisch, dann depressiv.

Was war der Auslöser für ihre Magersucht? Das eine prägende Ereignis gibt es in Friedrichs Vorgeschichte nicht. Vielmehr war sie häufig unzufrieden mit sich, ihrem Körper, ihrem beruflichen und privaten Alltag. Sie wollte immer perfekt sein.

Seit sieben Wochen ist sie in einer Klinik. Sie lernt, regel­mäßig und ausreichend zu essen, spricht über den Ekel vor manchen Nahrungs­mitteln und ihre Gefühle, wenn die Waage wieder mehr Gewicht anzeigt – in Einzel- und in Gruppen­gesprächen. Sie hat fünf Kilo zugenommen. „Die Entscheidung, in eine Klinik zu gehen, war das Beste, was ich machen konnte. Der Aufenthalt hier hilft mir sehr.“ Ihr größter Wunsch ist es, normal zu leben. Nicht immer nur ans Essen denken zu müssen, endlich einen freien Kopf zu haben – für Freunde und Familie.

Essstörungen Special

Gemein­same Tisch­runden mit Gedanken­austausch: Das sorgt für ein entspanntes Verhältnis zum Essen – und beugt Essstörungen vor.

Wie wirk­sam eine Behand­lung ist, hängt auch davon ab, wie schnell der Betroffene Hilfe zulässt. Eltern oder Partner sind meist die ersten, die eine Essstörung bemerken. Wenn sie das Problem ansprechen, stoßen sie oft auf eine Wand. Vor allem Patienten mit Magersucht verleugnen es, trotzen und ziehen sich immer mehr zurück. Experten raten Angehörigen, das Thema nicht ruhen zu lassen, immer wieder geduldig Hilfe anzu­bieten. Je früher eine Essstörung behandelt wird, desto wahr­scheinlicher ist eine gesunde Zukunft.

(* Name von der Redak­tion geändert.)

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