Guten Appetit. Wer in der Klinik liegt, sollte reichlich essen.

Gesundes, nach dem individuellen Bedarf zubereitetes Essen im Kranken­haus hilft Patienten, schneller gesund zu werden – und kann sogar schwere Komplikationen bis hin zum Tod verhindern. Das belegt eine Studie aus der Schweiz, die im renommierten Fachmagazin Lancet erschienen ist.

Jeder vierte bei der Aufnahme mangel­ernährt

Für Patienten im Kranken­haus ist es besonders wichtig, genug und richtig zu essen. Krankheit, Operation oder Verletzungen bedeuten für den Körper Stress, so dass beispiels­weise der Energie- und Proteinbedarf erhöht sein kann. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung berichtet zudem, dass mehr als ein Viertel der Patienten bereits bei der stationären Aufnahme mangel­ernährt sei – bei alten Menschen, Patienten mit Magen- und Darm­erkrankungen liege der Anteil noch höher. Schweizer Forscher haben erst­mals in einer Studie nachgewiesen, dass eine auf den einzelnen Patienten abge­stimmte Kranken­haus­kost die Heilung signifikant unterstützen kann. Mit der passenden Ernährung ließen sich schwere Komplikationen und gar Todes­fälle verhindern. Die Studie erschien im renommierten Medizinjournal Lancet.

Individueller Speiseplan versus Stan­dard­kost

An der Studie nahmen gut 2 000 Patienten aus acht Schweizer Krankenhäuser teil. Sie hatten ein erhöhtes Risiko für Mangel­ernährung, ihr Durch­schnitts­alter lag bei 73 Jahren, der Kranken­haus­auf­enthalt betrug mindestens fünf Tage. Alle Teilnehmer konnten ihre Nahrung durch den Mund aufnehmen und lagen nicht auf der Intensiv­station. Die Forscher teilten die Patienten nach dem Zufalls­prinzip in zwei Gruppen ein: die eine Hälfte bekam das übliche Kranken­hausessen, für alle anderen erstellten Ernährungs­fach­kräfte individuelle Ernährungs­pläne. Sie ermittelten den Nähr­stoff­bedarf – insbesondere für Energie und Eiweiß – auf Basis von Labor­werten und abhängig von der jeweiligen Krankheit.

Vorlieben der Patienten berück­sichtigt

Viele Patienten bekamen etwas mehr Eiweiß als gewöhnlich, was sich positiv auf den Verlauf akuter Erkrankungen auswirken kann. Patienten mit Nieren­erkrankungen allerdings erhielten weniger Eiweiß, weil zu viel davon ihre Nieren weiter schädigen könnte. Die Kranken­hausküche berück­sichtigte auch Vorlieben der Patienten. Einige nahmen ergänzend noch gezielt Nahrungs­ergän­zungs­mittel oder Eiweiß­pulver ein. Bei der Entlassung aus dem Kranken­haus erhielten die Patienten eine Ernährungs­beratung und – falls notwendig – eine Verschreibung für Nahrungs­ergän­zungs­mittel.

Bei 40 von 1 000 Patienten weniger Komplikationen

30 Tage nach Studien­beginn zogen die Forscher Bilanz: Aus der Gruppe von Patienten, die das Stan­dardessen serviert bekamen, hatten 27 Prozent schwere gesundheitliche Komplikationen erlitten wie Atem­still­stand, Infektionen, Herz-Kreis­lauf-Ereig­nisse. Von den Patienten mit dem personalisierten Essen waren nur 23 Prozent betroffen – umge­rechnet also etwa 40 Personen weniger. In dieser Gruppe verstarben am Ende auch weniger Patienten.

Seit 2014 Qualitäts­stan­dards für Krankenhäuser

Die Studien­ergeb­nisse aus der Schweiz sind auch für Deutsch­land relevant. Auch hier unterscheidet sich das Niveau der Essens­versorgung in den Krankenhäusern. Seit 2014 haben Krankenhäuser die Möglich­keit, sich nach den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für die Verpflegung in Krankenhäusern zertifizieren zu lassen. Sie geben Rahmenbedingungen für Speisepläne, Getränke, Hygiene und die Essatmosphäre vor.

Patienten zum Essen moti­vieren

Selbst wenn bei der Versorgung alles stimmt, kann der Patient von sich aus Essens­hürden aufbauen: Eine gedrückte Stimmung kann auf den Magen schlagen, langes Liegen den Appetit mindern und die Verdauung träge machen. Und nicht immer hat das Personal genug Zeit und Elan, die Kranken zum Essen zu moti­vieren. Die Folgen: Ein erheblicher Teil wandert wieder zurück in die Kranken­hausküche. Wenn es unter einer Abdeckung serviert wurde, fällt nicht einmal auf, wenn ein Patient schlecht oder gar nicht isst. Das ist nicht gesund.

Was Patienten und Angehörige tun können

Wenn die Ernährung nicht optimal ist, sollten Patienten und gegebenenfalls ihre Angehörigen die Initiative ergreifen – das gilt besonders, wenn ein Risiko für Mangel­ernährung besteht. Hier einige Tipps:

  • Moti­vieren Sie Ihren Angehörigen, im Kranken­haus genug zu essen und zu trinken (Richt­wert: 1,5 Liter am Tag – außer der Arzt empfiehlt eine andere Menge).
  • Reichen Sie dem Patienten die Speisen und Getränke an. Bieg­same Trinkröhr­chen oder Schnabelbecher können das Trinken erleichtern.
  • Fragen Sie nach, ob es im Kranken­haus eine Ernährungs­beratung gibt.
  • Wenn das Kranken­haus den Wunsch nach individueller Ernährung nicht unterstützen kann, spricht nichts dagegen, sich gesunde Speisen von Angehörigen mitbringen zu lassen (appetitlich präsentierte, abwechs­lungs­reiche Voll­wert­kost wie zum Beispiel Voll­korn­brötchen, Müsli, Obst, Nüsse, Joghurt, Quark).

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